{"id":1459,"date":"2020-05-29T14:09:55","date_gmt":"2020-05-29T12:09:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1459"},"modified":"2025-03-03T12:32:40","modified_gmt":"2025-03-03T10:32:40","slug":"matthias-schwartz-der-diener-des-volkes-wolodymyr-selenskyjs-praesidentschaft-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/05\/29\/matthias-schwartz-der-diener-des-volkes-wolodymyr-selenskyjs-praesidentschaft-in-der-ukraine\/","title":{"rendered":"Matthias Schwartz:  DER \u00bbDIENER DES VOLKES\u00ab. Wolodymyr Selenskyjs Pr\u00e4sidentschaft in der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bevor Wolodymyr Selenskyj vor einem Jahr Pr\u00e4sident der Ukraine wurde, war er dies schon einmal gewesen, und zwar in seiner Rolle in der erfolgreichen Fernsehserie <em>Sluha narodu<\/em> (<em>Diener des Volkes<\/em>). Hier zeichnet sich nicht nur ein neues Verh\u00e4ltnis von digitaler Wirklichkeit und politischer \u00d6ffentlichkeit ab, sondern auch eine neue Form des Populismus, die nicht auf nationalistische Diskurse und reaktion\u00e4re Denkmuster baut, sondern antistaatliche und neoliberale Affekte miteinander verbindet.<!--more--><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">1.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Am 21. April 2019 wurde der Komiker und Schauspieler Wolodymyr Selenskyj mit einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit von 73 Prozent der Stimmen in einer Stichwahl gegen den bisherigen Amtsinhaber Petro Poroschenko zum Pr\u00e4sidenten der Ukraine gew\u00e4hlt. Bei den anschlie\u00dfenden Parlamentswahlen im Juli gewann seine nach der bekannten Fernsehserie benannte Partei \u00bbSluha narodu\u00ab die absolute Mehrheit. Dieser doppelte Wahlsieg war in mehrfacher Hinsicht eine Sensation. Zwar hat es in der Geschichte immer wieder Schauspieler und auch Komiker gegeben, die eine politische Karriere gemacht haben. Und auch, dass k\u00fcnstlerische Werke mit ihren Weltentw\u00fcrfen die gesellschaftliche Wirklichkeit vorweggenommen, gar gepr\u00e4gt haben, soll vorgekommen sein. Gerade Online- und Fernsehserien der Gegenwart ziehen ihre Popularit\u00e4t daraus, dass sie in einer immer un\u00fcbersichtlicher werdenden globalisierten Welt tiefe Einblicke in die angeblich wahren Zusammenh\u00e4nge von deren Verfasstheit und Funktionsweisen versprechen, hei\u00dfen sie nun <em>Homeland<\/em>, <em>Borgen <\/em>oder <em>Chernobyl<\/em>. Dass aber der Name einer Fernsehserie einer Partei zum Durchbruch verhilft und deren Protagonist allein wegen seiner Rolle darin vom Publikum zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wird, war neu.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auch politisch galt Selenskyjs Sieg als Sensation, trat er doch gegen Petro Poroschenko an, jenen Pr\u00e4sidenten, mit dem sich die Hoffnung auf eine endg\u00fcltige Losl\u00f6sung des Landes vom sowjetischen Erbe und vom \u00fcberm\u00e4chtigen Nachbarn Russland und auf die Hinwendung zu den \u203aeurop\u00e4ischen Werten\u2039 von Freiheit und Demokratie verband. Poroschenko war vier Jahre zuvor in der sp\u00e4ter so genannten Revolution der W\u00fcrde an die Macht gekommen, nachdem der Amtsinhaber Wiktor Janukowytsch und dessen Regierung gewaltsam aus dem Amt gejagt worden waren. Unmittelbarer Anlass war im November 2013 die unerwartete Weigerung Janukowytschs gewesen, ein Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen, doch schon zuvor war er aufgrund der um sich greifenden Korruption \u00e4u\u00dferst unbeliebt. So weiteten sich die Proteste im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew im Laufe der eisigen Winterwochen immer weiter aus, bis es Mitte Februar 2014 zur Eskalation mit \u00fcber hundert Toten kam, ehe Janukowytsch die Flucht ergriff. Moskau, das seine geopolitischen Interessen gef\u00e4hrdet sah, intervenierte daraufhin zun\u00e4chst ohne Hoheitszeichen und Blutvergie\u00dfen in der Krim, ehe es dann mit inoffiziellen S\u00f6ldnern, Freiwilligen und schwerem Kriegsger\u00e4t die im Osten des Landes von Separatisten proklamierten Volksrepubliken Luhansk und Donezk unterst\u00fctzte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In der Folge wurde die mit gro\u00dfen Hoffnungen und viel Euphorie begleitete Reformagenda, die eine rasche Ann\u00e4herung an die EU und Durchsetzung rechtstaatlicher Standards versprach, mehr und mehr von dem milit\u00e4rischen Konflikt im Donbass \u00fcberschattet, der schon mehr als 13.000 Tote gefordert hat. Zwar wurde von den Regierungen unter Poroschenko auch angesichts des massiven Drucks durch die Geldgeber EU und IWF eine Reihe an Reformen auf den Weg gebracht, doch am Einfluss der m\u00e4chtigen Oligarchen \u00e4nderte sich wenig. Infolge der forcierten Dezentralisierung der politischen Zust\u00e4ndigkeiten konnten sie ihre regionale Macht teils sogar noch ausbauen. Krieg und Korruption f\u00fchrten dazu, dass die Liberalisierung des Markts eine weitere Verarmung gro\u00dfer Gesellschaftsteile und eine millionenfache Arbeitsmigration sowohl nach Russland als auch in die EU mit sich brachte. Im Kampf gegen die Klientelwirtschaft stellten sich trotz der Schaffung einer Antikorruptionsbeh\u00f6rde keine durchschlagenden Erfolge ein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Umso wichtiger wurde in den Jahren 2014 bis 2018 die nationale Symbolpolitik, in der alles Russische oder Sowjetische als totalit\u00e4res \u00dcbel ge\u00e4chtet wurde. Die umstrittenen Gesetze zur Dekommunisierung zielten auf eine Verbannung der sowjetischen Hinterlassenschaften aus dem \u00f6ffentlichen Raum, w\u00e4hrend gleichzeitig Filme und Fernsehprogramme aus Russland mit Sendeverboten belegt wurden. Der Flugverkehr ins und aus dem Nachbarland wurde eingestellt und die Orthodoxe Kirche der Ukraine vom Moskauer Patriarchat losgel\u00f6st.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Eine weitgehende sprachliche Ukrainisierung des Staatsapparats und des Bildungssystems geh\u00f6rte ebenso zu dieser Politik wie die Heroisierung der K\u00e4mpfer der \u00bbAntiterroristischen Operation\u00ab im Osten des Landes. So wurde aus dem emanzipatorischen Patriotismus des Euromaidan, wie Kateryna Mishchenko schreibt, eine reaktion\u00e4re \u00bbGegenrevolution\u00ab, in der das nationalistische Ressentiment immer gr\u00f6\u00dfere Ausma\u00dfe annahm.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Seinen H\u00f6hepunkt erlebte dieser Nationalismus im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf Anfang 2019, als Poroschenko sich mit der Parole \u00bbArmee, Sprache, Glaube\u00ab (\u00bbArmija, Mowa, Wira\u00ab) als einziger Retter und Verteidiger der Ukraine gegen den russischen Feind inszenierte. Zugespitzt formuliert: Im Fall der Ukraine setzte sich aus all den identit\u00e4ren Kategorien des Nationalismus, die Populisten im Westen gemeinhin gegen Globalisierung, politisches Establishment und internationales Kapital in Anschlag bringen, genau jene Rhetorik zusammen, mit der die Regierung Poroschenko ihre Westorientierung und Anbindung an die Europ\u00e4ische Union begr\u00fcndete und Vers\u00e4umnisse beim Aufbau des Rechtsstaats zu \u00fcberspielen versuchte.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Es ist diese nationalistische Rhetorik, gegen die der aus dem russischsprachigen S\u00fcden des Landes kommende Wolodymyr Selenskyj, der erst in der Neujahrsnacht 2019 offiziell seine Kandidatur bekannt gegeben hatte, sich sensationell durchsetzen konnte: ohne politisches Programm, ohne demagogische Reden gegen den russischen Aggressor, aber auch fast g\u00e4nzlich ohne \u00f6ffentliche Wahlkampfauftritte, Pressekonferenzen oder Interviews. Stattdessen bot er einen smarten Internetauftritt in modischem Design, der auf jegliche nationalistische, religi\u00f6se, militaristische oder sonst wie ausgrenzende Rhetorik verzichtete und das diffuse Versprechen enthielt, im Dienste des Volkes alles irgendwie anders und besser zu machen. Seine einzige Qualifikation f\u00fcr das Amt des Pr\u00e4sidenten bestand darin, ein erfolgreicher Schauspieler in einer beliebten Fernsehserie zu sein.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">2.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wolodymyr Selenskyjs Karriere begann mit der von ihm mitgegr\u00fcndeten Kabarettshow <em>95-j Kwartal<\/em> in den turbulenten 1990er Jahren, als die geltende gesellschaftspolitische Ordnung zusammenbrach. Die ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas brachten radikale neoliberale Reformen auf den Weg, aber die Etablierung stabiler Demokratien und einer sozial vertr\u00e4glichen Marktwirtschaft gelang bestenfalls in Ans\u00e4tzen. F\u00fcr die meisten Menschen bedeutete der Umbruch einen teils massiven \u00f6konomischen und sozialen Abstieg. In dieser Situation erlebten die sogenannten Klubs der Lustigen und Schlagfertigen (Kluby weselych i nachodtschiwych, KWN) \u2013 urspr\u00fcnglich studentische Kabarettwettbewerbe, die in der Sowjetunion seit den 1960er Jahren im Fernsehen ausgestrahlt wurden und eine wichtige Ventilfunktion innerhalb der sp\u00e4tsozialistischen Gesellschaft hatten \u2013 eine erneute Bl\u00fctezeit. Im ersten postsowjetischen Jahrzehnt stellten sie f\u00fcr viele ein vertrautes Medium dar, das ihnen half, \u00fcber all die Frustrationen angesichts der neuen Zeit hinwegzukommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das Kabarett von <em>95-j Kwartal<\/em> hatte 1998 seine internationale <a href=\"https:\/\/online-kvn.ru\/video\/885-vysshaya-liga-1998-1-4-95-kvartal-privetstvie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Premiere<\/a> auf dem KWN-Festival im s\u00fcdrussischen Sotschi. Danach wurde die Show in der Ukraine und im ganzen russischsprachigen Raum schnell popul\u00e4r. Die von demselben Team betriebene Produktionsfirma Kwartal 95 etablierte sich erfolgreich mit der Produktion von Konzerten, Fernsehshows, Serien und Filmen f\u00fcr verschiedene staatliche und private Sender in Russland und der Ukraine. Selenskyj hatte in vielen dieser Produktionen die Hauptrolle, oft war er zudem als Drehbuchautor und Produzent t\u00e4tig. Seine ungemeine Beliebtheit verdankt er aber seiner Hauptrolle in der inzwischen auch international bekannten Fernsehserie <em>Diener des Volkes<\/em>. Die erste Staffel wurde erstmals im November 2015, zwei Jahre nach Beginn des Euromaidans, ausgestrahlt, und p\u00fcnktlich zur Parlamentswahl 2019 lief die dritte und bislang letzte Staffel.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Kennzeichnend f\u00fcr die Politserie sind die vielen Sitcom-, Comedy- und Slapstick-Elemente. Im Mittelpunkt steht der von Selenskyj gespielte Lehrer Wassil Holoborodko. Er unterrichtet Geschichte in einer Oberklasse, wird allerdings st\u00e4ndig von der Schuldirektorin schikaniert, die Mathematik wichtiger findet als die Besch\u00e4ftigung mit der Vergangenheit. Als eines Tages ausgerechnet seine Klasse erneut zu einer unsinnigen \u00dcbung abgezogen wird, rastet er aus und \u00fcberzieht in einer eineinhalb Minuten langen Schimpftirade seine Vorgesetzten, s\u00e4mtliche Politiker und die korrupten Eliten mit allen nur m\u00f6glichen Beleidigungen, von denen \u00bbP\u00e4derast\u00ab die mit Abstand h\u00e4ufigste ist.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dieser Wutausbruch des Lehrers wurde von einem Sch\u00fcler heimlich gefilmt und als Video ins Internet gestellt. Umgehend haben nicht nur s\u00e4mtliche Sch\u00fcler und deren Eltern das Video gesehen und gelikt, sondern auch alle Lehrerinnen und Lehrer der Schule. Sie alle teilen seine Kritik. Innerhalb kurzer Zeit hat das Video Millionen von Klicks, woraufhin die Sch\u00fcler*innen ein Crowdfunding f\u00fcr Holoborodko starten und ihn dazu \u00fcberreden, f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaft zu kandieren. Gesagt, getan, und dank eines Helfershelfers der Oligarchen (und zuk\u00fcnftigen Ministerpr\u00e4sidenten), der seinen Wahlkampf perfekt inszeniert, wird Holoborodko tats\u00e4chlich zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Was in den kommenden Folgen und Staffeln gezeigt wird, ist ein durch und durch korruptes, von einflussreichen Oligarchen beherrschtes politisches System, in dem alle k\u00e4uflich sind und nur Geld, Einfluss und Statussymbole z\u00e4hlen. Das eigene Parlament wird als gewissenloser, geldgieriger und streitlustiger Haufen dargestellt, Fernsehjournalisten und Reporterinnen manipulieren die Wirklichkeit und Politiker erfinden notfalls sogar einen Meteoriteneinschlag, um das Volk von Aufruhr abzuhalten oder aber zu einem neuen Maidan anzustacheln. Jeder Stra\u00dfenprotest, jede Unmuts\u00e4u\u00dferung der Bev\u00f6lkerung ist immer schon eine von Oligarchen mit Hilfe der Presse inszenierte Aktion. Selbst die ebenfalls klischeehaft \u00fcberzeichneten politischen Abgesandten anderer Staaten oder internationaler Institutionen handeln nur aus Eigennutz. Da Holoborodko in dieser politischen Welt der Manipulation und Bestechlichkeit niemandem vertraut, rekrutiert er nach und nach alte Freunde und Bekannte: Seine Ex-Frau wird Finanzministerin, ein vor allem durch Drogenhandel reich gewordener Schulkumpel und Frauenheld wird Au\u00dfenminister und ein armenischer Studienkollege mit schlechtem Russisch bekommt die Leitung des Geheimdiensts zugesprochen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Anfangs stolpern der naive Geschichtslehrer und sein unerfahrenes Team von einer Falle in die n\u00e4chste, doch immer \u00f6fter gelingt es ihnen, Habgier und Verlogenheit blo\u00dfzustellen und den dunklen Hinterm\u00e4nnern die Macht zu entrei\u00dfen. Alle Klischees vom Parlament und Staat als Marionetten der Oligarchen, wie man sie aus rechten Verschw\u00f6rungstheorien oder sowjetischen Kapitalismusdarstellungen kennt, werden hier bedient. Doch gleichzeitig werden Stereotypen, tradierte Bilder und Normen unterlaufen, gebrochen und in ihr Gegenteil verkehrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Beispielhaft l\u00e4sst sich das am <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tzRbxEm1JKU\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vorspann der Serie<\/a> sehen, der Holoborodkos morgendliche Fahrt zum Pr\u00e4sidialamt mit dem Fahrrad zeigt. Dazu werden Postkartenansichten von Kiew bei strahlendem Sonnenschein gezeigt: eine gut ausgebaute Fahrradinfrastruktur, Alt- und Industriebauten, das Dnjepr-Ufer, symboltr\u00e4chtige Denkm\u00e4ler der postsowjetischen Ukraine, viele neue B\u00fcrot\u00fcrme, freundlich winkende Kiewerinnen und Kiewer. Am Amtssitz angekommen, l\u00f6st der Pr\u00e4sident in einer linkischen, stark an Rowan Atkinsons Sonderling Mr. Bean erinnernden Geste die Fahrradklammer von seiner Hose. Eine idyllische und gleichzeitig ziemlich irreale Traumwelt, wenn man Kiew kennt. Dazu erklingt der eing\u00e4ngige Titelsong von Dmytro Schurow, unterlegt mit Gitarrenakkorden, Schlaginstrument und Fahrradklingel:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u042f \u043b\u044e\u0431\u043b\u044e \u0441\u0432\u043e\u044e \u0441\u0442\u0440\u0430\u043d\u0443.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Ich liebe mein Land.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u041b\u044e\u0431\u043b\u044e \u0441\u0432\u043e\u044e \u0436\u0435\u043d\u0443.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Liebe meine Frau.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u041b\u044e\u0431\u043b\u044e \u0441\u0432\u043e\u044e \u0441\u043e\u0431\u0430\u043a\u0443.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Liebe meinen Hund.<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u042f \u0432\u0441\u0435\u0433\u043e \u043d\u0430 \u0441\u0432\u0435\u0442\u0435 \u0447\u043b\u0435\u043d.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Ich bin Mitglied von allem M\u00f6glichen auf der Welt.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u041f\u043e\u0447\u0442\u0438 \u0447\u0442\u043e \u0441\u0443\u043f\u0435\u0440\u043c\u0435\u043d.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Fast ein Superman.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u041d\u043e \u0440\u0435\u0434\u043a\u043e \u043b\u0435\u0437\u0443 \u0432 \u0434\u0440\u0430\u043a\u0443.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Ich fange selten einen Streit an.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u0417\u043d\u0430\u0435\u0442 \u0432\u0435\u0441\u044c \u0434\u0432\u043e\u0440, \u043c\u043e\u0439 \u043f\u0440\u0438\u0433\u043e\u0432\u043e\u0440:<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Der ganze Hof kennt mein Urteil:<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bb\u0421\u043b\u0443\u0433\u0430 \u043d\u0430\u0440\u043e\u0434\u0430\u00ab.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00bbDiener des Volkes\u00ab.<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u0423 \u043c\u0435\u043d\u044f \u043f\u043e\u0447\u0442\u0438 \u0432\u0441\u0451 \u0435\u0441\u0442\u044c.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Ich habe fast alles.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u0414\u043e\u0441\u0442\u043e\u0438\u043d\u0441\u0442\u0432\u043e \u0438 \u0447\u0435\u0441\u0442\u044c \u0438 \u0434\u0430\u0436\u0435 \u043a\u0440\u0438\u043a\u0438 \u00bb\u0431\u0440\u0430\u0432\u043e\u00ab.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 W\u00fcrde und Ehre und sogar \u00bbBravo\u00ab-Rufe.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u041f\u0435\u0440\u0441\u043e\u043d\u0430\u043b\u044c\u043d\u044b\u0439 \u0441\u0430\u043c\u043e\u043b\u0451\u0442, \u043c\u043d\u0435 \u0432\u044b\u0434\u0435\u043b\u0438\u043b \u043d\u0430\u0440\u043e\u0434.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Ein Privatflugzeug hat mir das Volk zugeteilt.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u0410 \u0447\u0442\u043e? \u0418\u043c\u0435\u044e \u043f\u0440\u0430\u0432\u043e.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Was denn? Ich habe ein Recht darauf.<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u041d\u0430 \u0436\u0438\u0432\u043e\u0442\u0443 (\u0432\u043e\u0442 \u0442\u0443\u0442) \u043d\u0430\u0431\u044c\u044e \u0442\u0430\u0442\u0443:<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Auf den Bauch (genau hier) lasse ich mir ein Tattoo machen:<\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bb\u0421\u043b\u0443\u0433\u0430 \u043d\u0430\u0440\u043e\u0434\u0430\u00ab.<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00bbDiener des Volkes\u00ab.<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bereits der Parallelismus in den ersten drei Zeilen offenbart nicht nur eine sehr maskuline Sicht auf die Welt (im Russischen sind alle drei Objekte feminin), sondern auch die ironische Fallh\u00f6he, wenn das Land \u00fcber die Ehefrau auf den Hund kommt. Das \u00bbMitglied\u00ab bzw. \u00bbGlied\u00ab von allem M\u00f6glichen in der vierten Zeile ist im Russischen mehrdeutig. Als Phallus wie auch als Teil eines Ganzen im Reim mit Superman, der die Schl\u00e4gerei meidet, wirkt die Charakterisierung fast grotesk, und das \u00bbUrteil\u00ab des ganzen Hinterhofs bleibt unbestimmt: Ist \u00bbDiener des Volkes\u00ab Spott gegen einen Angsthasen, der die Auseinandersetzung f\u00fcrchtet, oder eher eine Anerkennung seiner unstrittigen Autorit\u00e4t, die keine physische Gewalt n\u00f6tig hat?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auch die letzte Strophe schafft keine Klarheit. W\u00fcrde, Ehre und Bravo-Rufe klingen noch unverf\u00e4nglich, doch ein vom Volk zugeteiltes Privatflugzeug ist entweder ein Euphemismus f\u00fcr illegale Bereicherung auf Kosten der Steuerzahler*innen oder aber zeugt von einem dubiosen Rechtsverst\u00e4ndnis, wobei die R\u00fcckfrage \u00bbWas denn?\u00ab diese Zweifel auch markiert. Das geplante Tattoo setzt dann diese doppelsinnigen, leicht neurotischen Anspielungen fort: Zwar sind T\u00e4towierungen heutzutage auch ein erotisch-attraktives Distinktionsmerkmal des eigenen K\u00f6rpers, doch sind sie zuvorderst Brandmarken, die nicht einfach abgelegt werden k\u00f6nnen, und verweisen im (post-)sowjetischen Kontext zugleich auf das Verbrechermilieu, wo \u00bbDiebe im Gesetz\u00ab ihre Zugeh\u00f6rigkeiten und Hierarchien durch Tattoos kennzeichnen: Der \u00bbDiener des Volkes\u00ab wird damit auch mit Kriminellen aus Berufung assoziiert. Der Karriere des sympathischen Sauber- und Supermanns Holoborodko ist so von Anfang an eine ambivalente Bedeutung eingeschrieben. Er mag auf dem Fahrrad so dynamisch und aufrichtig wirken wie er will, verborgen unter seinem dunkelblauen Anzug tr\u00e4gt er das Mal einer anderen, m\u00f6glicherweise verwerflichen, verworfenen Welt.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">3.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wenn also der Pr\u00e4sident der <em>Diener<\/em> ist, wer ist dann das <em>Volk<\/em>? Gibt es im Song des Vorspanns noch uneindeutige Hinweise, wer damit gemeint sein k\u00f6nnte, so taucht das Volk in der Serie eigentlich nur als manipulierte Masse der Protestierenden auf. Sei es beim Euromaidan oder vorm Regierungssitz, jede gr\u00f6\u00dfere Menschenansammlung ist bestellt und bezahlt. Handelt es sich um einzelne Stra\u00dfenbauarbeiterinnen, Taxifahrer oder Verk\u00e4uferinnen, dann schimpfen sie \u00e4hnlich wie noch der Lehrer Holoborodko auf die da oben, solange sie keine Chance haben, selber von der Korruption zu profitieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Pars pro toto f\u00fcr dieses Bild des Volkes steht in der Serie Holoborodkos Kleinfamilie, die vorm Fernseher sitzt, auf die Oberen schimpft, aber im Alltag kein St\u00fcck besser ist als diese: in Gestalt seiner flei\u00dfigen und f\u00fcrsorglichen Mutter, die st\u00e4ndig Essen zubereitet und teure Kleider liebt, seines gewitzten und korrupten Vaters, der gerne Bier trinkt und kitschige Wohnungseinrichtungsgegenst\u00e4nde mag, seiner zanks\u00fcchtigen und sich ewig benachteiligt f\u00fchlenden Schwester, die tollpatschig, intrigant und geldgierig ist, sowie deren Tochter, die jedem Trend hinterherrennt und statt zu studieren lieber im Bordell schnelles Geld verdient. Seine ehrgeizige Ex-Frau f\u00e4llt auf der Suche nach dem perfekten Gatten auf lauter Angeber und Heiratsschwindler rein, und der gemeinsame Sohn wird in einem fort verw\u00f6hnt, ruhen auf ihm doch alle Zukunftshoffnungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dabei wird die Pr\u00e4sidentenfamilie als durchaus sympathisch und f\u00fcrsorglich gezeichnet, obwohl sie nach Holoborodkos Wahl nichts Besseres zu tun hat, als so schnell wie m\u00f6glich maximalen Profit aus ihrem neuen Status zu ziehen. Erst nach und nach gelingt es dem Pr\u00e4sidenten, seiner Familie diese verwerflichen Z\u00fcge der Korruption auszutreiben, wobei hier die Verfehlungen der Angeh\u00f6rigen, im Unterschied zu denen der gro\u00dfen Fische aus Politik und Wirtschaft, als verst\u00e4ndliche, naive Grenz\u00fcberschreitungen der Zukurzgekommenen dargestellt werden. Zugespitzt formuliert: Was im Bereich der gro\u00dfen Politik als grunds\u00e4tzlich \u203aunnat\u00fcrliche\u2039 M\u00e4nnerwelt der Macht- und Geldgier \u2013 eben der \u00bbP\u00e4derasten\u00ab \u2013 charakterisiert wird, erscheint im \u203anat\u00fcrlichen\u2039 Umfeld der erweiterten Kleinfamilie als verf\u00fchrerische Gefahr f\u00fcr ein heterosexuelles Privatidyll. Der Diener des Volkes ist derjenige, der den korrumpierten Reichtum der Herrschenden bek\u00e4mpft, um die \u203anormalen\u2039 Menschen jenseits von Staat, Kirche und Milit\u00e4r wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Die perfekte Herrschaftsform ist die der famili\u00e4ren F\u00fcrsorge anstelle b\u00fcrokratischer, korrupter, staatlicher Strukturen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nun verweist historisch gesehen der Begriff des Dieners ja auf ein aristokratisches Herrschaftsverh\u00e4ltnis, das seit der Franz\u00f6sischen Revolution nicht mehr nur st\u00e4ndisch und religi\u00f6s, sondern auch \u00f6konomisch oder national begr\u00fcndet wird. Nicht mehr nur Gott, Kaiser und Adel wird gedient, sondern auch Vaterland und Arbeitgebern. Politisch wurde bereits in der Aufkl\u00e4rung das Volk gelegentlich als der neue Herr bezeichnet, dem die von ihm gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten zu dienen h\u00e4tten, etwa bei Edmund Burke. Tony Blair hat dann mit Verweis auf Burke die Parole \u00bbThe Servant of the People\u00ab f\u00fcr New Labour ber\u00fchmt gemacht, als er nach seinem ersten Wahlsieg 1997 in Gro\u00dfbritannien die geplanten Reformen zur Modernisierung des ineffektiven Sozialstaates als Dienst am ganzen Volk anpries. Die Fernsehserie nimmt dieses wirtschaftsliberale Versprechen gewisserma\u00dfen auf, m\u00fcnzt es aber auf den oligarchischen Staat der Ukraine um.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dieser antistaatliche Affekt wird noch dadurch verst\u00e4rkt, dass Selenskyj einen Geschichtslehrer spielt, der angefangen bei Plutarch und Machiavelli bis hin zu Lincoln und Al Capone mit Staats- und Mafiatheorien bestens vertraut ist und in seinen n\u00e4chtlichen Albtr\u00e4umen regelm\u00e4\u00dfig von Gewaltherrschaften heimgesucht wird. Dazu geh\u00f6rt auch das russische Staatswesen von seinen Anf\u00e4ngen unter Iwan dem Schrecklichen bis zur Gegenwart. Ob Autokratie oder Demokratie, Tyrannei oder Oligarchie, immer erweisen sich die historischen Alternativen im Traum als blutige Irrwege.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wir haben hier also einen antistaatlichen Populismus, der an den Repr\u00e4sentanten des politischen Establishments kein gutes Haar l\u00e4sst, dem die Kleinfamilie als h\u00f6chste Form der Gemeinschaft gilt, der sich aber zugleich dezidiert modern, individualistisch und weltoffen gibt, ohne jeglichen identit\u00e4ren Nationalismus oder religi\u00f6sen Fundamentalismus.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Im Namen der Geschichte wird ein allein auf individueller Verantwortung und pers\u00f6nlicher Verbindlichkeit beruhender Gerechtigkeitsbegriff propagiert, wobei soziale Probleme, Fragen der \u00d6konomie, der Rechtsstaatlichkeit oder gar des Krieges nicht vorkommen.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Und wenn doch, werden sie lediglich als Effekte von korrupten Intrigen und oligarchischen Schattenregimen dargestellt. Alle Komplexit\u00e4t einer globalisierten Welt wird auf die simple Logik einer von einzelnen Drahtziehern und Gl\u00fccksrittern beherrschten Wirklichkeit reduziert.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">4.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Im Fr\u00fchjahr 2019 hatte dieses von Wolodymyr Selenskyj personifizierte Weltbild in einem von Krieg, Korruption und nationalistischen Identit\u00e4tsk\u00e4mpfen verzehrten Land eine enorme Anziehungskraft, obwohl man wusste, dass der ausstrahlende Fernsehsender einem m\u00e4chtigen Oligarchen im Exil geh\u00f6rte, Schauspieler keine per se besseren Menschen und Fernsehserien kein Parteiprogramm sind.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> So brachte der politische Neuanfang zun\u00e4chst viele unbekannte, politisch unerfahrene M\u00e4nner und Frauen ins Parlament und an die Macht, meist selbst\u00e4ndige Unternehmer, Rechtsanw\u00e4ltinnen, aufstrebende Mittelst\u00e4ndler. Die als wichtigstes Ziel angek\u00fcndigten Friedensverhandlungen mit den abtr\u00fcnnigen \u203aVolksrepubliken\u2039 und ihrem Unterst\u00fctzer Russland gestalteten sich schwierig, zu stark war der Widerstand in den eigenen Reihen, die in jedem Zugest\u00e4ndnis einen Landesverrat witterten. Zwar erreichte man kleine Erleichterungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in dem Konfliktgebiet und mehrere Gefangenenaustausche, doch gr\u00f6\u00dfere Kompromissl\u00f6sungen scheinen auch ein Jahr nach der Amts\u00fcbernahme weder im Parlament noch auf der Stra\u00dfe durchsetzbar zu sein. Ungeachtet des Regierungswechsels dominiert der ukrainische Nationalismus weiterhin den \u00f6ffentlichen Diskurs. Sogar \u00f6ffentlich Russisch zu sprechen, traut sich der Pr\u00e4sident seit seiner Wahl nur noch in Ausnahmef\u00e4llen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auch an der engen und undurchsichtigen Verflechtung von Staat, Wirtschaft, Politik und Milit\u00e4r hat sich seit der Amts\u00fcbernahme kaum etwas ver\u00e4ndert, nur der Stil hat sich gewandelt. Statt im Namen der heiligen Nation geschehen Innovationen nun im Dienst zuk\u00fcnftiger Generationen, statt identit\u00e4rer Symbolpolitik strebt man pragmatische Kompromisse an, statt heroischer Vaterlandsverteidigung ist nun der \u00bbStaat im Smartphone\u00ab das Ideal.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Die ohnehin schon angespannte Wirtschaftslage hat sich durch die Corona-Epidemie noch verschlechtert. Doch diese mangelnden Erfolge schaden Selenskyjs Popularit\u00e4t offenbar nur wenig. Zwar w\u00fcrde er heute keine Dreiviertelmehrheit mehr bekommen, aber im Vergleich zu seinen Vorg\u00e4ngern und Konkurrent*innen erzielt er bei Umfragen immer noch hohe Zustimmungswerte. Es scheint, als werde von ihm gar nicht ernsthaft erwartet, dass er die in der TV-Serie als korrupt, manipulierbar, ineffektiv und \u00fcberfl\u00fcssig charakterisierte parlamentarische Demokratie grundlegend ver\u00e4ndern k\u00f6nne. Dem <em>Volk<\/em> reicht es, dass der <em>Diener<\/em> keine neue Revolution oder gar einen Krieg ausruft und weitgehend auf nationalistische Parolen wie \u00bbRuhm der Ukraine! Den Helden Ruhm!\u00ab verzichtet. Man kennt die gro\u00dfen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen, von denen Marx irgendwo spricht, als Farce bereits aus der erfolgreichen Fernsehserie. Als Trag\u00f6die m\u00f6chte man die Geschichte sich in der Wirklichkeit lieber nicht noch einmal ereignen sehen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Der Slawist Matthias Schwartz ist Co-Leiter des Programmbereichs \u00bbWeltliteratur\u00ab am ZfL, gemeinsam mit Roman Dubasevych gab er den Band \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/publikationen-detail\/items\/sirenen-des-krieges.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sirenen des Krieges. Diskursive und affektive Dimensionen des Ukraine-Konflikts<\/a>\u00ab (Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2020) heraus. Sein Text beruht auf einem Vortrag, den er im Rahmen der Ringvorlesung \u00bb\u203aThe Nation Strikes Back\u2039? New and Old Nationalisms in Eastern Europe\u00ab am 13. November 2019 am Osteuropa-Institut der Freien Universit\u00e4t Berlin gehalten hat.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Neben der Ende 2018 aus der Vereinigung zweier Kirchen hervorgegangenen Orthodoxen Kirche der Ukraine gibt es noch die kleinere, weiterhin dem Moskauer Patriarchat unterstellte Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die vor allem in den eher russischsprachigen Regionen des Landes verbreitet ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Kateryna Mishchenkos Beitrag in dem Band <em>Sirenen des Krieges. Diskursive und affektive Dimensionen des Ukraine-Konflikts<\/em>, hg. von Roman Dubasevych und Matthias Schwartz, Berlin 2020, S. 293\u2013304, hier S. 299.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Dieser ukrainische Nationalismus hat zu vielen Kontroversen gef\u00fchrt. Nicht nur sein sprach- und identit\u00e4tspolitischer Rigorismus, der die Bev\u00f6lkerung des vornehmlich russischsprachigen S\u00fcdostens nur teilweise erreicht bzw. ausschlie\u00dft, auch sein unklares Verh\u00e4ltnis zum Antisemitismus und zur Kollaboration ukrainischer Nationalisten mit den Nationalsozialisten brachten ihm viel Kritik ein. Vgl. die Beitr\u00e4ge von Andrij Portnov und Wilfried Jilge in dem Band <em>Gef\u00e4hrdete Nachbarschaften \u2013 Ukraine, Russland, Europ\u00e4ische Union<\/em>, hg. von Katharina Raabe, G\u00f6ttingen 2015.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Auf Russisch lautet der Originaltitel der Serie \u00bbSluga naroda\u00ab. Die Serie wurde wie alle Produktionen von Kwartal 95 u.a. aus kommerziellen Gr\u00fcnden von Anfang an auf Russisch produziert. Das hat auch dazu gef\u00fchrt, dass ein Film zur Serie 2016 erst ins Ukrainische synchronisiert werden musste, um \u00fcberhaupt in den Kinos des Landes gezeigt werden zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00bbP\u00e4derast\u00ab ist im Russischen ein g\u00e4ngiges Schimpfwort f\u00fcr Homosexuelle. Es gibt in der Serie durchaus einen homophoben Subtext, doch bleibt dieser ambivalent, da dem Format entsprechend auch viele andere nationale, Gender- und Klassenstereotype ironisch zitiert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Damit l\u00e4sst sich dieser antistaatliche Populismus nicht mit g\u00e4ngigen Populismus-Definitionen fassen, die \u2013 wie zuletzt Caspar Hirschi: Politik der reaktion\u00e4ren Gegenmoral. Zum populistischen Konfliktverhalten, in: <em>Merkur<\/em> 5 (2020), S. 5-21 \u2013 den \u00bbreaktion\u00e4ren Habitus\u00ab der Populisten, ihren \u00bbNationalchauvinismus\u00ab, \u00bbihre \u00dcberh\u00f6hung \u203aabendl\u00e4ndischer\u2039 Werte gegen den urbanen Multikulturalismus, ihre Ausgrenzung von Ausl\u00e4ndern gegen die Willkommenskultur und ihre verbalen Grenz\u00fcberschreitungen gegen die Gebote des diskriminierungsfreien Sprechens\u00ab zu den wesentlichen Merkmalen z\u00e4hlen (S. 7).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Insofern ist der Begriff des Volkes hier auch ein ganz anderer als in den sozialistischen Volksrepubliken, wo es immer um das auch \u00f6konomisch, sozial und kulturell definierte Kollektiv ging, in dem Klassen- und Nationalit\u00e4tszugeh\u00f6rigkeiten tendenziell aufgehoben sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Obwohl sowohl der Schauspieler Selenskyj als auch der ihn f\u00f6rdernde Oligarch Ihor Kolomojskyj j\u00fcdischer Herkunft sind, spielt Antisemitismus bislang in der \u00f6ffentlichen Debatte in der Ukraine kaum eine Rolle. Eine einseitige Lobbypolitik zum Nutzen von Kolomojskyj konnte Selenskyj entgegen aller Unkenrufe bislang nicht nachgewiesen werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Bereits in seiner Rede zur Inauguration am 20. Mai 2019 forderte Selenskyj, den Personenkult in den Amtsstuben zu beenden. Statt Pr\u00e4sidentenportr\u00e4ts solle man die Fotos der eigenen Kinder aufh\u00e4ngen und sich bei jeder Entscheidung fragen, ob man sie vor ihnen verantworten k\u00f6nne. Ansonsten gl\u00e4nzt Selenskyjs Team mit dem Versprechen einer sch\u00f6nen neuen Welt der digitalen Medien, die intelligente Apps und interaktive Tools zur \u00dcberwindung aller \u00dcbel der analogen Staatsb\u00fcrokratie versprechen. \u00bbStaat im Smartphone\u00ab lautet der entsprechende Slogan. Zum einj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um seiner Amtszeit vgl. das Dossier <em><a href=\"https:\/\/www.laender-analysen.de\/ukraine-analysen\/234\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ein Jahr Selenskyj<\/a><\/em>.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Matthias Schwartz: Der \u00bbDiener des Volkes\u00ab. Wolodymyr Selenskyjs Pr\u00e4sidentschaft in der Ukraine, in: ZfL BLOG, 29.5.2020, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/05\/29\/matthias-schwartz-der-diener-des-volkes-wolodymyr-selenskyjs-praesidentschaft-in-der-ukraine\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/05\/29\/matthias-schwartz-der-diener-des-volkes-wolodymyr-selenskyjs-praesidentschaft-in-der-ukraine\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20200529-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20200529-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20200529-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/05\/29\/matthias-schwartz-der-diener-des-volkes-wolodymyr-selenskyjs-praesidentschaft-in-der-ukraine\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"DER \u00bbDIENER DES VOLKES\u00ab. 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