{"id":1579,"date":"2020-10-28T10:43:55","date_gmt":"2020-10-28T08:43:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1579"},"modified":"2025-03-03T12:12:39","modified_gmt":"2025-03-03T10:12:39","slug":"zaal-andronikashvili-philosophie-als-schoepferischer-akt-zum-30-todestag-merab-mamardaschwilis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/28\/zaal-andronikashvili-philosophie-als-schoepferischer-akt-zum-30-todestag-merab-mamardaschwilis\/","title":{"rendered":"Zaal Andronikashvili: PHILOSOPHIE ALS SCH\u00d6PFERISCHER AKT. Zum 30. Todestag Merab Mamardaschwilis"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Merab Mamardaschwili (1930\u20131990) ist <em>ein<\/em>, wenn nicht <em>der<\/em> bedeutendste Philosoph aus der Sowjetunion. Der \u00bbgeorgische Sokrates\u00ab (Jean-Pierre Vernant) genie\u00dft in seiner georgischen Heimat und in Russland, wo er mehrere Generationen von Philosoph*innen beeinflusst hat, beinahe kultische Verehrung. Mamardaschwilis Philosophie aber wurde von seinem Kultstatus geradezu erdr\u00fcckt: Er ist als philosophische Pop-Ikone in Georgien und Russland allgegenw\u00e4rtig, er wird bewundert, passend oder unpassend zitiert, aber wenig gelesen. Au\u00dferhalb der ehemaligen Sowjetunion ist er weitgehend unbekannt geblieben, in deutscher \u00dcbersetzung liegen nur einzelne Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze vor. 30 Jahre nach seinem Tod am 25. November 1990 w\u00e4re es die beste W\u00fcrdigung, ihn von seinem Denkmalstatus zu befreien und als einen Philosophen wiederzuentdecken, mit dem die Fragen an die Gegenwart anders zu stellen und m\u00f6glicherweise auch zu beantworten sind.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mamardaschwili wurde in der georgischen Stadt Gori geboren, einer Stadt, die, wie h\u00e4ufig (\u00fcber\u2011)betont wird, auch die Geburtsstadt Stalins ist. Die Schule besuchte er in Tbilissi, bevor er nach Moskau ging, um an der Lomonossow-Universit\u00e4t Philosophie zu studieren. Die akademische Philosophie geh\u00f6rte zu den am st\u00e4rksten ideologisch vereinnahmten Disziplinen in der Sowjetunion. Stalins Lehre vom dialektischen und historischen Materialismus galt lange Zeit als einzig zul\u00e4ssige Grundlage der sowjetischen Philosophie. Die Gewaltherrschaft des sowjetischen Unrechtsstaates unter Stalin hatte jegliches freie philosophische Denken in der Sowjetunion ausgel\u00f6scht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mamardaschwili geh\u00f6rte zur Generation von Ewald Iljenkow, Alexander Sinowjew, Alexander Pjatigorskij, Georgi Schtschedrowitskij, die die Philosophie in der Sowjetunion nach den Stalinschen \u203aS\u00e4uberungen\u2039 und der Reduktion auf den doktrin\u00e4ren Marxismus-Leninismus neu begr\u00fcndeten. W\u00e4hrend der Tauwetterzeit machte Mamardaschwili eine schnelle Karriere in der \u203aoffiziellen\u2039 Philosophie: Nach dem Studium arbeitete er in der Redaktion der f\u00fchrenden sowjetischen Philosophiezeitschrift <em>Voprosy filosofii (Fragen der Philosophie)<\/em>. Nach seiner Promotion 1961 mit einer Dissertation zu Hegels Lehre \u00fcber die Erkenntnisformen wurde er nach Prag entsandt, um bei der neu gegr\u00fcndeten Zeitschrift <em>Problemy mira i socializma (Probleme des Friedens und des Sozialismus)<\/em> mitzuwirken. Von 1968 bis 1974 arbeitete er wieder als stellvertretender Chefredakteur von <em>Voprosy filosofii<\/em> in Moskau, in Tbilissi erfolgte 1970 die Habilitation zu \u00bbFormen und Inhalt des Denkens\u00ab. Doch mit dem gesellschaftlichen Stillstand unter Breschnew war eine akademische Karriere f\u00fcr Mamardaschwili nicht mehr m\u00f6glich. Viele seiner Kolleg*innen fanden nichtideologisierte \u00bb\u00f6kologische Nischen\u00ab (Mamardaschwili), wo sie frei von politischem Druck arbeiten konnten. Er aber w\u00e4hlte einen anderen Weg, weil die Nischenarbeit nicht dem entsprach, was er im Nachhinein als \u00bbphilosophisches Temperament\u00ab bezeichnete und was seine Philosophie und seine Biographie untrennbar miteinander verband: Philosophie war f\u00fcr ihn keine Wissenschaft, sondern eine \u00bbvita activa\u00ab.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nach seiner Entlassung 1974 unterrichtete Mamardaschwili als Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen. Anders als die meisten seiner Kolleg*innen zog er die m\u00fcndliche der schriftlichen Form vor. In der ganzen Sowjetunion hielt er Vorlesungen und Vortr\u00e4ge f\u00fcr ein nicht philosophisch geschultes Publikum. Besonders f\u00fchlte Mamardaschwili sich Descartes und Kant verbunden, aber auch Proust, Rilke und Musil waren f\u00fcr ihn st\u00e4ndige Bezugspunkte. Den Gro\u00dfteil seines \u0152uvres machen die Aufzeichnungen zu seinen zahlreichen Vorlesungen aus, die er zumeist auf Russisch hielt und die thematisch von der antiken bis zur Gegenwartsphilosophie und von der Sozialphilosophie bis zur Bewusstseinsontologie reichten. Um f\u00fcr seine Zuh\u00f6rer*innen verst\u00e4ndlich zu bleiben, verzichtete er so weit wie m\u00f6glich auf philosophische Begrifflichkeit und einen schwer zug\u00e4nglichen Fachjargon. Stattdessen wollte er den Kern der pers\u00f6nlichen Erfahrung des Denkens und Verstehens freilegen, den er f\u00fcr das Wichtigste in der Philosophie hielt. Mamardaschwilis Aufzeichnungen sind aufgrund ihres alltagssprachlichen Charakters scheinbar leicht verst\u00e4ndlich, bed\u00fcrfen jedoch anstrengender Denkarbeit und m\u00fcssen f\u00fcr Leser*innen, die aus der westlichen philosophischen Tradition kommen, in die Fachsprache zur\u00fcck\u00fcbersetzt werden. Dass es Mamardaschwili gelang, nicht in den engen Grenzen seiner Disziplin stecken zu bleiben (die in der Sowjetunion noch enger waren als anderswo), sondern die Tradition des freien Denkens \u2013 im Sinne einer pers\u00f6nlichen Anstrengung, einer pers\u00f6nlichen philosophischen Handlung \u2013 neu zu begr\u00fcnden, best\u00e4tigen seine Sch\u00fcler*innen. So spricht der russische Philosoph Michail Ryklin von Mamardaschwilis \u00bbseltene[r] Gabe, zum Denken anzustiften, indem er am eigenen Beispiel vorf\u00fchrte, wie der Vorgang des Denkens funktioniert\u00ab.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">1980 kehrte Mamardaschwili nach Tbilissi zur\u00fcck, um am Institut f\u00fcr Philosophie der Akademie der Wissenschaften Georgiens und der Staatlichen Universit\u00e4t Tbilissi zu arbeiten. Ende der 1980er Jahre begann er sich politisch zu engagieren: F\u00fcr seine \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferung, die Wahrheit stehe h\u00f6her als die Heimat, wurde er von georgischen Nationalist*innen zum Verr\u00e4ter erkl\u00e4rt und einer Hetzkampagne ausgesetzt. 1990 verstarb er auf dem Moskauer Flughafen, als er sich auf dem Weg nach Tbilissi befand. Sp\u00e4testens seit man ihm 2001 in der georgischen Hauptstadt ein Denkmal gesetzt hat, geh\u00f6rt er zum \u203aNationalpantheon des Landes\u2039, auch wenn das wenig zur Verbreitung seines Werks in den letzten Jahrzehnten beigetragen hat. Dieses wird, zersplittert in einzelne Aphorismen, von unterschiedlichsten Parteien vereinnahmt und zur eigenen Legitimation benutzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Philosophie ist kein Beruf und keine Disziplin, sondern ein sch\u00f6pferischer Akt \u2013 so in etwa l\u00e4sst sich Mamardaschwilis Philosophie auf den Punkt bringen. Indem der Mensch diesen Akt vollzieht, wird er von einem biologischen zu einem kulturellen Menschen. Dieser Prozess der Menschwerdung ist jedoch nicht einmalig, sondern muss st\u00e4ndig wiederholt werden. Entsprechend gibt es weder fertiges Wissen noch feststehendes Verstehen. Stattdessen muss man immer wieder aufs Neue durch pers\u00f6nliche Anstrengung in den Zustand des Denkens und Wissens \u203ahineinfallen\u2039. Das impliziert ein spezifisches Zeit- und Geschichtsverst\u00e4ndnis. Historisches Sein ist immer nur im Jetzt m\u00f6glich, doch dieses ist stets von Chaos umgeben. Daher erm\u00f6glicht allein die permanente Anstrengung das Verweilen im Sein (<em>prebyt\u2019<\/em>). Bleibt diese Anstrengung aus, gleitet sowohl der Mensch als auch die Gesellschaft in Formlosigkeit ab, die f\u00fcr Mamardaschwili mit Chaos und folglich mit dem Ahistorischen identisch ist. Um aber im Sein zu verweilen, muss der Mensch sich artikulieren, d.h. kulturelle Formen bilden. Daher setzt die Philosophie notwendigerweise \u00d6ffentlichkeit voraus, denn sie muss zum Ausdruck gebracht und kommuniziert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mamardaschwili war der einzige Philosoph aus der Sowjetunion, der die Erfahrung des sowjetischen Totalitarismus philosophisch zu denken und zu artikulieren verstand. Das macht ihn bis heute bedeutend und anschlussf\u00e4hig. Im Zentrum seiner Philosophie stand eine Philosophie des Bewusstseins, die mit anderen Themen verbunden war, die f\u00fcr das Politische bei ihm relevant waren: \u00bbDas Wesen des Bewusstseinsph\u00e4nomens\u00ab ist \u00bbdie Freiheit\u00ab.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Die franz\u00f6sische Slawistin Annie Epelboin bezeichnet ihn als einen \u00bbPhilosophen des Bewusstseins, der das totalit\u00e4re Ph\u00e4nomen von innen \u00fcberwunden und in die existenzielle Reflexion umgesetzt hat\u00ab.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> In dem Bestreben, das Leben unter totalit\u00e4ren Bedingungen philosophisch zu reflektieren, ist Mamardaschwilis Werk mit Theodor W. Adornos gro\u00dfem Exil-Buch <em>Minima Moralia. Reflexionen aus dem besch\u00e4digten Leben<\/em> (1951) vergleichbar. Doch finden sich seine Reflexionen \u00fcber das besch\u00e4digte Leben in der Sowjetunion nur zerstreut in den Vorlesungen und Vortr\u00e4gen aus der 1980er Jahren wieder. Sie bilden gleichwohl eine Konstante, wenn nicht die geheime Triebfeder seines Denkens.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die sowjetische Gewaltherrschaft \u2013 insbesondere unter Stalin \u2013 galt Mamardaschwili als ein Zivilisationsbruch, als eine \u00bbanthropologische Katastrophe\u00ab, die er als Verletzung der Gesetze des menschlichen Bewusstseins und \u00bbdes damit verbundenen \u203aAnbaus\u2039, welcher Zivilisation genannt wird\u00ab, verstand.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Der Zivilisationsbruch, der sich in Nazideutschland und in der Sowjetunion ereignete, machte die beiden Gewaltherrschaften vergleichbar:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbDie \u00fcbereinstimmende Erfahrung war die Erfahrung der Zerbrechlichkeit der menschlichen Zivilisation.\u00ab<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mit dieser These einer Vergleichbarkeit beider Totalitarismen r\u00fcckt Mamardaschwili in die N\u00e4he von Hannah Arendt. Beiden ist auch gemein, dass sie in den Totalitarismen die v\u00f6llige Erosion des \u00f6ffentlichen Raumes diagnostizieren und \u00fcber eine postkatastrophische Neubegr\u00fcndung des freien politischen Raumes nachdenken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der Weg, den Mamardaschwili dabei einschlug, unterscheidet ihn allerdings von den Philosoph*innen jenseits des Eisernen Vorhangs. In Westeuropa wird der Zivilisationsbruch als eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Z\u00e4sur angesehen. Die Unm\u00f6glichkeit der R\u00fcckkehr zum Status quo ante wird in Adornos ber\u00fchmtem Diktum \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit von Lyrik nach Auschwitz zum Ausdruck gebracht. Demgegen\u00fcber bleibt die klassische Moderne f\u00fcr Mamardaschwili anschlussf\u00e4hig. Ausgehend von einer Korrespondenz der Erfahrungen kn\u00fcpft er an Autoren wie Marcel Proust, Antonin Artaud, Sigmund Freud oder Robert Musil an, um den besch\u00e4digten Denkraum nach dem Zivilisationsbruch in der UdSSR (und in Osteuropa) wiederherzustellen:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbIn Wirklichkeit stimmen die historische und die chronologische Zeit nicht \u00fcberein und das, was sich in der chronologischen Zeit \u00fcber mehrere Jahrzehnte erstreckt und uns heute l\u00e4ngst vergangen scheint, passiert in Wirklichkeit jetzt, in gewissem Sinn befinden wir uns am selben historischen Punkt, am selben Punkt der historischen Zeit, an dem sich die Wiener K\u00fcnstler, Denker, Publizisten und Musiker befanden.\u00ab<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Ungleichzeitigkeit zwischen historischer und chronologischer Zeit in West- und Osteuropa ist ein Grund f\u00fcr die ausstehende Rezeption Mamardaschwilis. Die ideologisch weniger aufgeladenen literatur- und kulturtheoretischen Arbeiten von Wladimir Propp, Wiktor Schklowski, Michail Bachtin oder Juri Lotman konnten in Westeuropa leichter rezipiert werden, da sie als Vorl\u00e4ufer des Strukturalismus bzw. parallel dazu verstanden und durch Emigrant*innen aus Osteuropa wie Roman Jakobson oder Julia Kristeva eingef\u00fchrt wurden. Doch trotz jahrelanger Freundschaft zwischen Mamardaschwili und Althusser ist es nicht zu einer Rezeption in Frankreich gekommen. Annie Epelboin sieht in dieser Freundschaft ein gegenseitiges Nichtverst\u00e4ndnis, die Unf\u00e4higkeit zweier einander zugeneigter Menschen, zu einem tiefen Gedankenaustausch zu kommen \u2013 eine Situation, die sie f\u00fcr paradigmatisch f\u00fcr das gesamte 20. Jahrhundert h\u00e4lt.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In der politischen Theorie des \u203aWestens\u2039 verstand sich kritisches Denken als Kapitalismuskritik. Von Arendt bis Balibar galt es, die Fragen der sozialen Gleichberechtigung und der politischen Freiheit aufeinander zu beziehen. F\u00fcr viele linke Intellektuelle blieb die Sowjetunion deshalb eine Alternative zum Kapitalismus; sie waren nicht in der Lage, in ihr eine mit dem Nationalsozialismus zwar nicht identische, so doch vergleichbare \u00bbH\u00f6lle\u00ab zu sehen.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Im \u203aOsten\u2039 ging es prim\u00e4r um Fragen der politischen Freiheit. Osteurop\u00e4ische Intellektuelle mussten die Erfahrung machen, dass selbst ein Mehr an sozialer Gleichberechtigung weder zur Abschaffung der (nun informellen) Wohlstandsverteilung f\u00fchrte noch politische Freiheit gew\u00e4hrleisten konnte. Diese grundlegend unterschiedlichen Erfahrungen f\u00fchrten zu entt\u00e4uschten Erwartungen. W\u00e4hrend einer Begegnung mit Fredric Jameson im Rahmen des Postmodernismus-Seminars in Dubrovnik (1990) redeten die beiden Philosophen aneinander vorbei.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Heute haben sich die chronologische und die historische Zeit in beiden Teilen Europas einander angen\u00e4hert. Sein Leben lang besch\u00e4ftigte sich Mamardaschwili damit, die illusionserzeugenden Strukturen des Bewusstseins (die bei Marx sinnlich-\u00fcbersinnliche Dinge hei\u00dfen) aufzudecken. Wie sein Freund Althusser arbeitete er an Marx<\/span><span class=\"04FlietextAuszeichnungboldrot\"><span style=\"font-weight: normal;\">\u2019<\/span><\/span><span style=\"font-family: helvetica;\"> Ideologie- bzw. Bewusstseinsbegriff weiter. Die Konvergenzen zwischen ihnen sind nicht nur im Fr\u00fchwerk Mamardaschwilis, wo er sich mit Marx explizit auseinandersetzte, sondern auch in seinem Sp\u00e4twerk, z.B. in den Vorlesungen \u00fcber Proust, kaum zu \u00fcbersehen. Dieser Teil seiner Arbeit ist auch heute wichtig, da die Fragen des (falschen) politischen und sozialen Bewusstseins wieder aktuell geworden sind. Seine Philosophie hilft nicht nur die immer noch bestehenden Differenzen zwischen \u203aOst\u2039 und \u203aWest\u2039 abzubauen, sondern auch einen Bogen von der Erfahrung der Totalitarismen hin zur Erfahrung der R\u00fcckkehr des Rechtspopulismus zu spannen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Der Literaturwissenschaftler <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/andronikashvili.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zaal Andronikashvili<\/a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL mit dem Projekt <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/literatur-in-georgien.html\">\u00bbLiteratur in Georgien. Zwischen kleiner Literatur und Weltliteratur\u00ab<\/a>. Auf dem ZfL BLOG erschien zuletzt von ihm <a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/04\/21\/zaal-andronikashvili-die-ausnahme-vom-ausnahmezustand-die-corona-krise-in-georgien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Ausnahme vom Ausnahmezustand: die Corona-Krise in Georgien<\/a>.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Zusammen mit dem Berliner Matthes &amp; Seitz Verlag versuchen wir, Mamardaschwilis Philosophie auf Deutsch zug\u00e4nglich zu machen: Merab Mamarda\u0161vili: <em>Die Metaphysik Antonin Artauds<\/em>, \u00fcbers. von Maria Rajer, Roman Widder, hg. von Zaal Andronikashvili, Berlin 2018. Weitere B\u00e4nde sind in Planung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Es ist nicht klar, ob Mamardaschwili Hannah Arendt gelesen hat, doch sind ihre philosophischen Positionen verwandt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Michail Ryklin: \u00bbBessere Menschen\u00ab, in: <em>Die Zeit<\/em>, 28.08.2008, Nr. 36.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Merab Mamarda\u0161vili: <em>Kak ja ponimaju<\/em> <em>filosofiju<\/em> (<em>Philosophie nach meinem Verst\u00e4ndnis)<\/em>, hg. von Juri Senokosov, Moskau 1990, S. 37.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> Ebd., S. 70.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Ebd., S. 107.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> Merab Mamarda\u0161vili: \u00bbWien der Jahrhundertwende\u00ab, in: ders.: <em>Die Metaphysik Antonin Artauds<\/em>, \u00fcbers. von Maria Rajer u. Roman Widder, hg. von Zaal Andronikashvili, Berlin 2018, S.43-99, hier S. 44.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> Ebd., S. 46.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Ebd.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Zaal Andronikashvili: Philosophie als sch\u00f6pferischer Akt. Zum 30. Todestag Merab Mamardaschwilis, in: ZfL BLOG, 28.10.2020, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/28\/zaal-andronikashvili-philosophie-als-schoepferischer-akt-zum-30-todestag-merab-mamardaschwilis\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/28\/zaal-andronikashvili-philosophie-als-schoepferischer-akt-zum-30-todestag-merab-mamardaschwilis\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201028-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201028-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201028-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/10\/28\/zaal-andronikashvili-philosophie-als-schoepferischer-akt-zum-30-todestag-merab-mamardaschwilis\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"PHILOSOPHIE ALS SCH\u00d6PFERISCHER AKT. 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