DER FRAGEBOGEN: Wir fragen, Claude Haas antwortet

Der Proust’sche Fragebogen dient traditionell dazu sich kennenzulernen, sei es in einem französischen Salon, wo er einst entstand, sei es auf der letzten Seite eines deutschen Magazins. Wir haben unseren eigenen Fragebogen für den ZfL-Blog entworfen. Hier antwortet jetzt Claude Haas, der seit Anfang 2017 das Forschungsprojekt Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik leitet.

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Jacob Taubes: APOCALYPSE AND POLITICS. Their interaction in transitional communities

Das undatierte englischsprachige Manuskript von »Apocalypse and Politics« von Jacob Taubes (1923-1987) stammt vermutlich aus den späten 1960er Jahren. In diesem in seiner Originalfassung hier erstmals veröffentlichten Text stellt der Berliner Religionsphilosoph Überlegungen zur Vergleichbarkeit messianischer Kulte und der Entwicklung nationalistischer Befreiungsbewegungen in Afrika und Asien an und plädiert dabei für einen religionssoziologischen Ansatz. Die deutsche Fassung ist nachzulesen in dem eben erschienenen Band Jacob Taubes, Apokalypse und Politik. Aufsätze, Kritiken und kleinere Schriften, hg. v. Herbert Kopp-Oberstebrink und Martin Treml unter Mitarbeit von Theresia Heuer und Anja Schipke, Paderborn: Fink Verlag 2017, S. 231-325. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch Ethan und Tania Taubes (New York).  „Jacob Taubes: APOCALYPSE AND POLITICS. Their interaction in transitional communities“ weiterlesen

Daniel Weidner: »DIE UNFÄHIGKEIT ZU TRAUERN« – Geschichte einer Abwehr?

Liest man heute, fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, Alexander und Margarete Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern, so kann man überrascht werden. Das Buch ist ein Klassiker und sein Titel zum Schlagwort geworden: für die Verzögerung der Vergangenheitsbewältigung, für die Verspätung, mit der sich die Deutschen mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, für den Unwillen, deren Opfer anzuerkennen. Im Buch liest sich das allerdings etwas anders, denn dass die Deutschen nicht getrauert hätten, bezieht sich nicht primär – wie wir wohl erwarten würden – auf die Opfer: „Daniel Weidner: »DIE UNFÄHIGKEIT ZU TRAUERN« – Geschichte einer Abwehr?“ weiterlesen

Stefan Willer: KAKELBUNT. Diversität auf Plattdeutsch

»Plattdeutsch ist eine Sprache unserer Zeit.« So beginnt das – auf Hochdeutsch verfasste – Vorwort von Platt. Dat Lehrbook, 2016 herausgegeben vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen.[1] Auch andernorts bemüht man sich um die zeitgemäße Verbreitung des Niederdeutschen: auf Websites wie Plattnet und Plattdeutsch.net, bei Festivals und Wettbewerben wie Plattart, Plattsounds oder Platt is cool, in der Gestaltung von Grundschullehrplänen in den norddeutschen Bundesländern. Was bei alldem auffällt, ist die Nähe derzeitiger Platt-Vermittlung zu Programmen sprachlicher und kultureller Diversität. „Stefan Willer: KAKELBUNT. Diversität auf Plattdeutsch“ weiterlesen

Daniel Weidner: DIE WELT IST NICHT GENUG. Ottmar Ette über die »Literaturen der Welt«

›Weltliteratur‹ ist heute in aller Munde. Längst bezeichnet der Ausdruck nicht mehr einfach eine Menge von Texten, sondern steht für einen Diskurs über das Selbstverständnis der Literaturwissenschaft jenseits der Nationalphilologien. Vor allem im angloamerikanischen Raum wird world literature heiß diskutiert, und inzwischen nimmt die Diskussion auch in Deutschland Fahrt auf: Das nächste DFG-Symposium der Literaturwissenschaft, Flaggschiff der Disziplin, wird den Titel »Vergleichende Weltliteraturen« tragen. Verhandelt werden dabei wohl kaum die Literaturen verschiedener Welten – Romane der Marsianer … –, auch wird hoffentlich nicht einfach das Thema über den komparatistischen Leisten gezogen, sondern es werden verschiedene Konzepte und Diskurse der Weltliteratur verglichen werden. Ein solches Konzept entwirft auch Ottmar Ettes jüngster Band WeltFraktale. Wege durch die Literaturen der Welt (Stuttgart: Metzler, 2017). „Daniel Weidner: DIE WELT IST NICHT GENUG. Ottmar Ette über die »Literaturen der Welt«“ weiterlesen

Moritz Neuffer: »GEGEN DIESES 68«. Zu Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik

1967 veröffentlicht die im New Yorker Chelsea Hotel lebende Schriftstellerin Valerie Solanas die ersten Mimeographien ihres Manifests zur Gründung der Society for Cutting Up Men. Darin ruft Solanas dazu auf, »die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten«.[1] Ihre radikale Kritik patriarchaler Verhältnisse verbindet sie mit Ankündigungen von Arbeitssabotage (»SCUM wird die verschiedensten Jobs annehmen und nicht arbeiten«) bis Mord (»SCUM wird alle Männer töten, die nicht Mitglieder der Männerhilfstruppe sind«).[2] Gefragt, wie ernst sie das meine, antwortet Solanas einem Journalisten, sie sei »dead serious«.[3]

Der literaturwissenschaftlichen Diskussion gibt diese Antwort die Erörterung der Gattungsfrage auf: „Moritz Neuffer: »GEGEN DIESES 68«. Zu Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik“ weiterlesen

Tatjana Petzer: ARCHITEKTUR DER EINHEIT – Berlins Fernsehturm

Am 3. Oktober begeht der 1969 eingeweihte Berliner Fernsehturm seinen Jahrestag [Abb. 1: Berliner Fernsehturm, im Vordergrund das Deutsche Historische Museum]. Seit einigen Jahren wird hier in dem auf 207 m Höhe gelegenen Drehrestaurant Sphere, ehemals Tele-Café, das »Einheits-Menü« aus kulinarischen Ost- und West-Spezialitäten serviert. Dass das einstige Wahrzeichen der DDR nach dem Mauerfall rasch zum Symbol des wiedervereinten Deutschlands avancierte, verdankt es nicht allein seinem heutigen Betreiber, der Deutschen Telekom, die mit eindrucksvollen Außenverkleidungen der Turmkugel zu besonderen Anlässen auch für Deutschland wirbt. Es ist die in der Tradition von Kugelbauten stehende sphärische Konstruktion selbst, die eine architektonische Vision gesellschaftlicher Einheit verkörpert. „Tatjana Petzer: ARCHITEKTUR DER EINHEIT – Berlins Fernsehturm“ weiterlesen

DER FRAGEBOGEN: Wir fragen, Franziska Thun-Hohenstein antwortet

Der Proust’sche Fragebogen dient traditionell dazu sich kennenzulernen, sei es in einem französischen Salon, wo er einst entstand, sei es auf der letzten Seite eines deutschen Magazins. Wir haben unseren eigenen Fragebogen für den ZfL-Blog entworfen. Hier antwortet jetzt Franziska Thun-Hohenstein, die Anfang der 1970er Jahre in Moskau an der Lomonossow-Universität in Moskau russische Sprache und Literatur studiert hat und aktuell an einem von der DFG geförderten Projekt zu Warlam Schalamow arbeitet. „DER FRAGEBOGEN: Wir fragen, Franziska Thun-Hohenstein antwortet“ weiterlesen

Philip van der Eijk / Uta Kornmeier: ÜBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN

Unsere wichtigsten Informationsquellen zur antiken Medizin sind Texte und Artefakte, archäologische und anthropologische Überreste (wie etwa Skelette, mumifiziertes menschliches Gewebe, Nahrungsreste oder Spuren von Lebensgewohnheiten). Im Laufe der Zeit sind jedoch viele dieser Belege durch Feuereinwirkung oder Verfall aufgrund ungünstiger Umweltbedingungen, oder auch, weil die Zeugnisse verlegt wurden und nicht mehr auffindbar waren, verloren gegangen oder stark beschädigt worden. Um herauszufinden, wie Menschen in der antiken Welt über die Seele und den Körper dachten und wie sie es mit Gesundheit und Krankheit hielten, müssen Medizin- und Philosophiehistoriker deshalb Detektivarbeit leisten: Auf der Basis fragmentarischen Materials gilt es, relevante Hinweise aufzuspüren und die Vergangenheit zu rekonstruieren. Vergegenwärtigt man sich dabei, dass einige Quellen mehr als 2.000 Jahre alt sind, ist es erstaunlich, wie genau die vorfindbaren Informationen sein können und wie nahe wir damit an die Vorstellungen antiker Menschen herankommen können. „Philip van der Eijk / Uta Kornmeier: ÜBER TEXT- UND SACHQUELLEN ZUR ANTIKEN MEDIZIN“ weiterlesen

Falko Schmieder: VON ENGELN UND TOREN. Zu Gloria Gaynors »I will survive«

Es war nicht das erste Mal, dass der Begriff des Überlebens in die Welt des Entertainments eingeführt wurde, aber Gloria Gaynors Disco-Hit I Will Survive aus dem Jahr 1978 markiert doch eine Zä­sur. Wie Titel, Leitmotiv und Formsprache des Songs verweist auch das Vokabular, in dem sein durchschlagender Erfolg be­schrieben worden ist, auf die Aktualität eines unheimlich ge­wordenen Erbes. Der Beginn der modernen Geschichte, die den Konnex von Fun und Survival stiften hilft, lässt sich datieren auf Darwins Ersetzung der Bezeichnung »natural selection« durch den Ausdruck »survival of the fittest«, der ihm »besser und zuweilen ebenso bequem« wie jener erschien. Dies wird für lange Zeit das letzte Mal gewesen sein, dass die Verwendung des Ausdrucks »survival« als »bequem« angesehen wurde. Mit seiner Übertragung auf das Feld der Kultur und des Sozialen wurde er zu einem biopolitischen Kampfbegriff, der im Namen der Vollstreckung natürlicher Gesetze Praxen der Ausgrenzung oder Ausrottung von Menschen legitimieren half. „Falko Schmieder: VON ENGELN UND TOREN. Zu Gloria Gaynors »I will survive«“ weiterlesen