Maria Kuberg: DEUTELEIEN ZUR KRISE DER GERMANISTIK

Vor kurzem noch hatte an dieser Stelle der Ratschlag gestanden, wir Geisteswissenschaftler sollten uns, anstatt uns gegenüber dem Vorwurf, wir seien streitmüde geworden, in Harnisch zu werfen, lieber »weniger um uns selbst und mehr um Gegenstände kümmern.« Während im Doktorandenzimmer des ZfL noch darüber gegrübelt wurde, ob man sich besser mehr oder besser weniger streiten solle, worüber man streiten müsse oder nicht dürfe, warum man das Streiten verlernt oder nie erlernt habe, wie man sich in den Streit einbringen oder sich aus ihm heraushalten könne und weshalb es für unsere Generation (die der gegenwärtig Studierenden) schwieriger oder auch einfacher sei mit dem Streiten als für die vorangegangenen – während dieser Überlegungen also wurde der gute Ratschlag von ganz anderer Seite vom Tisch der Germanistik gefegt. Jetzt wird gestritten, und es wird sich dabei wenig um die Gegenstände des Fachs, dafür umso mehr um das Fach selbst gekümmert. Erisapfel ist die »Relevanz«. Es steht die skeptische Frage im Raum, ob die Literaturwissenschaft, insbesondere die germanistische, noch eine hat. Als Maßeinheit für die Relevanz des Fachs verwendet das Feuilleton die Anzahl der Koryphäen, die das Fach zu bieten hat. Früher, so geht die Rede, hatten wir noch welche, nun haben wir keine mehr. Wir hatten: Hans Mayer, Peter Wapnewski, Eberhard Lämmert, Walter Jens,[1] aber auch Claudio Magris, Peter von Matt und Wendelin Schmidt-Dengler. Heute, da diese Herren pensioniert oder verstorben sind, haben wir keine mehr. Keine Koryphäen und also auch keine Relevanz.

Relevant, so belehrt Kluges etymologisches Wörterbuch, heißt in etwa ›bedeutsam‹ und stammt vom englischen relevant, das sich wiederum vom lateinischen relevans ableitet, dem Partizip Präsens von relevare, und das heißt so viel wie ›(erneut) in die Höhe heben‹.[2] Die Koryphäen von damals haben nicht nur selbst die kühlen Gründe der Allgemeinheit um Haupteshöhe überragt und den schlammigen Morast der Mittelmäßigkeit von oben betrachten können. Sie waren, und da haben sie das Partizip Präsens des lateinischen Stammworts sehr ernst genommen, auch erhebend tätig und haben in die luftigen Höhen der Erkenntnis erhoben, wer oder was ihnen über den Weg kam. Sie waren bedeutsam, und dies durch das Geschäft des Deutens, das sie betrieben. Deuten, so schreibt nach einer älteren Erklärung der Duden, kommt vom mittelhochdeutschen diuten, was in etwa heißt: ›für das (versammelte) Volk verständlich machen‹. Das Wort deutsch leitet sich, dieser Erklärung zufolge, aus der gleichen germanischen Wurzel ab. Auch der Name Duden selbst mag hier seine Wurzel haben, aber Kluge ist bzgl. dieser Herleitung zaghaft. Er findet jedoch: »Klarer werden die Zusammenhänge dadurch, daß die Grundlage von deutsch nicht nur ›Volk‹, sondern auch ›Kraft‹ bedeutet hat.«[3] Klarer wird hier vor allem, dass man in recht brackige Gewässer gerät, wenn man dem Rinnsal der Relevanz an seine Quelle folgen will.

Mangels Koryphäen und mit ihnen einhergehender Relevanz, so jedenfalls der Vorwurf, kann sich die Literaturwissenschaft heute dem Volk nicht mehr verständlich machen. Sie wissen nicht, was wir tun, weil wir uns nicht deutlich ausdrücken, sondern lieber in unverständlichem Kauderwelsch an irrelevanten Einzelheiten deuteln (so der vor deuten sich befindende Eintrag bei Kluge). Zu allem Überfluss produziert das Fach eine so unüberschaubare wie unbrauchbare Menge an Absolventen, die »irgendwas mit Medien« machen wollen, die aber, wiederum mangels Koryphäen, schlecht betreut werden und wegen schlechter Deutschlehrer schon eine schlechte Vorbildung mitbringen, weshalb sie in ihrem Studium nicht reüssieren und am Ende in der Werbung landen, oder, wie in Houellebecqs Roman »Unterwerfung«, Verkäuferinnen bei Hermès werden müssen (es sind nämlich vor allem die Frauen, die nicht reüssieren). Manche werden auch Doktorandinnen.

»Spiegel«-Journalist Martin Doerry sieht in den Hörsälen der Germanistik offenbar eine Masse der Ahnungslosen und Desinteressierten sich zusammenrotten, der nicht anders als mit harter Hand zu begegnen ist. »Die Universitäten«, findet er, »müssten […] ihre Zulassungspolitik ändern und nicht mehr aus finanziellen Gründen Massen von Germanisten in ihre Fakultäten locken, sie müssten Aufnahmeprüfungen einrichten, um nur die wirklich Interessierten auszubilden.«[4] Ungeachtet dessen, dass es einen gewissen Widerspruch darstellt, der Germanistik mangelnde Reichweite zu unterstellen und andererseits die Überfüllung ihrer Hörsäle zu beklagen, ist es sicherlich wahr, dass das deutsche Bildungssystem an nicht wenigen Stellen krankt. Dass 17-jährige AbiturientInnen unter dem Druck, möglichst schnell ein möglichst karrierekonformes Studium zu absolvieren, sich in Fächer einzuschreiben genötigt sehen, von denen sie noch nicht so recht wissen können, was in ihnen verhandelt wird und zu welchem Ende man sie studiert, ist in der Tat nicht schön. Dass sich viele StudienanfängerInnen in ihrer Not für die Germanistik entscheiden, und viele von ihnen das Studium womöglich nach einigen Semestern abbrechen, viele auch schlecht und recht abschließen und dann »in der Werbung« arbeiten, ist für das Fach indes keine Schande. Denn die Geistes- und Kulturwissenschaften, zu denen sich die Germanistik zählen darf, sind keine universitären Ausbildungsfächer, sondern sie wollen und sollen Bildung vermitteln. Wenn die für möglichst viele Menschen zugänglich ist, zeigt das ein gesundes Demokratieverständnis an. Eine vermeintliche germanistische, Massen anlockende Knusperhexe im Fächerwald mithilfe einer »Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«-Politik zu vertreiben, klingt hingegen nach einer etwas konfusen Angst vor dem Mob.

Die Pointe in Doerrys Artikel ist, dass die sich der Elite verweigernde Germanistik den Mob, wenn nicht geradezu heraufbeschwört, so doch nicht in genügender Weise abwehrt – und damit ist dann nicht mehr nur der Mob in Gestalt von Studentenmassen gemeint, die aus ihren Hörsälen zu vertreiben sind, sondern auch eine in der Tat sehr viel bedrohlicher wirkende Menge. Denn im Angesicht von Trump- oder AfD-WählerInnen, Fake-News und Lügenpresse muss sich doch jemand – und das, so findet Doerry, sollte doch eigentlich eine Aufgabe für die Germanisten sein – »mit der Sprache der Lüge, dem Jargon der Populisten« befassen, »gegen ›völkische‹ Parolen antreten«[5], kurz: der Pöbelherrschaft ein Ende bereiten. Weil aber die Germanistik selbst, das scheint Doerry in seinem »Spiegel«-Artikel suggerieren zu wollen, zu einer Art pöbelndem Mob verkommt, nämlich einer Masse von ungebildeten Studierenden, die Goethe nicht von Heine unterscheiden können und während der Vorlesungen fortwährend stupide auf die Bildschirme ihrer Smartphones starren, anstatt sich belehren zu lassen, fehlen dem Fach die Führungsstärken, um gegen den populistischen Mob vorgehen zu können.

Im zweiwöchentlich stattfindenden Plenum des ZfL wurde kürzlich über die Einleitung aus Bruno Latours Buch »Die Hoffnung der Pandora«[6] diskutiert, übrigens zu Beginn eines langen Tages, der sich wesentlich der Frage nach der Relevanz unserer kleinen Institution widmete. Latour erzählt darin die gesamte Philosophiegeschichte als den verzweifelten Versuch, eine Herrschaft des Mobs abzuwenden. Seit Sokrates dient ihm zufolge die Wissenschaft dazu, die Vernunft als Herrscher über die Gewalt zu inaugurieren. »Die Hoffnung der Pandora« erschien im Original 1999, als die Wissenschaften in den USA sich gerade inmitten der science wars befanden. Die Realisten unter den Wissenschaftlern, die der Ansicht waren, dass wissenschaftliche Theorien in der Lage seien, die Wirklichkeit abzubilden, warfen ihren postmodernen Kritikern vor, sich von den Arbeiten der Dekonstruktion beeinflusst haben zu lassen, die allesamt unverständlich und bedeutungslos seien. Latour deckt den Realismus der klassischen Naturwissenschaft als eine komplexe Konstruktion zur Machterhaltung der Vernunft auf, die aber den Blick auf die ›wirkliche Wirklichkeit‹ verstelle und letztlich keinen Erkenntnisgewinn liefere.

Angesichts des historischen Anlasses für Latours Buch wurde im Plenum unter anderem die Frage aufgeworfen, ob der Text überhaupt noch aktuell sei. Immerhin hätten wir es heute mit einer ganz anderen Art von Mob zu tun als demjenigen, welchen Latour beschreibt. In der Tat ist die Situation heute eine andere. Aber interessanterweise geht die Forderung, in der Wissenschaft kein unverständliches und bedeutungsloses Deuteln zu betreiben, nach wie vor einher mit der Angst vor der Pöbelherrschaft. Und Latour hat sich die Mühe gemacht, daran zu erinnern, dass die Angst vor dem Pöbel letztlich nichts ist als der Ausdruck eines Willens zur Macht, der, wenn er sich durchsetzt, bestenfalls zu Elitarismus führt. Dieser Angst nicht nachzugeben und zu ertragen, dass Demokratie, ob im Hörsaal oder in der Politik, die Herrschaft der Vielen bedeutet, ist das Gebot der Stunde. Fürs Erste tut die Germanistik, anstatt ihre Relevanz am Stockmaß ihrer großen alten Männer zu messen, gut daran, sich den Gegenständen ihres Fachs zu widmen – und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

Maria Kuberg ist Doktorandin an dem ZfL mit dem Projekt Der Chor in zeitgenössischen Theatertexten.

[1] Martin Doerry: »Schiller war Komponist«, in: Spiegel 06/2017, S. 104.

[2] Vgl. Lemma »relevant«, in: Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearbeitet von Elmar Seelbold, 24., durchges. u. erw. Aufl., Berlin, New York 2002, S. 756.

[3] Lemma »deuten«, in: Kluge, S. 193.

[4] Martin Doerry: »Schiller war Komponist«, in: Spiegel 06/2017, S. 109.

[5] Ebd.

[6] Bruno Latour: »Glaubst du an die Wirklichkeit?« Aus den Schützengräben des Wissenschaftskriegs, in: Ders.: Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt/Main 52015, S. 7–35.

 

Der Beitrag von Maria Kuberg gehört zu einer Gruppe von Texten, die unter dem Titel »Germanistik in der Kontroverse« auf dem ZfL Blog erschienen sind. Hier geht es zu den anderen Beiträgen:


Hanna Hamel: ENTUNTERWERFUNG. Zum Verhältnis von Literatur und Kritik in Michel Houellebecqs Roman »Unterwerfung« anlässlich einer »Krise der Germanistik«

Insa Braun: DIE UNFÜGSAMKEIT, ICH ZU SAGEN