{"id":1596,"date":"2020-11-10T12:48:24","date_gmt":"2020-11-10T10:48:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1596"},"modified":"2025-03-03T12:11:00","modified_gmt":"2025-03-03T10:11:00","slug":"eva-geulen-jahresthema-2020-21-epochenwenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/11\/10\/eva-geulen-jahresthema-2020-21-epochenwenden\/","title":{"rendered":"Eva Geulen: Jahresthema 2020\/21, EPOCHENWENDEN"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Einer bekannten Redensart zufolge soll man die Feste feiern, wie sie fallen. Zynisch k\u00f6nnte man fragen: Gilt das auch f\u00fcr Epochenwenden? Sind die auch hinzunehmen wie wiederkehrende Feiertage, Grippewellen oder unerwartete Naturkatastrophen? Dass die Covid-19-Pandemie schon jetzt in ganz unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen als Epochenwende verstanden wird, merkt man nicht nur an der H\u00e4ufung des vordem eher vermiedenen Epochenbegriffs, sondern auch am Gebrauch der Formel \u203avor und nach Corona\u2039 \u2013 obwohl doch ein Ende der Pandemie derzeit nicht in Sicht ist und deshalb auch und gerade Feste nicht wie \u00fcblich begangen werden k\u00f6nnen (oder sollten).<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Eigentlich wissen wir aber alle, dass diese Pandemie weder eine Grippewelle ist (obwohl US-Pr\u00e4sident Trump und andere Verschw\u00f6rungstheoretiker das hartn\u00e4ckig und wider alle Fakten behaupten) noch ein Schicksalsschlag oder eine Naturkatastrophe. Covid-19 h\u00e4ngt sehr direkt mit der Globalisierung zusammen, und die wieder mit dem Klima, dessen Wandel nach Wende und Wandel im Handel und Wandel aller verlangt. Wie genau sich hier eins aufs andere reimt, wissen wir vorl\u00e4ufig nicht. Das zuzugeben, w\u00e4re ein Gebot der Redlichkeit. Aber es gilt derzeit nicht viel, weder in der Politik noch in der Zeitgeschichtsschreibung, von manchen Intellektuellenkreisen ganz zu schweigen. In seinem ZfL-Blogbeitrag zur\u00a0<span class=\"04FlietextAuszeichnungboldrot\"><span style=\"letter-spacing: .1pt; font-weight: normal;\">\u00bb<\/span><\/span><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/03\/24\/henning-trueper-unsouveraenitaet-in-der-pandemie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Unsouver\u00e4nit\u00e4t in der Pandemie<\/a><span class=\"04FlietextAuszeichnungboldrot\"><span style=\"letter-spacing: .1pt; font-weight: normal;\">\u00ab<\/span><\/span> hat H<\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">enning Tr\u00fcper auf das Paradoxe aller Versuche hingewiesen, unter diesen Umst\u00e4nden Orientierung zu gewinnen oder zu stiften<\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Jedenfalls geh\u00f6rt diese Pandemie, ob sie nun tats\u00e4chlich eine Epochenwende schon gezeitigt hat oder ob eine solche erst noch einzul\u00e4uten ist, chronologisch der 2016 von der Wissenschaft aus der Taufe gehobenen Epoche des Anthropoz\u00e4ns an: Die gel\u00e4ufige Unterscheidung zwischen historischen Epochen und solchen der Natur- bzw. Erdgeschichte findet hier keine Anwendung mehr. Dass wir nicht wissen, ob wir mitten in einer Epochenwende sind oder gerade jetzt eine solche brauchen, ist jedenfalls nichts Neues. Solche Ungewissheiten und Doppeldeutigkeiten stecken im Konzept der Epochenwenden. Sie k\u00f6nnen einerseits als sich quasi eigengesetzlich vollziehende (aber meistens ex post erst zugeschriebene) Ver\u00e4nderungen verstanden werden. Sie k\u00f6nnen andererseits aber auch als zu vollbringende Aktion f\u00fcr die Zukunft eingefordert werden. Im einen wie im anderen Fall sind aktuelle (Herrschafts-)Absichten, ist Zukunftsplanung im Spiel. Aber auch Altes klingt nach, denn Metaphern wie die des Einl\u00e4utens oder des Zeitigens entstammen dem religi\u00f6sen Register. Sie bergen mindestens so viele erhellende wie verdunkelnde Deutungspotentiale. Das ist ein Dilemma.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Statt zu entscheiden, was f\u00fcr oder gegen eine Epochenwende in dem einen oder anderen Sinne spricht, treten wir daher einen Schritt zur\u00fcck. Die aktuellen Ereignisse, Debatten und Spekulationen sind uns Anlass f\u00fcr die Erprobung des Konzepts der Epochenwenden in unterschiedlichen Kontexten und unter verschiedenen Bedingungen. In diesem Sinne adressieren die Beitr\u00e4ge von Pola Gro\u00df, Ernst M\u00fcller und Henning Tr\u00fcper f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/epochenwenden.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Faltblatt zum Jahresthema<\/a> den Gegenstand aus ihren jeweiligen Forschungsperspektiven. Nicht zuf\u00e4llig geht es in allen drei Beitr\u00e4gen um Epochenwenden in der Moderne, die als Epochenbegriff besonders umstritten ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dass Epochen stets provisorische Konstrukte sind, die manches verschatten und anderes hervorheben, ist kein hinreichender Grund, ihnen jede Berechtigung abzusprechen. Gerade der Konstruktcharakter sorgt ja daf\u00fcr, dass es eine wechselvolle und immer wieder offene Geschichte der Epochenzuschreibungen, Epochenbegriffe, Periodisierungen \u2013 und gegenw\u00e4rtig einen Kampf um die Deutungshoheit \u00fcber die Pandemie \u2013 geben kann. Die \u00fcberlieferte Dreiteilung Antike, Mittelalter und Moderne ist durch das \u203alange Mittelalter\u2039 und das Einr\u00fccken der \u203aFr\u00fchen Neuzeit\u2039 in Bewegung gekommen. Auch bei abgeschlossenen Epochen stellt die Frage nach Epochenwenden, Epochenumbr\u00fcchen und Epochenwandel eine dauernde Herausforderung dar. So haben Historiker*innen im 20. Jahrhundert vor allem \u00dcbergangszeiten und Epochenschwellen in den Blick genommen. Kosellecks \u203aSattelzeit\u2039 ist mit einer Spanne von 100 Jahren (1750\u20131850) selbst zu einer Epoche geworden. Dass es f\u00fcr die Zeit danach, je n\u00e4her man unserer Gegenwart r\u00fcckt, mit der Bestimmung von Epochenbegriffen und Epochenwenden zunehmend schwieriger wird, bezeugen Behelfskonstruktionen wie das \u203alange 19. Jahrhundert\u2039, das \u203akurze 20. Jahrhundert\u2039 oder Fr\u00fch-, Hoch-, Sp\u00e4t-, Post- und Postpostmoderne ebenso wie das bis zur Jahrtausendwende vielfach bem\u00fchte Posthistoire. Mit diesen und weiteren Fragen wollen wir uns in den kommenden Semestern besch\u00e4ftigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Was wir jetzt, nicht nur f\u00fcr unsere wissenschaftlichen T\u00e4tigkeiten, brauchen, ist jedenfalls Gelassenheit, Umsicht, Solidarit\u00e4t und: Abstand. (\u00bbAbstand\u00ab lautet das Thema der mit dem Literaturhaus Berlin organisierten ZfL-Literaturtage f\u00fcr den Sommer 2021.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In diesem Jahr hatten <a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/08\/27\/eva-geulen-claude-haas-hoelderlin-und-hegel-heute\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hegel und H\u00f6lderlin<\/a> 250. Geburtstag. Die f\u00e4lligen Feierlichkeiten konnten nicht in der erwarteten Weise begangen werden. F\u00fcr H\u00f6lderlin waren Fest und Zeitenwende nach 1789 lange eins. Seine sp\u00e4testen Gedichte kreisen um die Jahreszeiten. Eines mit dem Titel \u00bbFr\u00fchling\u00ab aus der Zeit seiner sogenannten Umnachtung beginnt mit den Versen:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wie selig ists, zu sehen, wenn Stunden <\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">wieder tagen,<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wo sich vergn\u00fcgt der Mensch umsieht in <\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">den Gefilden,<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wenn Menschen sich um das Befinden <\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">fragen,<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wenn Menschen sich zum frohen Leben <\/span><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">bilden.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><span class=\"text\">Die Literaturwissenschaftlerin\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/geulen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eva Geulen<\/a> ist die Direktorin des ZfL. Dieser Beitrag erschien erstmals als Editorial auf <\/span><\/em><em><span class=\"text\">dem Faltplakat zum Jahresthema des ZfL 2020\/21, \u00bbEpochenwenden\u00ab.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: Jahresthema 2020\/21, Epochenwenden, in: ZfL BLOG, 10.11.2020, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/11\/10\/eva-geulen-jahresthema-2020-21-epochenwenden\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/11\/10\/eva-geulen-jahresthema-2020-21-epochenwenden\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201011-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201011-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201011-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/11\/10\/eva-geulen-jahresthema-2020-21-epochenwenden\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"Jahresthema 2020\/21, EPOCHENWENDEN\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Geulen\",\n    \"givenName\": \"Eva\",\n    \"familyName\": \"Geulen\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-3700-1661\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2020-11-10\",\n  \"datePublished\": 2020,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer bekannten Redensart zufolge soll man die Feste feiern, wie sie fallen. 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