Stefan Willer: KAKELBUNT. Diversität auf Plattdeutsch

»Plattdeutsch ist eine Sprache unserer Zeit.« So beginnt das – auf Hochdeutsch verfasste – Vorwort von Platt. Dat Lehrbook, 2016 herausgegeben vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen.[1] Auch andernorts bemüht man sich um die zeitgemäße Verbreitung des Niederdeutschen: auf Websites wie Plattnet und Plattdeutsch.net, bei Festivals und Wettbewerben wie Plattart, Plattsounds oder Platt is cool, in der Gestaltung von Grundschullehrplänen in den norddeutschen Bundesländern. Was bei alldem auffällt, ist die Nähe derzeitiger Platt-Vermittlung zu Programmen sprachlicher und kultureller Diversität.

Zum Auftakt von Plattart im März 2017 schrieb die Festivalleiterin, die Autorin und Schauspielerin Annie Heger:

Unser Motto: WI KRIEGT DAT HEN! Wi Plattdüütschen, wi seggen dat nich blot so, wi meent dat ook. Wi packen an. Wi sünd dat leed un dat verdrütt us, dat de Lüüd jümmer blot över dat Starven van Platt snackt. Us Spraak is mehr as lebennig. Se is bunt, upregend, entwickelt sik jümmers wieter, Platt hett so vööl to seggen un doch kannst op Platt ook an›n besten swiegen. Jo, us Spraak is so kakelbunt as de Regenboog, een Blomenstruuß un de Minschen, de Platt snacken, prooten oder küren. Wi maaken us Spraak lebennig, denn wi sünd doch al so verscheden.[2]

Plattdeutsch wird hier keinesfalls als schutz- oder pflegebedürftig, sondern als lebendig und wandelbar beschrieben. Die Sprache soll sich fürs Viel-Sagen eignen (hervorgehoben durch gleich drei Verben für ›sprechen›: snacken, prooten, küren), aber auch noch im Nichts-Sagen ausdrucksvoll sein. Sie ist, wie es heißt, so »kakelbunt« wie ihre Sprecherinnen und Sprecher. Dieses »so … as« ist, näher besehen, allerdings keine Vergleichsbestimmung, sondern benennt die eigentliche Bedingung sprachlichen Lebens. Demnach sind es erst die Sprechenden, die das Leben der Sprache erzeugen, sie lebendig machen, und zwar deswegen, weil sie als Gruppe heterogen sind: »denn wi sünd doch al so verscheden.«

Diese Bekundung verbindet die Selbstaussage im Plural (wi) in umfassender Weise (al) mit der Betonung von Differenz (verscheden). Wenn alle verschieden sind, dann entzieht sich ihre Differenz der relationalen Bestimmung durch einen Gegenbegriff (klassischerweise ›Identität‹) und wird zu einer absoluten Kategorie. Genau so, als Totalisierung und Verabsolutierung von Differenz, lässt sich Diversität definieren. Hegers Satz »denn wi sünd doch al so verscheden« liefert also eine mustergültige Formel für die Logik der Diversität. Er zeigt aber auch, dass diese Logik nur im Hinblick auf ihren politischen Gebrauch zu verstehen ist. Nicht von ungefähr erwähnt der Text an dieser Stelle neben dem Blumenstrauß als Inbegriff der Buntheit auch den Regenbogen, das farbige Symbol von LGBT pride. Annie Heger, die nicht nur eine Platt-, sondern auch eine Queer-Aktivistin ist, versteht das Niederdeutsche, das »kakelbunte«, aber unterschätzte, minoritäre, ja marginalisierte Idiom, als Sprache im Wandel und für den Wandel.

Diversität als kulturpolitisches Anliegen wirkt auf die Themen und Inhalte dessen zurück, was auf Platt sagbar ist. Heger verabschiedet die affirmative Volks- und Regionalkultur, auf die das Niederdeutsche lange beschränkt war, und fordert stattdessen einen Bezug auf die »Welt«:

De Spraak dürft nich instuven un blot för Döntjes van verleden Tieden herhollen. Se muss sik mitentwickeln, mit us Minschen un de Welt wassen. So warrd se doch blot noch bunter.[3]

Die Ansagen sind erfreulich klar, aber nicht unproblematisch. Denn wenn das Plattdeutsche vielfältig sein muss, also den Diversitätsdiskurs sozusagen vorbildlich bedient, besteht die Gefahr, es doch wieder für kulturelle Affirmation in Dienst zu nehmen. Kann man also mit dem Argument der ›Buntheit‹ wirklich der Homogenisierung entgehen? Und bleibt Plattdeutsch nicht auch unter dem Vorzeichen der Diversität eine pflegebedürftige Sprache?

Plattdeutsch als europäische Minderheitensprache

Vor einem Vierteljahrhundert verabschiedete der Europarat die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (1992). Damit wurde sprachliche Diversität ein offizielles Anliegen europäischer Sprachenpolitik. In Deutschland gibt es seit der Ratifizierung des Vertrags 1999 fünf anerkannte Minderheitensprachen: Sorbisch, Romani, Dänisch, Friesisch und Niederdeutsch. Auf der Liste stehen also neben einer slawischen und einer indoarischen Sprache drei (nord- und west-)germanische – davon eine deutsche. Der Umstand, dass im deutschen Sprachraum eine deutsche Sprache als minoritär gekennzeichnet wird, mag merkwürdig erscheinen. In der Tat ist Niederdeutsch streng genommen keine Minderheiten-, sondern eine Regionalsprache. Allerdings besteht das Anliegen europäischer Sprachenpolitik gerade darin, diese strikte Untescheidung zu vermeiden und den Schutz von Regional- und den von Minderheitensprachen in einem einzigen Programm zu verbinden. Die Charta zielt gemäß ihrem ersten Artikel auf Sprachen,

i. die herkömmlicherweise in einem bestimmten Gebiet eines Staates von Angehörigen dieses Staates gebraucht werden, die eine Gruppe bilden, deren Zahl kleiner ist als die der übrigen Bevölkerung des Staates, und
ii. die sich von der (den) Amtssprache(n) dieses Staates unterscheiden.

»Herkömmlicherweise« und »Angehörige dieses Staates«: Sprachenvielfalt aufgrund von historisch jüngeren Migrationsbewegungen (im Fall des Deutschen etwa durch Zuwanderung von ›Gastarbeitern‹ seit den 1960er Jahren) ist also nicht Gegenstand der Charta. Außerdem fällt im zitierten Artikel auf, dass der Minderheitenstatus einer Sprache eng an ihre Regionalität geknüpft wird. Die Sprachengemeinschaft oder »Gruppe« wird als räumlich situierte Einheit verstanden, die sich auf einem »bestimmten Gebiet« lokalisieren lässt. Es sei allerdings angemerkt, dass »nicht territorial gebundene Sprachen« im Artikel 1 der Charta ausdrücklich Erwähnung finden, was unter den Minderheitensprachen in Deutschland für das Romani von besonderer Bedeutung ist. Dänisch, Friesich und Sorbisch hingegen sind auf die bekannten kleinen Regionen an der dänischen Grenze, in Nordfriesland und in der Lausitz beschränkt, außerhalb derer sie als Sprachen in Deutschland sozusagen inexistent sind. (Wobei offen bleibt, was für Fälle von Minderheitensprache eigentlich vorliegen würden, wenn kleine Bevölkerungsgruppen in Saarbrücken Sorbisch oder in Frankfurt Friesisch sprächen.)

Und das Niederdeutsche? Sein Territorium ist wesentlich weiter ausgedehnt. Es umfasst die gesamte Region nördlich der sogenannten Benrather Linie: alles, was in historischer Hinsicht nicht Hochdeutsch ist, also die zweite Lautverschiebung seit Mitte des ersten Jahrtausends nicht mitgemacht hat. Eine vollständige Schrift-, Amts- und Literatursprache war das Niederdeutsche allerdings nur bis zu Beginn der frühen Neuzeit; von da an übernahm diese Funktionen mehr und mehr das Hochdeutsche für den gesamten deutschen Sprachraum. Die Unterscheidung von Nieder- und Hochdeutsch betrifft daher nicht nur die geographische Verteilung auf das norddeutsche Flachland und das mittel- und oberdeutsche Hochland, sondern auch Aspekte des Soziolekts und der Einstellung der Sprechenden zu ihrer Sprache. Demnach ist Niederdeutsch, besonders deutlich in der Bezeichnung ›Platt‹, eine einfache, schlichte Sprache, in der geradeheraus gesprochen wird. Die Wertungen können naheliegenderweise sehr unterschiedlich ausfallen. Dasselbe gilt für die verschiedenen Versuche einer Reliterarisierung, die jedoch vom 18. bis ins mittlere 20. Jahrhundert fast immer das Volkstümliche betonten (etwa in Johann Heinrich Voß‘ niederdeutschen Idyllen der 1770er Jahre, oder Mitte des 19. Jahrhunderts in Klaus Groths volksliedhaften Gedichten und Fritz Reuters realistisch-autobiographischen Romanen).

Eine solche Reduktion auf den vermeintlichen Volksmund findet sich in heutiger Sprachenpolitik nicht mehr. Stattdessen benennt die europäische Sprachencharta als ihr Ziel »die Anerkennung der Regional- oder Minderheitensprachen als Ausdruck des kulturellen Reichtums« (Artikel 7.1.a). Das bedeutet zunächst einmal ein Diskriminierungsverbot, also die Negation der Negation: Die Vertragsstaaten verpflichten sich, »jede ungerechtfertigte Unterscheidung, Ausschließung, Einschränkung oder Bevorzugung zu beseitigen, die […] darauf ausgerichtet ist, die Erhaltung oder Entwicklung einer Regional- oder Minderheitensprache zu beeinträchtigen oder zu gefährden« (Artikel 7.2). Der Hauptteil der Charta benennt dann aber doch auch eine Vielzahl proaktiver Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Rechtswesen, öffentlicher Dienst, Medien, Kultur, Wirtschaft und grenzüberschreitender Austausch, mit denen die Anerkennung der Minderheitensprachen umgesetzt werden soll.

Die Implementierung ist allerdings nicht einfach. In Deutschland gilt das insbesondere wegen der föderalen Struktur, die sich in Kulturangelegenheiten stets deutlich bemerkbar macht. Entsprechend unterschiedlich waren und sind die Maßnahmen in den beteiligten Bundesländern (das sind übrigens, neben den fünf im engeren Sinne norddeutschen, auch Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt – insgesamt also acht der sechzehn Länder!). Der Bundesraat for Nedderdüütsch als wichtigstes Kontroll- und Beratungsgremium in Sachen Platt bemängelte in einem Bericht aus dem Jahr 2014, dass auch fünfzehn Jahre nach der Ratifizierung zu wenige Fortschritte erkennbar seien, vor allem in der Medienpolitik, Übersetzungsförderung und auswärtigen Kulturpolitik. Auch der Niederdeutschunterricht an den Schulen lasse noch sehr zu wünschen übrig.[4] Aus diesem Befund mag man grundsätzliche Fragen ableiten: Haben die zuständigen Politiker und Administratoren versagt? Waren die Ziele zu anspruchsvoll? Sind sie mit den vorgesehenen Implementierungen überhaupt umsetzbar? Und vollzieht sich gelebte Sprachkultur nicht gänzlich abseits solcher Vereinbarungen und Richtlinien?

Zur Beantwortung solcher Fragen wäre genauer zu überlegen und zu erforschen, wie sich die offizielle Aufnahme des Niederdeutschen unter die Minderheiten- und Regionalsprachen in der Praxis eigentlich ausgewirkt hat. Unstrittig dürfte wohl sein, dass es solche Auswirkungen gegeben hat – auf institutioneller Ebene, aber auch in individuellen Spracheinstellungen.[5] Plattdeutsch als integraler Bestandteil europäischer Sprachenvielfalt: Das ist eine neue Sichtweise, die viel Ermutigendes und Aktivierendes hat. Die eingangs erwähnten Verbände, Initiativen und Veranstaltungsreihen haben dadurch erheblichen Anschub erhalten oder sind überhaupt erst seither gegründet worden. Und auch in der Literatur finden sich vermehrt Stimmen und Perspektiven, die zusammen mit dem Minderheitenstatus plattdeutscher Kultur auch ihre Regionalität erneut zur Debatte stellen.

Yared Dibaba, »Ünnerwegens« (2016)

Der Hamburger Yared Dibaba ist ein produktiver niederdeutscher Autor, außerdem Schauspieler, Moderator und Sänger. Er wurde 1969 im Südwesten Äthiopiens geboren und kam zuerst mit vier Jahren nach Deutschland, als sein Vater für einige Zeit in Osnabrück studierte. Hochdeutsch lernte er im Kindergarten – immersiv, durch »Eintauchen«, wie er 2016 in einem Interview mit der Zeitschrift Bildungsthemen formulierte.[6] Die Familie kehrte nach Äthiopien zurück, musste aber 1976 vor dem Bürgerkrieg fliehen, zog erneut nach Deutschland und ließ sich in einem Dorf bei Oldenburg nieder, in dem noch relativ viel Plattdeutsch gesprochen wurde. Dibaba beschreibt, dass es ihm die Sprache sogleich angetan habe, und bezeichnet sie als seine »Heimatsprache«, in Ergänzung zur »Muttersprache« Oromo, die er allerdings, wie er im Interview erzählt, bei der kindlich-immersiven Aufnahme des Deutschen vergaß und sich in Äthiopien wieder neu aneignen musste. In diesem komplexen Hin und Her des Spracherwerbs sieht er Oromo und Platt eng verbunden, ja geradezu gleichgestellt – durch ihre Regionalität, die mit Begrenztheit und Randständigkeit ebenso zu tun habe wie mit Verwurzelung.

Yared Dibaba tritt seit ungefähr zehn Jahren in verschiedenen TV-Formaten auf, viele davon im Dritten Fernsehprogramm des Norddeutschen Rundfunks. In Sendungen wie »De Welt op Platt«, auf Hochdeutsch ausgestrahlt, aber mit Interviews und anderen Einsprengseln auf Niederdeutsch, positioniert er sich selbst als kosmopolitischer Norddeutscher. Auf Youtube findet sich eine Reihe von Tutorials, in denen Dibaba, vor einem Kaminfeuerhintergrund sitzend und mit witziger Didaktik à la »Sesamstraße«, in die Grundlagen des Niederdeutschen einführt. Er bedient sich bei solchen Auftritten mit Vergnügen des – in aller Vorsicht sei es gesagt – Irritationseffekts, der durch das Crossover der Zuschreibungen entsteht: Die norddeutsche Regionalsprache wird hier präsentiert von jemandem, der zwar nach Sprache und kultureller Zugehörigkeit ganz klar ›von dort‹ kommt, der aber ebenso offenkundig nicht ›norddeutsch‹ aussieht.

Als Autor trägt Dibaba zu einer seit Jahrzehnten etablierten plattdeutschen Radiosendung bei: Hör mal’n beten to. Die dort und anderswo präsentierten Glossen und Kurzgeschichten hat er in mehreren Büchern publiziert, zuletzt 2016 in Ünnerwegens.[7] Dieses Buch mit dem programmatischen Titel (»Unterwegs«) enthält mehrere Texte, mit denen Dibaba sich an aktuellen Diskussionen um Einwanderung, Zugehörigkeit, Mehr- und Minderheitskultur, Fremd- und Selbstzuschreibung beteiligt. Was er dort äußert, verbindet politische (und, wenn man will, ›politisch korrekte‹) Statements mit Problemen der sprachlichen Markierung, die im regional- und minderheitensprachlichen Diskurs auf interessante Weise überdeterminiert erscheinen. So kritisiert er unter der Überschrift »Flüchtling langt nich« die unpräzise Verwendung dieses Wortes in derzeitigen Migrationsdebatten. Das Wort klinge so, »as wenn sik een vun Acker mookt hett«, sei also eher geeignet für stressgeplagte Urlauber, Zechpreller oder Steuerflüchtlinge. Hingegen müsse man die heute zumeist Flüchtlinge genannten Menschen besser als Vertriebene bezeichnen: »Dat sünd Verdrevene – de hebbt se vun ehr Heimat verjoogt.«

In einer anderen Glosse, »Wo fangt de Süden an?«, widmet sich Dibaba typischen Vorurteilen gegenüber den Menschen im europäischen oder globalen Süden. Er fragt betont naiv, wo denn der Süden beginne: südlich der Elbe in Hamburg-Harburg? In Köln? In Süddeutschland? Oder doch erst südlich von Deutschland, in Österreich? Er setzt also gegen essenzialistische Bestimmungen die Relativität des Ausdrucks ›Süden‹ und bringt so auch den eigenen Status als ›Südländer‹ zur Sprache, den er dann auf die äthiopische Herkunft bezieht:

Bün ik een Südlänner? Vertell mol een Südafrikoner de Dibaba ut Oromia in Äthiopien is een Südlänner, he kümmt ut den Süden – tja, dor passt dat denn ok nich. Büst du Südlänner wenn du blots swatte Hoor hest? Denn bün ik definitiv keen Südlänner – ik heff keen Hoor. Dorför heff ik een Seemannspulli un een Freesennerz und schnack gern Platt, also bün ik definitiv Nordlänner.[8]

Auf diese gewitzte Weise behandelt Yared Dibaba das für die plattdeutsche Kultur neuralgische Thema der Zugehörigkeit. Unter der Überschrift »Dat is een vun uns« findet sich eine Würdigung von Udo Lindenberg zu dessen siebzigstem Geburtstag. Da Lindenberg bekanntlich in Hamburg wohne, werde er oft für einen »echten Norddüütschen« gehalten, obwohl er doch aus Gronau nahe der deutsch-niederländischen Grenze stamme. Dibaba nennt das ironisch den »Migratschoonsachtergrund« des Sängers und fügt hinzu, dass einige von Lindenbergs Vorfahren angeblich aus einer früheren niederländischen Kolonie, den indonesischen Molukken, stammen. Die Folgerung lautet:

Molukken – Holland – Gronau – Hamborg – ik segg doch, Udo Lindenbarg – dat is een von uns!

Der Befund, dass alle ›von uns‹ je nach Kontext nicht ›von hier‹, sondern von anderswo sind, mithin überwiegend anders, könnte trivial erscheinen – im sprachlich-literarischen Umfeld der Mehrheitssprache. Auf Plattdeutsch und in plattdeutscher Literatur hingegen bedarf das Konzept der Zugehörigkeit nach wie vor einer grundlegenden Reflexion, weil es üblicherweise ganz auf die Affirmation regionaler Identität zugeschnitten wird.

Das ist kein spezifisches Problem plattdeutscher Sprachkultur, sondern findet sich ebenso in den ›kleinen Literaturen‹ anderer europäischer Minderheitensprachen: Auch die baskische, sardische oder schottisch-gälische Literatur werden für die Repräsentation oder (Neu‑)Formierung sprachlich-kultureller Gemeinschaften in Anspruch genommen, die sich in einer Mehrheitskultur, oft auch explizit gegen diese, behaupten müssen. Von solchen Literaturen wird daher eine sprachliche Abgrenzungsstrategie gefordert, um die Differenz zur Haupt- und Amtssprache deutlich aufrechtzuerhalten, sich etwa in Grammatik und Lexik nicht von ihnen beeinflussen zu lassen.

Die Tendenz zum Isolationismus hat ihren Preis. Die kleinen Literaturen werden fast ausschließlich innerhalb der jeweiligen Minderheitensprache wahrgenommen, kaum je in die Mehrheitssprache oder gar transnational übersetzt. Es wäre allerdings interessant, sich vorzustellen, dass die europäischen Regional- und Minderheitensprachen verstärkt untereinander Kontakt aufnähmen – mit Übersetzungen aus dem Katalanischen ins Sorbische, aus dem Romani ins Sizilianische …

Verglichen mit solchen forcierten Übersetzungsvisionen scheint Yared Dibaba in seinen Beiträgen zur kleinen niederdeutschen Literatur eher der puristischen Einstellung verbunden zu bleiben, die die Unverletztlichkeit der Minderheitenkultur schützen will. Das fällt immer dann auf, wenn Dibaba die plattdeutsche Sprache selbst zum Thema macht. Hier wirkt die Argumentation mitunter erstaunlich restriktiv, etwa wenn er sich für eine dezidiert plattdeutsche Einstellung und gegen den Gebrauch von Anglizismen ausspricht (so der Titel einer Glosse: »Lever een Platt-Attitüde as jümmers Anglizissmen«).

Solche Widersprüche machen Dibabas Umgang mit Zugehörigkeit allerdings besonders interessant. In seinen Texten stellt er die regionale Gebundenheit, die Natürlichkeit und Unmittelbarkeit, kurzum: die Nativität des Niederdeutschen zur Diskussion, indem er sie gleichzeitig affirmiert und bezweifelt. Einerseits scheint er immer wieder darauf zu beharren, dass das Plattdeutsche dem Norden Deutschlands irgendwie angemessen sei: sowohl dem Land als auch den Leuten. Andererseits verwendet er seine eigene Biographie als Argument gegen den Mythos vom autochthonen Ineinander von Sprache, Sprechern und Region. Sein Konzept der Sprechergemeinschaft und Sprachterritorialität ist inklusiv; es beruht auf Begegnung, Neugier und wechselseitiger Lernbereitschaft. Dafür stehen seine Erfahrungen mit dem Lernen des Hoch- und Niederdeutschen ebenso wie mit dem Ver- und Neulernen der Muttersprache Oromo. Dibabas Geschichte handelt von immer neuen sprachlichen Immersionen und davon, wie sich die Sprachen selbst diversifizieren – in denjenigen, die sie sprechen. Diese Geschichte ist hochgradig individuell, zielt aber dennoch aufs Ganze.

[1] Christiane Ehlers, Reinhard Goltz: Vorwort, in: Hartmut Arbatzat: Platt. Dat Lehrbook. Ein Sprachkurs für Erwachsene, Hamburg: Quickborn 2016, S. 6.

[2] Unser Motto: WIR SCHAFFEN DAS! Wir Plattdeutschen sagen das nicht nur so, wir meinen es auch. Wir packen an. Wir sind es leid und es ärgert uns, dass immer nur vom Sterben des Plattdeutschen die Rede ist. Unsere Sprache ist mehr als lebendig. Sie ist bunt, aufregend, entwickelt sich stets weiter; Platt hatt so viel zu sagen, und doch kann man auf Platt auch am besten schweigen. Ja, unsere Sprache ist so kunterbunt wie der Regenbogen, ein Blumenstrauß und die Menschen, die Platt sprechen. Wir machen unsere Sprache lebendig, denn wir sind doch alle so verschieden.

[3] Die Sprache darf nicht einstauben und nur für Anekdoten aus alten Zeiten herhalten. Sie muss sich mitentwickeln, mit uns Menschen und der Welt wachsen. So wird sie doch nur noch bunter.

[4] Vgl. Christiane Ehlers (Hg.): Chartasprache Niederdeutsch. Rechtliche Verpflichtungen, Umsetzungen und Perspektiven. Bremen: Bundesraat för Nedderdüütsch 2014.

[5] Vgl. Birte Arendt: Niederdeutschdiskurse. Spracheinstellungen im Kontext von Laien, Printmedien und Politik. Berlin: Schmidt 2010.

[6] »Ich bin mit allen Sinnen in die Sprache und Kultur eingetaucht«. Interview mit Yared Dibaba, in: Bildungsthemen 1/2016, S. 12-14.

[7] Yared Dibaba: Ünnerwegens. Hamburg: Quickborn 2016.

[8] Bin ich ein Südländer? Erzähl mal einem Südafrikaner, dass der Dibaba aus Oromia in Äthiopien ein Südländer ist, dass er aus dem Süden kommt – tja, das passt dort nicht. Ist man Südländer, wenn man schwarze Haare hat? Dann bin ich definitiv kein Südländer – ich habe keine Haare. Aber ich habe einen Seemannspullover und einen Friesennerz [Regenmantel] und spreche gern Platt, also bin ich definitiv Nordländer.

Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Stefan Willer ist Vizedirektor des ZfL und Professor für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gemeinsam mit Georg Toepfer leitet er am ZfL den Forschungsschwerpunkt »Lebenswissen«.

Schreibe einen Kommentar