{"id":1175,"date":"2019-08-05T11:52:11","date_gmt":"2019-08-05T09:52:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1175"},"modified":"2025-03-03T13:10:11","modified_gmt":"2025-03-03T11:10:11","slug":"zur-medienoekologie-der-neuen-rechten-moritz-neuffer-und-morten-paul-im-gespraech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/08\/05\/zur-medienoekologie-der-neuen-rechten-moritz-neuffer-und-morten-paul-im-gespraech\/","title":{"rendered":"ZUR MEDIEN\u00d6KOLOGIE DER NEUEN RECHTEN. Moritz Neuffer und Morten Paul im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>F\u00fcr die Juli-Ausgabe von \u00bb<a href=\"https:\/\/39null.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">39Null \u2013 Magazin f\u00fcr Gesellschaft und Kultur<\/a>\u00ab (7\/2019) hat Katharina Rahn mit Moritz Neuffer und Morten Paul \u00fcber die Neue Rechte, Medien und Fragen der \u00d6ffentlichkeit gesprochen. Zusammen mit weiteren Geistes- und Kulturwissenschaftler*innen haben die beiden 2017 den Arbeitskreis \u00bb<a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/kulturwissenschaftliche-zeitschriftenforschung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung<\/a>\u00ab gegr\u00fcndet. Im daraus hervorgegangenen Eurozine-Dossier \u00bbWorlds of Cultural Journals\u00ab wurde 2018 ihr Aufsatz \u00bb<a href=\"https:\/\/www.eurozine.com\/rechte-hefte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rechte Hefte<\/a>. Zeitschriften der alten und neuen Rechten nach 1945\u00ab ver\u00f6ffentlicht.<\/em><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>39NULL: <\/strong>In eurem Artikel \u00bbRechte Hefte\u00ab zitiert ihr eingangs eine Rede des AfD-Politikers Bj\u00f6rn H\u00f6cke, die er im November 2017, kurz nach der f\u00fcr seine Partei so erfolgreichen Bundestagswahl, bei einer Konferenz der Zeitschrift \u00bbCompact\u00ab hielt: Unter anderem ausgehend vom Internet und den sozialen Medien habe sich eine Oppositionsbewegung entwickelt, die mittlerweile auch \u00bbin der Realit\u00e4t\u00ab von Politik, B\u00fcrgerbewegungen und traditionellen Printmedien angekommen sei. Was macht diese Neue Rechte aus und wie nutzt sie traditionelle Printmedien?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>Morten Paul: <\/strong>F\u00fcr mich ist die Neue Rechte zun\u00e4chst ein Sammelbegriff. Er bezeichnet extrem rechte Positionen, die sich von einer direkten Kontinuit\u00e4t zum Nationalsozialismus absetzen. Die Neue Rechte betont ihren theoretischen Bezug auf Denker der Zwischenkriegszeit wie den Philosoph Martin Heidegger, den Rechtstheoretiker und Juristen Carl Schmitt oder den Schriftsteller Ernst J\u00fcnger. Deren Beteiligung am NS wird dagegen verharmlost. Es handelt sich bei der Abgrenzung der Neuen Rechten von der alten Rechten also auch um eine Selbstinszenierung, der man nicht aufsitzen darf. Damit geht aber au\u00dferdem eine Verschiebung der politischen Strategie einher: Der Neuen Rechten geht es \u2013 sie beruft sich dabei auf den franz\u00f6sischen Rechtsintellektuellen Alain de Benoist \u2013 zun\u00e4chst nicht darum, Wahlen zu gewinnen oder die Stra\u00dfe zu erobern. Sie wollen das pr\u00e4gen, was sie als metapolitischen Raum bezeichnen und was wir vereinfachend als \u00d6ffentlichkeit beschreiben k\u00f6nnen. Damit wird die zentrale Bedeutung der Publizistik f\u00fcr diese Strategie unmittelbar einsichtig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>Moritz Neuffer: <\/strong>Die Neue Rechte hat sich ideologisch vor allem seit den 1970er-Jahren formiert. Es l\u00e4sst sich aber auch nachzeichnen, dass sie kein g\u00e4nzlich \u00bbneues\u00ab Ph\u00e4nomen ist, sondern in ideologischer und auch personeller Kontinuit\u00e4t zur alten Rechten steht. Sie grenzt sich vom historischen Nationalsozialismus oder vom Neonazismus ab, um ihre Ideen gesellschaftsf\u00e4hig zu machen. Dazu geh\u00f6rt, dass ihre Vertreter in der Regel zum Beispiel nicht explizit negativ auf J\u00fcdinnen und Juden Bezug nehmen \u2013 sondern sich sogar als deren Verteidiger gegen\u00fcber dem Islam darstellen, und sich damit selbst vom Antisemitismus freisprechen. Neurechte nationale oder v\u00f6lkische Souveranit\u00e4tsvorstellungen arbeiten aber mit Ausschl\u00fcssen, Feindbildern oder Verschw\u00f6rungstheorien, die im Kern antisemitisch oder rassistisch strukturiert und motiviert sind. Zwischen Sprachregelungen, Codierungen und bewusstem Tabubruch kommen verschiedene Strategien zur Anwendung, um diese in der \u00d6ffentlichkeit oder der sogenannten gesellschaftlichen Mitte zu platzieren.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dem Politikwissenschaftler Gideon Botsch nach hat sich das \u00bbnationale Lager\u00ab nach 1945 auch deshalb erhalten k\u00f6nnen, weil es quasi direkt nach Kriegsende ein neues Netz intellektueller und publizistischer Zirkel bildete: Verlage, Zeitschriften, Lesegruppen, Studienkreise, Kulturgemeinschaften und Gespr\u00e4chsrunden. Und von diesem Netz profitierten sp\u00e4ter Akteure der fr\u00fchen Neuen Rechten, wie zum Beispiel der Ethnopluralist Henning Eichberg, der in den 1960er-Jahren sein publizistisches Handwerk in der Zeitschrift \u00bbNation Europa\u00ab lernte \u2013 unter Anleitung des ehemaligen SS-Sturmbannf\u00fchrers Arthur Erhardt, der die Zeitschrift 1951 gegr\u00fcndet hatte. So haben Medien immer wieder dazu beigetragen, Kontinuit\u00e4ten und \u00dcberg\u00e4nge innerhalb des rechten Lagers zu erm\u00f6glichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">F\u00fcr H\u00f6cke bildet das Trio B\u00fcrgerbewegung-Publizistik-Partei die St\u00fctzpfeiler einer neuen \u00bbGegenkultur\u00ab. Gibt es diese denn wirklich?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MN<\/strong>: Die Wahl des Begriffs \u00bbGegenkultur\u00ab, den Bj\u00f6rn H\u00f6cke selbst benutzt, mag auf den ersten Blick irritieren: Ebenso wie die \u00bbAlternative\u00ab wird der Begriff ja traditionell mit linker Politik assoziiert. Was H\u00f6cke darunter versteht, l\u00e4sst sich seinen \u00c4u\u00dferungen zur Rolle des Internets f\u00fcr die Meinungsbildung entnehmen: Versprochen wird ein fundamentaler Bruch mit der Mainstream-\u00d6ffentlichkeit, die als monolithisch imaginiert wird, und zu der neben \u00bbKartellparteien\u00ab auch \u00bbSystemmedien\u00ab geh\u00f6ren, womit die Altparteien und klassischen deutschen Medien gemeint sind. Dagegen positionieren sich neurechte Autoren, Blogger, Youtuber als Wahrheitsk\u00e4mpfer und Augen\u00f6ffner.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wie wichtig sind scheinbare Nebenspieler, die von Vertreter*innen der Neuen Rechten instrumentalisiert werden? Birgit Kelle zum Beispiel publiziert seit Jahren im n\u00e4heren Umfeld der \u00bbJungen Freiheit\u00ab, schreibt aber auch f\u00fcr \u00bbWelt\u00ab und \u00bbFocus\u00ab gegen den von ihr so betitelten Genderwahn an \u2013 obwohl sie nicht offiziell Teil der Neuen Rechten ist. Ist Kelle ein Einzelph\u00e4nomen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MP: <\/strong>Solche \u00dcbersetzerinnen- oder Vermittlerfiguren spielen eine zentrale Rolle. Denn f\u00fcr die Wirkung rechter Medien ist letztlich ihr Zusammenspiel entscheidend, vom Kleinstverlag \u00fcber abgelegene Theoriezeitschriften, popularisierende Wochenzeitungen, von Blogs \u00fcber Kolumnen in etablierten Medien, von Twitterfeeds und Trollarmeen zu Thinktanks und Stiftungen, die sich gegenseitig eine Plattform geben, legitimieren und popularisieren. Wir nennen das eine Medien\u00f6kologie rechter Publizistik. Ich w\u00e4re aber sehr vorsichtig, von Instrumentalisierung zu sprechen, denn das suggeriert ja, jemand w\u00fcrde sich von jemand anderem ausnutzen lassen, handle aber selbst in guter Absicht. Man m\u00fcsste eher danach fragen, was die gegenseitigen Interessen am Bezug aufeinander sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MN: <\/strong>Gleichzeitig gie\u00dfen Massenmedien selbst Wasser auf die M\u00fchlen der Neuen Rechten, indem sie antifeministische Debatten oder Polemiken gegen \u00bbGender-Unfug\u00ab gezielt publizieren, weil Tabubr\u00fcche Aufmerksamkeit \u2013 und damit Klicks und Verkaufszahlen \u2013 generieren. Es bekommen aber auch Leute Kolumnen in der b\u00fcrgerlichen Presse, die unverhohlener den neurechten Rand bedienen, wie zum Beispiel Don Alphonso in der \u00bbWelt\u00ab, der andere Journalisten schon mal als sogenannte \u00bbSystemredakteure\u00ab bezeichnet und sich mit Birgit Kelle die thematische Vorliebe f\u00fcr \u00bbGenderGaga\u00ab teilt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Viele Menschen scheinen sich nicht mehr von den traditionellen Volksparteien vertreten zu f\u00fchlen. Vor diesem Hintergrund scheint es Programm zu sein, dezidiert linke Begriffe wie \u00bbPluralismus\u00ab, \u00bbMeinungsfreiheit\u00ab nach rechts umzupolen und als \u00bbAlternative\u00ab zum angeblichen Diktat der sogenannten \u00bbSystemparteien\u00ab anzubieten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MP: <\/strong>Tats\u00e4chlich kann es sein, dass in einer Zeit, in der die bestehenden demokratischen Institutionen und die Presse einem grunds\u00e4tzlichen \u2013 aus meiner Sicht oft auch berechtigten \u2013 Misstrauen ausgesetzt sind, deren einfache Ablehnung dem rechten Projekt in die H\u00e4nde spielt. Die Durchsetzung des Neoliberalismus als politische Doktrin und Gesellschaftsmodell hat dazu gef\u00fchrt, dass die bestehenden Formen der Organisation des gesellschaftlichen und politischen Lebens wie Gewerkschaften, politische Parteien und so weiter \u2013 wie problematisch diese vielleicht selbst auch waren \u2013 sich zunehmend aufl\u00f6sen. Wie man darauf reagiert \u2013 ob man sich selbst neu organisiert, am Wahlsonntag einfach im Bett liegen bleibt oder eben seine Stimme der AfD gibt \u2013, bleibt aber eine Entscheidung. Es macht rechte Positionen nat\u00fcrlich attraktiver, wenn sie sich als Widerstand gegen den Mainstream inszenieren k\u00f6nnen, auch wenn sie das in den seltensten F\u00e4llen sind. Ich w\u00fcrde deshalb sagen, dass es um die bei der Kritik angelegte Perspektive geht. Eine linke Position tritt daf\u00fcr ein, dass Menschen ihr Leben selbst gestalten k\u00f6nnen, es geht also immer auch um mehr demokratische Mitbestimmung. Eine rechte Position ordnet diese Selbstbestimmung letztlich immer einer anderen Instanz unter, die dann oft naturalisiert wird: Familie, Volk, Nation, Rasse, Gott oder meinetwegen auch Schicksal.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Bj\u00f6rn H\u00f6cke spricht offen aus, den Staat und seine Apparate erobern zu wollen. Da geht es darum, die Bundeswehr, die Polizei zu \u00fcbernehmen und in Institutionen zu sitzen, also nicht um weniger, sondern um mehr Herrschaft und F\u00fchrung. Auch in der Wahnidee, die Medien seien gesteuert \u2013 daher die Rede von den \u00bbSystemmedien\u00ab \u2013 dr\u00fcckt sich ja vor allem der Wunsch aus, selbst an den Reglern zu sitzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Idee von Political Correctness ist in der Intention zutiefst demokratisch. Wenn wir sexistische oder rassistische Worte nicht mehr sagen \u2013 so die Hoffnung \u2013, h\u00f6ren Stereotype in den K\u00f6pfen auf zu existieren. Nun scheinen sich die Negativseiten der Bem\u00fchungen abzuzeichnen. Einerseits inszenieren sich auch Rechte als durch \u00bbZensur\u00ab vom Diskurs ausgegrenzte Opfer, wie die AfD es immer wieder getan hat. Andererseits gibt es an manchen Stellen tats\u00e4chlich Zweifel \u00fcber die richtigen Bezeichnungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MN: <\/strong>Es ist so etwas wie der Gr\u00fcndungsmythos des neurechten Weltbildes, dass immer die Hegemonie des Gegners, also so etwas wie eine links-gr\u00fcne Diskurshoheit behauptet wird, die angeblich seit 68 herrscht und den \u00bbgesunden Menschenverstand\u00ab und die Meinungsfreiheit unterdr\u00fccke.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dass Political Correctness \u00fcberhaupt in aller Munde ist, ist also eine Inszenierung von rechts?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MP: <\/strong>Ich w\u00fcrde sogar darauf bestehen, dass der Begriff \u00bbPolitical Correctness\u00ab eine Erfindung von rechts ist. Niemand sagt ja \u00fcber sich: Ich bin politisch korrekt, sondern das wird immer nur abwertend \u00fcber andere gesagt, und zwar, um Kritik nicht einmal mehr auf ihre Berechtigung pr\u00fcfen zu m\u00fcssen, sondern gleich entsorgen zu k\u00f6nnen. Das ist meiner Ansicht nach auch der Grund, warum diese Rede von der Political Correctness in vielen Mainstream-Medien so gerne aufgenommen wurde. Sprachpolitik, also das Ringen darum, was man sagt und vor allem auch wie man es sagt, ist aber ein zentraler Bestandteil jeder emanzipatorischen Politik.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Sollten wir Diskussionen eher anfeuern, um Populismus und Halbwahrheiten herauszustellen, oder ist es besser, sie zu blockieren?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MP: <\/strong>Es ist keine Zensur, wenn mal jemand nicht eingeladen ist oder wenn mal eine Veranstaltung an einem bestimmten Ort nicht stattfinden kann. Oder anders herum gedreht: So eine \u00bbZensur\u00ab, wenn man es denn so nennen will, findet ohnehin die ganze Zeit statt, weil Institutionen und Medien immer ausw\u00e4hlen, wer zu Wort kommt und wer nicht und was sichtbar ist und was nicht \u2013 und diese Kriterien sind ja in den seltensten F\u00e4llen transparent oder gar in demokratischen Entscheidungsfindungsprozessen gewonnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Zuletzt hat die feministische Autorin Margarete Stokowski eine Lesung in einer Buchhandlung abgesagt, weil dort B\u00fccher rechter Autor*innen vertreten waren. Daraufhin ist eine Debatte entfacht, ob und inwiefern Buchl\u00e4den rechtes Gedankengut verkaufen und verbreiten sollen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MP: <\/strong>Man sollte diese B\u00fccher jedenfalls auf keinen Fall kaufen, wenn schon dann klauen! Ich will dem Betreiber der Buchhandlung gar nicht seine aufkl\u00e4rerische Absicht absprechen. Aber wer die B\u00fccher extrem rechter Verlage verkauft, unterst\u00fctzt dadurch immer auch extrem rechte Strukturen, und zwar nicht nur dabei, weiter rassistischen und sexistischen Einstellungen eine Plattform zu geben, sondern eben oft auch in ihrer Zusammenarbeit mit faschistischen Organisation und Parteien. Lesen kann man das nat\u00fcrlich schon. Man wird dann allerdings in vielen F\u00e4llen feststellen, dass das nicht so furchtbar interessant ist, wie es der Nimbus des Verbotenen oder Gef\u00e4hrlichen zun\u00e4chst verspricht. Aber das ist ja dann vielleicht eine heilsame Entt\u00e4uschung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MN: <\/strong>Wer will, findet diese B\u00fccher und Zeitschriften ja auch in staatlichen Bibliotheken oder antifaschistischen Dokumentationszentren. Ich glaube, dass es wichtig ist, vor sich selbst dar\u00fcber Rechenschaft abzulegen, ob man rechte Theorie zum Beispiel historisch oder soziologisch befragen will, oder ob man das nur tut, weil sie irgendwie gef\u00e4hrlich und faszinierend erscheint.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Zur Erhaltung der Meinungsfreiheit geh\u00f6rt also auch eine bestimmte Auswahl.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MN: <\/strong>Meinungsfreiheit ist mit der Neuen Rechten eben auch ein instrumentalisierter Begriff geworden, der zur Selbstinszenierung als Diskursopfer dient. Die Forderung nach v\u00f6lliger Neutralit\u00e4t oder Objektivit\u00e4t von Medien zielt letztlich auf die Abschaffung der kritischen \u00d6ffentlichkeit und des Rechts, sich in den Medien gegen die Rechte zu positionieren. Hinter der Behauptung, die anderen w\u00fcrden zensieren oder manipulieren, steht letztlich die Absicht, eigene Vorstellungen dar\u00fcber durchzusetzen, wer ausgeschlossen werden sollte \u2013 und zwar dann nicht nur aus den Medien, sondern aus der Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Am Ende der neurechten Ideen steht folglich keine Erweiterung der \u00d6ffentlichkeit, sondern deren Aufl\u00f6sung. Besteht tats\u00e4chlich akut die Gefahr einer Meinungsverschiebung, indem rechte Inhalte popul\u00e4rer und anschlussf\u00e4higer werden und sich der Diskurs so immer mehr in die Mitte verlagert?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>MP: <\/strong>Einerseits ja, Beispiele haben wir ja schon genannt. Mit der AfD konnte sich au\u00dferdem eine rassistische, in Teilen v\u00f6lkische Partei etablieren. Sie hat mit ihrem Einzug in die L\u00e4nderparlamente und den Bundestag Zugriff auf ganz andere Plattformen und Mittel als zuvor. Andererseits ist zumindest mein Eindruck, dass der \u00f6ffentliche Diskurs in den letzten Jahrzehnten vielf\u00e4ltiger und teilweise nuancierter geworden ist. Gesellschaftlich marginalisierte Gruppen, People of Colour, Queers, Menschen mit Migrationsgeschichten, haben sich \u2013 wenigstens ein St\u00fcck weit \u2013 Geh\u00f6r verschafft. Dank ihrer K\u00e4mpfe herrscht mehr Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Ausgrenzung und Benachteiligung, aber auch schlicht mehr Realit\u00e4tssinn, also Sinn f\u00fcr die Komplexit\u00e4t unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das reicht nicht, aber man muss auch aufpassen, sich nicht von einer Katastrophenstimmung l\u00e4hmen zu lassen. Gesellschaftliche Entwicklungen sind umk\u00e4mpft. Wir \u2013 besonders diejenigen, die aufgrund ihrer Position und Privilegien daf\u00fcr die gesellschaftlichen Ressourcen haben \u2013 haben die Verpflichtung, uns zu solidarisieren, Fortschritte zu verteidigen und auszubauen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #000000;\"><em><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/neuffer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Moritz Neuffer<\/a> ist Stipendiat am ZfL mit dem Dissertationsprojekt <a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/die-journalistische-form-der-theorie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die journalistische Form der Theorie. Zeitschriftenpublizistik und Theoriebildung in den 1950er bis 1970er Jahren.<\/a> Morten Paul ist Lektor im Berliner August Verlag. Zusammen mit Anke Jaspers und Claudia Michalski hat er 2018 den Band \u00bbEin kleines rotes Buch\u00ab (Matthes &amp; Seitz) zur Geschichte der sogenannten Mao-Bibel in Westdeutschland herausgegeben.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #000000;\"><em>Die Ver\u00f6ffentlichung des Interviews auf dem ZfL Blog erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch Katharina Rahn und 39NULL.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Zur Medien\u00f6kologie der neuen Rechten. Moritz Neuffer und Morten Paul im Gespr\u00e4ch, in: ZfL BLOG, 5.8.2019, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/08\/05\/zur-medienoekologie-der-neuen-rechten-moritz-neuffer-und-morten-paul-im-gespraech\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/08\/05\/zur-medienoekologie-der-neuen-rechten-moritz-neuffer-und-morten-paul-im-gespraech\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190805-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190805-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190805-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/08\/05\/zur-medienoekologie-der-neuen-rechten-moritz-neuffer-und-morten-paul-im-gespraech\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"ZUR MEDIEN\u00d6KOLOGIE DER NEUEN RECHTEN. 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