{"id":1287,"date":"2019-10-21T15:24:09","date_gmt":"2019-10-21T13:24:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1287"},"modified":"2025-03-03T13:03:16","modified_gmt":"2025-03-03T11:03:16","slug":"barbara-picht-von-predigern-und-mineralwasserverkaeufern-zu-valentin-groebners-kleiner-begriffsgeschichte-von-reinheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/10\/21\/barbara-picht-von-predigern-und-mineralwasserverkaeufern-zu-valentin-groebners-kleiner-begriffsgeschichte-von-reinheit\/","title":{"rendered":"Barbara Picht: VON PREDIGERN UND MINERALWASSERVERK\u00c4UFERN. Zu Valentin Groebners kleiner Begriffsgeschichte von Reinheit"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Wer redet von der Reinheit? Eine kleine Begriffsgeschichte,<\/em> hei\u00dft Valentin Groebners neuestes Buch. Knapp 100 Seiten umfasst das 2019 im Passagen Verlag erschienene B\u00e4ndchen, und es geht dem Luzerner Historiker darin weniger um Geschichte als um unsere Gegenwart. Er attestiert ihr gro\u00dfe Faszination f\u00fcr eine Vorstellung, die wir mit religi\u00f6sem Denken leicht, mit einer \u203aentzauberten\u2039 und s\u00e4kularisierten Welt aber schon schwerer in Verbindung bringen. Und doch, so die spannende Beobachtung Groebners, ist Reinheit auch heute allgegenw\u00e4rtig, \u00bbund zwar als ein erstrebenswertes, wunderbares, schlechthin unwiderstehliches Ideal\u00ab (S. 20).<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Groebner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1288 alignleft\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Groebner.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"256\" \/><\/a>Dass Reinheit eine schmutzige Sache sei, ist f\u00fcr Groebner dabei ausgemacht. Viel Arbeit werde aufgewendet, um den kulturellen Code \u203aReinheit\u2039 wirksam werden zu lassen, und viel Unreines m\u00fcsse daf\u00fcr als Gegenbild beschworen werden. Dieser Logik folgten bereits die Reinheitserz\u00e4hlungen der europ\u00e4ischen Bettelorden des 13. und 14. Jahrhunderts. Der unbefleckte K\u00f6rper des Erl\u00f6sers wurde in Gestalt der geweihten Hostie allen Teufeln und D\u00e4monen entgegengehalten. Zugleich diente die Transsubstantiationslehre dem Kampf gegen weit irdischere Gegner: Von j\u00fcdischen Hostiensch\u00e4ndern und Brunnenvergiftern handelten die \u203aschmutzigen\u2039 Kontrasterz\u00e4hlungen. Sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Im Namen der Reinheit wurden nicht Wenige zum Tode verurteilt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das Schmutzige an den Reinheitserz\u00e4hlungen bleibt der rote Faden in Groebners Buch, in dem es sonst bisweilen etwas sprunghaft zugeht. So werden unter der \u00dcberschrift \u00bbReine Urspr\u00fcnge\u00ab sowohl die \u203areine Alpenmilch\u2039 aus der Schokoladenwerbung als auch Wagners Opern-Libretti verhandelt. Im zweiten Kapitel zu \u00bbreinen K\u00f6rpern\u00ab stehen \u00dcberlegungen zu \u203abio\u2039 und \u203ahalal\u2039 recht unvermittelt neben den \u00bbbesonderen K\u00f6rpern von besonderen Frauen\u00ab, und es erschlie\u00dft sich nicht leicht, warum es dann erst noch einmal um Hostiensch\u00e4ndungen geht. Die Passage \u00fcber die Jungfrau Maria f\u00fcgt sich daf\u00fcr umso besser unter diese \u00dcberschrift. Der dritte Teil des Buches wendet sich dann der \u00bbreinen Anschauung\u00ab zu und betrachtet die Haltung der Schweizerinnen und Schweizer zur Migration ebenso wie die Werbestrategien des Mineralwasserverk\u00e4ufers Evian.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dieses Verfahren hat durchaus etwas Ansteckendes: Man beginnt selbst zu \u00fcberlegen, wo uns \u00fcberall Reinheitserz\u00e4hlungen begegnen, die uns bestenfalls verf\u00fchren sollen, etwas zu kaufen, mit denen aber auch Fremdenfeindlichkeit gerechtfertigt wird. Die politischen Implikationen des Reinheitsbegriffs sind offensichtlich Groebners st\u00e4rkste Motivation, unseren Blick f\u00fcr die Strategien der Reinheitsapologeten zu sch\u00e4rfen. Mit der Rede von den reinen Dingen \u2013 daran l\u00e4sst er keinen Zweifel \u2013 verfolgten sie stets ihre eigenen, mehr oder minder unlauteren Interessen. Mit Reinheit wird Geld und Politik gemacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">So ist die Neugierde auf Reinheit schnell geweckt. Doch zugleich entsteht der Eindruck, dass hier erst der Auftakt gemacht wurde f\u00fcr die Erforschung eines Themas, das sich in dem schmalen B\u00e4ndchen nat\u00fcrlich nicht ersch\u00f6pft. Von sich selbst sagt Groebner, er finde es als Historiker verlockend, \u00fcber den andauernden Erfolg des Begriffs im 21. Jahrhundert nachzudenken. Doch vor lauter berechtigtem Zorn \u00fcber die Motive der Reinheitsverk\u00fcnder verliert er die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Wirksamkeit von Reinheitserz\u00e4hlungen mitunter etwas aus dem Blick. Wir erfahren einiges dar\u00fcber, wie die Rede von der Reinheit auch im 21. Jahrhundert noch funktioniert. Sie stellt eine Ordnung her, durch die sehr klar wird, was zu bejahen, zu best\u00e4tigen, zu erstreben ist. Das wiederum stiftet ein Gemeinschaftsgef\u00fchl unter jenen, die sich den \u203areinen\u2039 Dingen verpflichten. Reinheit ist der Kampfbegriff, der gegen alle gerichtet werden kann, die sich solcher Verpflichtung entziehen, sich ihr entgegenstellen oder denen Recht oder F\u00e4higkeit abgesprochen wird, den Reinheitsgl\u00e4ubigen anzugeh\u00f6ren. Denn dass Reinheit auch im 21. Jahrhundert noch etwas mit Glaube zu tun hat, ist f\u00fcr Groebner klar. Wer da glaubt, sind allerdings in seinen Augen nicht diejenigen, die uns von Reinheit erz\u00e4hlen. Sondern wir sollen glauben, dass ein Duschgel rein aus gr\u00fcner Olive besteht, wir uns durch den Genuss eines Mineralwassers aus den franz\u00f6sischen Alpen selbst reinigen oder den sozialen Frieden nur wahren k\u00f6nnen, wenn wir Zuwanderung beschr\u00e4nken. Um uns f\u00fcr solche Tricks die Augen zu \u00f6ffnen, betont Groebner immer wieder, dass es Reinheit nicht gibt. Sie sei eine fingierte Erz\u00e4hlung, ein Zauberwort, ein Darstellungsschema, eine imaginierte Kategorie, ein Ordnungsbegriff, ein Code:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbReinheit ist durch ihre Knappheit, ihre fragile Natur und ihr Bedrohtsein definiert. Sie ist imagin\u00e4r, fl\u00fcchtig und arbitr\u00e4r, und genau diese Unbestimmtheit macht sie so universell anwendbar.\u00ab (S. 39)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Warum aber zieht uns ein Zauberwort derart in seinen Bann? Weshalb hat dieser Code \u2013 immer noch \u2013 so gro\u00dfe Anziehungskraft? Wie k\u00f6nnen wir zulassen, dass eine Chim\u00e4re unser soziales Normensystem mitbestimmt? Groebner orientiert sich an Mary Douglas\u2019 ma\u00dfgeblicher Studie <em>Purity and Danger<\/em>, wenn er Konzepte von Reinheit als Instrumente ansieht, die Wahrnehmungen systematisieren und innerhalb einer Gemeinschaft synchronisieren sollen (S. 22 f.). Dann ist aber andererseits nicht viel damit gewonnen, Reinheit als eine Fiktion zu entlarven. Denn vieles von dem, was \u00bbOrdnung schaff[t] in der sozialen Welt\u00ab (S. 32), l\u00e4sst sich empirisch nicht auffinden: das Gute, das Schlechte, die Gerechtigkeit, die Freiheit. Das wei\u00df Valentin Groebner, der zu den Autoren der <em>Zeitschrift f\u00fcr Ideengeschichte<\/em> geh\u00f6rt, nat\u00fcrlich selbst. Bleibt zu hoffen, dass er der Frage, weshalb Reinheit unverzichtbar zu sein scheint, weiter nachgeht, obwohl sie seiner Meinung nach angesichts all der gelehrten Kritik an ihr eigentlich l\u00e4ngst auf die \u00bbM\u00fclldeponie gewandert sein m\u00fcsste, in der andere Gro\u00dfbegriffe aus dem 18. und 19. Jahrhundert schon lange liegen, von \u203aRasse\u2039 bis \u203aVolksgeist\u2039\u00ab (S. 22). Bedeutet das, dass wir sie ersetzen sollen \u2013 und k\u00f6nnen? L\u00e4uft Groebners gelehrte Kritik darauf hinaus, f\u00fcr einen anderen Code zu werben, der in der sozialen Welt des 21. Jahrhunderts der \u203aReinheit\u2039 den Platz streitig machen k\u00f6nnte? Das hie\u00dfe vermutlich, vom Begriffshistoriker zu viel zu verlangen. Doch es bleibt der Wunsch, den anhaltenden Erfolg von Reinheitsvorstellungen nicht nur vor Augen gef\u00fchrt zu bekommen und ihre Problematik ein weiteres Mal beschrieben zu sehen, sondern mehr dar\u00fcber zu erfahren, welcherart die Ideale sind, die sich in der Longue dur\u00e9e und \u00fcber politische und soziale Zeitenwechsel hinweg behaupten k\u00f6nnen. Und was genau behauptet sich da eigentlich? Hat Reinheit in den Predigten der Dominikaner des 13. Jahrhunderts wirklich dieselbe Bedeutung und Funktion wie auf den Werbeplakaten 800 Jahre sp\u00e4ter? Und sind grunds\u00e4tzlich allen Idealvorstellungen, die symbolische Ordnungssysteme stiften, dieselben Vorw\u00fcrfe zu machen wie der Reinheit? Wie gesagt: das Interesse ist geweckt. Aber der \u00bbkleinen Begriffsgeschichte\u00ab kann sehr gerne eine ausf\u00fchrlichere folgen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><em>Die Historikerin <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/picht.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Barbara Picht<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/begriffsgeschichte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Theorie und Konzept einer interdisziplin\u00e4ren Begriffsgeschichte<\/a>\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Barbara Picht: Von Predigern und Mineralwasserverk\u00e4ufern. Zu Valentin Groebners kleiner Begriffsgeschichte von Reinheit, in: ZfL BLOG, 21.10.2019, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/10\/21\/barbara-picht-von-predigern-und-mineralwasserverkaeufern-zu-valentin-groebners-kleiner-begriffsgeschichte-von-reinheit\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/10\/21\/barbara-picht-von-predigern-und-mineralwasserverkaeufern-zu-valentin-groebners-kleiner-begriffsgeschichte-von-reinheit\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20191021-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20191021-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20191021-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2019\/10\/21\/barbara-picht-von-predigern-und-mineralwasserverkaeufern-zu-valentin-groebners-kleiner-begriffsgeschichte-von-reinheit\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"VON PREDIGERN UND MINERALWASSERVERK\u00c4UFERN. 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