{"id":1042,"date":"2019-02-28T11:54:28","date_gmt":"2019-02-28T09:54:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1042"},"modified":"2025-03-03T13:30:26","modified_gmt":"2025-03-03T11:30:26","slug":"lutz-greisiger-strassenkaempfe-lichtbilder-foxtrott-zur-ausstellung-berlin-in-der-revolution-1918-19-fotografie-film-unterhaltungskultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/02\/28\/lutz-greisiger-strassenkaempfe-lichtbilder-foxtrott-zur-ausstellung-berlin-in-der-revolution-1918-19-fotografie-film-unterhaltungskultur\/","title":{"rendered":"Lutz Greisiger:\u00a0STRASSENK\u00c4MPFE, LICHTBILDER, FOXTROTT. Zur\u00a0Ausstellung \u00bbBerlin in der Revolution 1918\/19: Fotografie, Film, Unterhaltungskultur\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">2018\/19 j\u00e4hren sich zum hundertsten Mal die epochalen Ereignisse, die als <em>Novemberrevolution<\/em> und <em>Spartakusaufstand<\/em> in das kollektive Ged\u00e4chtnis der Deutschen eingegangen sind. Die Stadt Berlin, Hauptschauplatz der damaligen Vorg\u00e4nge, begeht das Jubil\u00e4um mit einem \u00bbThemenwinter\u00ab, offenbar bestrebt, deren historischem Gewicht gerecht zu werden (bzw. es f\u00fcr das Stadtmarketing zu mobilisieren): \u00bb<a href=\"https:\/\/www.kulturprojekte.berlin\/projekt\/100-jahre-revolution-berlin-191819\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00dcber 250 Ausstellungen und Veranstaltungen<\/a>\u00ab werden aufgeboten und im Podewil in der Klosterstra\u00dfe gar ein \u00bbRevolutionszentrum\u00ab betrieben. Die zum Jahrestag der doppelten Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht am 9. November er\u00f6ffnete <a href=\"https:\/\/www.smb.museum\/ausstellungen\/detail\/berlin-in-der-revolution-191819.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ausstellung im Museum f\u00fcr Fotografie<\/a> nimmt die Ereignisse zwischen November 1918 und Mai\/Juni 1919 aus verschiedenen Richtungen in den Blick und befasst sich neben der Dokumentarfotografie mit dem Kino und der Unterhaltungskultur, mit Operette, Revue, Kabarett und Tanz.<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Hauptteil und Ger\u00fcst der Ausstellung bilden Fotografien aus den Best\u00e4nden der Kunstbibliothek Staatliche Museen und von ullstein bild: etwa 120 Arbeiten von Willy R\u00f6mer (1887\u20131979), den Gebr\u00fcdern Otto Haeckel (1872\u20131945) und Georg Haeckel (1873\u20131942) sowie anderen Fotografen, die mit ihren Plattenkameras das Geschehen begleiteten und dokumentierten. Die Aufnahmen von den Massendemonstrationen, Streikkundgebungen und Einz\u00fcgen heimkehrender Frontsoldaten, von den heftigen K\u00e4mpfen und den Zerst\u00f6rungen in der Stadt werden in chronologischer Reihenfolge pr\u00e4sentiert. Sie (und die anderen gezeigten Bildmedien) dienen hier nicht, wie in den Aufarbeitungen der Historiker oft \u00fcblich, blo\u00df \u00bbals beil\u00e4ufige Illustrationen ihrer textorientierten Darstellungen\u00ab<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, sondern werden selbst als Quellen befragt. Eine ersch\u00f6pfende Auswertung k\u00f6nnen selbstverst\u00e4ndlich weder Ausstellung noch Katalog leisten, aber der Gewinn aus dieser Herangehensweise wird deutlich.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0So l\u00e4sst etwa die Kleidung der Demonstrant*innen deren sehr heterogene Klassenzugeh\u00f6rigkeit erkennen. Auch pr\u00e4sentieren die Fotos bemerkenswert viele Frauen als aktiv am Geschehen Beteiligte. Zudem bezeugen die abgebildeten, aber nicht identifizierbaren (weil wohl historisch nicht weiter in Erscheinung getretenen) Redner auf improvisierten Podesten und Lastwagen oder die Demonstrant*innen mit offenbar eigenh\u00e4ndig beschrifteten Schildern die Spontaneit\u00e4t der Handelnden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Auseinandersetzungen um die zuk\u00fcnftige politische und \u00f6konomische Ordnung \u2013 parlamentarische Demokratie und kapitalistische Verh\u00e4ltnisse oder R\u00e4tedemokratie und Vergesellschaftung zumindest der Schl\u00fcsselindustrien \u2013 spitzten sich im Laufe des Dezembers immer mehr zu und erreichten um den Jahreswechsel einen H\u00f6hepunkt. Brennpunkt des Januaraufstandes war das Zeitungsviertel zwischen Wilhelm-, Linden- und Leipziger Stra\u00dfe. Neben dem Redaktionsgeb\u00e4ude des <em>Vorw\u00e4rts<\/em> oder dem Ullstein-Verlagsgeb\u00e4ude wurde auch das Mossehaus, Sitz des <em>Berliner Tageblatts<\/em>, durch Artilleriefeuer der Regierungstruppen schwer besch\u00e4digt. Eine Reihe bekannter und weniger bekannter Fotografien von Willy R\u00f6mer, drei von ihnen sind in der Ausstellung zu sehen,<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> dokumentiert die K\u00e4mpfe um das Geb\u00e4ude. Aufgenommen wahrscheinlich in den Gefechtspausen, zeigen sie kampfbereite Aufst\u00e4ndische, die sich hinter Barrikaden aus Zeitungspapierrollen verschanzt haben. Ein Vergleich mit dem Geb\u00e4ude in seinem heutigen Zustand zeigt, dass R\u00f6mer diese Bilderserie vor dem Doppelportal Sch\u00fctzenstra\u00dfe 18 (damals 20\u201323) aufgenommen hat, dem heutigen Eingang zum ZfL.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bis auf wenige Vergr\u00f6\u00dferungen werden in der Ausstellung Kontaktabz\u00fcge im Format 13\u00d718 cm gezeigt, teils in zwei Reihen \u00fcbereinander. Die Detailf\u00fclle und -sch\u00e4rfe der Bilder n\u00f6tigt die Besucher*innen, sehr nah heranzutreten bzw. sich hinunterzubeugen und sich der an Schn\u00fcren bereith\u00e4ngenden Folienlupen zu bedienen, was das Betrachten etwas m\u00fchsam gestalten kann. Zu den nicht wenigen Ansichtskarten, die zwischen den Fotoabz\u00fcgen h\u00e4ngend die Arbeit der Fotografen zus\u00e4tzlich dokumentieren, w\u00e4ren n\u00e4here Erl\u00e4uterungen w\u00fcnschenswert gewesen, denn sie sind von eigenem mediengeschichtlichen Interesse. Die Fotopostkarte war als Massenmedium erst wenige Jahre alt und war erstmals w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs als Feldpost verschickt und nicht zuletzt auch als Propagandamittel eingesetzt worden. Nun erwiesen sich die ad hoc und buchst\u00e4blich \u00fcber Nacht in gro\u00dfen Auflagen hergestellten Ansichtskarten vom Revolutionsgeschehen als Verkaufsschlager. Ob es sich bei den ausgestellten Beispielen um Bromsilberdrucke oder Lichtdrucke handelt \u2013 beides damals noch recht neue, heute nahezu vergessene Vervielf\u00e4ltigungsverfahren \u2013 ist leider nicht vermerkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Strukturiert wird die Pr\u00e4sentation der Fotografien durch Texttafeln zur Chronologie der Ereignisse sowie kurze Ausz\u00fcge aus Briefen von George Grosz, Hannah H\u00f6ch, K\u00e4the Kollwitz und Kurt Tucholsky sowie aus den Tageb\u00fcchern von Harry Graf Kessler. Nicht ohne weiteres lie\u00dfen sich offenbar die anderen Exponate in diese Ordnung integrieren, was auch eine gewisse Separation der Themenbereiche zur Folge hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die politischen Umbr\u00fcche, die allgemeine soziale Notlage, die Gewalt auf den Stra\u00dfen provozierten die Berliner*innen zu einer \u00bbbeispiellose[n] Vergn\u00fcgungssucht\u00ab, wie der Text auf der <a href=\"https:\/\/www.kulturprojekte.berlin\/projekte\/100-jahre-revolution-berlin-1918-19\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Website <\/a>zur Ausstellung konstatiert. Exponate, die nicht zur Gattung Dokumentarfotografie zu rechnen sind, bieten daf\u00fcr eine beeindruckende F\u00fclle von Belegen. Szenenfotos der zahlreichen Produktionen des jungen und gerade in den Nachkriegs- und Revolutionsmonaten aufbl\u00fchenden Mediums Film, mit Stars wie Pola Negri, Henny Porten oder Emil Jannings, und von UFA-Gro\u00dfprojekten wie dem Revolutionsdrama <em>Madame Dubarry<\/em> von Ernst Lubitsch (das sich um die Franz\u00f6sische, nicht die gegenw\u00e4rtige deutsche Revolution drehte) sollten die Phantasie des Publikums anregen. Wo es die Auseinandersetzung mit der Gegenwart suchte, bot das Kino Fiktionalisierungen mit (sozial-)demokratischer, antibolschewistischer Sto\u00dfrichtung, wie zum Beispiel <em>S\u00f6hne des Volkes<\/em> des d\u00e4nischen Regisseurs Holger-Madsen oder, wenig sp\u00e4ter, Joseph Delmonts <em>Die entfesselte Menschheit<\/em>. Die Zahl der Kinos in Berlin wuchs allein in den Monaten, die die Ausstellung behandelt, mit 46 Neuer\u00f6ffnungen um 20 Prozent.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Zerstreuung und Unterhaltung boten auch die zahlreichen Operetten- und Revueproduktionen, die zahlreichen Tanzveranstaltungen mit aktuellen internationalen Modet\u00e4nzen wie Twostep und Foxtrott sowie das neue Genre der Filmoperette, die in der Ausstellung durch eine beeindruckende F\u00fclle von mehrfarbigen Plakaten repr\u00e4sentiert sind. Aber auch hier drangen Themen aus der oft wenig erfreulichen sozialen Realit\u00e4t in die Sph\u00e4re des Am\u00fcsements ein, so etwa die Streiks und die allgegenw\u00e4rtige Wohnungsnot in der Revue <em>Halloh! Halloh! <\/em>von Rudolf Nelson und Fritz Gr\u00fcnbaum. Das wichtigste Medium aber, in dem Politik und Unterhaltung zusammentrafen \u2013 und das am meisten von der Aufhebung der Zensur profitierte \u2013 war das Kabarett, dessen Aufschwung mit Plakaten, Programmzetteln, Zeitungsanzeigen dokumentiert wird und f\u00fcr das Namen wie Walter Trier, Walter Mehring oder Kurt Tucholsky stehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Ausstellung pr\u00e4sentiert die verschiedenen Typen von Exponaten r\u00e4umlich getrennt voneinander, was die Wahrnehmung der Gleichzeitigkeit, des Neben-, und Durcheinanders von erbitterten politischen Auseinandersetzungen und entfesselter Lebensfreude, von Blutvergie\u00dfen und Tanzvergn\u00fcgen nicht unbedingt erleichtert. Dennoch gew\u00e4hrt diese Gegen\u00fcberstellung unerwartete Eindr\u00fccke vom Geschehen. Die so verschiedenartig anmutenden Medien und kulturellen Ausdrucksformen im Rahmen derselben Ausstellung zu betrachten, hat seine eigene Schl\u00fcssigkeit: \u00bbWas nach bis dahin g\u00e4ngigen Vorstellungen als zweitrangig galt, n\u00e4mlich die Fotografie, der Film und die Genres der leichteren Muse, gewann binnen k\u00fcrzester Zeit deutlich mehr Akzeptanz in der breiteren \u00d6ffentlichkeit und entwickelte sich zunehmend ins Popul\u00e4re, wie wir es heute kennen.\u00ab<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Eine Revolution ereignete sich nicht nur auf der politischen B\u00fchne und auf den Stra\u00dfen Berlins, sondern gleichzeitig auch in der Unterhaltungskultur.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ausstellungskatalog <em>Berlin in der Revolution 1918\/1919: Fotografie, Film, Unterhaltungskultur<\/em>, f\u00fcr die Kunstbibliothek Staatliche Museen zu Berlin hg. von Ludger Derenthal, Evelin F\u00f6rster und Enno Kaufhold, Dortmund 2018, Einleitung, S. 13\u201321, hier S. 13f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> In dieser Hinsicht sehr instruktiv sind die Beitr\u00e4ge von Enno Kaufhold zum Ausstellungskatalog, \u00bbMomente des \u00dcberlieferten\u00ab, S. 25\u201359, und \u00bbDie revolution\u00e4ren \u203aArbeiter und Soldaten\u2039\u00ab, S. 61\u201376.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. im Ausstellungskatalog S. 43, Nr. 27; S. 47, Nr. 31; S. 111, Nr. 15. Das Foto S. 134, Nr. 1 (nicht von R\u00f6mer) zeigt zudem Dreharbeiten, vermutlich f\u00fcr eine Wochenschau, vor dem Mossehaus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Einleitung, S. 21.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63384;\">Der Religionswissenschaftler Lutz Greisiger arbeitet im ZfL-Projekt\u00a0\u00bbFormen und Funktionen von Weltverh\u00e4ltnissen\u00ab.<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Lutz Greisiger: Stra\u00dfenk\u00e4mpfe, Lichtbilder, Foxtrott. Zur Ausstellung \u00bbBerlin in der Revolution 1918\/19: Fotografie, Film, Unterhaltungskultur\u00ab, in: ZfL BLOG, 28.2.2019, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/02\/28\/lutz-greisiger-strassenkaempfe-lichtbilder-foxtrott-zur-ausstellung-berlin-in-der-revolution-1918-19-fotografie-film-unterhaltungskultur\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/02\/28\/lutz-greisiger-strassenkaempfe-lichtbilder-foxtrott-zur-ausstellung-berlin-in-der-revolution-1918-19-fotografie-film-unterhaltungskultur\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190228-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190228-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190228-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/02\/28\/lutz-greisiger-strassenkaempfe-lichtbilder-foxtrott-zur-ausstellung-berlin-in-der-revolution-1918-19-fotografie-film-unterhaltungskultur\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"STRASSENK\u00c4MPFE, LICHTBILDER, FOXTROTT. 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