Tatjana Petzer: ARCHITEKTUR DER EINHEIT – Berlins Fernsehturm

Am 3. Oktober begeht der 1969 eingeweihte Berliner Fernsehturm seinen Jahrestag [Abb. 1: Berliner Fernsehturm, im Vordergrund das Deutsche Historische Museum]. Seit einigen Jahren wird hier in dem auf 207 m Höhe gelegenen Drehrestaurant Sphere, ehemals Tele-Café, das »Einheits-Menü« aus kulinarischen Ost- und West-Spezialitäten serviert. Dass das einstige Wahrzeichen der DDR nach dem Mauerfall rasch zum Symbol des wiedervereinten Deutschlands avancierte, verdankt es nicht allein seinem heutigen Betreiber, der Deutschen Telekom, die mit eindrucksvollen Außenverkleidungen der Turmkugel zu besonderen Anlässen auch für Deutschland wirbt. Es ist die in der Tradition von Kugelbauten stehende sphärische Konstruktion selbst, die eine architektonische Vision gesellschaftlicher Einheit verkörpert.

Neues Zentrum

Nach der Gründung der DDR galt es, das Gebiet um das im Krieg zerstörte Stadtschloss gemäß den Prinzipien des sozialistischen Städtebaus umzugestalten. Hier sollte der politische Mittelpunkt Ost-Berlins entstehen, wo Aufmärsche und Volksfeiern stattfinden konnten, gerahmt von einer monumentalen Silhouette und einem zentralen  Regierungsgebäude am Ufer der Spree. Ein führender Entwurf dafür stammte von Richard Paulick, der in der Vorkriegszeit Assistent bei Walter Gropius gewesen war, sich als DDR-Architekt aber vom Modernismus verabschieden musste. Sein massives Regierungshochhaus orientierte sich am Vorbild von Boris Iofans Entwurf des für das Stadtzentrum des Neuen Moskau geplanten »Palasts der Sowjets« von 1934, den Stalin persönlich in Höhe und Gestaltung verändert hatte. Mit 415 m sollte der Palast als höchstes Gebäude der Welt das Empire State Building in New York ablösen; doch der Bau kam nicht über das Fundament hinaus und wurde in den 1950er Jahren verworfen.

Unter Druck geriet die DDR-Regierung durch den städtebaulichen Wettbewerb »Hauptstadt Berlin«, den der West-Berliner Senat und der Deutsche Bundestag am 26. Oktober 1955 beschlossen und für 1957/58 ausgeschrieben hatte. An renommierte Architekten wie Le Corbusier in Paris, Hans Scharoun in Berlin und Adolf Ciborowski in Warschau war die Aufgabe herangetragen worden, die zerstörte alte Stadtmitte, die bisher nicht wiederaufgebaut worden war, als ein modernes weltstädtisches Zentrum der zukünftigen Hauptstadt Deutschlands zu gestalten, und zwar mit allen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Einrichtungen einer geeinten deutschen Hauptstadt. Ohne Rücksicht auf Sektorengrenzen reichte das Wettbewerbsgebiet vom Brandenburger Tor im Westen bis zum Alexanderplatz im Osten, vom Oranienburger Tor im Norden bis zum Mehringplatz im Süden. Aus den Entwürfen stach der des französischen Architekten Jean Faugeron hervor, der einen Fernsehturm mit dreiseitigem Turmschaft für die Berliner Friedrichstadt vorsah, umgeben von in Ellipsenform dicht gereihten Hochhäusern. Insbesondere der Schattenwurf in der Draufsicht des Entwurfs zeigt große Ähnlichkeit mit dem späteren Turm am Alexanderplatz.

Auf diese Wiedervereinigung am Reißbrett reagierte Ost-Berlin am 7. Oktober 1959 seinerseits mit der Ausschreibung eines »Internationalen Ideenwettbewerbs zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der Hauptstadt der DDR, Berlin«. Das Planungskollektiv um Gerhard Kosel, Staatssekretär und stellvertretender Minister für Aufbau und Präsident der Deutschen Bauakademie, veröffentlichte dazu klare architektonische Richtlinien. Kosels eigener Vorschlag, ein monumentales Marx-Engels-Forum am Ost-Ufer der Spree zu errichten, das erste Entwürfe um 1950 von Paulick wieder aufgriff und außer Konkurrenz lief, nahm im Wettbewerb die ungekürte Siegerposition ein. Einige Teilnehmer schlugen den Leitlinien der SED zum Trotz vor, auf den Hochhausmonolithen zugunsten einer symbolischen Höhendominante zu verzichten. Darunter war der Entwurf von Hermann Henselmann, seit 1953 Chefarchitekt beim Magistrat von Ost-Berlin, der ebenfalls außer Konkurrenz lief. (Rainer Haubrichs Artikel »So hätte Berlin um ein Haar ausgesehen« enthält Bilder vom Regierungshochhaus und Henselmanns Modell.) Henselmann durchkreuzte die offizielle, nach Stalins Tod als unzeitgemäß empfundene Leitarchitektur mit einer modernen Konzeption der Stadtmitte. Anstelle eines Monumentalbaus nach sowjetischem Muster schlug Henselmann eine verkehrsberuhigte Zentrumsinsel mit einem zentralen »Forum der Nation« vor. Es handelte sich um einen dreigeteilten Komplex mit Parlamentsgebäude, das durch ein Wasserbecken mit einem futuristischen Bau an der östlichen Seite verbunden war. Letzterer, eine in zwei Parabelbögen eingehängte Kundgebungshalle in Form eines leicht abgeschrägten und abgeflachten Ellipsoids, trug den goldenen Schriftzug »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Zum Westen hin sollte sich ein Marx-Engels-Denkmalensemble erheben: ein ca. 300 m hoher Fernsehturm, interpretiert als »Turm der Signale«, der die Bedeutung von »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor« verkörpern sollte, und zu dessen Fuße eine aus einem roten Marmorblock bestehende Marx-Engels-Ehrenhalle. Die technische Skizze zeigt den Turm bereits mit einer Kugel, darin enthalten sind Fernseh- und UKW-Technik, die Drehmaschinerie sowie die Aussichts- und Restaurantetage. Deshalb gilt dieser Entwurf als Geburtsstunde des Berliner Fernsehturms. Doch 1959 war Henselmanns an westlich-modernistischer Architektur angelehnter Entwurf als politischer Affront verstanden worden und Anlass, den Berliner Chefarchitekten seiner Funktion zu entheben.

Turmbau zu Berlin

Anfang der 1960er Jahre befanden sich zwei prominente DDR-Hauptstadtprojekte in einer Sackgasse. Die weiter verfolgten Entwürfe für das Regierungshochhaus unter der Bezeichnung »Zentrales Gebäude« sahen nun die Erweiterung der Spree vor und in deren Mitte, umgeben von Wasser, die Volkskammer samt einer 90m hohen gläsernen Überkuppelung. Die Kuppelbauten immanente Machtsymbolik wurde dabei durch die Materialwahl Glas als Zeichen für Transparenz in der parlamentarischen Arbeit in einer Demokratie verknüpft. Auf diese Vorschläge für den Marx-Engels-Platz konnte man sich jedoch nicht einigen, und da der Nutzen in Hinblick auf die bereits bestehenden Regierungsgebäude fraglich erschien, wurde das Bauvorhaben zurückgestellt. Das zweite Projekt, das sich bereits in der Bauphase befand, der Ost-Berliner Funk- und Fernsehturm, sollte das signaltechnische Empfangs- und Frequenzproblem lösen und die DDR-Bürger dem Einfluss westlicher Sender entziehen. Bauvorhaben an den Standorten Müggelberge (wo der Turm aber den Schönefelder Flugverkehr behindert hätte) und im Volkspark Friedrichshain (wo man den mit 360 m aus allen Berliner Bezirken sichtbaren Turm bereits als »Wahrzeichen der vereinigten Stadt Berlin« visionierte) waren abgebrochen worden. Der Mauerbau hatte die volkswirtschaftlichen Ressourcen strapaziert, umso deutlicher traten die Dringlichkeit, den funktechnischen Missstand zu überwinden, sowie die Notwendigkeit eines baupolitischen Zeichens hervor.

Pragmatische und ideologische Bedürfnisse wurden schließlich befriedigt, als der Alexanderplatz zum Standort des Funk- und Fernsehturms der DDR bestimmt wurde und damit auch den alles überragenden Monumentalbau in der Funktion der städtebaulichen Höhendominante beerbte. Am Fernsehturm wurde nun das geänderte städtepolitische Leitbild ablesbar. Zusammen mit dem rund um den Alexanderplatz errichteten Ensemble von Verwaltungsbauten (Haus der Elektroindustrie, Haus des Reisens, Haus der Statistik, Verlagshochhaus, Haus des Lehrers) hatte er eine repräsentative Funktion und legte Zeugnis von der Stellung von Technik und Medienindustrie im sozialistischen Staat ab.

Das Bauvorhaben wurde im September 1964 vom Politbüro der SED beschlossen, mit der Gesamtleitung wurde Kosel beauftragt. Unter den Mitverantwortlichen war auch der wieder eingesetzte Henselmann, dessen Projektierungsgruppe den für den Standort Friedrichshain konzipierten Turm nun entsprechend für das Stadtzentrum umarbeiten sollte, so dass dieser in Funktion und Gestalt dort zur baukünstlerischen Stadtkrone werden konnte. Beide, Kosel wie Henselmann, wollten einen Turmkopf in dynamischer Kugelform und nicht in Form eines Zylinders, der inzwischen nach dem Stuttgarter Vorbild für Funktürme weltweit üblich geworden war. Begründet wurde die Kugelform ästhetisch – nur eine neue Form konnte auch zum einprägsamen Wahrzeichen werden – und vor allem funktionell – die Kugelform ist im Vergleich zum Zylinder effizienter, denn bei kleiner Oberfläche erhöht sich die Nutzfläche für die Betriebsräume. Die Kugelkonstruktion, die letztlich im Politbüro im Februar 1965 vorgestellt und bestätigt wurde, war jedoch weder die von Henselmann von 1959, der sich diese mit Rubinen besetzt, rot strahlend vorgestellt hatte, noch die von Kosel von 1964, der sie vergoldet sehen wollte. Vielmehr handelte es sich um eine Kugel, der Architekten und Ingenieure des VEB Industrieprojektierung Maß, Form und Technik gegeben hatten. Rostfreier, aus Westdeutschland importierter Edelstahl diente als Außenverkleidung, auf die aus Gründen der Stabilität kleine Pyramiden aufgesetzt wurden, um die Angriffsfläche für Winde zu verringern.

Nach 53 Monaten Bauzeit konnte der Fernsehturm zum 20. Jahrestag der DDR eröffnet werden [Abb. 2: Berliner Fernsehturm, Modell von 1969, Foto: Alter Jakob]. Ebenso wie Kosel und Henselmann, die wegen diverser Kostenexplosionen – der eine beim Turmbau, der andere beim Haus des Lehrers – in Ungnade gefallen waren, geriet der parteilose Architekt der Turmkugel vom VEB Industrieprojektierung Berlin, Fritz Dieter, wegen des sich im Sonnenlicht auf der Kugeloberfläche abzeichnenden Kreuzes in Misskredit, obwohl man dieses vielleicht auch einfach als Plus des Sozialismus hätte deuten können. Anstelle des »Zentralen Gebäudes« wurde wenige Jahre später ein modernistischer Mehrzweckbau errichtet – der Palast der Republik.

Kugelsymbol

Die Kugel wird seit jeher als vollkommene Gestalt betrachtet, die Welt und Kosmos repräsentiert. Konstruierte Sphären wie die Berliner Turmkugel verkörpern architektonisch elementare Gesetzmäßigkeiten der Natur wie auch der Kultur: Ganzheit und Einheit. Die französische Revolutionsarchitektur fand im Kugelbau die visuelle Repräsentation der politischen Einheit einer Vielheit, einer Totalität ohne Hierarchie und damit den symbolischen Ausdruck der Volkssouveränität. Dafür stehen Étienne-Louis Boullées unrealisiert gebliebene Entwürfe »Kenotaph für Newton« (1784), eine radikale Verkörperung von Vollkommenheit, kosmischer Universalität und allseitiger Symmetrie, sowie »Tempel der Vernunft oder der Natur« (ca. 1793), ein Versammlungsbau des Volkes.

Die Faszination für Kugelbauten verstärkte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch kamen entsprechende Entwürfe, abgesehen von Kuppeln und Halbsphären bei Sternwarten und Planetarien, oft nicht über Skizze und Planungsstadium hinaus. Immer öfter riefen auch schwebende Kugeln Vorstellungen des Planetarischen und Globalen auf. Exemplarisch steht dafür in der frühsowjetischen Architektur Ivan Leonidovs Lebenswerk.

Den Anfang bildete dessen »Lenin-Institut« (Diplomarbeit 1927) [Abb. 3], ein Ensemble aus Bibliothekshochhaus und einer scheinbar abhebenden Glaskugel, die als »wissenschaftlich-optisches Theater«, als Auditorium und Massenversammlungsraum mit Blick in den Kosmos dienen sollte. Es kulminierte in seiner Konzeption einer Stadt der Zukunft (1950er Jahre), in der schwebende Kugeln eine prominente Stellung einnahmen und deren Titel »Sonnenstadt« an das gleichnamige utopische Gemeinwesen des italienischen Philosophen Tommaso Campanella von 1602, »La città del Sole«, erinnerte, sowie in dem für die Weltausstellung in Brüssel 1958 skizzierten Sitz der Vereinten Nationen in Kugelform.

Einer der wenigen tatsächlich realisierten Kugelbauten aus dieser Zeit wurde zum Wahrzeichen der Weltausstellung 1939/1940 in New York [Abb. 4: 1939 World’s Fair. Foto via New York Public Library]. Diese stand unter dem Motto »Building the World of Tomorrow, For Peace and Freedom – all Eyes to the Future« und hatte zum Thema, wie die Welt im Jahre 1960 aussehen könnte. Eine begehbare Kugel mit ca. 55 m Durchmesser, die Perisphere, diente als Ausstellungsraum für die von Henry Dreyfuss designte futuristische Metropole »Democracity« und wurde gemeinsam mit der Trylon (Zusammensetzung aus triangular und pylon), einer ca. 186 m hohen Metallnadel mit dreieckigem Grundriss, als Themenensemble von den Architekten Wallace Harrison und J. André Fouilhoux entworfen. Allerdings handelte es sich noch um temporäre Konstruktionen; sie wurden im Zweiten Weltkrieg abmontiert und dienten als Rohstoff für die Kriegswirtschaft.

Spätere Weltausstellungen boten immer wieder Gestaltungsräume für architektonische Sphärenkonstruktionen. Nicht zuletzt hatte der am 4. Oktober 1957 erfolgreich gestartete erste sowjetische Sputnik der Kugelform weiteren Symbolcharakter verliehen. So wurde beispielsweise für die »Century 21 Exposition« von 1962 in Seattle die Space Needle, ein 184m hoher Aussichts- und Restaurantturm, errichtet. R. Buckminster Fuller baute für die Expo ’67 in Montreal den amerikanischen Pavillon in Form einer gewaltigen geodätischen Kuppel, die aus einem falt- und zerlegbaren Raumfachwerk aus Stahlröhren konstruiert war. Diese Bauweise basiert auf Fullers Designwissenschaft, der Synergetik, die er in den Dienst einer Vision stellte: eines durch modernste Transport- und Kommunikationsmedien geeinten Planeten, den er explizit »Raumschiff Erde« nannte.

Als die schwebende und um ihre eigene Achse rotierende Kugel am Alexanderplatz projektiert wurde, waren derartige Elemente also bereits Bestandteil der modernen Architektursprache in Ost und West. Henselmanns »Turm der Signale« und der spätere Fernsehturm, auch »Spree-Sputnik« genannt, knüpften zweifellos an die in der Kugelform verankerte Fortschritts- und Weltraumsymbolik an. Das Besondere war, dass mit der Kugel im neuen Stadtzentrum von Ost-Berlin eine begehbare kulturelle Partizipationssphäre der Egalität geschaffen wurde: ein gesellschaftlicher Treffpunkt und ein optisches Höhentheater mit Blick nach Ost und West, das auf über 200 m Höhe die durch den Mauerbau zementierte Teilung der Stadt quasi aufhob. Heute ist das höchste Bauwerk Deutschlands weniger Wallfahrtsort für Ostalgiker als internationales Wahrzeichen der Bundesrepublik und ihrer Hauptstadt. Form und Funktion entsprechen modernen Einheitssymboliken: der Gemeinschaftskultur, symbolisiert etwa durch die im Rahmen der WM-Kampagne 2006 vorgenommene Umdekoration der Turmkugel zum Riesenfußball, und – anders als zu Zeiten des Kalten Krieges, als der Fernsehturm noch Ort der Zentralisierung von Information zur einheitlichen Meinungsbildung und Abschottung war – dem regionalen Kommunikationsnetzwerk sowie der medientechnologischen Vision einer globalisierten Welt, in die sich die universale Konstruktion nach dem Mauerfall nahtlos einfügte.

Literatur
Selim O. Chan-Magomedow: Pioniere der sowjetischen Architektur (Dresden: Verlag der Kunst 1983).

Susanne von Falkenhausen: Kugelbauvisionen. Kulturgeschichte einer Bauform von der Französischen Revolution bis zum Medienzeitalter (Bielefeld: Transcript 2008).
Bruno Flierl: Gebaute DDR. Über Stadtplaner, Architekten und die Macht (Berlin: Verlag für Bauwesen 1998).
Elmar Kossel: Hermann Henselmann und die Moderne. Eine Studie zur Modernerezeption in der Architektur der DDR (Königstein: Langewiesche 2013).
Joachim Krausse, Claude Lichtenstein (Hg.): Your Private Sky. R. Buckminster Fuller (2 Bde., Baden: Müller 1999/2001).
Peter Müller: Symbol mit Aussicht. Die Geschichte des Berliner Fernsehturms (Berlin: Verlag für Bauwesen, 2. Aufl. 2000).

Die Literaturwissenschaftlerin und Slawistin Tatjana Petzer arbeitet als Dilthey-Fellow am ZfL mit dem Forschungsprojekt Wissensgeschichte der Synergie. Im Wintersemester 2017/18 vertritt sie am Seminar für Slavistik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Professur für Slavistische Kulturwissenschaft.