{"id":1565,"date":"2020-10-05T10:44:09","date_gmt":"2020-10-05T08:44:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1565"},"modified":"2025-03-03T12:14:59","modified_gmt":"2025-03-03T10:14:59","slug":"clara-fischer-heimeliges-heldinnentum-anne-webers-annette-ein-heldinnenepos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/05\/clara-fischer-heimeliges-heldinnentum-anne-webers-annette-ein-heldinnenepos\/","title":{"rendered":"Clara Fischer: HEIMELIGES HELDINNENTUM. Anne Webers \u00bbAnnette, ein Heldinnenepos\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das Epos ist ein fruchtbares Klischee: irgendetwas mit Siegfried, Drachen, Odysseus oder Troja. Eine alte Heldengeschichte, die an sich wom\u00f6glich sogar spannend ist, die man aber nicht gelesen hat und auch nicht lesen m\u00f6chte. Denn das Epos ist dick und sperrig. Diese Vorannahmen sitzen tief. Mit Leichtigkeit l\u00e4sst sich ein ganzes Germanistikstudium eposfrei absolvieren und selbst unter den wenigen Gattungsfreundinnen und -freunden beschr\u00e4nkt sich das Interesse meist auf die kanonischen Werke der Antike und des Mittelalters. Man mag die Versepik daher f\u00fcr tot erkl\u00e4ren; das Klischee hat aber an Lebendigkeit nicht eingeb\u00fc\u00dft und ist heute, da Namen und Taten der Besungenen zwar zitiert, sogar verfilmt, aber jenseits der Fachgelehrtenstube nicht mehr gelesen werden, vielleicht munterer denn je. Ein Versepos zu schreiben und zu ver\u00f6ffentlichen scheint allerdings regelrecht t\u00f6richt.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1567 alignleft\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Anne-Weber-179x300.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Anne-Weber-179x300.jpg 179w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Anne-Weber-613x1024.jpg 613w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Anne-Weber-768x1284.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Anne-Weber-919x1536.jpg 919w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Anne-Weber-1225x2048.jpg 1225w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Anne-Weber-1200x2006.jpg 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Anne-Weber-scaled.jpg 1531w\" sizes=\"auto, (max-width: 179px) 85vw, 179px\" \/>Wenn man Anne Weber nun Mut bescheinigen m\u00f6chte daf\u00fcr, mit <em>Annette, ein Heldinnenepos<\/em> die Form des Versepos gew\u00e4hlt zu haben, so bedient man sich damit einer weiteren g\u00e4ngigen Floskel, die im Fahrwasser dieser gleicherma\u00dfen verehrte<\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">n wie gef\u00fcrchteten Gattung schwimmt (Anne Weber: <\/span><em style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Annette, ein Heldinnenepos<\/em><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">, Matthes &amp; Seitz, Berlin 2020). Mut brauchen Versepiker und Versepikerinnen (und besonders ihre Verlage) tats\u00e4chlich seit jeher, denn jenseits der Aufmerksamkeit gew\u00e4hlter Kreise ist mit Versepik f\u00fcr gew\u00f6hnlich keine breitere Leserschaft zu erreichen. Bereits im fr\u00fchen 19. Jahrhundert, das dieser Form noch \u00e4u\u00dferst aufgeschlossen gegen\u00fcberstand, ert\u00f6nte die Warnung:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbWer sicher vor Gelesenwerden seyn will, schreibe jetzt ein Heldengedicht.\u00ab<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Mut, den Wortschaffende damals aufbringen mussten, war allerdings von besonderer Art, denn Homers <em>Ilias<\/em> und <em>Odyssee<\/em>, Dantes <em>G\u00f6ttliche Kom\u00f6die<\/em> oder, als gro\u00dfe Entdeckung des sp\u00e4ten 18. Jahrhunderts, das <em>Nibelungenlied<\/em> geh\u00f6rten zum bildungsb\u00fcrgerlichen Kanon. Sie wurden an den h\u00f6heren Schulen gelesen, aus ihnen wurden Definitionskriterien destilliert und neuzeitliche Rhapsoden mussten sich einen direkten Vergleich mit Homer gefallen lassen, an dem sie fast zwangsl\u00e4ufig scheiterten. Den Nimbus h\u00f6chster Dichtkunst hat das Epos sich zwar bewahrt, wirklich ernst nimmt ihn allerdings niemand mehr. Auch die Jurys von Deutschem Buchpreis und Wilhelm-Raabe-Literaturpreis, auf deren Shortlists\u00a0<em>Annette<\/em>\u00a0es in diesem Herbst geschafft hat, werden kaum mit \u00fcberzogenen Erwartungen an das Werk herangetreten sein, denn die Heldenepik, auf die der Titel anspielt, ist eben nur noch als Klischee kanonisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dieses Klischee hat auch seine finsteren Ecken, die sich trefflich ausleuchten lassen. In der Tat erfindet Anne Weber mit ihrem \u00bbHeldinnenepos\u00ab quasi eine neue Gattung, denn die Heldendichtung r\u00fchmt klassischerweise den Mann und nicht das Weib. Doch selbst die Zeit des Mannes scheint abgelaufen zu sein. Der \u203aechte\u2039, schwertschwingende Held ist, wie verschiedentlich festgestellt wurde, als Spezies so tot wie die Gattung, die ihn besingt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Der Klischee<em>bruch<\/em> ist es also, dem Anne Weber sich vom Titel an verschreibt. Entgegen dem Klischee legt sie keinen W\u00e4lzer, sondern ein recht schmales B\u00e4ndchen vor, entgegen dem Klischee bedient sie sich keines komplizierten Metrums wie des Hexameters, sondern schreibt in freien Versen, die sich \u00fcber weite Strecken wie Prosa lesen. Und entgegen dem Klischee hebt Weber eine Frau in den Stand der Heldin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbEs gibt also noch wirkliche Heldinnen\u00ab, fragt der Buchumschlag, \u00bbganz ohne Anf\u00fchrungszeichen, denen man auf der Stra\u00dfe begegnen, mit denen man reden, die man kennenlernen kann?\u00ab Die Heldin, die Anne Weber besingt, ist \u2013 auch dies recht ungew\u00f6hnlich f\u00fcr ein Epos \u2013 die h\u00f6chst lebendige Anne Beaumanoir, genannt Annette. Erz\u00e4hlt wird von ihrer gl\u00fccklichen Kindheit als Tochter armer, aber aufrechter Leute, vom Engagement der Siebzehnj\u00e4hrigen in der R\u00e9sistance und der sp\u00e4teren \u00c4rztin und Mutter dreier Kinder im Algerienkrieg, von ihrer Verurteilung zu Gef\u00e4ngnishaft, der Flucht aus Frankreich und ihrer Trennung von der Familie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die erste Heldentat Annettes ist ihre einzige. Im Alleingang entschlie\u00dft sich die junge Frau, eine versteckte j\u00fcdische Familie vor einer bevorstehenden Razzia zu warnen. In einer Dachkammer findet sie f\u00fcnf Personen vor. Wenn der Vater nach einigem Zweifeln seine beiden Kinder mit Annette, \u00bbselbst noch halb Kind\u00ab, fortschickt und die drei Halbw\u00fcchsigen einen beschwerlichen Weg durch die Nacht antreten, so gelingt Weber damit eine sehr innige und beklemmende Szene, die sich durch ihre L\u00e4nge und den Verzicht auf jegliche Ironie auszeichnet. Es wird hier mit einem leisen Pathos gesprochen, vielleicht, weil die Widerstandsk\u00e4mpferinnen und -k\u00e4mpfer der NS-Zeit die letzten Heldenfiguren sind, die die Geschichte zu bieten hat und deren Taten in unserer Kultur ohne Augenzwinkern ger\u00fchmt werden d\u00fcrfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In den vorhergehenden und in den folgenden \u00e4u\u00dferst kurzen Episoden \u2013 vornehmlich \u00fcber Annettes Engagement f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Algeriens \u2013 wird dieser f\u00fcr die Heldenepik typische \u203ahohe Stil\u2039 allerdings weitgehend gemieden. Weber bedient sich zumeist einer dezidiert unpoetischen, m\u00fcndlich-saloppen Sprache. Bereits in der Schilderung von Annettes Kindheit erfahren wir beispielsweise, dass sie \u00bbTochter eines Fahrradchampions, \/ also gut, Champions ist zu viel gesagt, \/ aber doch eines Sportlers, der bei der \/ Tour de France teilgenommen hat\u00ab, ist. Mit diesem ironischen und bisweilen etwas sp\u00f6ttischen Ton entkommt die Autorin dem legend\u00e4ren epischen Leiergesang. Ihrer Heldin wird er allerdings zum Verh\u00e4ngnis. Denn was man in der Erz\u00e4hlung einer idyllischen Kindheit noch nett finden mag, durchzieht als Grundton das gesamte Epos.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Weber \u00fcbt sich wiederholt in einer Kontrastierung des Gro\u00dfen mit dem Kleinen, der Weltpolitik mit privaten \u00c4ngsten und N\u00f6ten. W\u00e4hrend der Weltwirtschaftskrise haben die Eltern \u00bbihre eigne Gro\u00dfe Depression\u00ab, denn Annette leidet unter einer Hirnhautentz\u00fcndung. W\u00e4hrend \u00bbdie Alliierten in die Normandie einfallen [\u2026] \/ pfl\u00fcckt sie Aprikosen.\u00ab Und wenn sie als angeklagte Terroristin in Frankreich den Gerichtssaal betritt, in dem sie wegen Staatsgef\u00e4hrdung zu zehnj\u00e4hriger Haftstrafe verurteilt werden wird, begr\u00fc\u00dft ihr Mitangeklagter sie mit Handkuss. \u00bb(F\u00fcr eine Verfilmung ihres Lebens raten wir sehr \/ zu dieser Szene.)\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die beklemmendsten Situationen werden dergestalt, durch latente Ironie und launige Erz\u00e4hlerinnenkommentare, einer unterschwelligen Verniedlichung unterzogen. Niedlich sind h\u00e4ufig auch die Heldinnen, die an Annettes Seite k\u00e4mpfen, so eine Mitstreiterin in der R\u00e9sistance, die zwar \u00bbnicht besonders helle\u00ab ist, aber \u00bbwer das Herz \/ auf dem rechten Fleck, also zum Beispiel nicht in \/ der Hose hat, dem ger\u00e4t auch der Kopf, so leer er \/ sein mag, nicht so schnell aus der rechten Bahn\u00ab. Wenn sich eine algerische Widerstandsk\u00e4mpferin wirklich einmal selbst zur Heldin erkl\u00e4rt, honoriert die Erz\u00e4hlung dies mit ein paar sp\u00f6ttischen Kommentaren, um vers\u00f6hnlich zu schlie\u00dfen, die Hoff\u00e4rtige sei immerhin \u00bbgescheit und eine gute Gef\u00e4ngniskameradin\u00ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es w\u00e4re diese Verniedlichung ein ertr\u00e4gliches Stilmittel, wenn es etwas sparsamer eingesetzt w\u00fcrde und wenn es nicht so typisch gerade f\u00fcr das weibliche Sprechen w\u00e4re. Die Extreme, sei es das der Hinterh\u00e4ltigkeit oder das des Leidens, bleiben in diesem Epos seltsamerweise vornehmlich wieder den M\u00e4nnern vorbehalten. Die Frauen versuchen ihr Bestes und nehmen sich selbst und ihre Taten nicht allzu ernst. Zum Heldinnentum geh\u00f6rt anscheinend die Verschleierung desselbigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">So ungew\u00f6hnlich dieses ironisch-putzige Sprechen f\u00fcr ein Epos zun\u00e4chst wirken mag \u2013 es gibt durchaus eine Tradition, in der sich Weber damit bewegt: die der Biedermeierepik. Diese Spielart, die auf geringen Umfang, freiere Verse, idyllische Szenerien und das Heldentum des Heimeligen setzt, feierte zeitweise gro\u00dfe Erfolge. Auch Weber \u00fcbt sich in einer wiederholten Verkleinerung und Verh\u00e4uslichung der Geschehnisse und Empfindungen. Da wird der Inhaftierten von einer muslimischen Gef\u00e4ngnisinsassin das Verspeisen einer Weihnachtsgans verboten, Konsequenz: \u00bbAlles schl\u00e4ft, einsam wacht und heult Annette.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">F\u00fcr die Heldin geht es nat\u00fcrlich nicht so lustig zu wie f\u00fcr die Erz\u00e4hlerin. Von deren \u00c4ngsten, Zweifeln und N\u00f6ten erfahren wir immer wieder, allerdings in einem reportagehaften Stil, der selbst existentielle Sorgen zum kleinen Intermezzo macht. Obgleich uns versichert wird, das Epos schildere nur eine Auswahl von Annettes spektakul\u00e4rsten \u00bbWeltverbesserungsversuchen\u00ab, h\u00e4tte ein noch gr\u00f6\u00dferer Mut zur L\u00fccke vermutlich nicht geschadet, denn im Bestreben, m\u00f6glichst umfassend von ihren Taten zu erz\u00e4hlen, reiht die Autorin stakkatoartig kurze Szenen aneinander, von denen nur wenige eine Intensit\u00e4t erreichen wie die der Judenrettung. Weber beschr\u00e4nkt sich meist auf ein abstraktes Berichten, das von Respekt und zugleich einer Ironisierung alles Respektheischenden getragen ist. Durch diesen Stil erfahren wir zwar, was Annette erlebt und f\u00fchlt. Nachvollziehen, mitempfinden k\u00f6nnen wir es aber nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wichtiger als Nachvollziehbarkeit scheint der Erz\u00e4hlerin die Rechtfertigung ihrer Heldin zu sein. Das Engagement Annettes im Algerienkrieg ersch\u00f6pft sich eben nicht in einer Heldentat, mit der ganz konkret zwei Menschenleben gerettet werden, sondern in der Unterst\u00fctzung der Widerstandsk\u00e4mpfer als \u00bbKoffertr\u00e4gerin\u00ab in Frankreich, sp\u00e4ter als Mitarbeiterin des algerischen Gesundheitsministeriums. Ihre Aktionen dienen h\u00f6heren politischen Zielen und entbehren damit einer unmittelbaren Wirksamkeit. Ein solches Handeln als Heldentum zu verkaufen, ist um einiges komplizierter, denn ob und wie Menschen davon zuk\u00fcnftig profitieren und wieviel Schaden Annette, wenn auch unwissentlich, mit ihrem Engagement anrichten mag, bleibt im Moment des Handelns ungewiss und wird im historischen R\u00fcckblick hier und da fragw\u00fcrdig. So ergeht sich das Epos \u00fcber weite Strecken nicht allein darin, von Annettes Erlebnissen zu berichten, sondern vor allem, sie zu rechtfertigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Eine Heldin braucht eine Sache, f\u00fcr die sie streitet. Wof\u00fcr k\u00e4mpft die moderne Heldin? Eine Nation ist es nat\u00fcrlich nicht, auch kein K\u00f6nig, keine Partei, es sind \u00bbPrinzipien\u00ab und \u00bbIdeale\u00ab, von denen im Text schon fr\u00fch die Rede ist, die aber bis zuletzt merkw\u00fcrdig hohl und schwammig bleiben: Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung. Von diesen W\u00f6rtern, einem Minimalkonsens dessen, was derzeit als heldentatenw\u00fcrdig gelten k\u00f6nnte, wird der allzu hartn\u00e4ckige und nicht selten in offensichtliche Naivit\u00e4t abdriftende sozialistische Traum der Heldin beschirmt. Falsch scheinen nicht die Ideale Annettes zu sein, sondern die Realit\u00e4t:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbAnnette tr\u00e4umt noch den<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Traum eines sozialistischen, gerechten Landes und<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">ahnt nicht \u2013 will vielleicht nicht ahnen,<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">sondern hoffen \u2013, was diese M\u00e4nner sp\u00e4ter mal<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">draus machen.\u00ab<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Held der Heldenepik bek\u00fcmmert sich nicht darum, ob eine weltliche Moralinstanz seine Taten guthei\u00dft. Die Figur Annette hingegen leidet unter einem latenten Rechtfertigungsdruck, den die Erz\u00e4hlerin selbst heraufbeschw\u00f6rt. Dass alle Einw\u00e4nde, die man gegen bestimmte politische Aktionen einbringen k\u00f6nnte, artig ausformuliert und unentwegt die Dilemmata der Annette geschildert werden, schadet der Heldin mehr, als es ihr n\u00fctzt. Es geht viel Raum darauf, uns Annettes guten Willen glaubhaft zu machen, statt die Sinnhaftigkeit ihres Tuns im Handeln selbst zu zeigen. Reflexion folgt auf Reflexion, die Leserin ger\u00e4t unter den Dauerbeschuss einer expliziten Fragerei danach, was zum Engagement treibt, ob es richtig oder falsch ist, ob man anders handeln k\u00f6nnte. In summa laufen diese Bem\u00fchungen auf eine ausgedehnte Apologie hinaus: Diese Heldin soll allen gefallen. Uns wird erz\u00e4hlt von einer Frau, die \u00bballes richtig machen [will]\u00ab und \u00bbvielleicht nicht jedem, aber vielen ein \/ Bett anbietet und ein Essen reicht\u00ab. Wenn eines ihrer Kinder unter den Umst\u00e4nden leidet, beruhigt uns die Erz\u00e4hlerin: \u00bbSchlimmere Vorw\u00fcrfe als sie, \/ Annette, sich selber macht, kann keiner leicht erheben.\u00ab Und wenn es noch etwas heikler wird, wenn Annette nach der Befreiung Algeriens sich unguten Entwicklungen nicht entgegenstellt, dann<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbvielleicht, weil sie es gar nicht merken will, es w\u00e4r ja<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">nicht das erste Mal, dass jemand das nicht sieht, was er<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">nicht sehen will, weil es nicht passt in das Tableau,<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">das ging doch jedem schon mal so.\u00ab<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ja, das ging jeder schon mal so, und deswegen sind Heldinnen so selten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">***<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das Klischee des Heldenepos hat Weber erfolgreich unterlaufen. Allerdings um den Preis, ein anderes Klischee zu bedienen: das der selbst in ihren gro\u00dfen Taten durch ihr schieres Weiblichsein irgendwie putzigen Frau. Durch einen doppelten Klischeebruch \u2013 Weber verweiblicht den Helden, um sogleich den Heldengesang zu verabschieden \u2013 ger\u00e4t die Heldin zur Totgeburt. Was bleibt, ist ein Epos \u00fcber eine Frau, die das Herz am rechten Fleck hat. Die Biedermeierepik hat damit gut anderthalb Jahrhunderte nach ihrem Niedergang eine w\u00fcrdige Nachfolge gefunden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Gibt es wirkliche Heldinnen, ganz ohne Anf\u00fchrungszeichen? Nach Lekt\u00fcre von <em>Annette<\/em> muss man sagen: Offenbar nicht. Es mag von der Autorin (und vor allem von ihrem Verlag) mutig sein, sich an ein Versepos zu wagen. Der Mut beschr\u00e4nkt sich in diesem Falle allerdings auf ein etwas kokettes Spiel mit einschl\u00e4gigen Gattungsklischees. Man h\u00e4tte sich noch mehr Mut gew\u00fcnscht, n\u00e4mlich den, uns eine Heldin zu pr\u00e4sentieren, ohne R\u00fccksicht darauf, ob deren Heldentaten allen Moralaposteln gefallen. Ein wenig mehr Mut zum Gestalten \u2013 ein Text muss Fragen nicht stellen, um sie aufzuwerfen \u2013 und zum Vertrauen in die Leserin, der durch die vorgefertigten Dauerreflexionen wenig M\u00f6glichkeiten bleiben, eigene Gedanken aus Annettes Lebensgeschichte zu entspinnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Man h\u00e4tte sich auch Mut gew\u00fcnscht zu dem, was in Epostheorien \u203aAnschaulichkeit\u2039 und \u203aPathos\u2039 hei\u00dft. Der Verzicht auf Letzteres gilt in der Gegenwartsliteratur gemeinhin als r\u00fchmlich, was auch daran liegen d\u00fcrfte, dass es sich um eine komplizierte Tonart handelt, in der man intonatorisch schlimm danebenliegen kann. Doch auch die Ironie will wohldosiert sein. Es ist gewiss riskant, in einem hohen Stil zu singen. Aber einen Versuch w\u00e4re es wert und einer Heldin w\u00fcrdig.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Die Germanistin Clara Fischer war bis 2019 Mitarbeiterin am ZfL. Ihr Dissertationsprojekt \u00bbExperimentierfeld Versepos (1918\u20131933)\u00ab wird seit August 2019 vom Cusanuswerk gef\u00f6rdert.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ignaz Jeitteles: \u00bbRoman\u00ab, in: ders.: <em>Aesthetisches Lexikon. Ein alphabetisches Handbuch zur Theorie der Philosophie des Sch\u00f6nen und der sch\u00f6nen K\u00fcnste. Nebst Erkl\u00e4rung der Kunstausdr\u00fccke aller \u00e4sthetischen Zweige, als: Poesie, Poetik, Rhetorik, Musik, Plastik, Graphik, Architektur, Malerei, Theater<\/em> etc., Bd. 2, Wien 1837, S. 263\u2013269, hier S. 264.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. dazu auf dem ZfL BLOG Claude Haas: \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/04\/14\/claude-haas-heldenpandemie-oder-pandemiehelden-bemerkungen-zur-neuesten-heroismusforschung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Heldenpandemie oder Pandemiehelden? Bemerkungen zur neuesten Heroismusforschung<\/a>\u00ab, 14.4.2020.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Clara Fischer: Heimeliges Heldinnentum. Anne Webers \u00bbAnnette, ein Heldinnenepos\u00ab, in: ZfL BLOG, 5.10.2020, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/05\/clara-fischer-heimeliges-heldinnentum-anne-webers-annette-ein-heldinnenepos\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/05\/clara-fischer-heimeliges-heldinnentum-anne-webers-annette-ein-heldinnenepos\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201005-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201005-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201005-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/05\/clara-fischer-heimeliges-heldinnentum-anne-webers-annette-ein-heldinnenepos\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"HEIMELIGES HELDINNENTUM. 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Mit Leichtigkeit l\u00e4sst sich ein ganzes Germanistikstudium eposfrei absolvieren und <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/05\/clara-fischer-heimeliges-heldinnentum-anne-webers-annette-ein-heldinnenepos\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[287,19],"tags":[453,70,407,454,404,71],"class_list":["post-1565","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jahresthema-historisieren-heute","category-lektueren","tag-anne-weber","tag-epos","tag-helden","tag-heldenepik","tag-heroismus","tag-weltliteratur"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1565","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1565"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1565\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3598,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1565\/revisions\/3598"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1565"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1565"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1565"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}