Feature | Synergie durch Pfropfung

Aleksandr Bogdanovs Einsatz in Philosophie, Kunst und Medizin

Von Margarete Vöhringer

Ich möchte im Folgenden bei der Frage verweilen, inwiefern Aleksandr Bogdanov tatsächlich als Synergetiker aufgefasst werden kann. Diese Frage konfrontiert uns mit einem systematischen Problem, das für manchen Historiker ein Grund wäre, sie gar nicht erst zu stellen: Bogdanov verwendete den Begriff nicht. Wohl aber bezog er sich immer wieder auf Aristoteles’ Formel: Das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile und entwickelte daraus eine Philosophie, der zufolge alles mit allem in Beziehung stehe und eine Dynamik des Weltganzen hervorbringe, die man optimieren kann, wenn man sie einmal verstanden hat. Ich möchte nun versuchen, Bogdanovs Philosophie als synergetisch zu verstehen und dabei zeigen, dass dies viel besser gelingt, wenn man neben seinen Schriften (in denen der Begriff fehlt) auch die praktischen Aktivitäten in Betracht zieht (in denen sich die Strukturen konkreter zeigen).

1. Bluttransfusionen

1924 begann der russische Philosoph, Mediziner, Science-Fiction Autor und Sozialrevolutionär Aleksandr Bogdanov mit Selbstexperimenten, in denen er sich wechselseitigen Bluttransfusionen unterzog. Sie verfolgten den Zweck, „das Leben des Organismus auszudehnen über die Grenzen dessen hinaus, was ihr individuelles Schicksal vorsieht“1). Das Mittel zu diesem Zweck sah er im Blut: „Blut als universeller Stoff des Lebenstausches, als allgemeines Milieu der Ernährung und Absonderung für alle übrigen Milieus, ist in höchstem Maße als Übertragungsmittel von verschiedenen Elementen und ihrer Kombinationen geeignet.“2) Ausschlag gebend für die optimale Kombination von Spender und Empfänger sei, dass beide unterschiedlichen Alters waren, d.h. Blut eines jungen mit Blut eines älteren Teilnehmers getauscht wurde. Ältere Organismen zeigten Bogdanov zufolge hinsichtlich bestimmter Krankheiten Immunität, wie jüngere Organismen wiederum Elemente besaßen, die beim älteren bereits abgestorben waren. So könnten beide Organismen gegenseitig ergänzt werden, „nicht übereinstimmende Mangel- oder Überflusserscheinungen bei der Blutvermischung ausgeglichen, das Lebensmilieu harmonischer werden“.3) Der daraus resultierende Gesundheitszustand sei nun aber nicht nur verbessert, sondern gehoben in dem Sinne, dass das Lebensniveau dauerhaft um ein Vielfaches erhöht sei.

Bis zur Gründung seines Instituts für Bluttransfusionen in Moskau 1926 führte Bogdanov selbst elf erfolgreiche Blutübertragungen durch, stets in der Überzeugung, seinem Körper damit Stoffe zuzufügen, die ihn gesünder und resistenter gegen Krankheiten machen würden. Umgekehrt sollten etwaige Mangelerscheinungen seiner Spender durch Bestandteile seines Blutes behoben werden. Die medizinischen Versprechen dieser wechselseitigen Bluttransfusionen waren geradezu universell (wie psychische und physische Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, Ausdauer), gewährleistet wurden sie durch die uns schon bekannten Kennzeichen der Synergetik: die Wirkung des Bluttauschs sei um ein vielfaches höher als man es sich durch eine Summierung der physischen Elemente vorstellen könnte; der Ablauf des Energietausches sei selbstorganisierend; das Ergebnis bestünde in einer Selbsttransformation der Beteiligten.

2. Proletkult

Jedoch nicht Bluttransfusionen, sondern künstlerische Transformationen brachte Bogdanov auf den Plan, als er 1917 mit der Februarrevolution seine Stunde gekommen sah.

„Kreative Revolution der Weltkultur“ war das Motto des Wortführers und Vordenkers des Proletkult, Alexander Bogdanov: „Mit […] bewusster Kreation statt sozialer Kämpfe“ und ohne Parteikontrolle sollte sich das für die langfristige gesellschaftliche Transformation notwendige Subjekt formieren.4) Mithilfe seines Schwagers und neuen Volkskommissars für Unterrichtswesen und Volksaufklärung Anatoli Lunatscharski führte er in den genannten Einrichtungen non-lexikalische Lehrformen ein, die es dem Arbeiter ermöglichen sollten, im praktischen, kreativen Umgang mit der Materie seine eigene Logik, Ästhetik und Ideologie zu erkennen und zu entwickeln.5) Kurzum – das Subjekt sollte aus der Einsicht in die Strukturen der Dinge, natürlicher wie technologischer, seine eigenen Strukturen erkennen und sich selbst transformieren.

3. Tektologie

Bogdanovs philosophischer Entwurf, die Tektologie, ethymologisch vom griechischen ‘tekton’ (Erbauer) hergeleitet, stellte den Versuch dar, allen Dingen, organischen wie anorganischen und weiter noch, allen Phänomenen der materiellen wie immateriellen Welt, allgemeingültige Organisationsstrukturen abzuleiten und mit diesen operationalisierbare Systeme zu entwickeln. „Alles ist Organisation“ verkündete Bogdanov, und „jede menschliche Tätigkeit ist […] organisierend oder desorganisierend“. Das hieß jedoch nicht, „wir Menschen sind Organisatoren der Natur, unserer selbst“ usw., nein, auch die Natur wie die anorganische Welt sei organisiert und ergo – organisierend. Bogdanov fasste ‘Organisation’ als unabschließbaren Prozess auf, der allen Erscheinungen des Lebens gemein sein sollte: „So gelangen wir von den Tatsachen der Erfahrung und den Ideen der modernen Wissenschaft notwendigerweise zu der einzig einheitlichen […] Auffassung des Weltalls. Es tritt uns entgegen als ein endlos sich ausbreitendes Gewebe der Formen von verschiedenen Organisationstypen und –stufen, […]. Alle diese Formen bilden in ihren gegenseitigen Verflechtungen, […] jenen Organisationsprozess des Universums, der in eine endlose Menge von Teilen zerfällt und doch ein ununterbrochenes und unzerstörbares Ganzes darstellt.“ Bogdanov bediente sich zur Veranschaulichung der Organisiertheit aller Lebensbestandteile Analogien aus verschiedensten natur- wie lebenswissenschaftlichen Disziplinen und rechtfertigte diese Herangehensweise mit ihrer Möglichkeit: War es möglich, zwischen Dingen verschiedener Bereiche Analogien herzustellen, dann war eben das der Beweis ihrer Einheit und notwendig. Der Einsatz von Analogien war es auch, der zum nächsten Schritt führte: der Rede von „wirklicher Einheit der organisatorischen Methoden“, von einer Meta-Wissenschaft, „die […] in ihren Methoden den abstrakten Symbolismus der Mathematik mit dem experimentellen Charakter der Naturwissenschaften vereinigt“.

Das Ziel war, schlussendlich, die Aufstellung eines Regelapparats, der in allen Prozessen und Disziplinen gegenüber allen Dingen und Ideen größtmögliche Organisation herbeiführen sollte: „Erfährt ein Gleichgewichtssystem eine Einwirkung, die eine der Gleichgewichtsbedingungen verändert, so entstehen innerhalb des Systems Prozesse, die so gerichtet sind, dass sie dieser Veränderung entgegenwirken.“

Genau solch eine Störung des Gleichgewichts im ‘System Gesellschaft’ sah Bogdanov mit der Russischen Revolution eintreten. Proletkult war der kulturelle Prozess, den er den politischen und ökonomischen Transformationsprozessen zur Seite stellte. Proletkult fungierte gegenüber Politik und Ökonomie als Korrektiv und Voraussetzung und verkörperte zugleich selbst ein System, innerhalb welchem Gleichgewichtsprozesse abliefen. So sollten in ihm nach tektologischer Logik alle Disziplinen gleichermaßen und gleichgestellt miteinander in Beziehung treten, alle wertenden Differenzen waren aufgehoben, es gab nur noch tektologische Verbindungen in Bewegung. Bis irgendwann das System Gesellschaft stabilisiert sei im Gleichgewicht des ‘Sozialistischen Kollektivismus’.

Der Kunst als kreativem Prozess fiel dabei eine besondere Rolle zu: „Dem künstlerischen Schaffen liegt das Prinzip der inneren Geschlossenheit und Harmonie […] zugrunde.“ Ergebnis dieses Harmonisierungsprozesses sollten nun nicht etwa Kunstwerke sein, sondern höhere Arbeitsleistung: „Vom Standpunkt der physiologischen Betrachtung ist die Arbeitsleistung eine Verausgabung von Energie des Arbeiters […]. Die Wiederbeschaffung der verausgabten Energie erfolgt durch die Befriedigung der Bedürfnisse des Arbeiters [durch die Kunst, M.V.]. Insofern sind Arbeitsleistung und Bedürfnisbefriedigung zu einander koordinierte Größen, deren Veränderung wechselseitig bedingt sind.“

Als 1921 der Proletkult durch Lenin unter die Kontrolle der Partei gestellt wurde, war dieses wechselseitige Verhältnis von Ökonomie und Kultur gestört, denn „der Künstler ist nur dann imstande, seine Gestalten harmonisch zu organisieren, wenn er frei, ohne Zwang, ohne Beeinflussung schafft.“ Ein „Verlust an gesellschaftlicher Arbeitsenergie“ stand zu befürchten, und „d. h. eine Schwächung der Gesellschaft in ihrem Kampf mit der Natur“. Bogdanov entschloß sich, den Proletkult zu verlassen und seinen Kampf mit der Natur um die Erhaltung der Arbeitsenergie an anderer Front weiterzuführen – der medizinischen.

4. Soviet Burnout

Unter dem Druck einer sich abzeichnenden, neuen Diktatur sah Bogdanov also die Notwendigkeit, seine Arbeiter „in Eile“ 6) zu transformieren, und das heißt, effektiver als es die Künstler und Arbeitswissenschaftler des Proletkult vermochten. Letztere fasste er gar als Beitrag zum beklagten Soviet Burnout auf, insofern sie die Desorganisation des Körpers anregten, wenn sie die Sinne mit Schock-Effekten aufrüttelten und so das Reflexsystem manipulierten. Denn „wenn dieses System gestört wird […], dann sind die motorischen Reaktionen des Körpers, ob bewusst oder unbewusst, in einem Massenkonflikt, unangemessen und abnormal zahlreich. Die Person ist erregt, zerrissen, unnötig angespannt usw. All das ist Verschwendung von Energie und bringt die Funktionen der übrigen Organe in Unordnung.“7) Bogdanov realisierte, dass die Zersplitterungen der Arbeitswissenschaftler die „vitale Koordination“ beschädigt hatten und schlug die wechselseitigen Bluttransfusionen als Mittel der Rekonstruktion vor: der Rekonstruktion des Lebens als einer Einheit von verschiedenen Aktivitäten, immer im Glauben an eine Physiologie, die quasi automatisch das Leben als soziales und psychologisches Ganzes reorganisieren und harmonisieren könnte – und im Glauben an eine Gesellschaft als kollektives Blutbild. Ergänzend zu den schon erwähnten strukturellen Analogien zur Synergetik – Selbsttransformation, Erhöhung der Energiebilanz, Austausch verschiedenster nicht materieller Elemente, Selbstorganisation – kommen hiernach noch die Unabschließbarkeit der Prozesse und die Voraussetzung einer Teilung bzw. Zersplitterung des Menschen und der Welt hinzu, die es synergetisch zu vereinen galt. Was aber war das Modell für diese Vereinigung?

Tatsächlich hatte Bogdanov für die Verbindung der einzelnen Elemente seines Blutbilds eine Technik parat und zwar ein Verfahren aus der Pflanzenbiologie: „Blut ist ein spezielles Gewebe des Organismus, und jede Transfusion muss als tierische Pfropfung verstanden werden […].“8) In einem in französischer Sprache verfassten Textkonzept aus Bogdanovs persönlichem Nachlass: La greffe du sang (Die Pfropfung des Blutes) beschrieb er ausführlich, wie die effizienteste aller Bluttransfusionen vorzustellen sei: „In den Experimenten an menschlichen Personen kann man das Risiko der Luftembolie vollständig ausschließen. Dafür genügt es, die Operation unter Wasser durchzuführen, was den Zufluss von Luft verhindert. Man setzt sich gegenüber den beiden behandelten Personen, verwendet zwei Wannen, deren Form und Größe es bequem erlaubt, auf jeder Seite die entgegen gesetzten Unterarme der beiden Patienten mit dem Apparat, der die korrelativen Venen verbindet, hineinzulegen.“ Bogdanovs Einfallsreichtum schien grenzenlos, wenn es um die Steigerung der Effizienz, das heißt Kontrollierbarkeit und Schnelligkeit ging. Der Grund hierfür lag in einer quantitativen Ausweitung der Bluttransfusionen. Bogdanov interessierten nicht einfach nur einseitige Blutspenden. Er hatte zirkuläre Austauschverfahren entworfen: „Man kann dasselbe Subjekt in aufeinander folgender Weise mit mehreren anderen kombinieren, derart würde fast die gesamte Menge seines Blutes erneuert.“ Hierzu sprach Bogdanov von einer „kollektiven Physiologie“ – er wollte mehrere Probanten mehrmals miteinander in Verbindung bringen und Spender und Empfänger abwechselnd einsetzen, in beide Richtungen Blut übertragen: „Das Ergebnis ist ungefähr dasselbe, wenn man eine Kette von mehreren Individuen bildet, die mit einer gleichen Anzahl von Transfusionsapparaten verbunden werden.“9)

Erst in Anbetracht dieser kettenartigen Anordnung seiner Patienten, dieser Blut-Pfropfung, ist die politische Relevanz von Bogdanovs Experimenten nachvollziehbar: „Das ist der freundschaftliche, lebendige Austausch, der jenseits der Ideologie, in der physiologischen Sphäre wirkt.“10) Die Pfropfung war das konkrete Modell für Synergie in Bogdanovs Praxis: sie stellte Verbindungen zwischen Menschen her, die eigentlich nicht zusammen gehörten und das auch noch aus gutem Grund: Denn „der Mensch ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“ und eine kollektivierte Gesellschaft verlangte natürlich nach einem kollektiven Menschen.

Doch so weit kam es nie. Bei seinem zwölften Bluttausch mit Koldomasov scheiterte Bogdanov, wenn auch nicht an seinem eigenen Transfusionsmodell, so doch am unzureichenden Wissensstand der Medizin. Sein Körper hatte zwar wie gewünscht bei jeder Transfusion immer wieder immer neue Antikörper gegen die eindringenden fremden Elemente gebildet. Doch konnten bestimmte Faktoren des Blutes zu seiner Zeit noch nicht festgestellt werden, und so erlag er schließlich beim zwölften Mal einem Schock durch Immunisoantikörper-Überproduktion, einer zu starken Gegenreaktion seines Immunsystems auf die fremden roten Blutkörperchen.11) Fünfzehn Tage dauerte sein Lebenskampf, bis zuletzt begleitet von penibelster Selbstbeobachtung. Unerwartet, so lässt sich den Protokollen entnehmen, trat dann der Zustand ein – der Tod – den er unermüdlich bekämpfte und dem er Monate zuvor als „Störung der inneren Harmonie“12) und als „allgemeiner Desorganisation“13) ein baldiges Ende prophezeit hatte.

Die medizinische Anwendung der zirkulären Bluttransfusion hatte nach diesem katastrophalen Ereignis14) ein Ende, die Erforschung der one-way-Transfusion und des Lebens im Blute aber erfuhr seither nicht nur in Russland eine Konjunktur. Bogdanovs Institut für Bluttransfusionen existiert bis heute, es heißt nun „Wissenschaftliches Zentrum für Hämatologie der Russischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften“ und Sie finden es im Internet unter der Webseite http://www.blood.ru

1)
Bogdanov, Alexander. Bor’ba za žiznesposobnost’ (Der Kampf um die Lebensfähigkeit). Moskau 1927, S. 153.
2) , 3)
Ebd.
4)
A. Malinovskij: Filosofija zivogo opyta 1913, zit. nach Stokes 1995: Paradigm Lost, S.233. Bogdanov publizierte unter etlichen Pseudonymen, untern welchen Bogdanov, der Nachname seiner Frau, sein häufigstes war. Malinovski ist sein eigentlicher Familienname.
5)
A.Bogdanov: Die proletarische Universität 1918, in: Gorsen & Knödler-Bunte 1974, Bd. 2, S.7ff.
6)
Ebd., 125.
7)
Ebd., 127.
8)
Bogdanov, undatiert, La greffe du sang, 16. Hervorhebung durch die Autorin.
9)
Bogdanov undatiert: La greffe du sang, 19.
10)
A.Bogdanov 1972a [1908], 84; zit. nach Huestis 2001, 5.
11)
Zu Bogdanovs Tod s. Keynes 1949, 153; Schiff 1933, 109; Huestis 1996, 146; Starr 1999, 92.
12)
Bogdanov 1927a, 103.
13)
Ebd.,110
14)
Bogdanovs Tod wurde von der politischen Öffentlichkeit mit Entsetzen aufgenommen. Rang­hohe Politiker wie Lunačarskij, Sema¡ko, Bucharin und Krupskaja sprachen ihr Beileid aus, vgl. Bucharins Grabrede 1928.


Zitierung:
Margarete Vöhringer: Synergie durch Pfropfung. Aleksandr Bogdanovs Einsatz in Philosophie, Kunst und Medizin, in: Forum SynergieWissen ZfL Berlin, 01.11.2011, http://www.zflprojekte.de/synergie/doku.php?id=features:bogdanov.
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