{"id":1188,"date":"2019-09-27T11:07:24","date_gmt":"2019-09-27T09:07:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1188"},"modified":"2025-03-03T13:06:01","modified_gmt":"2025-03-03T11:06:01","slug":"uta-kornmeier-der-architekt-als-arzt-zu-beatriz-colominas-x-ray-architecture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/09\/27\/uta-kornmeier-der-architekt-als-arzt-zu-beatriz-colominas-x-ray-architecture\/","title":{"rendered":"Uta Kornmeier: DER ARCHITEKT ALS ARZT. Zu Beatriz Colominas \u00bbX-Ray Architecture\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Tuberkulose hat die moderne Architektur <em>modern<\/em> gemacht. Das ist eine der pr\u00e4gnanten Thesen des Buches <em>X-Ray Architecture<\/em> der Architekturhistorikerin und \u2011theoretikerin Beatriz Colomina (Z\u00fcrich: Lars M\u00fcller Publishers, 2019). Darin geht sie in f\u00fcnf essayistischen Kapiteln den Wechselwirkungen zwischen Medizin und Architektur im 20. Jahrhundert nach. Am Beispiel der Tuberkulose und deren wichtigstem diagnostischen Instrument, der Durchleuchtung mit R\u00f6ntgenstrahlen, f\u00fchrt sie die enge Verschr\u00e4nkung medizinischer und architektonischer Diskurse in der Moderne vor. <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/LMP_978-3-03778-443-3_X-Ray_Cover_RGB.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1189 alignleft\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/LMP_978-3-03778-443-3_X-Ray_Cover_RGB-232x300.jpg\" alt=\"\" width=\"232\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/LMP_978-3-03778-443-3_X-Ray_Cover_RGB-232x300.jpg 232w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/LMP_978-3-03778-443-3_X-Ray_Cover_RGB-768x994.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/LMP_978-3-03778-443-3_X-Ray_Cover_RGB-791x1024.jpg 791w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/LMP_978-3-03778-443-3_X-Ray_Cover_RGB-1200x1554.jpg 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/LMP_978-3-03778-443-3_X-Ray_Cover_RGB.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 232px) 85vw, 232px\" \/><\/a>Es sind besonders zwei Teilbereiche der Tuberkulosemedizin, die Colomina in den Mittelpunkt r\u00fcckt. W\u00e4re sie selbst Medizinerin, h\u00e4tte sie diese vielleicht <i>\u00c4tiologie <\/i>und <i>Sichtbefund <\/i>genannt: Die \u00c4tiologie betrifft die Entstehungsbedingungen der Krankheit und wie diesen mit Hilfe der Architektur begegnet werden kann; der Sichtbefund die \u00fcberraschend \u00e4hnlichen visuellen Darstellungsformen in Architektur und Medizin. Colomina entwickelt daraus die These, dass wir die Architektur einer Zeit erst zur G\u00e4nze begreifen, wenn wir das zeitgen\u00f6ssische medizinische Bild des (kranken) K\u00f6rpers mitbedenken. Angeregt wurde sie zu diesen Beobachtungen u. a. durch Susan Sontags Essay <em>Krankheit als Metapher<\/em>, in dem Sontag den metaphorischen oder bildlichen Gebrauch von Krankheiten wie Tuberkulose und Krebs f\u00fcr bestimmte \u00f6konomische und soziale Situationen kritisiert. Da die Tuberkulosebek\u00e4mpfung nicht in einem kausalen Verh\u00e4ltnis zu den neuen Eigenschaften moderner Architektur steht, ist Colominas Bezeichnung \u00bbR\u00f6ntgen-Architektur\u00ab f\u00fcr die Baukunst der Moderne ebenso metaphorisch zu verstehen.<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Medizin und Architektur<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In groben Z\u00fcgen zeichnet Colomina nach, wie der medizinische und der architektonische Diskurs seit der Antike miteinander verkn\u00fcpft sind. So galt dem r\u00f6mischen Baumeister Vitruv der menschliche K\u00f6rper als Vorbild f\u00fcr Bauwerke, und er empfahl seinen Sch\u00fclern, zus\u00e4tzlich Medizin bzw. Anatomie zu studieren. Seit der Renaissance fallen \u00c4hnlichkeiten zwischen Medizin und Architektur vor allem im praktischen Vorgehen auf: Sowohl Mediziner als auch Architekten visualisierten und studierten Strukturen und Details von K\u00f6rpern und R\u00e4umen mit Hilfe von Gipsabg\u00fcssen, Modellen und Schnittbildern. Als Kronzeuge dient hier Leonardo da Vinci, der in seinen anatomischen Skizzen das Innere des Sch\u00e4dels und des Uterus darstellte, als w\u00e4ren sie von einem Architekten mit Zirkel und Elle konstruiert \u2013 tats\u00e4chlich war in der Vorstellung der Zeit die Welt ja auch von einem g\u00f6ttlichen Baumeister erschaffen worden. Sp\u00e4testens im 19. Jahrhundert bildeten sich in der Architektur Darstellungskonventionen heraus, die direkt aus anatomischen Traktaten und Atlanten \u00fcbernommen zu sein scheinen, wie beispielsweise die \u203agesprengte\u2039 Darstellung mit axial auseinandergezogenen Strukturen und der sezierte (Bau-)K\u00f6rper mit angeschnittenen oder \u203agefensterten\u2039 W\u00e4nden und D\u00e4chern, deren Sektionsschnitte Einblicke ins Innere geben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Colomina geht \u00fcber diese durchaus bekannte visuelle Beziehung zwischen medizinischen und architektonischen Bildern hinaus, wenn sie behauptet, dass sich mit dem Aufkommen der Radiologie nicht nur die medizinischen Darstellungen ver\u00e4ndern, sondern auch die Darstellungsweise und am Ende die gesamte \u00c4sthetik der modernen Architektur. Tats\u00e4chlich ist die \u00c4hnlichkeit zwischen R\u00f6ntgenbildern und den Entw\u00fcrfen und Fotografien moderner Architektur zuweilen verbl\u00fcffend, etwa bei Mies van der Rohes ber\u00fchmtem Entwurf f\u00fcr ein Hochhaus in der Berliner Friedrichstra\u00dfe von 1921. Mit seiner Glashaut und der Stahlskelettkonstruktion kommt der Entwurf der R\u00f6ntgenaufnahme eines Brustkorbes mit transparenten K\u00f6rperkonturen und dunklen Knochenschatten sehr nahe. Ein Vergleich dieser Bilder wird in dem opulent illustrierten Buch, das immer wieder Doppelseiten f\u00fcr Bildstrecken nutzt, nur suggeriert, die Bilder werden nicht direkt gegen\u00fcbergestellt. Klugerweise konstruiert die Autorin keine mimetische Beziehung zwischen Architektur und R\u00f6ntgentechnologie, sondern zeigt die parallele Entwicklung in beiden Bereichen auf, wobei zumindest die Architekten sehr genau verfolgten, was in der zeitgen\u00f6ssischen Medizin diskutiert und visualisiert wurde. Die Abbildungen funktionieren dabei ebenso als Argumente wie die Textzitate aus den Schriften der Architekten und Kritiker. In Hinblick auf diese Funktion und die interessante Zusammenstellung der Bilder h\u00e4tte das Buch durchaus ein gr\u00f6\u00dferes Format verdient.<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Architektur als medizinisches Instrument<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Sobald sich Architekten f\u00fcr Fragen der Gesundheit und die Optimierung des K\u00f6rpers interessieren, pr\u00e4sentieren sie ihre Bauten als medizinische Ma\u00dfnahmen zur Steigerung des Wohlbefindens. Colomina f\u00fchrt hierzu unter anderem Le Corbusier, Rudolph Michael Schindler, Richard Neutra sowie Alvar und Aino Aalto an, zu deren ikonischen Entw\u00fcrfen auch Sanatorien geh\u00f6rten oder Privath\u00e4user, die wie Heilanstalten funktionieren sollten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dunkle, enge R\u00e4ume, die mit Staubf\u00e4ngern vollgestellt waren, feucht und ohne ausreichende Bel\u00fcftung, dazu ein sitzender, bewegungsarmer Lebensstil, daraus folgende Ersch\u00f6pfung und Depression \u2013 all dies galt im 19. Jahrhundert als Ausl\u00f6ser f\u00fcr Schwindsucht oder Tuberkulose. Als Robert Koch 1882 das Tuberkulosebakterium entdeckte, wurde mangelnde Hygiene nahtlos in diese Reihe eingef\u00fcgt. Die Architekten reagierten darauf mit einem radikalen Verzicht auf Ornament und Dekoration und schufen gro\u00dfz\u00fcgige, offene R\u00e4ume mit klaren Linien und schlichten wei\u00dfen W\u00e4nden.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_1191\" aria-describedby=\"caption-attachment-1191\" style=\"width: 254px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-S-75.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1191\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-S-75-224x300.png\" alt=\"\" width=\"254\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-S-75-224x300.png 224w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-S-75-768x1029.png 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-S-75-765x1024.png 765w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-S-75-1200x1607.png 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-S-75.png 1344w\" sizes=\"auto, (max-width: 254px) 85vw, 254px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1191\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das R\u00f6ntgenbild, das nach 1900 zur Diagnose und \u00dcberwachung des Krankheitsverlaufes allgegenw\u00e4rtig wurde, normalisierte zudem den Anblick transparenter K\u00f6rperoberfl\u00e4chen und den Blick ins Innere. Die Architektur schuf zur gleichen Zeit gl\u00e4serne Fassaden, transparente W\u00e4nde und Au\u00dfenr\u00e4ume f\u00fcr ein Leben in Licht, Luft und Sonne (Abb. 1 zeigt den Zusammenhang exemplarisch auf einer Buchseite). In Zusammenarbeit mit \u00c4rzten entstanden nun Geb\u00e4ude, die den K\u00f6rper nicht mehr nur sch\u00fctzten, sondern ihn auch formten, indem sie Terrassen f\u00fcr Sonnenb\u00e4der und Sportr\u00e4ume f\u00fcrs t\u00e4gliche Training zur Verf\u00fcgung stellten. Au\u00dferdem waren sie mit Klimaanlagen und speziellen Sitzm\u00f6beln ausgestattet, die das Atmen und Abhusten erleichtern sollten, wie zum Beispiel die Sessel f\u00fcr Aaltos Sanatorium in Paimio.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Doch dem Schutz vor bakterieller Infektion galt nur eine Sorge der \u203atherapeutischen\u2039 Architektur der Moderne, hinzu kam noch die Aufmerksamkeit f\u00fcr den Zustand der Psyche. Die \u00bbmodernen Nerven\u00ab, wie der Architekt Adolf Loos es nannte, galten als durch den Schock der Industrialisierung, die Geschwindigkeit der neuen Technologien, die Gro\u00dfstadterfahrung und schlie\u00dflich das Trauma des Krieges zerr\u00fcttet. Der Verzicht aufs Ornament wurde daher auch nicht \u00e4sthetisch oder hygienisch begr\u00fcndet, sondern neurologisch. Loos argumentierte in seiner einflussreichen Schrift <em>Ornament und Verbrechen<\/em>, dass die Menschen in der Moderne es nicht mehr ertragen k\u00f6nnten, wie in fr\u00fcheren Jahrhunderten zu essen, sich zu kleiden und sich einzurichten: Die alten Verzierungen gingen ihnen buchst\u00e4blich auf die Nerven. Die neue Architektur und Innenausstattung sollten dagegen eine beruhigende, ja an\u00e4sthetisierende Wirkung auf ihre Bewohner haben, so Colomina: \u00bbJeder Raum wurde nun zu einem Aufwachraum, jedes Geb\u00e4ude zu einem Traumazentrum. Architektur entwickelte sich zu einem psychologischen Handwerk\u00ab (S. 37, alle \u00dcbersetzungen UK). Wei\u00dfe W\u00e4nde und klare Linien waren ein Widerstand gegen die \u00bbDroge des Ornaments\u00ab. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist Richard Neutras <em>Health House<\/em> f\u00fcr den Alternativmediziner Philip Lovell. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichneten die Designer und Architekten Charles und Ray Eames das Zuhause sogar als einen psychologischen \u00bbSto\u00dfd\u00e4mpfer\u00ab, in dem der Schock einer m\u00f6glichen nuklearen Vernichtung durch gutes Design absorbiert werden k\u00f6nnte: \u00bbDer Bewohner ist ein Patient, und die Moderne ist Krankheit und m\u00f6gliche Heilung zugleich\u00ab, konstatiert Colomina (S. 55). Es ist erstaunlich, was die Zeitgenossen dem modernen Design alles zutrauten.<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Die Transparenz des R\u00f6ntgenbildes<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ob Psychoanalyse oder Bakteriologie, Mikroskopie oder R\u00f6ntgenstrahlen \u2013 die Medizin der Jahrhundertwende zeigt eine Tendenz zur Innenschau und Sichtbarmachung des Unsichtbaren. Analog dazu vergleicht Colomina das Betreten eines modernen Geb\u00e4udes mit dem Betreten eines medizinischen Apparats: \u00bbArchitektur dient hier weniger dem Schutz als vielmehr dem Ausstellen oder Sichtbarmachen \u2013 wie bei einer R\u00f6ntgendurchleuchtung\u00ab (S. 117).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die neue Transparenz, durch die die Geheimnisse des Inneren sichtbar werden, wurde aber als Angriff auf das Private und die Intimsph\u00e4re begriffen. Als eine Form visueller Zudringlichkeit l\u00f6ste sie Scham und Angst vor Kontrolle aus. Gern wird in diesem Zusammenhang, auch von Colomina (S. 132), eine Zeitungsannonce f\u00fcr r\u00f6ntgensichere Unterw\u00e4sche erw\u00e4hnt, die nach 1900 vor anz\u00fcglichen Blicken sch\u00fctzen sollte. Einen konkreten Nachweis f\u00fcr diese Werbung bleibt leider auch sie schuldig. Die Anti-R\u00f6ntgen-Unterw\u00e4sche hat es vermutlich nie gegeben, sie ist ein satirischer Einfall, der gleichwohl die Ambivalenz der R\u00f6ntgenstrahlen auf den Punkt bringt: Diese stellen einerseits eindeutiges und unverstelltes Wissen in Aussicht, das zu Gesundheit und Sicherheit beitr\u00e4gt, drohen aber zugleich Intimes, Verdr\u00e4ngtes oder Zensiertes ans Licht zu bringen. Da die Strahlen vom Menschen nicht wahrgenommen werden, k\u00f6nnen sie unbemerkt und ohne Einwilligung zum Einsatz kommen. F\u00fcr die Betroffenen ist dabei unberechenbar, was sie zutage f\u00f6rdern. Damit verlieren die Menschen die Kontrolle \u00fcber ihr Bild oder, allgemeiner gesagt, ihre Daten, sie k\u00f6nnen nicht entscheiden, welche Informationen sie mit wem teilen m\u00f6chten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Colominas \u00dcberlegungen lassen sich noch weiterf\u00fchren. Denn nicht nur die moderne Architektur wurde zeitgleich mit der R\u00f6ntgentechnologie entwickelt, sondern auch das anatomische Modell des Gl\u00e4sernen Menschen, das 1930 auf der Hygieneausstellung in Dresden ausgestellt war. W\u00e4hrend sich die Angst vor der Aussp\u00e4hung durch R\u00f6ntgenstrahlen schnell legte, erlebte das Konzept des \u203agl\u00e4sernen Menschen\u2039 Ende des 20. Jahrhunderts als Sinnbild einer \u00fcbersteigerten Datenerfassung eine Renaissance. Und die Angst vor der unwillentlichen Entbl\u00f6\u00dfung kehrte mit Entwicklung der Tetrahertz- oder R\u00f6ntgen-K\u00f6rperscannern, sogenannten Nacktscannern, ebenfalls zur\u00fcck \u2013 inklusive Internetseiten, die von der Entwicklung undurchleuchtbarer Unterw\u00e4sche berichten. Es ist also nach wie vor so, dass die Transparenz der Au\u00dfenh\u00fclle f\u00fcr unsichtbare Strahlen nicht nur Faszination, sondern auch Unbehagen hervorruft.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_1190\" aria-describedby=\"caption-attachment-1190\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-page138-139.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1190 size-medium\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-page138-139-300x200.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-page138-139-300x200.png 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-page138-139-768x512.png 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-page138-139-1024x683.png 1024w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/X-RAY-ARCHITECTURE-page138-139-1200x800.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1190\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">F\u00fcr Colominas Argument ist wichtig, dass die ersten radiologischen Durchleuchtungskontrollen auf fluoreszierenden R\u00f6ntgenschirmen gemacht wurden. Versteht man den Bildschirm als Vermittler zwischen Innen und Au\u00dfen, l\u00e4sst sich diese Logik auf die moderne Architektur \u00fcbertragen. Dabei tritt der Bildschirm selbst (oder eben die Glasfassade) in den Hintergrund, um nur mehr ein Geisterbild des Inneren \u00fcbrig zu lassen: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbDie R\u00f6ntgen-Architektur [\u2026] gibt den Effekt eines R\u00f6ntgen<em>bildes<\/em> wieder, nicht den der R\u00f6ntgen<em>strahlen<\/em>. Es wird nicht eigentlich das Innere des Geb\u00e4udes zur Schau gestellt, sondern das Geb\u00e4ude repr\u00e4sentiert den Akt der Zurschaustellung oder Offenlegung. Und diese Offenlegung findet auf einem Bildschirm statt\u00ab (S. 135).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das R\u00f6ntgenhafte an der modernen Architektur w\u00e4re also nicht in ihrer Funktion als Durchleuchtungsmaschine zu bestimmen, sondern in ihrer Wirkung als ein Medium der Offenlegung (Abb. 2).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Assoziation von Glashaus und R\u00f6ntgenbild ist sp\u00e4testens seit den 1930er Jahren etabliert. Demnach fungiert das Glashaus mit seiner Transparenz als ein Symbol sowohl der \u00dcberwachung wie der Gesundheit. Die \u00c4rztin Edith Farnsworth etwa sagte \u00fcber ihr von Mies van der Rohe entworfenes Ferienhaus in Illinois:\u00a0<\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbBei mir steht der M\u00fcll nicht unter der Sp\u00fcle. Wissen Sie, warum? Weil man die gesamte \u203aK\u00fcche\u2039 von der Stra\u00dfe aus einsehen kann und der M\u00fclleimer den Anblick des ganzen Hauses verderben w\u00fcrde. Also verstecke ich ihn in einem Schrank etwas weiter weg vom Sp\u00fclbecken. [\u2026] Ich kann nicht mal einen Kleiderb\u00fcgel in mein Haus h\u00e4ngen, ohne zu \u00fcberlegen, wie das von au\u00dfen aussieht. Ein M\u00f6belst\u00fcck aufzustellen wird zu einem Riesenproblem, weil das Haus so durchsichtig ist wie ein R\u00f6ntgenbild\u00ab (S. 145f.).\u00a0<\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">Sie f\u00fcgt hinzu: \u00bbEs gibt schon ein Ger\u00fccht in der Gegend, dass es ein Tuberkulosesanatorium sei.\u00ab<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Hyper-\u00d6ffentlichkeit<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Colomina beschlie\u00dft ihr Buch mit zwei kurzen, eher assoziativen Kapiteln \u00fcber Transparenz und \u00dcberwachung in der modernen und zeitgen\u00f6ssischen Architektur: So betrachtet sie Glas als architektonischen Werkstoff sowohl der Transparenz als auch des Verschleierns und f\u00fchrt den Vergleich von medizinischen Darstellungstechniken und Architektur noch weiter bis zu den Durchleuchtungsmedien MRT und K\u00f6rperscanner und den von ihnen generierten digitalen Bildern. Hier wird einmal mehr deutlich, dass Colomina nicht \u00fcber umbaute R\u00e4ume spricht, die von Menschen benutzt werden und in konkreten sozialen und politischen Kontexten stehen. Vielmehr versteht sie Architektur haupts\u00e4chlich als <em>Bild<\/em>, als etwas Entworfenes, Fotografiertes oder Modelliertes.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Insgesamt pr\u00e4sentiert sie den architektonischen Diskurs der Moderne mit alleinigem Fokus auf seine Beziehung zur Medizin. Das macht die Argumentation nachvollziehbar und erleichtert den neuen Blick auf die Architektur; es beschleicht die Leserin aber auch das Gef\u00fchl, dass die Geschichte teils sehr vereinfacht dargestellt wird. Die in den 1920er und 30er Jahren so wichtigen Konzepte der Hygiene und K\u00f6rperert\u00fcchtigung werden beispielsweise ganz unter dem Begriff der Medizin subsumiert, obwohl sie doch weit dar\u00fcber hinausgingen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Colomina selbst geht es aber auch gar \u00bbnicht darum, die Beziehung [zwischen Architektur und Medizin] festzuschreiben und zu verkn\u00f6chern, sondern sie zu reaktivieren, zu \u00f6ffnen, ein Nachdenken anzuregen [&#8230;] und die Leser einzuladen, nochmal hinzuschauen und moderne Architektur mit anderen Augen zu sehen\u00ab (S. 11). Diese Darstellung der modernen Architektur mag zwar die Architekturgeschichte nicht revolutionieren, sie ist aber originell und ausgesprochen anregend. Nicht zuletzt hilft sie die Frage zu beantworten, wo denn der Einfluss der visuell so viel Aufsehen erregenden Radiographie auf die Kunst der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts geblieben ist.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ausf\u00fchrlich schreibt Colomina \u00fcber die Bedeutung des R\u00f6ntgenschirms als spezifisches Medium der Durchleuchtungsbilder. Welche besondere mediale Funktion sie dabei allerdings im fluoreszierenden Bildschirm entdeckt, ist unklar, denn das beschriebene Transparenzph\u00e4nomen, dass der Bildtr\u00e4ger zugunsten der Darstellung unsichtbar wird, trifft gleicherma\u00dfen auf das R\u00f6ntgenbild zu, das auch als fotografisches Bild auf Glas oder transparenter Folie kursierte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Die Kunsthistorikerin\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/kornmeier.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Uta Kornmeier<\/a> leitet am ZfL das DFG-Forschungsprojekt \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/die-geschichte-kunsthistorischer-radiographie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Intime Bilder. Die Geschichte kunsthistorischer Radiographie<\/a>\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Uta Kornmeier: Der Architekt als Arzt. Zu Beatriz Colominas \u00bbX-Ray Architecture\u00ab, in: ZfL BLOG, 27.9.2019, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/09\/27\/uta-kornmeier-der-architekt-als-arzt-zu-beatriz-colominas-x-ray-architecture\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/09\/27\/uta-kornmeier-der-architekt-als-arzt-zu-beatriz-colominas-x-ray-architecture\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190927-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190927-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20190927-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/09\/27\/uta-kornmeier-der-architekt-als-arzt-zu-beatriz-colominas-x-ray-architecture\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"DER ARCHITEKT ALS ARZT. 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Darin geht sie in f\u00fcnf essayistischen Kapiteln den Wechselwirkungen zwischen Medizin und Architektur im 20. Jahrhundert nach. Am Beispiel der Tuberkulose und deren wichtigstem diagnostischen Instrument, der <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/09\/27\/uta-kornmeier-der-architekt-als-arzt-zu-beatriz-colominas-x-ray-architecture\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[101,332,333,330,92,329,334,331,335],"class_list":["post-1188","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lektueren","tag-architektur","tag-architekturgeschichte","tag-architekturtheorie","tag-beatriz-colomina","tag-medizingeschichte","tag-moderne","tag-roentgenbild","tag-sichtbarkeit","tag-transparenz"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1188"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3622,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1188\/revisions\/3622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}