Ernst Müller: WIEDERGELESEN: Werner Mittenzweis Brecht-Biographie

Die zweibändige Brecht-Biographie »Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln« des DDR-Germanisten Werner Mittenzwei (1927–2014) gilt bis heute als Standardwerk. Seit ihrem Erscheinen 1986 im Aufbau-Verlag und ein Jahr später im westlichen Suhrkamp Verlag erlebte sie mehrere Auflagen. In der zeitgenössischen bundesrepublikanischen Kritik fand sie ein eher verhaltenes Echo. Das hatte politische und wissenschaftsgeschichtliche Gründe. Mittenzweis Werk, das bis dahin in der DDR Unerhörtes zu Brecht und der marxistischen Intellektuellengeschichte aus den Archiven zutage gefördert und kritisch dargestellt hatte, geriet schnell in den Schatten der von der Sowjetunion ausgehenden radikaleren Umwertungen während der Perestroika- und Glasnost-Politik. Das Echo war aber sicher auch deswegen verhalten, weil Mittenzweis biographische Methode weder traditionellen noch zeitgenössischen Erwartungen – etwa der Diskurstheorie, des Strukturalismus oder der Dekonstruktion – entsprach, denen Kategorien wie Autor und Werk und damit auch das Genre der Biographie überhaupt fragwürdig geworden waren.

Liest man dreißig Jahre später Mittenzweis bedeutendstes Werk wieder, so relativieren sich beide Vorwürfe. Heute erscheint das Buch als der nur kurzzeitig mögliche Versuch, Brecht kritisch aus einer Epoche, einer Bewegung heraus zu verstehen, welcher der Biograph selbst noch angehörte. Brecht ist fast noch Zeitgenosse. Bevor der kalte Krieg mit der überraschenden Erkenntnis geendet hat, dass die bessere, auch moralisch überlegene Seite gesiegt habe und in den 1990er Jahren oftmals die Gauck-Behörde die Deutungshoheit auch der DDR-Literaturgeschichte übernahm, diskutierte Mittenzwei mit Brecht Fragen, die zu stellen wenige Jahre später kaum noch möglich war: »Alles ist streng historisch und doch zugleich gegenwärtig« heißt es dort über Brechts Galilei, und das gilt auch für die Biographie. Der Leser wird konfrontiert mit Begriffen wie Sozialismus, Klassenkampf und revolutionäre Arbeiterklasse oder mit der Frage, ob und wie Sozialismus möglich sei – starker Tobak, zweifellos. Das eröffnet Perspektiven, verschließt natürlich andere. Brechts sieben Jahre in der DDR nehmen ein Viertel in Mittenzweis Biographie ein, und sie sind vielleicht die stärksten Teile des Buches. Über die Konkurrenz zwischen der klassizistischen Theorie von Georg Lukács und der modernistischen ästhetischen Praxis Brechts, über die heterogenen Schichten in Brechts Galilei (die Problematik des Faschismus, der sowjetischen Prozesse, der entdeckten Kernspaltung) oder über Brechts Agieren am 17. Juni 1953 ist wohl kaum noch einmal so detailliert und differenziert geschrieben worden.

Zum anderen erscheint die biographische Methode Mittenzweis, dem vorgeworfen wurde, Synthesen zu vermeiden, heute vielleicht gerade dadurch modern. Methodisch hochreflektiert, wenn auch in der Biographie selbst nicht expliziert, kritisiert Mittenzwei bewusst jede zweckgerichtete Bewegung und übergreifende Kohärenz in Biographien als bürgerliche Ausprägung des Genres und betont stattdessen Brüche. Gesellschaft steht im Mittelpunkt, aber nicht als abstraktes Hintergrundgebilde, sondern mit zum Teil glänzenden Porträts der Protagonisten im Geflecht von Beziehungen und Freundschaften, die für Brecht die konkreten Vermittlungsglieder zur Gesellschaft waren. Dadurch konnten zudem kritische Urteile über die bis in die Gegenwart reichende Geschichte der kommunistischen Bewegung die DDR-Zensur passieren. Hier kam Mittenzwei, dem Germanisten und Theaterwissenschaftler, der nicht nur Gründungsdirektor des Zentralinstituts für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR war, sondern in den 1970er und 1980er Jahren als dramaturgischer Mitarbeiter am Berliner Ensemble über Einsichten in die Praxis des Brechtschen Theaters verfügte, zugute, dass er neben dreißigjähriger Brechtforschung auch mit dem Umfeld, der Exilliteratur oder der weiteren Intellektuellen-und Theatergeschichte, bestens vertraut war und seinerseits auf die sozialkritische Potenz des Marxismus setzte.

Indem Mittenzwei Brechts Leben als den Versuch einer eingreifenden dialektischen Praxis, eines »Umgang mit den Welträtseln«, wie der Untertitel heißt, zu begreifen sucht, ist seine Darstellung ebenso fern der Heroisierung – welche etwa Jan Knopfs Biographie von 2012 vorgeworfen wurde (Jan Knopf: Bertolt Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Biografie. München 2012) – wie einer entlarvenden Schlüssellochperspektive (John Fuegi: Brecht and Company. Sex, Politics, and the Making of the Modern Drama. New York 1994). Auf 1.500 Seiten gelingt Mittenzwei eine von Theoriemoden freie, sehr lebendige Darstellung, die nichts ausspart: weder Brechts komplexes Arbeits-und Liebesverhältnis zu Frauen noch Brechts politische Kompromisse noch seinen stilisierten Lebensstil.

Der Philosoph Ernst Müller leitet am ZfL das Forschungsprojekt »Theorie und Konzept einer interdisziplinären Begriffsgeschichte«. Sein Text wurde erstmals in einem Themenheft der »Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes« (64. Jg., 2017, H. 2) veröffentlicht: »Germanistik in der DDR«, hg. v. Hendrikje Schauer u. Marcel Lepper. Dort erschien er gemeinsam mit sieben weiteren Kurzbeiträgen unter dem Titel »Wiedergelesen: acht germanistische Studien aus der DDR«.

 

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