Claude Haas: VERSTÖRUNGEN. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jauß

Hauptsturmführer und Ordensträger

Zu leugnen gibt es schon seit über zwanzig Jahren nichts mehr. Hans Robert Jauß, der vielleicht bedeutendste, ganz sicher aber der wirkmächtigste deutsche Romanist nach 1945 war ein hoch dekoriertes Mitglied der Waffen-SS. Im Auftrag der Universität Konstanz, zu deren Gründungsprofessoren Jauß 1966 gehörte, hat der Potsdamer Militärhistoriker Jens Westemeier vor einigen Monaten eine umfassend dokumentierte Studie über seine Nazikarriere, seine Gefangenschaft und seinen späteren Umgang mit der eigenen Vergangenheit nach 1945 vorgelegt (Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung, Konstanz University Press, 2016). Jauß’ SS-Biographie ist nun also geradezu amtlich.

Fest steht: Jauß war nicht jener kleine und durchschnittliche ›Mitläufer‹, als der er aufgrund manifester Falschaussagen 1948 ›entlastet‹ wurde, als den er sich vermutlich selbst zeit seines Lebens sah und als den einige seiner Schüler ihn bis heute sehen wollen. Jauß war bis 1945 ein militanter Faschist. Vorbildlich einsetzbar sowohl im ›Weltanschauungsunterricht‹ als auch an der Front. Beteiligt waren die Einheiten, denen er jeweils angehörte, insbesondere an der Blockade Leningrads und an der so genannten Partisanenbekämpfung in Kroatien.

Jauß wusste sich zu ›bewähren‹. Mit nur 23 Jahren durfte er sich bereits ›SS-Hauptsturmführer der Reserve‹ nennen. Einen jüngeren SS-Mann in dieser Position konnte Westemeier nicht ausfindig machen. Darüber hinaus war Jauß Träger zahlreicher Orden, zu denen u.a. das ›Deutsche Kreuz in Gold‹ und das ›Eiserne Kreuz 1. Klasse‹ gehörten. Wenn ihm von den hohen Nazi-Auszeichnungen allein das ›Ritterkreuz‹ vorenthalten blieb, dürfte dies eher an internen Macht- und Grabenkämpfen der Waffen-SS als an einer fehlenden ideologischen oder ›charakterlichen‹ Eignung gelegen haben, wie Westemeier überzeugend mutmaßt.

 

Kriegsverbrecher?

Auf Mutmaßungen sieht sich der Historiker relativ oft zurückgeworfen. Seine Studie ist akribisch recherchiert, sie zeugt von einer stupenden Kenntnis der Geschichte der Waffen-SS und sie gleitet nicht in die heute wohlfeile Diktion einer wissenschaftlichen Enthüllungs- oder Entrüstungsprosa ab. Allerdings versucht Westemeier auch nicht zu rechtfertigen, wo es zu rechtfertigen nichts gibt.

Und doch. Einschlägiges Material, das Jauß, wie man sagt, ›direkt‹ kompromittiert, hat er nicht allzu viel ausgraben können und solches dürfte auch kaum mehr auszugraben sein. So hat Jauß etwa seine Briefe von der Front in den 1990er Jahren in seinem Gartengrundstück am Bodensee verbrannt, so wie er im Rahmen zumindest der öffentlichen Aufklärung seiner Vergangenheit überhaupt eine erbärmliche Figur abgegeben hat.

Auf die politischen Überzeugungen wie auf die militärischen und aus heutiger Perspektive  sicher auch kriminellen Operationen von Jauß kann Westemeier in der Regel folglich allein aus seinen Verantwortungsbereichen, Dienstgraden und der den jeweiligen Truppenstandort dokumentierenden Aktenlage schließen. Grundsätzlich tut er dies mit großer Umsicht, mitunter wirft seine Studie aber auch systematische Probleme auf. Zu der Frage, ob Jauß denn nun als »Kriegsverbrecher« anzusehen sei, hält der Autor fest:

»Eine individuelle Tatbeteiligung [etwa an Massenerschießungen in Kroation, CH] kann mit Dokumenten nicht belegt werden. Ein forensischer Beweis muss nach 70 Jahren ausbleiben. Individuelle Tatbeteiligungen sind überhaupt nur in sehr seltenen, exzeptionellen Fällen nachweisbar. Von der Beteiligung an und vom Wissen um Verbrechen muss umgekehrt in allen ›Normalfällen‹ in diesen Kontexten ausgegangen werden. Durch seine Funktion als Kompanieführer trug Jauß Mitverantwortung an den Verbrechen des Bataillons, dem seine Kompanie angehörte. Es ist völlig ausgeschlossen, dass er als Kompanie- und Marschgruppenführer im Einsatz von den Verbrechen keine Kenntnis hatte. Sein Mitwirken am Tatort macht Jauß nach neuer Rechtsprechung (›funktionelle Mittäterschaft‹) zu einem Kriegsverbrecher.«

Diese Einschätzung mag völlig korrekt sein. Streng genommen geht es hier aber nicht mehr um wissenschaftliche Ermessensfragen. Ob Jauß ein ›Kriegsverbrecher‹ war, könnte verbindlich allein von einem zuständigen Gericht geklärt werden. Und da ein solches nach seinem Tod nicht mehr tätig werden kann, muss diese – durchaus entscheidende – Frage wohl oder übel offen bleiben.

 

»Treuer Korpsgeist« auch nach 1945

Wie Westemeier prägnant feststellt, war Jauß »auch in seiner zweiten Karriere niemals Mitläufer«. Als Mitbegründer der ›Konstanzer Schule‹, der ›Poetik und Hermeneutik‹-Gruppe und der Rezeptionsästhetik gab er wissenschaftlich wie institutionell jahrzehntelang den Ton an. Angesichts dieses gewaltigen und bis heute nachhallenden Erfolgs stellt sich fast zwangsläufig die Frage nach einem potenziellen Fortwirken der ›Waffen-SS‹ in Jauß’ wissenschaftlicher Laufbahn.

In der Annahme, dass Jauß zumindest auf organisatorischer und institutioneller Ebene über Eigenschaften verfügte, die mit großer Wahrscheinlichkeit seiner SS-Zeit entstammen, herrscht derzeit beinahe schon Konsens. So spricht sein abtrünniger Meisterschüler Hans Ulrich Gumbrecht, der die Jauß-Debatte 2011 über einen ZEIT-Artikel überhaupt erst wieder neu ins Rollen gebracht hatte, ausdrücklich vom »treuen Korpsgeist« des Professors, der »mindestens zwölf« seiner Assistenten auf romanistischen Lehrstühlen platzieren konnte (Mein Lehrer, der Mann von der SS, Nr. 15, 7. 4. 2011, S. 62). An den Umstand, dass Jauß’ Tagungs- und Colloquialstil auf »Kampf und Sieg« ausgerichtet war, sowie an seine eiserne »Disziplin« und ungetrübte »Mannschafts«-Gläubigkeit, erinnerte jüngst selbst Hannelore Schlaffer in einer den Romanisten – dennoch – respektvoll würdigenden »kleinen Apologie« (Hans Robert Jauß. Kleine Apologie, Merkur Nr. 805, Juni 2016, S. 79-86). 

Spätestens nach der Studie von Westemeier lässt sich Jauß nicht mehr unvoreingenommen betrachten. »Kein einziger Gedanke an diesen Mann«, so Schlaffer ganz richtig, dürfe heute mehr »unschuldig« sein. Gleichwohl oder gerade deshalb muss man sich fragen, ob die Behauptung einer subkutanen Kontinuität zwischen dem SS-Mann Jauß und dem Professor Jauß grundlegende Irritationen, die sich in seinem ›Fall‹ verdichten, nicht eher zu entschärfen droht, als dass sie sich solchen konsequent stellt.

Denn alles in allem ist die Vorstellung, dass ein überzeugter und exponierter Nazi in offenbar kürzester Zeit zu einem ebenso überzeugten und exponierten Demokraten mutieren konnte, viel beunruhigender als jedes Kontinuitätsnarrativ. Liegt das eigentlich Verstörende an Jauß nicht vielleicht daran, dass er tatsächlich einen vollständigen ideologischen Bruch mit seiner Vergangenheit vollziehen konnte, während er sich ausgerechnet habituell in einem seit den späten 60er Jahren emphatisch ›anti-autoritären‹ akademischen Milieu weitgehend treu bleiben durfte? Waren seine Talente ideologisch also möglicherweise genauso neutral und genauso beliebig anschlussfähig wie sein totalitärer Führungsstil? Und was heißt das eigentlich für unser Konzept von Identität? Politisch approbiert wird Identität im intellektuellen Diskurs schon seit geraumer Zeit nur noch als diskontinuierliche und plurale Größe. Aber vielleicht nur dann, wenn nicht allzu viel auf dem Spiel steht?

 

»Militärische Metaphorik«

Es sind keineswegs solche Fragen, die Ottmar Ette ins Zentrum seines Buches über den »Fall Jauß« stellt (Der Fall Jauß. Wege des Verstehens in eine Zukunft der Philologie, Berlin, Kulturverlag Kadmos, 2016). Ette kommt das Verdienst zu, die Debatte auf ein neues Niveau gehoben, oder ihr zumindest einen anderen Dreh verliehen zu haben. Er sucht nach den Spuren von Jauß’ SS-Vergangenheit vornehmlich in dessen ›wissenschaftlichem Stil‹.

Vom Ansatz her hat dies den Vorteil, dass Ette die Frage nach dem Nachleben der ›Waffen-SS‹ beim ›wissenschaftlichen‹ Jauß nicht auf institutionelle oder biographische Dimensionen beschränken muss, dass er zugleich aber auch der umgekehrten Gefahr einer vorschnellen Identifikation von NS-Vergangenheit und literaturwissenschaftlicher Theoriebildung entgeht.

Denn Ette ist erklärtermaßen nicht daran gelegen, die gesamte Jauß’sche Rezeptionsästhetik unter Faschismus-Verdacht zu stellen. So fällt seine Studie denn auch dort am schwächsten aus, wo er diese selbst auferlegte Zurückhaltung am deutlichsten aufgibt.

Das gilt vor allem für seine Untersuchung von Jauß’ »militärischer Metaphorik«. Jauß begebe sich in seinen Schriften stets aufs Neue in einen »unbedingten Angriffsmodus«, er erhebe einen »Führungsanspruch des eigenen Ansatzes«, setze metaphorisch »Waffen« gegen seine »Widersacher« ein und »ersticke« auf diese Art die für die eigene Literaturtheorie zentrale Kategorie der ›Dialogizität‹ »im Keim«. Ette legt einen hermeneutisch denkbar großzügigen Umgang mit Jauß’ ›militärischer Metaphorik‹ an den Tag. Er schlägt dieser sowohl die Jauß’sche Begabung zur wissenschaftlichen ›Netzwerk‹-Bildung als auch den im Mittelpunkt seiner berühmten Antrittsvorlesung stehenden Begriff der ›Provokation‹ zu.

Das heißt weit über’s Ziel hinaus schießen. Abgesehen davon, dass ›Netzwerke‹ und ›Provokationen‹ nicht vornehmlich dem Bereich des Militärs angehören und abgesehen auch davon, dass eine »militärische Metaphorik« selbst bei Jauß nicht unmittelbar mit der Waffen-SS gleichgesetzt werden darf, erhebt erst einmal jede wissenschaftliche Theorie einen »Führungsanspruch des eigenen Ansatzes«. Speziell auf die Rezeptionsästhetik bezogen heißt dies u.a., dass ›Dialogizität‹ kein Synonym für Beliebigkeit ist und dass sie sich folglich nicht erst dadurch unter Beweis stellen kann, divergierende wissenschaftliche Meinungen und Positionen dem eigenen »Ansatz« gegenüber als prinzipiell gleichrangig auszuweisen. Wie könnte in dieser Logik eigentlich eine wissenschaftliche Theoriebildung aussehen, die sich strukturell nicht von der Waffen-SS herleiten ließe?

 

»Kryptographisches Schreiben«

Wesentlich subtiler fallen Ettes Untersuchungen einer zweiten großen stilistischen und argumentativen Schicht aus, die von den Figuren des »Verschweigens«, der »Verstellung« und der »Verdrängung« organisiert werde. Hier geht es also nicht um den vermeintlichen Fortbestand ideologischer oder habitueller Züge in einem tendenziell kraftmeierischen Bildfeld, sondern um die überaus diskrete oder verdruckste Befragung der eigenen Vergangenheit unter der Tarnkappe der literarischen Interpretation. Im Mittepunkt von Ettes Analyse stehen dabei die Aufsätze aus Jauß’ spätem Band Wege des Verstehens.

Jauß pflege hier über weite Strecken ein »kryptographisches Schreiben«, das die eigene SS-Zugehörigkeit gerade dort thematisiere, wo sie bewusst verschwiegen werde, wo sie sich im Akt des Verschweigens paradoxerweise jedoch stets vernehmen lasse. Ette spricht anschaulich von einer »opaken Transparenz« vieler Jauß’scher Texte und in sensiblen Lektüren seiner Ausführungen etwa zum Problem der Aufrichtigkeit in der Princesse de Clèves oder zu der Wendung Tout comprendre, c’est tout pardonner legt er sehr schön offen, dass sich Jauß der Frage nach der eigenen Vergangenheit grundsätzlich in dem Maße gestellt zu haben scheint, wie er sie gerade unstellbar zu machen versuchte. Zwar tauche das Problem der eigenen Verantwortung zwischen den Zeilen mitunter fast schon penetrant auf, doch werde es im gleichen Atemzug verstellt, verschoben, verallgemeinert oder schlechterdings verdreht.

Eine tiefe oder ›authentische‹ intellektuelle und ethische Unruhe gesteht Ette Jauß dabei nicht zu, denn Jauß habe gerade in solchen Kontexten stets eine »moralisch überlegene und zugleich moralisierende Position« bezogen.

Aber sind Jauß’ Schriften damit schon mitdiskreditiert? Ette suggeriert dies zumindest, wenn er feststellt, durch »diese Art der Philologie« werde Literatur »mißbraucht«. Und diesen Nachweis kann er in der Tat völlig überzeugend führen. Literatur war Jauß persönlich offenbar ein Medium nicht nur der Aufklärung oder Selbstreflexion, sondern ein Medium immer auch der mehr oder weniger geschickten Verschleierung der eigenen historischen Verantwortung. Bestenfalls noch ein Sedativ. Und dies wohlgemerkt nicht in seinem privaten Konsum literarischer Texte, sondern im Kern seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.

Nur wird seine Forschung von diesem Problem systematisch letzten Endes nicht berührt. Was Ette als Jauß’ ›wissenschaftlichen Stil‹ analysiert, bleibt dem wissenschaftlichen Erkenntnispotenzial von Jauß’ Studien jedenfalls merkwürdig äußerlich.

Dazu nur ein Beispiel, das ursprünglich nicht von Ette, sondern von Gumbrecht in die Debatte eingebracht wurde. Zu den vielleicht spektakulärsten Erkenntnissen bereits seiner Proust-Dissertation von 1955 zählte Jauß’ narratologische Unterscheidung zwischen »erinnertem« und »erinnerndem Ich« und die Feststellung, dass ersteres letzteres auch am Ende des Proust’schen Romans nicht ganz einholen könne. Diese Entdeckung dürfte maßgeblich biographisch motiviert gewesen sein. Die Vorstellung, dass erinnertes und erinnerndes Ich keine Einheit eingehen können, irritierte zwar das Bild einer tiefen ästhetischen Geschlossenheit und perfekten Zyklik des Proust’schen Romans – für einen ehemaligen SS-Mann hingegen muss dieselbe Vorstellung ein fulminantes Versprechen gewesen haben. Das erinnerte Ich konnte dem erinnernden damit nie ganz auf die Pelle rücken.

Nur ändert all das – man möchte sagen leider – nicht das Geringste an der Tragfähigkeit von Jauß’ Proust-Lektüre. Seine Erkenntnisse mögen skandalösen biographischen Interessen entsprungen und sie mögen von Fall zu Fall sogar sorgfältig auf solche abgestimmt worden sein. Aber Jauß verstand sich wie kaum ein zweiter darauf, beide Bereiche auch wieder strikt zu trennen.

Mit Bezug auf seine SS-Vergangenheit lassen sich bestimmte Dimensionen des Jauß’schen Werks neu oder anders perspektivieren, aber man dringt damit kaum zu seinem epistemologischen oder ideologischen Kern vor. Der bundesrepublikanische Professor Jauß war ein herausragender Wissenschaftler und zumindest in seinen Schriften ein eingefleischter Demokrat, so wie der SS-Mann Jauß ein herausragender Hauptsturmführer und ein eingefleischter Nazi gewesen war. Die Vorstellung einer latenten politischen Kohärenz zwischen seinen beiden Wirkungssphären täuscht leicht über die intellektuellen Zumutungen hinweg, vor die uns sein ›Fall‹ bis heute stellt. Gerade in seiner tendenziellen Exemplarität dürfte dieser für eine Einschätzung der frühen bundesrepublikanischen Demokratie nicht unerheblich sein. Deren Erfolg wäre ohne die Mitwirkung alter Nazis in dieser Form wohl gar nicht denkbar gewesen; und die seit 1968 geradezu flächendeckend florierenden Kontinuitätsunterstellungen insbesondere zwischen Adenauer-Ära und NS trugen womöglich dazu bei, diese Ungeheuerlichkeit im gesellschaftlichen Bewusstsein zu marginalisieren. ›Opportunisten‹ oder verkappten Nazis wird man ethisch allemal besser Herr als ideologisch geläuterten Sturmführern.

Das Verstörende am Wissenschaftler Jauß besteht nicht darin, dass seine Texte elementar vom NS infiziert wären. Das Verstörende besteht darin, dass sie das nicht sind.

Der Germanist Claude Haas leitet seit 2017 am ZfL das Forschungsprojekt Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik

 

 

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