{"id":1402,"date":"2020-03-24T18:33:11","date_gmt":"2020-03-24T16:33:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1402"},"modified":"2025-03-03T12:45:12","modified_gmt":"2025-03-03T10:45:12","slug":"henning-trueper-unsouveraenitaet-in-der-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/03\/24\/henning-trueper-unsouveraenitaet-in-der-pandemie\/","title":{"rendered":"Henning Tr\u00fcper: UNSOUVER\u00c4NIT\u00c4T IN DER PANDEMIE"},"content":{"rendered":"<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Abdera<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">M\u00f6gen die mikrobiologischen Entdeckungen der Moderne den Begriff der \u00bbAnsteckung\u00ab auch grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert haben, die Angst davor ist alt. Schon in der Antike gab sie Anlass zu satirischer Gestaltung. Dem sp\u00e4tantiken Schriftsteller Lukian von Samosata zufolge war in der Stadt Abdera in Thrakien, Heimatort des Philosophen Demokrit und anderer Atomisten, einst ein epidemisches Fieber ausgebrochen, das alle Bewohner veranlasste, nurmehr in Versen zu sprechen und sich f\u00fcr die Figuren einer Trag\u00f6die zu halten. Das Theater lie\u00df sich nicht mehr auf das Theater begrenzen. Es ist wohl diese Anekdote, die haupts\u00e4chlich f\u00fcr den Ruf Abderas als Stadt der Narren verantwortlich war.<!--more--><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Abderitismus<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der wichtigste Vermittler Lukians im deutschen Sprachraum im 18. Jahrhundert, Christoph Martin Wieland, machte die Stadt in seiner <em>Geschichte der Abderiten<\/em> zum Schilda der Antike. Und mit Bezug auf diese sublimierten Schwankerz\u00e4hlungen allzu menschlicher Irrsale eines Gemeinwesens von Dummk\u00f6pfen bildete Kant einige Jahre sp\u00e4ter wiederum den Begriff des \u00bbAbderitismus\u00ab. Damit bezeichnete er diejenige Auffassung des Gangs der Weltgeschichte, der zufolge in den menschlichen Angelegenheiten blo\u00df ein Auf und Ab vergeblicher Bem\u00fchungen und bodenloser Torheiten zu beobachten sei. Kant hielt diese Vorstellung f\u00fcr moralisch unertr\u00e4glich. Die \u00bbzum Besseren fortschreitende\u00ab Struktur des historischen Geschehens sollte zur Abwehr des Abderitismus regelrecht bewiesen werden. Vom Trag\u00f6dienfieber zur Geschichtsphilosophie: sobald der Faden einer Trope einmal angesetzt ist, spinnt sie sich von selbst weiter. Die \u00bbDaseinsmetapher\u00ab (Hans Blumenberg) der Ansteckung l\u00e4sst uns nicht los und wird auch die gegenw\u00e4rtige Pandemie weiterhin begleiten.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Virale Antipolitik<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Will man \u00fcber \u00bbdie Politik\u00ab des Virus sprechen, dann doch vielleicht zun\u00e4chst \u00fcber seine Antipolitik. Der Rahmen ist der einer Naturkatastrophe. Die Deiche haben nicht gehalten, wie weit kommt das Wasser? Die Repr\u00e4sentant*innen der Politik als eines Geflechts von Institutionen haben Gelegenheit zur Profilierung. Man erinnere sich an Helmut Schmidt, der mit der Sturmflut von 1962 seine bundespolitische Karriere begr\u00fcndete; oder an Gerhard Schr\u00f6der, der auf durchweichten Deichen seine Wiederwahl rettete. Die Profilierung besteht in der Demonstration von \u00bbTatkraft\u00ab und Handlungsmacht, in einer Situation, in der beides schon zu sp\u00e4t kommt. Dem politischen Handeln muss in der bereits eingetretenen Notlage \u00fcberhaupt erst ein Raum er\u00f6ffnet werden. In der Systemkonkurrenz \u2013 oder der Erz\u00e4hlung von der Systemkonkurrenz \u2013 zwischen \u00bbdem Westen\u00ab und \u00bbChina\u00ab bietet die gegenw\u00e4rtige Krise zus\u00e4tzlich das Forum eines Wettstreits. Die demokratischen Regierungen d\u00fcrfen hinter den Virenbek\u00e4mpfungserfolgen der chinesischen nicht zur\u00fcckstehen, wenn sie in der Welt weiter Modellcharakter beanspruchen wollen. Und gewiss pr\u00e4disponiert sie der Druck dieser geopolitischen Lage dazu, die von Experten empfohlenen, teils andernorts schon ins Werk gesetzten Ma\u00dfnahmenkataloge umzusetzen. Weltweit ebenso wie innerhalb Europas lassen sich dabei unterschiedliche Widerst\u00e4nde beobachten, etwa der britischen oder niederl\u00e4ndischen Regierungen dagegen, dieselben scharfen Ausgangssperren einzuf\u00fchren, die in Italien, Spanien oder Frankreich schon in Kraft getreten sind. All das zeigt aber nur eins: Die Politik der Pandemie ist zun\u00e4chst eine der Ostentation von Handlungsmacht in einer Lage grunds\u00e4tzlicher Ohnmacht. Insofern Politik immer auch bedeutet, die M\u00f6glichkeit politischen Handelns \u00fcberhaupt erst herzustellen, betreibt das Virus Antipolitik. Politische Handlungsf\u00e4higkeit muss dagegen erst erarbeitet werden.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Unsouver\u00e4nit\u00e4t<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wenn Carl Schmitt behauptet, Souver\u00e4n sei derjenige, der \u00fcber \u00bbden Ausnahmezustand\u00ab entscheide, dann w\u00e4re als entscheidender Faktor in der gegenw\u00e4rtigen Situation das Virus Souver\u00e4n. Doch \u00bbentscheiden\u00ab im Sinn einer kognitiven Handlunge kann es nichts, und die Dekrete staatlicher Funktionstr\u00e4ger*innen \u00e4ndern nichts an der grunds\u00e4tzlichen Ausnahmelage, die bereits eingetreten ist. So k\u00f6nnte man schlie\u00dfen, dass sich die politischen Systeme in einem Zustand der Unsouver\u00e4nit\u00e4t befinden. Dabei wird der antipolitische Druck des Virus offenbar als so stark empfunden, dass man bereit ist, weniger als ein Dutzend Jahre nach dem letzten \u00bbJahrhundert-Crash\u00ab ungeheure wirtschaftliche Kosten in Kauf zu nehmen, \u00bbum Leben zu retten\u00ab, wie die stehende Wendung lautet. M\u00f6ge dies gelingen. Nur: einen solchen humanit\u00e4ren Impuls hatten viele von kritischer Seite her den \u00bbneoliberalen\u00ab Demokratien der Gegenwart kaum mehr zugetraut \u2013 und dem ansonsten so rigide ausbeuterischen Einparteienkapitalismus Chinas noch weniger. Ist also die humanit\u00e4re Moral in der insgesamt unsouver\u00e4nen Lage diejenige Instanz, die am ehesten die Position des Souver\u00e4ns einnimmt? Dies deckt sich nicht mit verbreiteten Wahrnehmungen der gegenw\u00e4rtigen politischen Zust\u00e4nde. Oder wehrt man sich ohnehin nur gegen die m\u00f6glicherweise noch h\u00f6heren \u00f6konomischen Folgekosten, die aus einer ungehemmt eskalierenden Pandemie mit zig Millionen Toten entstehen w\u00fcrden, wie aus vielen epidemiologischen Modellen hervorgeht? Diese Unsicherheit \u00fcber das Wesen und die mutma\u00dflichen Zielsetzungen hinter den politischen Ma\u00dfnahmen d\u00fcrfte einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr sein, dass man in den vergangenen Tagen allenthalben auf die verwunderte Frage stie\u00df: Was geschieht hier eigentlich gerade?<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Enge Handlungsspielr\u00e4ume<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbSollen impliziert K\u00f6nnen\u00ab ist die moderne Variante \u2013 so formuliert von Hans Albert \u2013 eines kantischen Prinzips in der Moralphilosophie: \u00bbDu sollst, denn du kannst.\u00ab Etwas kann nur dann geboten oder verboten sein, wenn es sich tun oder verhindern l\u00e4sst. Der Raum f\u00fcr das moralische Urteil, das \u00bbFreiheitsgeschehen\u00ab der idealistischen Moralphilosophie, muss also ebenso erst hergestellt werden wie der Handlungsraum des Politischen. Die Erweiterung moralischer Handlungsr\u00e4ume \u2013 mit Hilfe von Technik, Institutionen, sozialen Bewegungen und neuen Diskursmustern, in die Gebote eingewoben sind \u2013 ist ein Signum der Moderne. Dem englischen Sprachgebrauch folgend, hat sich hierf\u00fcr der Begriff des Humanitarismus eingeb\u00fcrgert. Die Logik des Humanitarismus pr\u00e4gt die gegenw\u00e4rtige Situation, nicht zuletzt deswegen, weil sie sp\u00e4testens seit der Entstehung des Roten Kreuzes in den 1860er Jahren ein konstitutiver Bestandteil moderner Medizinethik geworden ist.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auf der Suche nach dem Dilemma<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dieser Logik inh\u00e4rent ist die Praxis der \u00bbTriage\u00ab, die ein moralisches Dilemma voraussetzt: eine Verpflichtung zur Hilfe gegen\u00fcber einer Anzahl von Bed\u00fcrftigen, denen nicht allen geholfen werden kann. Dieses eigentlich milit\u00e4rmedizinische Konzept ist aus offensichtlichen Gr\u00fcnden im Katastrophenfall ebenfalls seit jeher pr\u00e4sent. Es kennzeichnet jedoch auch die Praxis der humanitaristischen Bewegungen, die stets vor der Entscheidung stehen und sich stets vor die Entscheidung stellen, aus einer Vielzahl m\u00f6glicher Adressaten einen auszuw\u00e4hlen. Doch auch hier l\u00e4sst sich die nat\u00fcrliche Gegebenheit der Verpflichtungen nicht ohne weiteres postulieren. Sie bestehen eben nur dort, wo \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit zur Hilfe gegeben und die Situation so gestaltet ist, dass eine eindeutige Entscheidung getroffen werden kann, sei sie auch dilemmatisch angelegt. Schon das Dilemma setzt \u00bbagency\u00ab voraus. Triage findet deswegen auf zwei Ebenen statt: in der dilemmatischen Entscheidungssituation zwischen Krankenbetten, aber auch schon vorher bei der Herstellung dieser Entscheidungssituation. Diese l\u00e4stige Doppelstruktur entspricht derjenigen, die man in der unsouver\u00e4nen Politik beobachten kann. Es muss Politik stattfinden, damit Politik stattfinden kann. Und wahrscheinlich ist diese Entsprechung Folge eines engen Zusammenhangs, m\u00f6glicherweise eine Art Double Bind, einer historisch gewachsenen wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeit von Humanitarismus und moderner Politik.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Unsch\u00e4rfe der Prognosen<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Mehrere Wellen neuartiger viraler Infektionen sind in den vergangenen zwanzig Jahren durch die Welt gestr\u00f6mt. Bei keiner wurden so weitreichende Quarant\u00e4nebestimmungen erlassen wie bei der gegenw\u00e4rtigen. Zwar ist das Corona-Virus SARS-CoV-2 wohl bereits das am weitesten verbreitete und wird bald auch dasjenige mit der h\u00f6chsten best\u00e4tigten Opferzahl sein (am 20. M\u00e4rz war dies noch die als relativ harmlos angesehene H1N1-Pandemie des Jahres 2009\/10). Die politischen Ma\u00dfnahmen gegen die Seuche sind in erheblichem Ma\u00df experimentell, wie dies auch sonst in der Geschichte des Seuchenschutzes stets der Fall gewesen ist. Die Zielbestimmung einer \u00bbVerlangsamung\u00ab der Pandemie zur Verhinderung von \u00dcberlastungen der Infrastrukturen \u00f6ffentlicher Gesundheitsvorsoge ist notwendig ungenau. Sie ist zwar Gegenstand von detaillierten statistischen Prognosen, aber nicht \u00fcberraschungssicher. Die scheinbar v\u00f6llige Unterdr\u00fcckung der Ausbreitung des Virus in China etwa w\u00e4re nach diesen Prognosen kaum zu erwarten gewesen, und der Verdacht, dass hier eine opportunistische Politik am Zahlenwerk mitwirkt, l\u00e4sst sich bereits in der Presse vernehmen. Viele Expert*innen verweigern sich deswegen einer genauen Zielbestimmung oder Befristung der Ma\u00dfnahmen \u2013 etwa dem Zeitpunkt der Einf\u00fchrung eines Impfstoffs \u2013 und betonen, es gehe blo\u00df um m\u00f6glichst langen Aufschub des prognostizierten Versorgungsnotstands in \u00fcberlasteten Krankenh\u00e4usern. Man wei\u00df nicht, wie sich die Evolution des Virus selbst gestalten wird. Bereits jetzt sind genetisch verschiedene Varianten im Umlauf. Von der evolution\u00e4ren Variabilit\u00e4t h\u00e4ngt aber ab, ob die Immunit\u00e4t gesundeter Erkrankter von Dauer sein wird und ob Impfstoffe hinreichend wirksam sein werden. Kurz, wir befinden uns in der verwirrenden Mitte eines Geschehens, dessen Verlauf nur ansatzweise vorherzusagen ist \u2013 anders als bei einer Trag\u00f6die. Die Unsch\u00e4rfe der Prognosen, die Kombination h\u00f6chst technischer Ma\u00dfnahmenkataloge mit dem Ungef\u00e4hren der politischen Auseinandersetzung, die \u00f6konomische Drohung, schlie\u00dflich der allt\u00e4gliche Kontrast zwischen den \u00f6ffentlichen Geboten und dem eigenen Mikroverhalten \u2013 wieder nicht in die Armbeuge gehustet, wieder nicht zwei Meter Abstand gehalten \u2013, alle diese Aspekte vermengen sich zu einer diffusen Ungewissheit \u00fcber das Geschehen, die \u00fcber die Furcht vor der Infektion hinausreicht.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Fieber des Endes<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das Lukianische Fieber der Abderiten ist vielleicht demjenigen der Gegenwart verwandt, dem Anspruch, unbedingt den Ausgang kennen zu m\u00fcssen, um eine F\u00e4higkeit des Urteilens oder eine Illusion von Souver\u00e4nit\u00e4t aufrechterhalten zu k\u00f6nnen. In der \u00bbPanik\u00ab der \u00bbHamsternden\u00ab, in den exorbitanten Schusswaffenk\u00e4ufen, von denen aus mehreren L\u00e4ndern berichtet wird, manifestieren sich nicht nur Angst und Sorge, sondern auch eine ziemlich ungez\u00fcgelte Lust am Untergang. Und diese Lust ist wohl vor allem Ausdruck der Insistenz auf dem eingebildeten Privileg, das Ende vorwegnehmen zu k\u00f6nnen. Dass auch die Universen der Fiktion sich diesem Affekt unterordnen, ist schwer zu bestreiten. Mit erz\u00e4hlerischen Mitteln werden Szenarien entworfen, die sich bis zum gl\u00fccklichen oder bitteren Ende planm\u00e4\u00dfig entfalten. Die strukturell endlose Erz\u00e4hlung dagegen kommt seltener vor, n\u00e4mlich allenfalls dort, wo das seriell-episodische Narrativ auf eine besonders hohe \u00f6konomische Verwertbarkeit trifft. Der ungehemmte Konsum, der solche lokalen Varianten von Endlosigkeit in der Fiktion antreibt, will in die Realit\u00e4t \u00fcbergreifen. Gerade die Zuschauer in diesem Theater verlangen, dass das Theater das Theater verl\u00e4sst. Das abderitische Fieber, \u00fcber das Lukian spottete, scheint mit der Pandemie mitzulaufen.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Humanit\u00e4re Insellagen<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auch der Humanitarismus hat Teil an der Denkfigur der Vorwegnahme des Endes. Denn er ist, wo es um Menschenleben geht, stets auf Rettung ausgerichtet, ein eindeutiges \u00dcberwindungs- und Wiederherstellungsgeschehen, das das Leben wieder sich selbst \u00fcberl\u00e4sst, sobald die existentielle Notlage behoben ist. Das Ziel humanit\u00e4rer Moral ist stets das Erreichen der Insellage einer isolierten Situation, in der die Imperative so klar zutage liegen, dass keine Erwiderung m\u00f6glich ist. Diese Situation ist als gesonderter Zeitraum ausgezeichnet (ganz \u00e4hnlich dem \u00bbAusnahmezustand\u00ab der politischen Theorie). Sie wird so aufgefasst, dass sie von anderem Geschehen abgel\u00f6st erscheint. Diese Auffassung wird aus der moralischen Bedeutung gewonnen, die der humanit\u00e4ren Situation zugeschrieben wird und die ihrer Umgebung mangelt. Die Seefahrt ist nicht als Situation definiert, der an sich humanit\u00e4re Bedeutung zuk\u00e4me; der Schiffbruch dagegen schon. Doch ist diese Art Unterscheidung nicht \u00fcberall leicht zu treffen. \u00bbDie Schw\u00e4chsten sch\u00fctzen\u00ab hei\u00dft in der Pandemie, die anf\u00e4lligsten Gruppen, die \u00c4lteren und die Kranken, vor Ansteckung abzuschirmen. Andere gesellschaftliche Schw\u00e4chste fallen dagegen aus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung heraus. In den Gro\u00dfst\u00e4dten brechen durch die Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen zum Beispiel gro\u00dfe Teile der Hilfsinfrastruktur f\u00fcr Obdachlose schlagartig weg. Die Situation Gefl\u00fcchteter an den EU-Au\u00dfengrenzen ist zwar noch in der Presse pr\u00e4sent, aber findet kaum noch Aufmerksamkeit. Die katastrophale Entwicklung der Seuche im Iran findet in zu gro\u00dfer geopolitischer Entfernung statt, um mehr als ein paar Zeitungsartikel mit Informationen aus zweiter Hand zu generieren. Und so weiter. Humanitarismus kann unethische Folgen haben. Er konstituiert sich selbst nach dem Vorbild der dilemmatischen Entscheidung der Triage.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Situationstypen als historische Wiederg\u00e4nger<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die grunds\u00e4tzliche Triage-Struktur des Humanitarismus erlegt verschieden gearteten Lagen des Leidens ein gemeinsames Ma\u00df auf, das es erm\u00f6glicht zu entscheiden, welche Art von Leiden am ehesten der Abhilfe bedarf. Um diese Entscheidung zu erm\u00f6glichen, ist ein Klassifikationssystem n\u00f6tig, das verschiedene Typen des Leidens erfasst, sie unterschiedlich gewichtet und dasjenige Leiden, das keiner Klasse zugeordnet wird, zwangsl\u00e4ufig ausschlie\u00dft. Dass etwa afrikanische Migrant*innen in unbestimmter, aber jedenfalls gro\u00dfer Zahl bei der Durchquerung der Sahara zu Tode kommen, hat in europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeiten bei weitem nicht solche humanit\u00e4ren Bem\u00fchungen gezeitigt, wie sie der Situationstyp des Schiffbruchs im Mittelmeer hervorzurufen imstande war. Der Situationstyp der Epidemie, die jeden treffen kann, ist ebenfalls \u00e4u\u00dferst wiedererkennbar, obwohl unter den heute in Europa Lebenden kaum jemand ein solches Geschehen erlebt hat . Wohl k\u00f6nnte man die Ebola-Epidemie von 2014 als rezentes Gegenbeispiel nennen, ebenso HIV\/Aids. Doch haben beide diese Epidemien gemein, dass sie in vielen \u00d6ffentlichkeiten als Ph\u00e4nomene r\u00e4umlicher oder sozialer Distanz figurierten. Ebola wurde weitgehend als afrikanische Angelegenheit verstanden. HIV\/Aids galt zun\u00e4chst als Geschlechtskrankheit nach dem Muster \u00e4lterer, moralisch strafender \u203aLustseuchen\u2039, die vor allem Homosexuelle betreffe, bevor sie schlie\u00dflich ebenfalls als vornehmlich in Afrika auftretende Krankheit neu klassifiziert wurde. Die Wiedererkennbarkeit des Situationstyps Epidemie ist also einerseits die Folge der bemerkenswerten historischen Stabilit\u00e4t der Kategorien, mit denen Formen des Leidens und die ihnen je entsprechenden Hilfspflichten und \u2011verfahren klassifiziert werden, andererseits auch Folge einer best\u00e4ndigen kulturellen Arbeit, die in diese Stabilisierung und in die Verdr\u00e4ngung von Verwandtem investiert wird. Die Luftverschmutzung in chinesischen Megast\u00e4dten zum Beispiel, der auch in diesem Jahr gewiss bereits eine erhebliche Anzahl von Menschen zum Opfer gefallen sind, hat keine entschieden humanit\u00e4ren Bem\u00fchungen zur Folge gehabt. Sie ist als humanit\u00e4r-moralischer Notstand nicht lesbar. Zwar kehren in ihr Bedingungen der europ\u00e4ischen Industriegeschichte wieder, aber diese Bedingungen waren historisch nicht als eine Notlage definiert worden, die humanit\u00e4ren Imperativen zug\u00e4nglich gewesen w\u00e4re. Man denke etwa an die Kombination aus Smog und ungew\u00f6hnlicher Wetterlage, die im Dezember 1952 tausende Bewohner*innen Londons das Leben kostete. Erst Jahre sp\u00e4ter bequemte sich die britische Regierung dazu, Ma\u00dfnahmen zur Verbesserung der Luftqualit\u00e4t zu treffen. Die heutige Pandemie dagegen erscheint als Wiederg\u00e4ngerin kulturell erinnerter Epidemien, damit auch als Sinnbild einer Geschichte, aus der wir nicht ausbrechen k\u00f6nnen, als Scheitern von Fortschrittshoffnungen, die unter der Hand in \u00bbwestlichen\u00ab Kulturen immer weiter mitlaufen, daher als Konfrontation mit dem Abderitismus im Sinne Kants, des Hinnehmens der Vergeblichkeit und Hinf\u00e4lligkeit aller menschlichen Bestrebungen.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Humanitarismus als Raumordnung<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Humanitarismus findet nicht nur in einer bestimmten, aus den moralischen Bedeutungen abgeleiteten zeitlichen Ordnung statt, sondern auch in einer r\u00e4umlichen Ordnung, die er stiftet, indem er in neue Bereiche expandiert und neue Situationstypen generiert. \u00bbDistanz\u00ab ist von Anfang an eine Hauptkategorie humanit\u00e4rer Bewegungen gewesen. Es ging stets um die \u00bbsouffrance \u00e0 distance\u00ab, wie der Soziologe Luc Boltanski sagt, d.h. die Hilfsverpflichtung gegen\u00fcber dem entfernten Leiden, von dem man vorher dachte, es entbinde von Hilfspflichten, weil die Leidenden nicht erreicht werden k\u00f6nnten. Aber daraus folgt: Manche Entfernungen sind immer noch zu gro\u00df; irgendwo muss die Verpflichtung abbrechen, sonst kann der Humanitarismus sich nicht konstituieren. So nimmt es auch nicht wunder, dass in der Pandemie die nationale Politik einen selbstverst\u00e4ndlichen Primat aus\u00fcbt, obwohl international st\u00e4rker koordinierte Ma\u00dfnahmen zur Bek\u00e4mpfung des Virus vermutlich sinnvoller (gewesen) w\u00e4ren und die allenthalben eilig eingef\u00fchrten \u00bbGrenzschlie\u00dfungen\u00ab (bei weiter flie\u00dfendem Warenverkehr) keine solide epidemiologische Funktion zu haben scheinen. Die humanit\u00e4re Situation ist seit jeher auch national, insbesondere im Zusammenhang mit der \u00f6ffentlichen Gesundheit. Kaum \u00fcberraschend etwa, dass mindestens zu Beginn der Corona-Pandemie im Dienst der je \u00f6ffentlichen (nationalen) Gesundheit Hilfsersuchen der italienischen Regierung weitgehend ignoriert wurden, ebenso wie zuvor in der anhaltenden \u00bbFl\u00fcchtlingskrise\u00ab. Die Kategorie des Nationalen beruht vielleicht sogar in erheblichem Ausma\u00df auf einer humanit\u00e4ren Struktur der Regelung von N\u00e4he und Distanz \u00fcber den unmittelbar erfahrbaren Raum hinaus. \u00bbEuropa\u00ab ist f\u00fcr den Humanitarismus nicht signifikant, europ\u00e4ische Solidarit\u00e4t wohl wenig mehr als eine Phrase, jedenfalls kein humanit\u00e4res Projekt. F\u00fcr die politische Theorie der Europ\u00e4ischen Union ist die Pandemie in unangenehmer Weise erhellend: allen Sonntagsreden zum Trotz ist die EU offenbar keine Instanz von gleichrangiger moralischer Kraft wie die Nation.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ungewolltes, ungesolltes Denken<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Logik des Humanitarismus \u2013 im Sinn eines Regelwerks dar\u00fcber, in welcher Abfolge Aussagen aneinander angeschlossen werden k\u00f6nnen und welche Schlussregeln in einem bestimmten Zusammenhang aus den gegebenen Bedeutungen folgen \u2013 steuert nicht allein die selektive Aufmerksamkeit f\u00fcr bestimmte Situationstypen des Leidens, in denen Handlungsspielr\u00e4ume neu hergestellt werden sollen. Dieselbe Logik verbietet auch bestimmte Denkweisen, etwa das Verrechnen einer Leidensform mit anderen. So empfindet man es schnell als unangemessen, mitten in der Pandemie nach den wirtschaftlichen Folgen zu fragen, obwohl mittelbar \u2013 durch Erosion von Lebensgrundlagen, gesundheitliche Folgesch\u00e4den und Folgesch\u00e4den f\u00fcr die Gesundheitsversorgung \u2013 die beginnende \u00f6konomische Notlage ebenfalls zahlreiche Menschenleben kosten wird. \u00dcbrigens kostet nat\u00fcrlich auch der Normalbetrieb des Wirtschaftssystems Menschenleben (durch ausbeuterische Arbeitsverh\u00e4ltnisse, Unf\u00e4lle in unsicheren Arbeitsumgebungen, \u00f6kologische Sch\u00e4den usw.). Allerdings sind diese Belastungen zumeist aus den Zentren der Wohlstandsakkumulation wegverlagert worden, was sie der humanit\u00e4ren Aufmerksamkeit schwerer zug\u00e4nglich macht.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die uneigentlichen \u00c4rzte an der Seite der eigentlichen<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Abweichender Vernunftgebrauch ist im Ernst der humanit\u00e4ren Lage weder gewollt noch gesollt: Ablenkung, irrelevant, schlimmstenfalls gef\u00e4hrlich, stets nah am Umkippen in die Verschw\u00f6rungstheorie, die Rechtfertigung des Falschen, die Teufelsadvokatur, die Subversion des Gebotenen. Aber ganz unterbinden l\u00e4sst sich nichts davon. Die Gegenwartsdiagnose findet neben den Virentests statt, wie man an den zahlreichen, h\u00e4ufig misslingenden Einlassungen \u00f6ffentlicher Intellektueller beobachten kann. So bleiben die uneigentlichen \u00c4rzte der Gesellschaftskritik und kulturellen Theoriebildung immer an der Seite der eigentlichen \u00c4rzte und lassen sich nicht absch\u00fctteln. Die Eigentlichkeit der Katastrophe kommt zusammen mit ihrer Uneigentlichkeit. Die Pandemie ist von ihrer Bedeutung als Metapher f\u00fcr eine politische Katastrophe nicht abl\u00f6sbar; und zugleich gibt sie Anlass f\u00fcr wirkliche politische Katastrophen, wenn sich zum Beispiel das ungarische Parlament mit seiner eigenen Entm\u00e4chtigung befassen soll. Dass sich die Unterscheidung des Eigentlichen und Uneigentlichen dieser Verschr\u00e4nkung wegen aber aufheben lie\u00dfe, ist nicht abzusehen. Das Eigentliche einer beidseitigen Lungenentz\u00fcndung hat zum Beispiel gegen\u00fcber dem Uneigentlichen einer vagen politischen Besorgnis, ob \u00bbdie Ma\u00dfnahmen\u00ab der Politik denn \u00fcberhaupt \u00bbsinnvoll\u00ab sind und was daraus alles noch folgen m\u00f6ge, ein ungeheures \u00dcbergewicht. Auf der Intensivstation wird man sich kaum damit besch\u00e4ftigen, das \u00bbEnde des Kapitalismus\u00ab herbeizusehnen, von dessen Nahen sich manche Ber\u00fchmtheiten der Intellektuellenszene bereits genauso \u00fcberzeugt zeigen wie bei jeder anderen Gelegenheit. Dennoch trennt sich die Natur (Virus, Krankheit, Tod) von der Unnatur der menschengemachten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse nirgends vollst\u00e4ndig ab. Die Intensivstation, wie sie hierzulande zur Verf\u00fcgung steht, ist schlie\u00dflich Teil des kapitalistischen Wirtschaftssystems.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Naturkultur<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">W\u00e4re etwas gewonnen, wenn man mit Bruno Latour, Donna Haraway und vielen anderen die Aufhebung der Unterscheidung des Nat\u00fcrlichen und des Kulturellen postulierte und jenes unerfreulich wirkende Verh\u00e4ltnis des Eigentlichen und Uneigentlichen auf diesem Weg abzuschaffen verst\u00fcnde? Dies w\u00fcrde es letztlich erm\u00f6glichen, das Virus als Teilnehmer im Prozess des Denkens zuzulassen, in einer Manier, die Slavoj \u017di\u017eek j\u00fcngst andeutete, als er auf Tolstois Vorstellungen \u00fcber Kunstwerke als \u00bbInfektionen\u00ab zur\u00fcckgriff, deren Wirkungen vom einen zum anderen springen. Doch verwahrt sich \u017di\u017eek zugleich dagegen, dem \u00bbblo\u00dfen Parasiten\u00ab eine solche Art von Gleichrangigkeit zuzugestehen. Und in der Tat, der Gang des Virus durch die Welt l\u00e4sst sich nicht davon beeinflussen, ob man ihm nun einen Akteursstatus zubilligt oder nicht. Die Uneigentlichkeit der Theorie bekommt die Eigentlichkeit der viralen Infektion nicht zu fassen, eine Schw\u00e4che, die auch Tolstois Ideen unterminierte. Die therapeutische Kraft des richtigeren Denkens ist eben nur eine weitere Souver\u00e4nit\u00e4tsfiktion, m\u00f6chte man sagen, eine apotrop\u00e4ische Geste, ein Abwehrzauber, f\u00fcr den man bestimmte Sprechweisen und Ausdr\u00fccke (Natur, Kultur) tabuisiert. Wie gesagt: uneigentliche \u00c4rzte. Das stumpfsinnige Beharren des sich durch uns hindurchkopierenden Virus auf seiner Identit\u00e4t mit sich selbst reagiert nicht auf weiter gespannte begriffliche Rahmungen.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Prolepsisverzicht<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ob man auf die Figur der Prolepsis, der Vorwegnahme eines Endes, verzichten k\u00f6nnte, um dennoch wenigstens aus einigen misslichen Denksituationen auszusteigen? Einen solchen Verzicht k\u00f6nnte man sich wohl am ehesten als reine, resignative Hinnahme des Gegebenen vorstellen: eben als \u00bbAbderitismus\u00ab nach Kant. Es geschieht, was geschieht. Im 20. Jahrhundert ist Kants Gegenbegriff des Fortschritts in der Geschichte in die Vorstellung eines unrettbar absurden Aufbegehrens gegen die unaufhebbare Absurdit\u00e4t zusammengeschnurrt, wie es Albert Camus 1947 ausgerechnet in seinem Epidemieroman <em>Die Pest<\/em> geschildert hatte. Die Absurdit\u00e4t der existentialistischen Entscheidung begr\u00fcndet sich aus der Absurdit\u00e4t der Verh\u00e4ltnisse, eine weitere jener merkw\u00fcrdigen Redundanzschleifen, die schon beim Politischen und beim Humanit\u00e4ren so auff\u00e4llig waren. Die Logik des Humanitarismus l\u00e4sst sich durchaus unter dieser Formel des absurden Aufbegehrens fassen, wie der Roman ausf\u00fchrlich darlegt. Es bliebe also die Wahl zwischen abderitischem Trag\u00f6dienfieber nach Lukian und abderitistischer Absurdit\u00e4t nach Kant, deren geschichtsphilosophische Zur\u00fcckweisung nur noch im absurd-existentialistischen Akt Camus\u2018 m\u00f6glich zu sein scheint. Man soll daher nicht meinen, dass die scheinbar widersinnige Geschichte der metaphorischen Aufladung des St\u00e4dtenamens Abdera auch tats\u00e4chlich widersinnig w\u00e4re. Denn sie erscheint geradezu als Landkarte f\u00fcr die m\u00f6glichen Denkbewegungen des uneigentlichen Arztes der kritischen Theorie im Pandemiefall.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Pandemie, oder: Der kranke Arzt<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Arzt, der selbst erkrankt ist, dessen Autorit\u00e4t fragw\u00fcrdig ist, dessen Diagnosen halbwissend, dessen Heilmittel nur m\u00e4\u00dfig wirksam und dessen Besuche wegen der Ansteckungsgefahr vielleicht sogar gef\u00e4hrlich sind, ist eines der eindringlichsten Bilder in Nietzsches <em>Genealogie der Moral<\/em>. Nietzsche meint hier nicht zuletzt den kritischen Theoretiker, also sich selbst als uneigentlichen Arzt, letztlich die Unzuverl\u00e4ssigkeit der Vernunft an und f\u00fcr sich. Die Pandemie ist eine Situation zumindest der m\u00f6glichen Krankheit aller \u00c4rzte. Vor der Ansteckung sind alle gleich. Wie man sp\u00e4testens seit der SARS-Epidemie von 2002\/03 wei\u00df, k\u00f6nnen \u00c4rzte sogar die gef\u00e4hrlichsten \u00bbsuperspreader\u00ab sein. Vielleicht hilft das best\u00e4ndige \u00bbJa, aber\u00ab der Theorie trotz allem ein wenig dabei, diese allseitige, egalisierende Unsouver\u00e4nit\u00e4t auszuhalten, sich nicht allzu leichtfertig auf die Heldenerz\u00e4hlungen der Handlungsmacht einzulassen, moralische Normen nicht f\u00fcr ein Allheilmittel zu halten und die ungeh\u00f6rigen Gedanken, etwa die \u00bbVerrechnung\u00ab der \u00bbKosten\u00ab, nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu verachten. Die Br\u00fcchigkeit und Verletzlichkeit nicht nur des K\u00f6rpers, sondern auch des Denkens tritt in der gegenw\u00e4rtigen Situation klarer zutage als sonst. Das Denken wird umso verletzlicher, je mehr es sich um Stringenz bem\u00fcht. Es w\u00e4re auch ein denkbares Gebot, dieses Paradox anzuerkennen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Der Historiker <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/trueper.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Henning Tr\u00fcper<\/a> leitet am ZfL das Forschungsprojekt <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/lebensrettung-aus-seenot-und-schiffbruch-im-modernen-europa.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00bbHumanit\u00e4re Imperative. Lebensrettung aus Seenot und Schiffbruch im Modernen Europa\u00ab<\/a>.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348;\"><strong><em><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">NACHTRAG<\/span><\/em><em><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><br \/>\n<\/span><\/em><\/strong><em><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Eine italienische Fassung des Beitrags erschien am 19. April 2020 auf der Seite <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.visionideltragico.it\/covid-19\/le-tragiche-epidemie-della-ragione-la-mancanza-di-sovranita-nella-pandemia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Visione del tragico<\/a> mit einer Einleitung der \u00dcbersetzerin Sotera Fornaro.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Henning Tr\u00fcper: Unsouver\u00e4nit\u00e4t in der Pandemie, in: ZfL BLOG, 24.3.2020, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/03\/24\/henning-trueper-unsouveraenitaet-in-der-pandemie\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/03\/24\/henning-trueper-unsouveraenitaet-in-der-pandemie\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20200324-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20200324-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20200324-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/03\/24\/henning-trueper-unsouveraenitaet-in-der-pandemie\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"UNSOUVER\u00c4NIT\u00c4T IN DER PANDEMIE\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Henning Tr\u00fcper\",\n    \"givenName\": \"Henning\",\n    \"familyName\": \"Tr\u00fcper\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0000-0003-0660-7957\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2020-03-24\",\n  \"datePublished\": 2020,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abdera M\u00f6gen die mikrobiologischen Entdeckungen der Moderne den Begriff der \u00bbAnsteckung\u00ab auch grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert haben, die Angst davor ist alt. Schon in der Antike gab sie Anlass zu satirischer Gestaltung. Dem sp\u00e4tantiken Schriftsteller Lukian von Samosata zufolge war in der Stadt Abdera in Thrakien, Heimatort des Philosophen Demokrit und anderer Atomisten, einst ein epidemisches Fieber <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/03\/24\/henning-trueper-unsouveraenitaet-in-der-pandemie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":23,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[395,397,394,391,389,393,388,396,93,392,387,390],"class_list":["post-1402","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ad-hoc","tag-abderitismus","tag-carl-schmitt","tag-christoph-martin-wieland","tag-corona-virus","tag-dilemma","tag-epidemie","tag-humanitarismus","tag-immanuel-kant","tag-lebenswissen","tag-lukian-von-samosata","tag-pandemie","tag-unsouveraenitaet"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1402","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/23"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1402"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1402\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3610,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1402\/revisions\/3610"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1402"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1402"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1402"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}