Christina Pareigis: DER ABWESENDE GOTT. Abraham Sutzkever/Avrom Brudno: »unter dayne vayse shtern«

Als der jiddische Dichter Abraham Sutzkever 1943 im Ghetto von Wilna sein Gedicht »unter dayne vayse shtern« (»Unter deinen weißen Sternen«) schrieb, hatte er bereits die Ermordung der Hälfte aller jüdischen Einwohner der litauischen Hauptstadt, darunter seine Mutter und sein neugeborenes Kind, erlebt. Er selbst überlebte die Vernichtung zunächst in der durch die Deutschen besetzten Stadt bis dahin auch »Yerushalyim de Lite« genannt , dann im Ghetto und später als Partisan in den Naroczer Wäldern, von wo aus er noch während des Krieges nach Moskau gelangte. Nachdem er bei den Nürnberger Prozessen als Zeuge ausgesagt hatte, emigrierte er schließlich 1947 über Polen und Frankreich nach Erez Israel, wo er bis zu seinem Tod 2010 lebte und schrieb. So wendungsreich sein Lebensweg war, so vielschichtig sind seine lyrischen Texte. Immer neu kreisen sie um das Gedenken an die Ermordeten und versuchen, dem drohenden Abbruch jüdischer Gedächtnisgenealogie zu begegnen.

Als er schon in Israel lebte, bemerkte Sutzkever einmal, er habe nie wieder so viel und so gut geschrieben wie im Ghetto. Die Gedichte aus jener Zeit entstanden unter extremen Umständen: Immer auf der Flucht vor dem alltäglichen Terror durch die Nazis, versteckte sich Sutzkever in wechselnden Malinen, so wurden die selbstgebauten Verstecke im Ghetto genannt: in Kellerverschlägen, in den Röhren der Kanalisation, im Hohlraum eines Kupferdaches, einmal auch in einem Sarg. In dieser reglosen Enge entstanden Gedichte mit Überschriften wie »penemer in zumpn« (»Gesichter in Sümpfen«) oder »ikh lig in an orn« (»Ich liege in einem Sarg«). Darin erscheinen die unterirdischen Kanalgänge als schimmernde Geheimstadt, gleicht der Sarg, der ihn umgibt, hölzernen Kleidern, sind die Leiber der Ermordeten mit einer blau beleuchteten Marmorschicht überzogen, verwandelt sich der letzte Atemzug vor einer Scheinerschießung in die zeitlupenhaften Flügelschläge eines Vogelschwarms.

Wo die Erfahrung äußerster Gewalt auf diese synästhetisch anmutende Schönheit prallt, entstehen lyrische Antworten auf die Frage, wie über etwas zu sprechen ist, angesichts dessen jedes Sprechen vergeht; aber auch auf die Frage nach dem Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft in einer Situation, in der die Zerstörung nicht allein den Menschen, sondern auch ihren erzählenden Zeugnissen und aller Erinnerung an ihre Gegenwart droht. Dieses panische Bewusstsein führt in den Texten aus Ghetto und Fluchtorten in ein poetisches Wechselspiel zwischen Einblenden und Aktualisieren geschichtlicher und mythischer Erfahrungsmomente aus dem kollektiven Gedächtnis und dem aktuell Erlebten.

In Erinnerung an jene Jahre erzählt Sutzkever von den Orten, an denen jüdische Religiosität nunmehr im Verborgenen lebendig war: »Von den beiden Talmudschulen wusste die Ghettogemeinschaft so gut wie nichts. Nur während der Schlachtaktionen drang durch die Straßen eine Psalmenmelodie dann wurden die Stimmen der Jeschiwe-Leute lauter, damit Gott, der außerhalb des Ghettos wohnte, sie hören und sich erbarmen sollte.«

Auch Sutzkevers bekannteste Ghetto-Dichtung, vertont von Avrom Brudno und vermutlich uraufgeführt in einer Revue des Ghetto-Theaters, thematisiert das Rätsel des verborgenen göttlichen Antlitzes:

unter dayne vayse shtern
shtrek tsu mir dayn vayse hant.
mayne verter zenen trern
viln ruen in dayn hant.

ze, es tunklt zeyer finkl
in mayn kelerdikn blik.
un ikh hob gornit keyn vinkl
zey tsu shenkn dir tsurik.

un ikh vil dokh, got getrayer,
dir fartroyen mayn farmeg.
vayl es mont in mir a fayer.
un in fayer ‑ mayne teg.

nor in kelern un lekher
veynt di merderishe ru.
loyf ikh hekher ‑ iber dekher
un ikh zukh: vu bistu, vu?

nemen yogn mikh meshune
trep un hoyfn ‑ mit gevoy.
heng ikh ‑ a geplatste strune
un ikh zing tsu dir azoy:

unter dayne vayse shtern
shtrek tsu mir dayn vayse hant.
mayne verter zenen trern
viln ruen in dayn hant.

Beschworen wird ein Psalm Davids: »Wie lange noch, Herr, vergißt du mich ganz? / Wie lange noch verbirgst du das Gesicht vor mir? / […] / Wie lange noch darf mein Feind über mich triumphieren? / Blick doch her, erhöre mich, Herr, mein Gott, / erleuchte meine Augen, damit ich nicht entschlafe und sterbe«. Und ein paar Verse weiter: »Ich aber baue auf deine Huld, / […] / Singen will ich dem Herrn, / weil er mir Gutes getan hat.«

»Wie lange noch?« Die Stimme des Psalmensängers fragt aus der Erfahrung der Gleichgültigkeit Gottes und nimmt im nächsten Zug den Triumph der göttlichen Güte vorweg; im Gedicht aus dem Ghetto im Jahr 1943 wird sie überblendet von der vergeblichen Hingabe des Dichtersängers. Dabei wird die Allegorie des Gottsuchenden in ein nicht-allegorisches Bild verwandelt: Der spricht, ist buchstäblich auf der Suche. Er läuft »höher über Dächer», um seinen Gott zu finden; sein Gesang bleibt jedoch ohne Antwort, verliert sich unter den »Sternen», dem Abglanz göttlicher Schöpfertätigkeit in der Welt, dessen Licht die Augen dieses Sängers nicht mehr zu spiegeln vermögen: »Sieh, ihr Funkeln wird trübe / In meinem kellernen Blick.«

Der Erinnerung an die Möglichkeit einer vertrauensvollen Bindung an den persönlichen Gott entspringt die Melancholie dieses Textes, denn die Zuwendung gilt einem Gott, dessen Anwesenheit jetzt nur noch durch die Negation des Zweifels, der aussichtslosen Suche nach einem Verborgenen garantiert ist. »Gott« ein Zeichen, das nur noch im Schweigen seinen Ort hat, aber dennoch die Vorstellung einer gemeinschaftlichen Vergangenheit erinnert, die das Fortbestehen der Gemeinschaft sichert?

Im Angesicht der Vernichtung vollzieht der Blick zurück in die Geschichte, zurück nach Jerusalem, die gegenläufige Bewegung dieses Fortbestehens und damit des Fortgangs der jüdischen Geschichte überhaupt: von der Güte und Allmacht des Schöpfergottes Israels zur nicht endenden Suche nach ihm durch sein vergessenes Volk, vom königlichen Lobpreis seiner Gegenwart zum Lied des namenlosen Sängers über seine irreversible Abwesenheit.

 

Dieser Text erschien erstmals in: Trajekte Extra, 2010. Also singen wir. 60 Beiträge zur Kulturgeschichte der Musik

 

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