{"id":1055,"date":"2019-04-03T10:13:51","date_gmt":"2019-04-03T08:13:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1055"},"modified":"2025-03-03T13:28:50","modified_gmt":"2025-03-03T11:28:50","slug":"claude-haas-donald-trump-alias-macbeth-zu-stephen-greenblatts-neuem-shakespeare-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/04\/03\/claude-haas-donald-trump-alias-macbeth-zu-stephen-greenblatts-neuem-shakespeare-buch\/","title":{"rendered":"Claude Haas: DONALD TRUMP ALIAS MACBETH? Zu Stephen Greenblatts neuem Shakespeare-Buch"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nicht dass der Name Donald Trump in Stephen Greenblatts neuem und immerhin bereits f\u00fcnften Buch \u00fcber Shakespeare auch nur ein einziges Mal fallen w\u00fcrde.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> Es tr\u00e4gt den Untertitel \u00bbShakespeares Machtkunde f\u00fcr das 21. Jahrhundert\u00ab und gef\u00e4llt sich in seitenlangen Anspielungen wie dieser:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbEr [Richard III.] ist ein pathologischer Narzisst und in h\u00f6chstem Ma\u00dfe arrogant. Er verf\u00fcgt \u00fcber eine groteske Anspruchshaltung und hat nie einen Zweifel daran, dass er tun kann, was er will. Er br\u00fcllt gern Befehle und sieht, wie seine Untergebenen sie hastig ausf\u00fchren. Er erwartet unbedingte Loyalit\u00e4t, ist aber unf\u00e4hig zur Dankbarkeit. Die Gef\u00fchle anderer bedeuten ihm nichts. Er hat keinen nat\u00fcrlichen Anstand, keine Vorstellung von Mitmenschlichkeit, kein Schamgef\u00fchl.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">[\u2026] Er teilt die Welt in Sieger und Verlierer ein. Die Sieger erwecken seine Anerkennung, sofern er sie f\u00fcr seine Zwecke nutzen kann; die Verlierer erregen nur seinen Spott. Das Gemeinwohl ist etwas, von dem nur Verlierer reden. Er redet lieber vom Gewinnen. Er war immer von Reichtum umgeben, er wurde in ihn hineingeboren und macht ausgiebig von seinem Verm\u00f6gen Gebrauch.\u00ab (65f.)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nat\u00fcrlich \u00bbbegrapscht\u00ab der \u203aTyrann\u2039 auch Frauen (66). Er ist \u00bbskrupellos\u00ab (45), \u00bbverlogen\u00ab (10), \u00bbhasst\u00ab das Gesetz (66) und hat \u00bbkein echtes Interesse daran, das Los der Armen zu verbessern\u00ab (45).<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Greenblatt_STyrann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1057 alignleft\" src=\"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Greenblatt_STyrann-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Greenblatt_STyrann-187x300.jpg 187w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Greenblatt_STyrann-768x1229.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Greenblatt_STyrann-640x1024.jpg 640w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Greenblatt_STyrann-1200x1920.jpg 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Greenblatt_STyrann.jpg 1476w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 85vw, 187px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wer stets mitgemeint ist, wenn Greenblatt \u00fcber Richard III., K\u00f6nig Lear, Macbeth oder Coriolan schreibt, versteht sich vielleicht ein bisschen zu sehr von selbst. Zwar m\u00f6gen viele der erw\u00e4hnten Eigenschaften die notorischen Shakespeare\u2019schen B\u00f6sewichte mit dem 45. Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika verbinden. Aufgrund des historischen Abstands und aufgrund ganz unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen m\u00fcssen solche Gemeinsamkeiten jedoch akzidentell bleiben. Und tats\u00e4chlich liegt der Reiz von Greenblatts Buch wesentlich darin, dass es auf gleich mehreren Ebenen das exakte Gegenteil seiner eigentlichen Intention einl\u00f6st. Nach der Lekt\u00fcre kann man sich jedenfalls kaum des Eindrucks erwehren, dass von William Shakespeare gerade kein Weg zu Donald Trump f\u00fchrt. Und das scheint einmal mehr nicht das Schlechteste, was sich \u00fcber den elisabethanischen Dramatiker sagen l\u00e4sst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Neben einer Reihe von Charakterz\u00fcgen ist es Greenblatt zufolge das titelgebende Modell des Tyrannen und der Tyrannei, das eine Br\u00fccke von Shakespeares Theater zu Trump, mithin aber auch zu ein paar weiteren Despoten schlagen soll, die eine aufgekl\u00e4rte Welt derzeit in Atem halten. Dass Greenblatt um den Begriff des \u203aTyrannen\u2039 keinerlei theoretisches Aufheben macht, ist insofern verst\u00e4ndlich, als dieser schon in der Fr\u00fchen Neuzeit eher eine unscharfe Zuschreibung als ein strenges Konzept gebildet hatte. Shakespeares Zeitgenosse Thomas Hobbes etwa h\u00e4lt 1651 in seinem <em>Leviathan<\/em> fest, \u203aTyrannei\u2039 und \u203aMonarchie\u2039 seien nicht die Namen spezifischer oder auch nur unterschiedlicher Regierungsformen, \u00bbsondern derselben, wenn man sie f\u00fcr schlecht h\u00e4lt.\u00ab Hobbes f\u00e4hrt fort:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbDenn alle, die mit einer <em>Monarchie <\/em>unzufrieden sind, nennen sie <em>Tyrannis, <\/em>und diejenigen, welche eine <em>Aristokratie <\/em>nicht sch\u00e4tzen, nennen sie <em>Oligarchie, <\/em>und diejenigen, welche in einer <em>Demokratie <\/em>\u00c4rger haben, sprechen von <em>Anarchie<\/em>, was das Fehlen einer Regierung bedeutet.\u00ab<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Trotz des tendenziell unterbestimmten Gebrauchs der Begriffe folgt hieraus, dass man Donald Trump mit Blick auf die demokratische Regierung, an deren Spitze er nun einmal steht, nach Hobbes\u2019 Logik strenggenommen einen Anarchisten nennen m\u00fcsste. Angesichts von Trumps unerm\u00fcdlichen Angriffen auf staatliche Institutionen w\u00e4re dieser Titel in der Tat nicht minder gerechtfertigt als der des Tyrannen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Um solche Erw\u00e4gungen zeigt sich Greenblatt nun aber g\u00e4nzlich unbek\u00fcmmert, und damit offenbart selbst die fl\u00fcchtigste Konfrontation seines Buches mit der politischen Theorie der Fr\u00fchen Neuzeit dessen gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che. Staatsformen spielen bei Greenblatt n\u00e4mlich nicht den Hauch einer Rolle.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der \u203aTyrann\u2039 muss f\u00fcr alles einstehen, was Greenblatt politisch oder auch nur moralisch irgendwie \u00bbf\u00fcr schlecht h\u00e4lt\u00ab. War der Begriff bei Hobbes trotz aller eingestandenen Vagheit wenigstens noch auf die Monarchie bezogen geblieben, so b\u00fc\u00dft er bei Greenblatt den letzten Rest an Pr\u00e4gnanz ein. Auf diese Art m\u00f6gen einem Vergleiche zwischen Shakespeares verdorbensten Herrscherfiguren und Donald Trump leicht von der Hand gehen, sie drohen aber ebenso leicht zu verpuffen, weil sie sich letztlich im Charakterlichen verlieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Politisch ist dies bedenklich, weil es einer Vergr\u00f6\u00dferung wie einer Verkleinerung des Ph\u00e4nomens Trump Vorschub leistet. Shakespeares Richard III. kam bereits mit Z\u00e4hnen zur Welt und Macbeth ergeht sich nach seiner Ermordung von K\u00f6nig Duncan in langen Monologen \u00fcber den Unsinn des Lebens. Ob man eine solche Mixtur aus D\u00e4monie und Selbstreflexion, die die Suggestivit\u00e4t Shakespeare\u2019scher Helden wesentlich ausmacht, allen Ernstes f\u00fcr einen wie Donald Trump veranschlagen will, mag noch eine Geschmacksfrage darstellen. Anders verh\u00e4lt es sich mit Blick auf die Erlangung wie auf den Zuschnitt des staatlichen Amts. Wo Greenblatt den \u203aTyrannen\u2039 im B\u00f6sen \u00fcberh\u00f6ht, verharmlost er ihn politisch. Trump hat schlie\u00dflich keinen vorigen Herrscher erdolcht, er wurde zum Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten gew\u00e4hlt. \u00dcber den eigentlichen Skandal seiner Regierung, der nicht darin besteht, dass er illegitim w\u00e4re, sondern dass er legitim ist, t\u00e4uscht Greenblatt mit seinen Analogien zu Shakespeare fortw\u00e4hrend hinweg. Dies mag er im \u00dcbrigen selbst ahnen, wenn er darauf insistiert, dass Richard III. sich in dem gleichnamigen St\u00fcck selbst w\u00e4hlen l\u00e4sst (vgl. 89f.). Die Wahl Richards weist zur Wahlpraxis heutiger Massendemokratien allerdings genauso wenige Ber\u00fchrungspunkte auf wie die Ermordung angestammter K\u00f6nige.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Greenblatts Buch f\u00fchrt unterschwellig vor, dass der \u203aWesten\u2039 sich nach wie vor \u00fcberaus schwertut, in den Abgrund jener beklemmenden Plattit\u00fcde zu blicken, die am Ursprung seines demokratischen Selbstverst\u00e4ndnisses steht. W\u00e4hrend \u203aDemokratie\u2039 Volkssouver\u00e4nit\u00e4t meint, zeigt das Volk seit einigen Jahren verst\u00e4rkt, dass dies mitnichten auch im Umkehrschluss gilt, dass es also selbst nicht unbedingt, geschweige denn bedingungslos demokratisch ist. Dieses Grundproblem hat mit Trump ein zwar widerw\u00e4rtiges, aber kein \u203atyrannisches\u2039 Gesicht bekommen. Indem Greenblatt Trump systematisch mit solchen Herrscherfiguren konfrontiert, die sich gewaltsam an die Macht gebracht haben, verschafft er dem sehr berechtigten Horror angesichts von dessen Pr\u00e4sidentschaft das falsche Ventil.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das betrifft seine Schreibweise und seinen Stil mehr noch als seine Argumentation im engeren Sinn. Greenblatt weist gleich zu Beginn darauf hin, dass Shakespeare seine St\u00fccke oft in vergangene Zeiten und ferne R\u00e4ume verlegen musste, um genuin zeitgen\u00f6ssische politische Fragen auf der Theaterb\u00fchne \u00fcberhaupt verhandeln zu k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich habe es im elisabethanischen England \u00bbkeine freie Meinungs\u00e4u\u00dferung\u00ab gegeben (11). Indem Greenblatt selbst der Name Donald Trumps nun partout nicht \u00fcber die Lippen gehen will und er auch sonst kaum direkt auf gegenw\u00e4rtige Zust\u00e4nde zu sprechen kommt, entsteht zwangsl\u00e4ufig der Eindruck, er wolle \u2013 und m\u00fcsse (!) \u2013 Shakespeare mit genau dieser Strategie nacheifern. Die \u00bbTechniken der verschl\u00fcsselten Rede\u00ab, deren Beherrschung Shakespeare mit Autoren \u00bbtotalit\u00e4rer Regime\u00ab (10) verbunden haben mag, macht sich Greenblatt auf diese Weise selbst zu eigen. Damit verortet er sein Schreiben aber in einem repressiven politischen Umfeld, in dem es weder entsteht noch publiziert wird. Das verleiht seinen Ausf\u00fchrungen nicht nur einen autoheroischen und anma\u00dfenden Gestus, es beraubt sie auch jeder tieferen politischen Einsicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00c4rgerlich ist das nicht zuletzt aus dem Grund, dass Greenblatt bereits auf der ersten Seite eine Frage aufwirft, der man mithilfe Shakespeares vielleicht tats\u00e4chlich eingehender h\u00e4tte nachsp\u00fcren k\u00f6nnen, n\u00e4mlich die, \u00bbwarum sich so viele Menschen in die Irre f\u00fchren lassen, obwohl sie wissen, dass man sie bel\u00fcgt\u00ab (9). Hierf\u00fcr w\u00e4re aber der Blick auf jene Mechanismen zu richten gewesen, mit deren Analyse Greenblatt seinen eigenen wissenschaftlichen Ruhm einst begr\u00fcndet hatte: auf die Interaktionen und Verschiebungen zwischen kulturellen Gruppierungen oder Institutionen und den jeweiligen gesellschaftlichen Leitmedien einer bestimmten Epoche.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> Und freilich fiele hier sogleich eine gewichtige historische Differenz auf. Denn f\u00fcr das, was zu Shakespeares Zeiten fraglos die Theaterb\u00fchne war, gibt es heute weder das eine mediale Pendant, noch und schon gar nicht spielen unsere heutigen Theater die Rolle des damaligen Theaters.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dass man Stephen Greenblatt solche Trivialit\u00e4ten vorrechnen muss, l\u00e4sst tief blicken. Der italienische Mikrohistoriker Carlo Ginzburg hat die Geschichtswissenschaft einmal emphatisch vor \u00bbexzessiven Identifikationen\u00ab gewarnt: \u00bbOft wendet man sich der Vergangenheit mit einer rein retrospektiven Projektion zu, die keine R\u00fcckkehr kennt und nicht das Unterschiedliche sucht und sieht \u2013 exzessive Identifikation.\u00ab<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> Greenblatts Buch ist \u00fcber weite Strecken ein besonders abschreckendes Beispiel f\u00fcr eine derartige \u00bbProjektion\u00ab und \u00bbIdentifikation\u00ab. Er sieht keine historischen Unterschiede mehr, sondern macht sich alles gleich. Dabei hatte die von ihm ma\u00dfgeblich mitbegr\u00fcndete Disziplin des New Historicism anhand literarischer Texte solche Identifikationen einst nicht weniger vehement aufzuk\u00fcndigen versucht als die Mikrogeschichten von Carlo Ginzburg. Im Verbund mit Shakespeare war es Greenblatt um die Freilegung der \u203asozialen Energien\u2039 zu tun gewesen, die den Autor wie den Theatermacher tief in seiner eigenen Zeit verankerten und parallel gegen ein Genie-Denken anzuk\u00e4mpfen, das Shakespeare auf die Formulierung ewiger Wahrheiten verpflichten wollte. Sein neues Buch kehrt diese Perspektive f\u00f6rmlich um. Wenn Richard III. und Macbeth bereits Trump enthalten, verwandelt Greenblatt Shakespeare unter der Hand in einen vulg\u00e4ren Vision\u00e4r.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wie konnte das passieren? Vielleicht sind die gegenw\u00e4rtigen politischen Entwicklungen so unvorhersehbar und so irritierend, dass einer der bedeutendsten Historiker wie Literaturwissenschaftler der Gegenwart die Pr\u00e4missen und die Subtilit\u00e4ten einer von ihm mitbegr\u00fcndeten Disziplin regelrecht vergessen muss, um sich in seiner Zeit noch orientieren zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Vielleicht ist das Problem aber auch spezifischer. In seiner h\u00f6chst originellen Shakespeare-Biographie <em>Will in der Welt<\/em> h\u00e4lt Greenblatt einmal programmatisch fest: \u00bb[D]amit wir verstehen, wie Shakespeare seine Phantasie gebrauchte, um sein Leben in seine Kunst zu verwandeln, ist es wichtig, da\u00df wir von unserer eigenen Phantasie Gebrauch machen.\u00ab<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a> Nun hat das \u203apostfaktische\u2039 Zeitalter die von Greenblatt 2004 noch gepriesene wissenschaftliche \u00bbPhantasie\u00ab ihrer Unschuld m\u00f6glicherweise gr\u00fcndlich beraubt. Denn tats\u00e4chlich ist sein <em>Tyrann<\/em> bei allem, was man sonst noch dagegen sagen kann, ein geradezu grotesk phantasieloses Buch. Mit Blick auf gegenw\u00e4rtige Entwicklungen mag dies verst\u00e4ndlich und gut gemeint sein, aber es ist der falsche Weg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Greenblatts <em>Tyrann<\/em> ber\u00fchrt hier aktuelle und vor allem auch wissenschaftliche Debatten, die \u00fcber Shakespeare (und vielleicht sogar \u00fcber Trump) hinausweisen. Denn die sogenannten Fake News lassen derzeit selbst Literaturwissenschaftler scharenweise Fiktion oder Phantasie aus ihrem eigenen wissenschaftlichen Selbstverst\u00e4ndnis aussortieren. Ex negativo zeigt Greenblatt allerdings, dass Phantasie und wissenschaftliche Praxis niemals eine Opposition bilden d\u00fcrfen, sondern dass der Mut zur Phantasie eine Bedingung f\u00fcr die Wahrnehmung historischer Differenzen darzustellen scheint. Gerade in den deutschen Geisteswissenschaften, in denen das Adjektiv \u203ahistorisch\u2039 oft geradezu als Synonym f\u00fcr \u203awissenschaftlich\u2039 firmiert, sollte dies nicht vergessen oder gar bek\u00e4mpft werden. Man droht sich sonst schnell in einer ewigen Gegenwart wiederzufinden, die au\u00dfer sich selbst nichts mehr kennt. Statt Trump die Stirn zu bieten, landet man dann unweigerlich auf seinem Scho\u00df.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Stephen Greenblatt: <em>Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde f\u00fcr das 21. Jahrhundert<\/em>, \u00fcbersetzt von Martin Richter, M\u00fcnchen 2018. Im Folgenden mit Seitenzahlen im laufenden Text zitiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Thomas Hobbes: <em>Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen oder b\u00fcrgerlichen Staates<\/em>, hg. und eingeleitet von Iring Fetscher, \u00fcbersetzt von Walter Euchner, Frankfurt a.M. <sup>8<\/sup>1998, S. 145.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Vgl. hierzu das programmatische erste Kapitel von Stephen Greenblatt: <em>Shakespearean Negotiations. <\/em><em>The Circulation of Social Energy in Renaissance England<\/em>, Berkeley 1988, S. 1\u201320, v.a. S. 13.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Carlo Ginzburg zitiert nach Marian F\u00fcssel: \u00bbHistorisierung\u00ab. In: Aenne Gottschalk\/Susanne Kersten\/Felix Kr\u00e4mer (Hg.): <em>Doing Space while Doing Gender. Vernetzungen von Raum und Geschlecht in Forschung und Politik<\/em>, Bielefeld 2018, S. 51\u201361, hier S. 54.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Stephen Greenblatt: <em>Will in der Welt. Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde<\/em>, \u00fcbersetzt von Martin Pfeiffer, Berlin 2004, S. 12.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em>Der Literaturwissenschaftler <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/haas.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Claude Haas<\/a>\u00a0<span class=\"text\">leitet am ZfL gemeinsam mit Daniel Weidner den Forschungsschwerpunkt <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/weltliteratur.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weltliteratur<\/a>.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Claude Haas: Donald Trump alias Macbeth? Zu Stephen Greenblatts neuem Shakespeare-Buch, in: ZfL BLOG, 3.4.2019, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/04\/03\/claude-haas-donald-trump-alias-macbeth-zu-stephen-greenblatts-neuem-shakespeare-buch\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/04\/03\/claude-haas-donald-trump-alias-macbeth-zu-stephen-greenblatts-neuem-shakespeare-buch\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190403-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190403-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190403-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/04\/03\/claude-haas-donald-trump-alias-macbeth-zu-stephen-greenblatts-neuem-shakespeare-buch\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"DONALD TRUMP ALIAS MACBETH? 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