Philip van der Eijk / Uta Kornmeier: ÜBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN

Unsere wichtigsten Informationsquellen zur antiken Medizin sind Texte und Artefakte, archäologische und anthropologische Überreste (wie etwa Skelette, mumifiziertes menschliches Gewebe, Nahrungsreste oder Spuren von Lebensgewohnheiten). Im Laufe der Zeit sind jedoch viele dieser Belege durch Feuereinwirkung oder Verfall aufgrund ungünstiger Umweltbedingungen, oder auch, weil die Zeugnisse verlegt wurden und nicht mehr auffindbar waren, verloren gegangen oder stark beschädigt worden. Um herauszufinden, wie Menschen in der antiken Welt über die Seele und den Körper dachten und wie sie es mit Gesundheit und Krankheit hielten, müssen Medizin- und Philosophiehistoriker deshalb Detektivarbeit leisten: Auf der Basis fragmentarischen Materials gilt es, relevante Hinweise aufzuspüren und die Vergangenheit zu rekonstruieren. Vergegenwärtigt man sich dabei, dass einige Quellen mehr als 2.000 Jahre alt sind, ist es erstaunlich, wie genau die vorfindbaren Informationen sein können und wie nahe wir damit an die Vorstellungen antiker Menschen herankommen können.

Schriftliche Quellen

In der Antike hielten viele Ärzte ihre Beobachtungen, Diagnosen und therapeutischen Ratschläge schriftlich fest. Sie verfassten Fallgeschichten der Patienten, die sie untersucht und behandelt hatten, sammelten diese Befunde und entwickelten auf der Grundlage ihrer Zusammenstellungen allgemeinere Theorien. Zudem schrieben sie Abhandlungen, in welchen sie ihre Ansichten über Körper und Seele, über die Gesundheit sowie die Ursachen und Behandlungen von Krankheiten niederlegten. Die Entwicklung der griechischen und lateinischen medizinischen Literatur stellte einen wesentlichen Faktor in der Vermittlung und Erläuterung von Ideen für Patienten und Schüler der Medizin dar. Philosophen hielten ihre Auffassungen ebenfalls in Form von Dialogtexten und Traktaten fest, die dann dem Studium in Philosophenschulen dienten.

Bevor im Mittelalter das Papier eingeführt wurde, nutzten die Menschen Schreibtafeln – hölzerne, mit einer dünnen Wachsschicht gefüllte Rahmen – und Papyrus, ein papierartiges Material aus der Faser der Papyruspflanze, als Schreibgrundlage. Außerdem verwandten sie Pergament, also aufgearbeitete Tierhaut und banden die Seiten in Form eines Kodex, dem Vorläufer unseres Buches mit festem Einband, zusammen. Texte wurden von Hand durch Schreiber (meist Sklaven) kopiert. Einige Ärzte, wie etwa Hippokrates und Galen, erlangten eine derartige Berühmtheit, dass ihre Schriften in zahlreichen Kopien von Generation zu Generation weitergereicht wurden und als Lehrbücher in der medizinischen Ausbildung über viele Jahrhunderte hinweg zum Einsatz kamen. In gleicher Weise entwickelten sich Platon und Aristoteles zu den führenden philosophischen Autoritäten, und ihre Werke fanden über die Grenzen der Philosophenschulen hinaus weite Verbreitung. Andere medizinische und philosophische Autoren waren bei der Absicherung ihres Expertenstatus weniger erfolgreich. Ihre Arbeiten gerieten allmählich in Vergessenheit, und wir wissen von ihnen heute nur noch indirekt durch Hinweise und Zitate in anderen Werken. In diesem Sinne ist Galen eine Hauptquelle etwa für Ansichten von Praxagoras, Herophilos, Erasistratos und die Stoiker, während Aristoteles ein wichtiger Gewährsmann für Ansichten älterer Philosophen wie etwa Anaxagoras ist.

Viele Papyrustexte haben sich bis heute erhalten, weil sie in den günstigen klimatischen Bedingungen der ägyptischen Wüste überdauern konnten. Allerdings sind sie oft beschädigt oder aber auseinandergerissen, so dass wir die Texte manchmal ergänzen müssen, wenn ein Papyrus etwa nur in Bruchstücken vorliegt. Andere Texte haben in Gestalt mittelalterlicher Manuskripte, die in Klosterbibliotheken gefertigt wurden, überlebt. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts erschienen die ersten gedruckten Ausgaben der noch vorhandenen Werke von Hippokrates, Galen und Aristoteles. Sie sind das Endprodukt einer mehr als tausend Jahre währenden manuellen Übermittlungstradition, in welcher viele Texte verloren gegangen sind und sich Fehler in die Kopien eingeschlichen haben, wodurch unterschiedliche Versionen ein und desselben Textes entstanden sind. In einigen Fällen kam der ursprünglich in Griechisch oder Latein abgefasste Text abhanden, überdauerte aber in Gestalt einer Übersetzung ins Arabische oder Syrische, da islamische Ärzte und Philosophen größtes Interesse an der griechischen und römischen Medizin hatten. Betrachtet man hingegen die unzulänglichen Bedingungen, unter welchen die Menschen lesen und schreiben mussten, und die zeitliche Distanz zwischen den späteren Kopien und den ursprünglich abgefassten Texten, ist es erstaunlich, wie viele Schriften aus der Antike überkommen sind und wie textgetreu die Manuskripte die Ausführungen der ursprünglichen Autoren erhalten haben. Die Rekonstruktion dessen, was Persönlichkeiten wie Galen und Aristoteles geschrieben haben, basiert auf sorgfältigen Untersuchungen der vorhandenen Manuskripte. Sie ist die Aufgabe von Paläographen und Philologen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit spiegeln sich in den kritischen Editionen wider, durch die wir die antiken Texte heutzutage lesen können. Manchmal tauchen aber auch neue Texte in staubigen byzantinischen Bänden auf: So wurde eine ›psychotherapeutische‹ Schrift Galens, die als verloren galt, erst vor zehn Jahren in einem fragilen Manuskript aus dem 15. Jahrhundert wiederentdeckt. Wegen eines Fehlers im Inhaltsverzeichnis des Manuskripts hatte sie niemand bemerkt!

Übersetzung und Interpretation

Die Überbrückung der Gedankenwelt zwischen Altertum und Gegenwart ist aber nicht nur eine Frage der Restaurierung und Rekonstruktion antiker Texte. Es geht auch um Übersetzung, Interpretation und Kontextualisierung. Ärzte in der Antike standen vor der Herausforderung, ein medizinisches Vokabular erfinden zu müssen, zunächst in Griechisch, dann in Latein. Sie mussten eine eigene Terminologie erarbeiten, die ihre Beobachtungen und Auffassungen über Körperteile, Symptome und Krankheiten sachgerecht wiedergab. In gleicher Weise entwickelten Philosophen ausgefeilte Konzepte und Fachbegriffe, um die Feinheiten ihrer Theorien und gedanklichen Unterscheidungen zu vermitteln. Viele dieser Ausdrücke finden wir bis heute in unseren modernen Sprachen, auch wenn sich die Bedeutung der Worte oft gewandelt hat. So bedeutet das griechische Wort organon, von dem sich unsere Bezeichnung Organ ableitet, im ursprünglichen Wortsinn ›Instrument‹ oder ›Werkzeug‹. Wenn Galen sagt, der Körper sei das organon der Seele, meint er, dass die Seele den Körper als Instrument oder Werkzeug nutzt, um ihre Aufgaben umzusetzen und ihre Ziele zu erreichen; der heutige Gebrauch des medizinischen Ausdrucks Organ unterscheidet sich davon grundlegend. In ähnlicher Weise haben viele Bezeichnungen für Krankheiten einen Bedeutungswandel erfahren: So ist zum Beispiel das, was man in der Antike unter Typhus verstand, nicht das Gleiche, was man in der heutigen Medizin als ein Thyphusfieber ansieht, und unser Wort Melancholie bedeutet etwas ganz anderes als das griechische melancholia. Wenn wir somit antike Texte lesen, müssen wir vorsichtig sein und versuchen, sie in ihren eigenen Begrifflichkeiten und innerhalb ihres historischen Kontextes zu verstehen. Das Gleiche trifft auf antike philosophische Texte zu: So wird etwa das griechische Wort phantasia üblicherweise mit Einbildung übersetzt, ein Begriff, der oft auf den visuellen Bereich eingeschränkt verstanden wird. Überdies suggeriert er einen kreativen Aspekt, der ursprünglich im Ausdruck nicht beabsichtigt war. Das griechische Wort bedeutet eher Vorstellung und kann sich auch auf einen Einfluss aus anderen Sinnesbereichen – wie Hören, Riechen, Schmecken, Tasten – beziehen. Bisweilen können diese Begriffe wegen der Geschichte ihres Gebrauchs in verschiedenen Sprachen auch alle möglichen unterschiedlichen Assoziationen hervorrufen: soul und mind sind gute Beispiele im Englischen, Seele und Geist analog im Deutschen.

Materielle Überreste von Sachzeugen

Während uns medizinische und philosophische Texte relativ gute Einblicke in antike Vorstellungen vom Leben, von der Seele und dem Körper gewähren, bieten Objekte und Bilder eine andere Sicht der Dinge. So können wir von Gegenständen, wie etwa chirurgischen Instrumenten, Körperteilvotiven und Vasenmalereien, sehr viel über die konkrete Anwendung medizinischer Behandlungsmaßnahmen lernen, über die Bilder, die sich die Menschen vom Körperinneren machten, und wie sie in ihrem Alltag als mögliche Patienten dem Arzt gegenübertraten – weniger jedoch über die zugrundeliegende Körper- und Seelenkonzeption.

Die archäologischen Überreste mit direktestem Bezug zur Medizin sind die Werkzeuge des Arztes. Allerdings müssen wir hier mit unseren Interpretationen vorsichtig sein, da die gefundenen Instrumente nicht ausschließlich für den medizinischen Einsatz gefertigt wurden. Archäologen haben diese Stücke bisweilen sehr unterschiedlich gedeutet: Spatel und Messer können im Rahmen einer archäologischen Grabung, bei der der Kontext noch nicht geklärt ist, ebenso gut als medizinische Instrumente oder chirurgische Messer gedeutet werden, wie als Objekte aus der Küche, einer Maler- oder Töpferwerkstatt oder als Toilettenartikel. Überdies haben lediglich Teile, die aus Metalllegierungen wie Bronze oder Messing bestehen, überdauert, wohingegen Instrumente aus Eisen, wie etwa Zahnreißzangen oder Skalpellklingen, überwiegend verrostet und zerfallen und somit verloren gegangen sind. Andererseits liegt ein medizinischer Zusammenhang etlicher der gesichert überkommenen Instrumente nahe, zumal sich ihre Form über die letzten zweitausend Jahre hinweg kaum verändert hat, wie etwa im Fall des gynäkologischen Spekulums.

Unsere besten archäologischen Quellen zur medizinischen Antike verdanken wir dem Begräbnisritual aus der römischen Kaiserzeit, bei dem man dem Verstorbenen einen Teil seines Besitzes ins Grab mitgab. Der vielleicht spektakulärste derartige Fund ist das Grab eines Arztes in Bingen am Rhein im Jahr 1924. Neben der Urne des Kremierten stießen die Ausgräber auf eine große Bronzeschale mit einem Bestand von an die sechzig Objekten, wobei es sich zumeist eindeutig um medizinische Instrumente handelte. Unter den Stücken fanden sich dreizehn Skalpelle, wovon einige noch weitgehend intakte Klingen aufwiesen, drei Schröpfköpfe inklusive eines mit Weinranken verzierten Ständers sowie ein Instrumentenset, um Löcher in den Schädel zu bohren. In einem anderen Grab in der früheren römischen Siedlung von Wehringen bei Augsburg wurde ein Lederetui mit sechs chirurgischen Instrumenten gefunden sowie ein in mehrere Fächer unterteiltes Kästchen, das sogar noch Reste von Medizin enthielt. Obwohl das Wehringer Instrumentarium relativ klein ist, vereinigt es eine typische Zusammenstellung von Werkzeugen für vielfältige medizinische Anwendungsmöglichkeiten: Knochenheber, Skalpelle mit unterschiedlich geformten Klingen, Haken und Zangen.

Ähnliche Instrumentarien des praktischen Mediziners oder Chirurgen lassen sich auch auf plastischen Werken wie etwa dem in der Ausstellung als Abguss gezeigten Grabrelief eines Arztes finden. Wir kennen etliche derartige Werke, die Ärzte mit medizinischen Instrumenten als ihren Attributen darstellen, so etwa das Relief des Arztes »Jason, auch genannt Decimus aus Acharnes«. Für jene Betrachter, die die Inschrift nicht lesen oder die Abbildung eines Arztes, der einen Patienten untersucht, nicht erkennen konnten, kennzeichnete ein riesiger Schröpfkopf an der rechten Seite die Profession. Manchmal wurden die Werkzeuge aus der praktischen Tätigkeit des Arztes noch durch Bücher oder Schriftrollen ergänzt, um die intellektuelle oder philosophische Seite der Medizin gleichermaßen zum Ausdruck zu bringen. Die Ärzte sind in diesen Kunstwerken für gewöhnlich als Einzelpersonen dargestellt oder als Individuen, die einen Patienten vorsichtig berühren. Wenn Ärzte bei der Ausübung eines operativen Eingriffs ins Bild gesetzt sind, werden sie als Militärärzte gekennzeichnet, die – oft mit einem Bezug zur Mythologie – Pfeile aus dem Körper eines Soldaten entfernen oder seine Wunden versorgen.

Obschon wir aus Anmerkungen in ihren Schriften wissen, dass antike Ärzte und Philosophen bisweilen auch Bilder vom Körperinneren anfertigten, haben sich keine solche erhalten. Was derartigen Darstellungen am nächsten kommt, sind anatomische Votivgaben. Die Praxis, Bilder von erkrankten Körperteilen in Tempeln, die Heilgöttern geweiht waren, zu hinterlassen, war in den antiken Kulturen weit verbreitet. Für gewöhnlich repräsentieren diese Votive jedoch leicht zugängliche äußerliche Körperstrukturen, wie etwa Ohren oder Füße. Votive innerer Organe gelten als eine Besonderheit der Etrusker: In ihren Heiligtümern nahe Rom fand man hunderte von Terrakotta-Votiven, die Eingeweide des Ober- und Unterbauchs zeigten. Obgleich die Organe sehr stilisiert und hinsichtlich ihrer Lage teilweise schematisch wiedergegeben sind, werden die Topographie des Körperinneren annähernd korrekt und die Organform durchaus nachvollziehbar festgehalten. Da die meisten dieser Votive in Modeln (Druckformen) gepresst wurden, waren sie rasch und ohne großen Aufwand herzustellen. Allerdings bleibt unklar, wie sich die Handwerker, die die Originale für die Herstellung der Formen schufen, ihre anatomischen Kenntnisse erwarben. Griffen sie für die Bildgebung auf Beobachtungen von Tieropfern oder Tiersektionen zurück? Oder wurden die Werke durch einen geschulten Arzt autorisiert, um sie dann durch Kopien zu verbreiten? Obgleich sich die hippokratische Medizin unabhängig von den Heilkulten entwickelte, existierten beide Formen der Medizin offenkundig parallel über die gesamte Zeit der Antike hinweg.

Trotz des hohen sozialen Ansehens und der intellektuellen Bedeutung des ärztlichen Berufsstandes fand er keinen bildlichen Niederschlag in der griechischen Vasenmalerei. Sogar bei dem am häufigsten reproduzierten Bildmotiv mit einer antiken medizinischen Handlung in diesem Genre handelt es sich um eine mythologische Szene: Achilles verbindet den verwundeten Patroklos. Dieses Bild bringt eher die enge Beziehung der beiden Heroen zum Ausdruck, als eine genau beobachtete Darstellung einer professionellen Wundversorgung, zumal Achilles es fertigbringt, den Verband so anzulegen, dass beide Enden parallel zueinander geführt aufeinander treffen und daher nicht miteinander verknotet werden können. Alles in allem bietet die antike Vasenmalerei, obgleich sie als Quelle für zahlreiche Aspekte des antiken Lebens dient, nicht viele Informationen zur praktischen Ausübung der Medizin. Allerdings gewährt sie durch die Wiedergaben von Alltagsszenen durchaus Einblicke in die großen Zusammenhänge, in welchen Medizin in der Antike ausgeübt wurde.

Die Kunsthistorikerin Uta Kornmeier leitet am ZfL das DFG-Forschungsprojekt »Intime Bilder. Die Geschichte kunsthistorischer Radiographie«, Philip van der Eijk ist Professor für Klassische Altertumswissenschaften und Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihr gemeinser Text ist dem 2016 auf Englisch erschienenen Ausstellungskatalog »The Soul is an Octopus. Ancient Ideas of Life and the Body«, herausgegeben von Uta Kornmeier, entnommen.
Die erstmals im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité präsentierte und von Uta Kornmeier kuratierte Ausstellung »Die Seele ist ein Oktopus. Antike Vorstellungen vom belebten Körper« des Exzellenzclusters Topoi wird ab dem 20. Juli 2017 im Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt gezeigt.