PREMEC: DER NACHLASS NACHMAN BLUMENTALS. Eine außergewöhnliche Sammlung zur Geschichte der Shoah

Abb. 1: Nachman Blumentals Nachlass, © ??? ALT
Abb. 1: Nachman Blumentals Nachlass, © Katrin Stoll/UBC Vancouver

Schon 1944 begannen einige Überlebende der Shoah – ein Verbrechen, das damals noch nicht so genannt wurde –, Wissen über die Vernichtung der europäischen Juden durch NS-Deutschland zusammenzutragen: Dokumente zu sichern, Zeugenaussagen zu sammeln, Bücher zu veröffentlichen. Nachman Blumental (geboren 1902 in Borszczów, gestorben am 8. November 1983 in Tel Aviv) ist einer dieser Überlebenden-Gelehrten. Sein Nachlass ist kürzlich in Vancouver von der Historikerin Katrin Stoll im Rahmen ihrer Arbeiten für das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die französische Agence Nationale de la Recherche (ANR) geförderte Forschungsprojekt PREMEC (PREMiers ÉCrits de la Shoah) gesichtet und gesichert worden. Die 32 Kartons, die Archivmaterial und Bücher enthalten, sollen im Februar 2019 dem Institute for Jewish Research (YIVO) übergeben werden.

Blumental war vor dem Krieg Gymnasiallehrer in Lublin und Łódź. Er überlebte den Krieg in der Sowjetunion, während seine Frau Maria und sein dreijähriger Sohn Ariel am 7. Juni 1943 im deutsch besetzten Polen, in Wielopole Skrzyńskie bei Dębica, Marias Geburtsstadt, ermordet wurden. Im Sommer 1944, nachdem der östliche Teil Polens durch die Rote Armee befreit worden war, gehörte Blumental zu denjenigen, die sich aktiv darum bemühten, Dokumente über die Vernichtung der Juden zusammenzutragen. Er fuhr durch ganz Polen, um Berichte von Zeugen zu sammeln, und trat in mehreren Prozessen gegen NS-Verbrecher als Zeuge und Gutachter auf. Er leistete einen bedeutenden Beitrag dazu, die Verbrechen zu dokumentieren und die Zahl der Opfer der Shoah zu ermitteln. Von 1944 bis 1947 war er Vizepräsident der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission (CŻKH) und wurde dann erster Direktor ihrer Nachfolgerinstitution, des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau. Er emigrierte schließlich nach Israel, wo er an der Gründung des Hauses der Ghettokämpfer (Beith Lohamei Haghetot) und der Gedenkstätte Yad Vashem mitwirkte.

Das Werk Nachman Blumentals ist wie das der meisten anderen Überlebenden-Gelehrten interdisziplinär, hybrid, unklassifizierbar. Sie alle gingen davon aus, dass ein neues Wissensfeld erst definiert und die gängigen Abgrenzungen zwischen den Wissensfeldern und Disziplinen infrage gestellt werden müssten, um das zu erfassen, was ihnen in der Menschheitsgeschichte als bisher unerhörte Formen der Gewalt erschien. So sprachen sie von ›Vernichtungswissenschaft‹, von ›Campologie‹, ›Lagerwissenschaft‹ (polnisch Obozologie), von ›Forschungen über die Katastrophe‹ (jiddisch khurbn forschung). Blumental, der vor dem Krieg Philologie und Philosophie studiert und als Abschlussarbeit eine Kulturgeschichte der Metapher an der Universität Warschau geschrieben hatte,[i] forschte nach dem Krieg sowohl zur Geschichte des Völkermords als auch zum literarischen Schaffen während der Shoah und zu den Auswirkungen des Genozids auf die Sprache. Wie Victor Klemperer war er davon überzeugt, dass die Sprache eines der mächtigsten Instrumente der Nationalsozialisten bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden gewesen war.

Abb. 2: Brief von Nachman Blumental (1947), © Miron Blumental

In seinem auf Polnisch geschriebenen Buch Słowa niewinne (Unschuldige Wörter) geht es ihm darum, in Form eines Wörterbuchs die wahre Bedeutung der von den Nationalsozialisten gebrauchten Wörter aufzudecken. Allerdings wurde nur ein erster Band mit den Buchstaben A bis I veröffentlicht. Der in Vancouver gefundene Nachlass ermöglicht nun die Rekonstruktion des noch nicht edierten Teils dieser Pionierarbeit über die NS-Sprache. Blumental arbeitete ebenfalls zur Sprache der Opfer. In seinen letzten Lebensjahren publizierte er ein weiteres Buch auf Jiddisch: Verter und Vertlekh fun der Khurbn-tkufe (Wörter und Redensarten aus der Zeit der Shoah). Außerdem interessierte er sich für die Wirkung der NS-Sprache auf die Sprachen der besetzten Länder, besonders auf das Polnische; sein Archiv enthält ein nicht publiziertes Manuskript, das allein diesem Thema gewidmet ist.

Abb. 3: Materialen aus dem Nachlass Nachman Blumentals, © Miron Blumental

Der Nachlass Nachman Blumentals (in jiddischer, polnischer, deutscher und hebräischer Sprache) umfasst unter anderem seine sämtlichen Arbeitsnotizen, publizierte und nicht publizierte Artikel über zahlreiche Aspekte der Shoah, Gutachten aus den Prozessen gegen Höss, Liebehenschel und Bühler, seine Notizhefte und persönlichen Tagebücher aus der Kriegszeit, seine intellektuelle und berufliche Korrespondenz sowie seine umfangreiche Dokumentensammlung: Tagebücher, Gedichte, Lieder, Witze und Sprüche aus Lagern und Ghettos, Dokumente der deutschen Propaganda sowie Originaldokumente der deutschen Behörden des Ghettos Lodz. Das PREMEC-Team wird auf seiner Website »Unklassifizierbares Wissen« (in Vorbereitung) zahlreiche Materialien aus diesem Archiv sowie französische und deutsche Übersetzungen dieses einzigartigen Werks veröffentlichen.

Abb. 4: Miron Blumental (re.), Katrin Stoll (li.), © Richard Menkis/UBC Vancouver

Es ist Nachman Blumentals Sohn Miron zu verdanken, dass diese unschätzbare Sammlung nun langfristig erhalten und erschlossen werden kann. Im Mai 2018 entschied er sich auf Anregung der französischen Dokumentarfilmregisseurin Ruth Silbermann, das Archiv seines Vaters einer Institution zu übergeben, die es konservieren, untersuchen und der Forschung zugänglich machen würde. Dank der freundlichen Unterstützung der Schriftstellerin Michele Smolkin und Sima Godfreys, Professor für französische Literatur an der University of British Columbia (UBC), und der wohlwollenden Förderung durch Richard Menkis, Professor für Geschichte an der UBC, konnte Katrin Stoll zweimal mehrere Wochen in Vancouver verbringen. Sie leistete erste Arbeiten zur Erschließung dieses umfangreichen Nachlasses und bereitete ihn für den Transfer nach New York vor, wo ihn das YIVO im Februar 2019 in Empfang nehmen soll. Dort wird das Material gereinigt und geordnet und dann nach dem Willen Miron Blumentals der Forschung zugänglich gemacht. Das PREMEC Team darf in Kooperation mit dem YIVO zahlreiche Dokumente aus dem Nachlass für die Webseite »Unklassifizierbares Wissen« digitalisieren und für ein breiteres Publikum dauerhaft zugänglich machen.

Das Forschungsprojekt PREMEC (PREMiers ÉCrits de la Shoah) besteht aus den Historiker*innen Nicolas Berg und Elisabeth Gallas (Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow), Malena Chinski und Judith Lyon-Caen, Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS), Katrin Stoll, Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin, sowie der Literaturwissenschaftlerin Aurélia Kalisky, Literaturwissenschaftlerin am ZfL.

 

[i] Nachman Blumental, »O przenośni« (»Über die Metapher«), Dyplom magistra filozofii, 30. Juni 1934, Archiv der Warschauer Universität, 72–73.