{"id":137,"date":"2016-09-12T14:25:35","date_gmt":"2016-09-12T12:25:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/interim\/?p=137"},"modified":"2025-03-04T16:17:58","modified_gmt":"2025-03-04T14:17:58","slug":"falko-schmieder-mehr-dissonanz-wagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/09\/12\/falko-schmieder-mehr-dissonanz-wagen\/","title":{"rendered":"Falko Schmieder: MEHR DISSONANZ WAGEN!"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong>Eine Rezension zu Hartmut Rosa: <em>Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung<\/em>, Suhrkamp Verlag Berlin 2016<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es kommt selten vor, dass eine soziologische Habilitationsschrift zum Bestseller wird. Hartmut Rosa ist das 2005 mit seinem Buch zur Beschleunigung gelungen. Getragen vom Erfolg hat der Autor nachgelegt. Mit dem schnell zum Label gewordenen Begriff der Beschleunigung im Titel erschienen zwei weitere B\u00fccher, in denen er seine Kritik an der kapitalistischen Steigerungsmoderne vertieft und popularisiert hat. Rosa f\u00fchrt damit die kritische Theorie vom \u00e4therischen Abweg der Verst\u00e4ndigungstheorie wieder auf ihr urspr\u00fcngliches Kernprojekt der Auseinandersetzung mit den Grundstrukturen und Triebkr\u00e4ften der modernen Gesellschaft zur\u00fcck. In zeitgem\u00e4\u00dfen Analysen erneuert er die gern verdr\u00e4ngte Einsicht, dass die entfesselte, einer blinden Wachstumslogik folgende Dynamik alles andere als zukunftsf\u00e4hig ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Nach drei Monographien zu Pathologien des Kapitalismus macht sich Rosa nun in seinem neuen Buch daran, seiner Kritik ein normatives Fundament zu verschaffen. <!--more-->\u201eWenn Beschleunigung das Problem ist\u201c, so der Er\u00f6ffnungssatz, \u201edann ist Resonanz vielleicht die L\u00f6sung\u201c (13). Das Buch steht im weiteren Rahmen des an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena eingerichteten Kollegs ,Postwachstumsgesellschaften\u2018, das Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens jenseits der Verwertungslogik erkundet. Der Verlag preist das Buch als \u201eGr\u00fcndungsdokument einer Soziologie des guten Lebens\u201c an. Der Erfolg des \u00fcber 800 Seiten starken W\u00e4lzers scheint durchschlagend zu sein. Noch im Jahr der Erstver\u00f6ffentlichung erscheint die gebundene Ausgabe schon in der dritten Auflage; weitere werden folgen. Zum Erfolg tr\u00e4gt sicher bei, dass Rosa Soziologie als Passion und Mission versteht. Sie soll wieder gesellschaftsrelevant und zu einem Faktor emanzipatorischer Ver\u00e4nderung werden. Dem korrespondiert eine fl\u00fcssige Schreibweise, die zuweilen etwas \u00fcberschw\u00e4nglich-mitrei\u00dfendes hat. Zur Illustration seiner Resonanztheorie verweist Rosa auf ein <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5v5eBf2KwF8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">youtube<\/a>-Video. Es zeigt 32 Metronome, die zun\u00e4chst ungleichzeitig pendeln, sich dann aber sukzessive aufeinander einschwingen, bis sich schlie\u00dflich alle im Gleichtakt bewegen. Rosa war von diesem Arrangement so fasziniert, dass er es nachgebaut hat. Den Vertretern der ersten Generation der kritischen Theorie, die vor den Nazis ins Exil geflohen waren, w\u00e4re das Motiv wohl eher als Horrorbild denn als Modell gelingender Sozialbeziehungen erschienen. Auch weil der Resonanzbegriff Titeln wie <em>Ohne Leitbild<\/em>, <em>Dissonanzen<\/em> oder <em>Negative Dialektik<\/em> scharf kontrastiert, war die Erwartung gro\u00df, ob das Buch den Anspruch einer Erneuerung der kritischen Theorie einl\u00f6sen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Rosa hat f\u00fcr seine Resonanztheorie eine Menge an Literatur aus allen m\u00f6glichen Disziplinen (z.B. Spiegelneuronenforschung, Pers\u00f6nlichkeitspsychologie, Gl\u00fccksforschung, Empathieforschung) verarbeitet. Im Ausgang von anthropologischen Grundtatbest\u00e4nden wie Atmen\/Essen\/Trinken, Gehen\/Stehen\/Schlafen oder Lachen\/Weinen\/Lieben \u00f6ffnet sich das Buch allgemeineren gesellschaftlichen Dimensionen wie Familie\/Freundschaft\/Politik, Arbeit\/Schule\/Sport sowie Religion\/Natur\/Kunst\/Geschichte, um dann \u00fcber eine resonanztheoretische Rekonstruktion der Moderne in eine kritische Theorie der Weltbeziehung zu m\u00fcnden. Ein riskanter, aufs gro\u00dfe Ganze zielender Ansatz. In Bezug auf die Binnengeschichte der kritischen Theorie beansprucht Rosa, die bisherigen Formen (Entfremdungs-, Verdinglichungs-, Verst\u00e4ndigungs- und Anerkennungstheorie) aus ihren Vereinseitigungen zu befreien und ihnen im Rahmen seiner Resonanztheorie ein neues Fundament und kritisches Profil zu verschaffen. Rosa spricht dann auch selbst von Monismus (336), und er bem\u00fcht an einer Scharnierstelle des Buchs (514) Hegels Aufhebungsfigur, um seinen universalen Anspruch zu verdeutlichen. L\u00e4sst sich dieser Anspruch auf der Basis eines einzigen Grundbegriffs einl\u00f6sen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Rosa setzt zun\u00e4chst an der physikalisch-musikalischen Kernbedeutung von Resonanz an, die er dann nach verschiedenen Seiten ausdifferenziert. Er kann dabei ankn\u00fcpfen an eine erstaunliche Vielzahl von Arbeiten unterschiedlicher Disziplinen, die sich den Resonanzbegriff f\u00fcr ihre jeweiligen Zwecke angeeignet haben. Am Ende des anthropologischen Teils, nach etwas mehr als einem Drittel des Buches, hat Rosa dann alle Bausteine f\u00fcr seine Definition von Resonanz zusammen: \u201eResonanz ist eine durch Affizierung und Emotion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig ber\u00fchren und zugleich transformieren. Resonanz ist keine Echo-, sondern eine Antwortbeziehung; sie setzt voraus, dass beide Seiten <em>mit eigener Stimme<\/em> sprechen, und dies ist nur dort m\u00f6glich, wo starke Wertungen ber\u00fchrt werden. Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverf\u00fcgbarkeit\u201c (298).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Rosas Bestimmung von Resonanz ist damit so angelegt, dass sie noch den absoluten Gegensinn der physikalischen Kernbedeutung zu integrieren versucht: Autonomie, Differenz und reflektierter Widerspruch sollen konstitutiv f\u00fcr Resonanzverh\u00e4ltnisse sein. In Rosas Lekt\u00fcren funktioniert der Resonanzbegriff nach der Logik eines allgemeinen \u00c4quivalents, in das die heterogensten Theoriesprachen \u00fcbersetzt werden. Resonanztheoretisch reformuliert werden unter anderem Adornos Mimesis (53), Benjamins Aura (555), Habermas\u2019 Verst\u00e4ndigung (587), Latours symmetrische Anthropologie (384), Masumis Intensit\u00e4t (288), Simmels Assimilation (561), Webers Charisma (554) sowie das Konzept der Flow-Erfahrung (26). Bei dieser \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit gehen oft entscheidende Differenzen verloren. In der F\u00fclle der Zitate finden sich nicht selten schw\u00fclstige (87) oder krass irrationalistische Positionen (537), die Rosa distanzlos pr\u00e4sentiert. Auch kombiniert Rosa ziemlich wahllos Theorien und Autoren, die sich als Alternativen gesehen haben \u2013 Hegel und die Romantiker, Marx und Adam M\u00fcller, Adorno und Buber, Habermas und Sloterdijk stehen eintr\u00e4chtig nebeneinander. Der Differenzen verschleifende Zug kommt schlie\u00dflich auch im Umgang mit literarischen und poetischen Quellen zum Ausdruck, den Adorno wohl banausisch genannt h\u00e4tte, weil die Texte immer nur zur Illustration der Resonanztheorie dienen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die \u00dcberdehnung des Resonanzbegriffs zeigt sich immanent an den Grenzen verschiedener Analyseebenen und theoretischen Funktionsbestimmungen von Resonanz. An der Grenze von Anthropologie und Sozialtheorie etwa ergibt sich der Widerspruch, dass Rosa einerseits im Rekurs auf Neurologie und S\u00e4uglingsforschung Resonanz als prim\u00e4res, vorreflexives Weltverh\u00e4ltnis bestimmt (110), andererseits aber Autonomie als Voraussetzung von Resonanz postuliert (650). Beim \u00dcbergang von der Ebene des Sozialen zur Ebene der Objektbeziehungen stellt sich die Frage, in welchem Sinne Gegenst\u00e4nde ,mit eigener Stimme sprechen\u2018 und wechselseitig antwortende und anverwandelnde Beziehungen in Gang setzen k\u00f6nnen. An der Schnittstelle zwischen deskriptiver und normativer Dimension wird fraglich, ob es nicht so etwas wie negative Resonanz geben m\u00fcsste. Rosa verneint das und votiert f\u00fcr eine positive Bestimmung (744), die dann aber inkompatibel ist mit seinem Anspruch einer Kritik der <em>Resonanz<\/em>verh\u00e4ltnisse. Im ganzen Buch setzt sich Rosa viel zu schnell \u00fcber Widerspr\u00fcche, und zumal \u00fcber die Kluft zwischen subjektiver und analytischer Bestimmung, hinweg. Was Einzelne subjektiv als resonantes Weltverh\u00e4ltnis erleben oder beschreiben, kann auf der Analyseebene als sentimentale R\u00fchrung, reine Echobeziehung oder als Kompensationsreaktion erscheinen. In seinem Buch <em>Beschleunigung und Entfremdung<\/em> hatte Rosa f\u00fcr solche Konflikte noch die Kategorie der falschen Bed\u00fcrfnisse parat. Im Resonanzbuch wurde sie kommentarlos verworfen, ohne dass allerdings ein Alternativkonzept pr\u00e4sentiert w\u00fcrde. Generell laboriert die Resonanztheorie an einem konflikttheoretischen Defizit. Deutlich wird das etwa, wenn demokratische Prozesse im Paradigma von Musik und (Chor-)Gesang begriffen werden (367).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das epistemologische Haupthindernis der Resonanztheorie besteht in den physikalistischen, pr\u00e4kognitivistischen Vorgaben des Modells, die dazu f\u00fchren, dass inhaltliche Aspekte, solche des Sinns und Gegensinns, des Widerstreits und Widerspruchs, stark unterbelichtet bleiben und an etlichen Stellen f\u00fcr nachrangig oder letztlich gar bedeutungslos erkl\u00e4rt werden m\u00fcssen (vgl. 376, 510). Die St\u00e4rke des Konzepts, dass es Kategorien des Sinns und der Identit\u00e4t unterl\u00e4uft, ist zugleich seine Schw\u00e4che. Im Einklang mit dem physikalischen Modell, aber zum Schaden des sozialkritischen Ansatzes, \u00fcberwiegt der Grundton vorbewusster \u00dcbereinstimmung, der auch die ganze Metaphorik des Buches durchzieht: das Leitbild ist der vibrierende Draht; dauernd geht es um das Bewegt-Sein, das Ergriffen-Sein, um das Bewirken und das Erreicht-Werden. Rosas Buch, das den Anspruch der kritischen Theorie erneuern will, l\u00e4sst Kritik contre c\u0153ur als forciert repulsiven Beziehungsmodus erscheinen (121). Wenn Rosa sein Buch in das Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein garantiertes Grundeinkommen ausm\u00fcnden l\u00e4sst, dann engagiert er sich f\u00fcr ein politisches Projekt, zu dessen Begr\u00fcndung es keiner Resonanztheorie bedarf. Das Kapitel erscheint dann auch seltsam quer zu den weitverzweigten Darstellungen des Haupttextes. Es spricht sehr f\u00fcr Rosa, dass er am Schluss des Buches in die Rolle seiner Kritiker schl\u00fcpft und zentrale Einw\u00e4nde gegen seinen Ansatz noch einmal in komprimierter Form zu entkr\u00e4ften sucht. Und nach vielen hundert Seiten einr\u00e4umt, dass er auf etliche Einw\u00e4nde \u201enoch keine guten Antworten\u201c (740) habe. Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz nicht die L\u00f6sung.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Falko Schmieder: Mehr Dissonanz wagen!, in: ZfL BLOG, 12.9.2016, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/09\/12\/falko-schmieder-mehr-dissonanz-wagen\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/09\/12\/falko-schmieder-mehr-dissonanz-wagen\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160912-01\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160912-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20160912-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2016\/09\/12\/falko-schmieder-mehr-dissonanz-wagen\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"MEHR DISSONANZ WAGEN!\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Falko Schmieder\",\n    \"givenName\": \"Falko\",\n    \"familyName\": \"Schmieder\",\n    \"@type\": \"Person\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2016-09-12\",\n  \"datePublished\": 2016,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rezension zu Hartmut Rosa: Resonanz. 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