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 Der Komparatist **Bojan Jović** (Institut für Literatur und Kunst (IKUM), Belgrad) untersuchte in seinem Vortrag zu **Immortality and Science Fiction – The Case of Alexander Bogdanov and Vladan Desnica**, wie insbesondere in zwei literarischen Texten dieser Autoren, die ethischen Implikationen einer Gesellschaft ohne Tod narrativ entfaltet wird. Jović machte dabei besonders auf die strukturellen und ideengeschichtlichen Parallelen zur antiken Mythologie aufmerksam, wo Unsterblichkeit bereits nicht nur als Verheißung,​ sondern ebenso – der Promethaus-Mythos ist hier anschauliches Beispiel – als Grundlage einer nie endenden da durch den Tod nicht terminierten Strafe galt. Bodganovs Text »Fest der Unsterblichkeit« (1914) hebt dabei in erster Linie auf die veränderte Zeiterfahrung des Unsterblichen ab, für den die Unendlichkeit des Lebens mit zunehmender Lebensdauer zu einer Minderung der Lebensqualität führt. Die repetitiv erscheinenden Erfahrungen werden – ¬ähnlich wie im Prometheus-Mythos – nicht als Bereicherung des Lebens empfunden und münden in Apathie und Überdruss. In Desnicas Erzählung „Die Erfindung des Athanatik“ (1957) hingegen ist ein Unsterblichkeitsserum der Auslöser für gesellschaftstheoretische und juristische Fragen, nach Verteilungsgerechtigkeit,​ Klassenprivilegien und sozialer Gerechtigkeit. Beide Texte stimmen in ihrer pessimistischen Einschätzung bezüglich der Veränderungen,​ die sich notwendigerweise aus der Unsterblichkeit für das Leben des einzelnen und der Gemeinschaft ergeben, überein und heben die gesellschaftliche Sprengkraft hervor, die jeder Form der Unsterblichkeit innewohnt. \\ Der Komparatist **Bojan Jović** (Institut für Literatur und Kunst (IKUM), Belgrad) untersuchte in seinem Vortrag zu **Immortality and Science Fiction – The Case of Alexander Bogdanov and Vladan Desnica**, wie insbesondere in zwei literarischen Texten dieser Autoren, die ethischen Implikationen einer Gesellschaft ohne Tod narrativ entfaltet wird. Jović machte dabei besonders auf die strukturellen und ideengeschichtlichen Parallelen zur antiken Mythologie aufmerksam, wo Unsterblichkeit bereits nicht nur als Verheißung,​ sondern ebenso – der Promethaus-Mythos ist hier anschauliches Beispiel – als Grundlage einer nie endenden da durch den Tod nicht terminierten Strafe galt. Bodganovs Text »Fest der Unsterblichkeit« (1914) hebt dabei in erster Linie auf die veränderte Zeiterfahrung des Unsterblichen ab, für den die Unendlichkeit des Lebens mit zunehmender Lebensdauer zu einer Minderung der Lebensqualität führt. Die repetitiv erscheinenden Erfahrungen werden – ¬ähnlich wie im Prometheus-Mythos – nicht als Bereicherung des Lebens empfunden und münden in Apathie und Überdruss. In Desnicas Erzählung „Die Erfindung des Athanatik“ (1957) hingegen ist ein Unsterblichkeitsserum der Auslöser für gesellschaftstheoretische und juristische Fragen, nach Verteilungsgerechtigkeit,​ Klassenprivilegien und sozialer Gerechtigkeit. Beide Texte stimmen in ihrer pessimistischen Einschätzung bezüglich der Veränderungen,​ die sich notwendigerweise aus der Unsterblichkeit für das Leben des einzelnen und der Gemeinschaft ergeben, überein und heben die gesellschaftliche Sprengkraft hervor, die jeder Form der Unsterblichkeit innewohnt. \\
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-Der Medizinhistoriker **[[personen:​polianski|Igor Polianski]]** (Universität Ulm) entwarf in seinem Vortrag über die **Langlebigkeit und physische Unsterblichkeit im Fokus der russisch-sowjetischen Biologie und Medizin** eine Taxonomie von Unsterblichkeitskonzepten,​ wie sie sowohl innerhalb der Kulturgeschichte,​ als auch spezifischer in der Geschichte der Biologie als epistemologischer Wandel im Verständnis des Todes anzutreffen sind. Gerade in der Biologie ist die Modellierung des Sterbens bzw. des Todes eng mit den sich wandelnden Figurationen des Körpers geprägt. War man zu Beginn des 19. Jhd. im Zuge einer mechanizistischen Vorstellung vom Körper noch davon ausgegangen,​ dass der Tod des Menschen durch ständiges Ersetzen, der kaputten bzw. verschlissenen Einzelteile hinauszuzögern sei, so setzte mit August Weismanns Entedeckung der Unsterblichkeit der Einzeller eine organizistische These vom Sterben durch, die schließlich in Virchows Rekonzeptualisierung des Todes als Bedrohung des Zellenstaats durch ›unedle Zellen‹ mündete. Ausgehend von dieser Wende fasste Ilja Illitsch Metschnikow den Tod schließlich als immunologisches Problem. Der Tod war damit nicht mehr als Verschleiß einzelner Teile begriffen, sondern als immunologisches Problem, in Folge dessen der »Zellenstaat« durch Eindringlinge von außen bedroht wird. An der Bedeutung der Zellen hielten, wie Polianski weiter ausführte, auch andere namenhafte sowjetische Physiologen wie Bechterew, Pawlow und Bohomolez fest, die sich ebenfalls darum bemühten zeigten, verjüngende bzw. lebensverlängernde Maßnahmen in die zeitgenössische Medizin einzuführen. \\+Der Medizinhistoriker **[[network:​polianski|Igor Polianski]]** (Universität Ulm) entwarf in seinem Vortrag über die **Langlebigkeit und physische Unsterblichkeit im Fokus der russisch-sowjetischen Biologie und Medizin** eine Taxonomie von Unsterblichkeitskonzepten,​ wie sie sowohl innerhalb der Kulturgeschichte,​ als auch spezifischer in der Geschichte der Biologie als epistemologischer Wandel im Verständnis des Todes anzutreffen sind. Gerade in der Biologie ist die Modellierung des Sterbens bzw. des Todes eng mit den sich wandelnden Figurationen des Körpers geprägt. War man zu Beginn des 19. Jhd. im Zuge einer mechanizistischen Vorstellung vom Körper noch davon ausgegangen,​ dass der Tod des Menschen durch ständiges Ersetzen, der kaputten bzw. verschlissenen Einzelteile hinauszuzögern sei, so setzte mit August Weismanns Entedeckung der Unsterblichkeit der Einzeller eine organizistische These vom Sterben durch, die schließlich in Virchows Rekonzeptualisierung des Todes als Bedrohung des Zellenstaats durch ›unedle Zellen‹ mündete. Ausgehend von dieser Wende fasste Ilja Illitsch Metschnikow den Tod schließlich als immunologisches Problem. Der Tod war damit nicht mehr als Verschleiß einzelner Teile begriffen, sondern als immunologisches Problem, in Folge dessen der »Zellenstaat« durch Eindringlinge von außen bedroht wird. An der Bedeutung der Zellen hielten, wie Polianski weiter ausführte, auch andere namenhafte sowjetische Physiologen wie Bechterew, Pawlow und Bohomolez fest, die sich ebenfalls darum bemühten zeigten, verjüngende bzw. lebensverlängernde Maßnahmen in die zeitgenössische Medizin einzuführen. \\
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 In ihrem Vortrag über die **Lebendigkeit-Unsterblichkeit in der Kunst der organischen Schule der russischen Avantgarde** ging die Kunsthisorikerin **Isabel Wünschel** (Jacobs University Bremen) von der zunehmenden Verschiebung der Trennlinien zwischen Kunst, Natur und Wissenschaft aus, im Zuge derer sich die Kunst selbst als eigenständiges Erkenntniswerkzeug etablierte und in eine wechselvolle Spannung mit den Erkenntnismethoden der Naturwissenschaften trat. So verschränken sich in Michail Matjuschins Konzept des »zorved« (Abk. von zorkoe vedanie ‚scharfsinniges Sehen‘) wahrnehmungstechnische Experimente mit der künstlerischen Tätigkeit, mit dem Ziel, die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit zu erweitern. Der forschende Künstler Pawel Filonow war in diesem Sinne bestrebt, im Bild das Sichtbare wie Unsichtbare,​ die Erscheinung der einzelnen Zelle und die vollständige Struktur des Organismus einzufangen. Matjuschin und dessen Partnerin Jelena Guro sahen die Rolle der Kunst vor allem darin, jenes Medium bereitzustellen,​ in dem die Ganzheitlichkeit der Welt, und damit auch die Wahrnehmung des Lebendigen und Unsterblichen (im Sinne des Überdauerns und Universellen) zur Erscheinung kommt. Für das Künstlerpaar waren die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft stets permeabel, ihre Kunst war der Erforschung der Natur durch künstlerische Mittel gewidmet, um so ergänzend zu den Methoden der Naturwissenschaft einen alternativen und umfassenderen Zugang zur Natur zu gewinnen. \\ In ihrem Vortrag über die **Lebendigkeit-Unsterblichkeit in der Kunst der organischen Schule der russischen Avantgarde** ging die Kunsthisorikerin **Isabel Wünschel** (Jacobs University Bremen) von der zunehmenden Verschiebung der Trennlinien zwischen Kunst, Natur und Wissenschaft aus, im Zuge derer sich die Kunst selbst als eigenständiges Erkenntniswerkzeug etablierte und in eine wechselvolle Spannung mit den Erkenntnismethoden der Naturwissenschaften trat. So verschränken sich in Michail Matjuschins Konzept des »zorved« (Abk. von zorkoe vedanie ‚scharfsinniges Sehen‘) wahrnehmungstechnische Experimente mit der künstlerischen Tätigkeit, mit dem Ziel, die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit zu erweitern. Der forschende Künstler Pawel Filonow war in diesem Sinne bestrebt, im Bild das Sichtbare wie Unsichtbare,​ die Erscheinung der einzelnen Zelle und die vollständige Struktur des Organismus einzufangen. Matjuschin und dessen Partnerin Jelena Guro sahen die Rolle der Kunst vor allem darin, jenes Medium bereitzustellen,​ in dem die Ganzheitlichkeit der Welt, und damit auch die Wahrnehmung des Lebendigen und Unsterblichen (im Sinne des Überdauerns und Universellen) zur Erscheinung kommt. Für das Künstlerpaar waren die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft stets permeabel, ihre Kunst war der Erforschung der Natur durch künstlerische Mittel gewidmet, um so ergänzend zu den Methoden der Naturwissenschaft einen alternativen und umfassenderen Zugang zur Natur zu gewinnen. \\
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