{"id":1660,"date":"2020-12-14T12:19:38","date_gmt":"2020-12-14T10:19:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1660"},"modified":"2025-03-03T12:04:59","modified_gmt":"2025-03-03T10:04:59","slug":"vom-geist-der-epochenwende-marita-tatari-im-gespraech-mit-jean-luc-nancy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/12\/14\/vom-geist-der-epochenwende-marita-tatari-im-gespraech-mit-jean-luc-nancy\/","title":{"rendered":"VOM GEIST DER EPOCHENWENDE. Marita Tatari im Gespr\u00e4ch mit Jean-Luc Nancy"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Marita Tatari: Lieber Jean-Luc, du sprichst seit Jahren nicht nur von einer Epochenwende*, sondern von einer tiefgreifenden Transformation unserer westlich-globalen Zivilisation, sogar von einer Mutation, in ihren Ausma\u00dfen dem Ende der antiken Welt vergleichbar. Auf dem Spiel stehe bei dieser Mutation demnach ein <em>Geist<\/em>, ein neuer Geist.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Geist des christlichen Europa fand den Wert des Lebens, indem er es mit einer Transzendenz verband. Auf ihn folgte der Geist der Produktion, der das Leben auf die Zukunft projizierte und seinen Wert in dem fand, was Marx \u00bb\u00c4quivalenz\u00ab genannt hat. Dieser Geist der Produktionswelt hat sich heute ersch\u00f6pft, und mit ihm das Vertrauen auf den Fortschritt und die beherrschte Geschichte. Wir befinden uns in dieser Ersch\u00f6pfung und k\u00f6nnen uns nicht vorstellen, was kommen wird, denn unsere Vorstellung entstammt dem Geist der Produktion, aber das, worum es dir geht, ist ein anderer Geist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Deine Betrachtung des Okzidents entspricht in mancher Hinsicht jener von Hannah Arendt in <em>Vita activa<\/em>. Sie spricht darin nicht von Geist, sondern vielmehr von der Geschichte als Geschehnis und Ereignisgeschichte; und so wie du spricht sie von einem Verhalten, von einer Art und Weise, sich zur Endlichkeit als menschlicher Grundbedingung zu verhalten. Aber f\u00fcr Arendt ist dieses Verhalten die Handlung und der Erscheinungsraum, die sie als politisch versteht, w\u00e4hrend f\u00fcr dich der Okzident selbst sich ersch\u00f6pft hat. Wenn es also nicht darum geht, sich vorzustellen, was kommt, sondern \u2013 wie du in deinem letzten Buch <em>La peau fragile du monde <\/em>schreibst \u2013 um eine Praxis, ein Ethos, eine gelebte und lebendige Disposition, die wir ohne es zu wissen bereits kennen und die von der brauchenden und gebrauchenden Logik der Produktion abweicht: Worauf berufst du dich, um diese Unterscheidung zu treffen? Vielleicht k\u00f6nntest du uns erkl\u00e4ren, warum du auf den Begriff des Geists bestehst?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Jean-Luc Nancy: Liebe Marita, das ist eine sehr unangenehme Frage, denn es gibt darauf keine einfache, klare Antwort \u2013 umso dankbarer bin ich, dass du sie stellst. Ich verwende das Wort \u00bbGeist\u00ab (<em>esprit<\/em>) in Ermangelung eines besseren. \u00bbPolitik\u00ab (<em>politique<\/em>) kommt f\u00fcr mich nicht infrage, vor allem, seit sich die Unterscheidung zwischen \u00bbdem Politischen\u00ab (<em>le politique<\/em>) und \u00bbder Politik\u00ab (<em>la politique<\/em>) v\u00f6llig verunklart hat. Ich habe diese Unterscheidung selbst auch schon vorgenommen, bin aber mittlerweile davon \u00fcberzeugt, dass sie verwirrend ist. Man geht davon aus, das es einerseits \u00bbdie Politik\u00ab gibt, die von Interessen geleitet wird, von Machtbeziehungen, Strategien und Aushandlungsprozessen, und andererseits \u00bbdas Politische\u00ab, eine Art \u00e4therisches Element, das sich aus der Ganzheit aller Beziehungen und letztlich s\u00e4mtlicher Ziele zusammensetzt. Dieses \u00bbPolitische\u00ab gibt es im Ansatz auch bei Arendt. Nichtsdestotrotz war ihr klar, dass Kunst, Liebe, die Werke des Geistes (wie man auf Franz\u00f6sisch die K\u00fcnste, die Literatur und das Denken nennt) nicht von der Politik erfasst werden \u2013 obwohl sie mit ihr grunds\u00e4tzlich in Beziehung stehen. Aber mir scheint, dass Arendt noch einer idyllischen Sicht auf die <em>politeia<\/em> verpflichtet war, bei der sie die Verwirklichung menschlicher Wirklichkeit in der \u00f6ffentlichen Debatte sieht (trotz allem, was sie, wie gesagt, von der Liebe und der Kunst wei\u00df). Nun, diese Sicht ist einerseits historisch nicht richtig, andererseits wei\u00df Arendt selbst, dass es noch etwas anderes als den \u00f6ffentlichen Raum gibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Heute steckt die politische Sph\u00e4re fast g\u00e4nzlich im Inneren des techno\u00f6konomischen Komplexes fest, der die Welt regiert. Dass es V\u00f6lker gibt, ist eine \u00fcberaus reale Wirklichkeit, die uns der Internationalismus mit all seinen Vorz\u00fcgen vergessen lie\u00df. Die diesen V\u00f6lkern eigenen Verwaltungs- und Entscheidungsorgane m\u00fcssen somit fortbestehen. (Und ich vernachl\u00e4ssige an dieser Stelle die \u00e4u\u00dferst komplexe Frage nach der Umwandlung bzw. der relativen Beunruhigung dieser V\u00f6lker an sich.) Doch ein Gro\u00dfteil m\u00f6glicher Verwaltungs- und Entscheidungsformen h\u00e4ngt von dem Komplex ab, den ich eben angesprochen habe. Dieser schafft \u00fcbrigens auch f\u00fcr all diese V\u00f6lker einen allgemeinen Bestimmungshorizont, der nun gerade darin besteht, die gro\u00dfe Konsumproduktionsmaschinerie zu befriedigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Schon 1919 schrieb Val\u00e9ry <em>Die Krise des Geistes <\/em>(<em>La crise de l\u2019esprit<\/em>), und f\u00fcr ihn hat das Wort \u00bbGeist\u00ab nichts von dem, was \u00bbdas Geistige\u00ab (<em>le spirituel<\/em>) allzu oft heraufbeschw\u00f6rt. Er bezeichnete damit das, was man auch Bewusstsein nennen k\u00f6nnte, oder Seele, vielleicht auch Kultur oder Zivilisation \u2013 w\u00e4re nicht jeder dieser Begriffe zu eng und zu wenig dynamisch, um auszudr\u00fccken, worum es geht. Was die \u00bbZivilisation\u00ab betrifft, muss man daran erinnern, dass Val\u00e9rys Buch mit dem ber\u00fchmten Satz beginnt: \u00bbWir Kulturv\u00f6lker [<em>civilisations<\/em>], wir wissen jetzt, dass wir sterblich sind\u00ab.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Val\u00e9ry spricht von einem \u00bbeurop\u00e4ischen Hamlet\u00ab:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbEr meditiert \u00fcber Sein und Nichtsein der Wahrheiten. Die Geister, die ihm erscheinen, sind \u2013 alle Probleme, um die wir streiten; unsere Ruhmestitel, f\u00fcr ihn sind sie Gewissensqualen; er erliegt unter der Last der Erfindungen, Kenntnisse, Methoden und B\u00fccher, unf\u00e4hig, darauf zu verzichten, au\u00dferstande, sich dieser grenzenlosen T\u00e4tigkeit neu hinzugeben.\u00ab<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Und sp\u00e4ter:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbUnd ich selbst, bin ich nicht des Schaffens m\u00fcde? Habe ich nicht meine Begierde nach k\u00fchnsten Versuchen ersch\u00f6pft? Habe ich nicht mit den subtilsten Mischungen Mi\u00dfbrauch getrieben? Gilt es, meinen schweren Pflichten und meinem transzendenten Streben zu entsagen? Soll ich mich der Str\u00f6mung \u00fcberlassen und handeln wie Polonius, der jetzt eine gro\u00dfe Zeitung herausgibt? Wie Laertes, der irgendwo Flieger ist? Wie Rosenkrantz, der unter russischem Decknamen ich wei\u00df nicht was treibt?\u00ab<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Von Kleinigkeiten abgesehen, l\u00e4sst sich die Aktualit\u00e4t dieses hundert Jahre alten Textes nicht leugnen. Was Val\u00e9ry als \u00bbGeist\u00ab bezeichnet, hat nichts Spiritualistisches. Im Grunde ist es einfach nur das, was sich nicht auf die Unterw\u00fcrfigkeit der Produktion, des Kalk\u00fcls reduzieren l\u00e4sst, seien es \u00bbk\u00fchnste Versuche\u00ab oder \u00bbsubtilste Mischungen\u00ab. Geist ist in etwa das, was Bataille \u00bbdas Heterogene\u00ab nennt. Oder aber das, was nicht dem \u00bbProjekt\u00ab gehorcht, sondern Sinn f\u00fcr das Nutzlose und das Unm\u00f6gliche hat. Was sich selbst als etwas versteht, das unendlich weit von einem Realen \u00fcberstiegen wird, einem Realen, das sich nicht beherrschen l\u00e4sst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Selbstverst\u00e4ndlich hat der Geist vielerlei Verwendungsweisen erfahren, die Zwecken wie dem G\u00f6ttlichen oder dem Vaterland dienten, dem Volk oder der (wissenschaftlichen) Wahrheit. Man sollte Derridas <em>Vom Geist<\/em> wiederlesen, darf sich aber nicht dar\u00fcber t\u00e4uschen, dass Derrida alle Spiritualit\u00e4ten herausfordert, um sich schlie\u00dflich einem ganz anderen Geist zu \u00f6ffnen \u2013 so anders, dass er eher dessen Verfl\u00fcchtigung sp\u00fcrt, als dass er ihn zu packen bek\u00e4me.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">All dies in der gebotenen K\u00fcrze. Ich m\u00f6chte gerne einen Satz von Marx zitieren, den ich schon zigmal zitiert habe. Du wei\u00dft, dass Marx behauptet, dass Religion das \u00bbOpium des Volks\u00ab, der \u00bbGeist geistloser Zust\u00e4nde\u00ab ist. Das hei\u00dft, es gibt einen falschen und einen wahren Geist. Marx sagt nicht, welches der wahre ist. Es ist klar, dass es f\u00fcr ihn des Menschen Aneignung seines Eigenwerts ist und dass sich in all diesen Begriffen unz\u00e4hlige Schwierigkeiten und Fallstricke verbergen, die wir heute erkannt und auseinandergenommen, aber noch lange nicht durch andere ersetzt haben. Ich w\u00fcrde deshalb sagen, dass \u00bbGeist\u00ab heute das einzige zur Verf\u00fcgung stehende Wort ist, um von einem keinem Humanismus bekannten \u00bbMenschen\u00ab und von einem unermesslichen \u00bbWert\u00ab zu sprechen. Oder genauer gesagt: um das Verhalten angesichts dieser unbekannten Wirklichkeiten oder Bedeutungen zu bezeichnen. Ein Verhalten in Bezug aufs F\u00fchlen ebenso wie aufs Denken, auf Energie ebenso wie auf Empfindsamkeit. Ich k\u00f6nnte es \u00bbAtem\u00ab nennen, was die prim\u00e4re Bedeutung von \u00bbGeist\u00ab ist. Aber das scheint uns heute zu sportlich. Ich k\u00f6nnte auch von \u00bbCharakter\u00ab sprechen, im Sinne des \u00bbCharakters eines Volkes\u00ab, was eine Art und Weise, in der Welt zu sein, unterscheidet und \u00bbcharakterisiert\u00ab. Aber dann verliert man die Transzendenz, die den Geist charakterisiert: den Bezug zu einem Realen, zu dem sich keine Beziehung kn\u00fcpfen l\u00e4sst. Ohne Zweifel genau das, was \u00bbGott\u00ab unter dem Gewicht seines Leichnams erstickt hat \u2026<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">So viel f\u00fcr\u2019s Erste. Mein Unbehagen bleibt bestehen, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich dieses Wort in der \u00d6ffentlichkeit ausspreche, sofort der ein oder andere gutherzige Spiritualist auf mich zukommt und seiner Freude dar\u00fcber Ausdruck verleiht \u2026 Deshalb vermeide ich es in der Regel, aber manchmal wage ich es doch \u2026 Ich wei\u00df nicht, was kommen wird, aber ich teile Marx\u2019 Bedauern \u00fcber die \u00bbgeistlosen Zust\u00e4nde\u00ab, umso mehr, als das \u00bbOpium\u00ab heute st\u00e4rker verbreitet ist als zu seinen Zeiten, in Form von Drogen und unterschiedlichen Spiritualit\u00e4ten, evangelikalisch oder schamanisch, auch wissenschaftlich oder politisch (ich meine hier politische Imaginationen, nicht Praktiken), technologisch usw.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">MT: Der Geist als der Geist eines Weltmoments und zugleich der Geist, der das jeweilige Weltmoment erm\u00f6glicht, erinnert in der Tat an Heidegger und Derridas <em>Vom Geist<\/em>. Denn als Bezug zu einem Exzess oder zu einem absoluten \u00dcberschuss ist er tats\u00e4chlich das Korrelat einer Investitionslogik, die du, wie du in <em>La peau fragile du monde<\/em> schreibst, in den verschiedenen Momenten des Okzidents am Werk siehst, einer Logik, die auf die Aneignung dieses Exzesses abzielt. Das R\u00f6mische Reich, schreibst du, habe sich einem Projekt gewidmet, das aus seiner eigenen Produktion und seinem Export oder seiner Ausdehnung bestehe. Das Jud\u00e4ochristentum sei eine Reaktion auf den Reichtum, den Rom bei seinen Verkehrsbeziehungen eingesetzt hat. Und es habe auf den Reichtum von Rom mit den himmlischen Reicht\u00fcmern reagiert, indem es das Gebiet der Verwirklichung in den Menschen selbst hineinverlegt und ihn damit zur Erneuerung eingeladen habe. Der Kapitalismus habe dann die Weiterentwicklung dieses Investitions- und Expansionsprinzips dargestellt, so dass der Reichtum \u2013 und tendenziell jeder Gebrauch \u2013 in das Wachstum seiner eigenen Investitionsf\u00e4higkeit investiert habe. Wenn sich das Abendland heute selbst ersch\u00f6pft, so hat diese Behauptung nichts, schreibst du, mit einer teleologischen oder schicksalhaften Vision zu tun: Die Grenze der Investitionen kann nur im Verlust der Investitionsm\u00f6glichkeiten bestehen. Derrida sagt am Ende von <em>De l<\/em>\u2019<em>esprit<\/em>: Es reicht, weiter zu sprechen. Der Geist, so sagt er, wird den Rest erledigen: \u00bbDurch die Flamme oder die Asche, aber als ganz Anderes, unvermeidlich\u00ab.<a style=\"color: #e63348;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Das hindert uns nicht daran, die gleiche Frage erneut zu stellen: Wenn keine Schicksalslogik am Werk ist, in wessen Namen sollen wir uns dann heute \u2013 im Gegensatz zu den \u00bbTranshumanismen\u00ab \u2013 an die Praxis, das Ethos eines Bezugs zu dieser endlichen Transzendenz, diesem absoluten Exzess, halten? Liegt es nicht daran, dass \u00bbwir\u00ab seit dem Ende der archaischen Welt des Gegebenen und bis heute noch uns selbst ausgesetzt sind? Uns an dieses Ausgesetztsein halten?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Begriff des Anthropoz\u00e4ns, der die Ersetzung der Naturkr\u00e4fte durch den Menschen bezeichnet und die Beherrschung und Autonomie des Menschen ank\u00fcndigt, verdr\u00e4ngt, wie du schreibst, die enorme Unsicherheit oder Verwirrung, die mit dieser Beherrschung einhergeht. Statt Kontrolle und guten Gebrauch zu suchen und statt sich eine Zukunft vorzustellen, die beispielsweise \u00f6kologisch sein k\u00f6nnte, geht es heute vielmehr darum, wie du mit Heidegger und Augustinus behauptest, den autonomen Wert des \u00bbBrauchs\u00ab der menschlichen Existenz zu bejahen: die Menschen als gebrauchte*, als benutzte, indem sie ins Spiel gebracht werden, und als der diesem Spiel eigene unendliche Genuss \u2013 anstelle des autonomen Menschen. Wie bringt sich das Gemeinsame in dieser Heteronomie des abgenutzten Menschen ein, wenn nicht im Modus des Politischen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">JLN: Ich m\u00f6chte die Einleitung deiner Frage ein wenig pr\u00e4zisieren. Man k\u00f6nnte meinen, dass die Art und Weise, wie du die beiden Aspekte der westlichen Anf\u00e4nge darstellst \u2013 Rom auf der einen Seite, Jud\u00e4ochristentum auf der anderen \u2013, einen klaren Gegensatz zeigt. Ich gebe zu, dass ich selbst dieser Lesart der Geschichte in manchen meiner Texte Vorschub geleistet habe. Man k\u00f6nnte unterstreichen, wieviel von Heidegger im Hintergrund vorhanden ist \u2013 au\u00dfer, dass er das Jud\u00e4ochristentum vertuscht hat, vielleicht, um es in sein eigenes Denken zu verwandeln, was in der Tat den Gegensatz zwischen der \u00bbSeinsvergessenheit\u00ab auf der einen und der Treue zum Sinn des Seins auf der anderen Seite akzentuiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Doch Heidegger selbst schreibt die fragliche \u00bbVergessenheit\u00ab gerade in das \u00bbGeschick\u00ab des \u00bbSeins\u00ab ein. So kommt er im \u00dcbrigen zu der Aussage, dass die Technik das letzte Seinsgeschick ist \u2013 und so konnte er auch dem j\u00fcdischen \u00bbMenschentypus\u00ab die B\u00fcrde (oder die Mission?) der \u00bbEntwurzelung alles Seienden aus dem Sein\u00ab unterstellen \u2013 ich zitiere aus dem Ged\u00e4chtnis. Aber genau mit dieser Figur des \u00bbJuden\u00ab f\u00fchrt er einen Manich\u00e4ismus ein, der in aller Strenge der Einheit von \u00bbGeschick\u00ab und \u00bbVergessenheit\u00ab widerspricht. Es ist daher notwendig, diesen Widerspruch zu beseitigen. Das hei\u00dft, in eine Komplexit\u00e4t einzutreten, sogar in eine sehr unbequeme Dunkelheit, die aber unvermeidlich ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In der Tat bedeutet das, dass wir nicht einfach eine Seite der anderen gegen\u00fcberstellen k\u00f6nnen und dass wir \u00fcber die Antike hinaus und bis zu uns hin \u00fcberlegen m\u00fcssen, was <em>auch<\/em> trotz allem das Werk des Abendlands, einer imposanten Zivilisation ist. Auf der einen Seite hat sie einen Grad der technischen Ausarbeitung erreicht, der heute problematisch ist, aber dennoch von einem enormen Einfallsreichtum zeugt, eine intellektuelle wie materielle Investition \u2013 eine Investition, die nicht nur das \u00bbReturn on Investment\u00ab berechnet, sondern auch Engagement, Abenteuer und Risiko der gesamten modernen Wissenschaft und sogar des Kapitalismus, der im Laufe seiner Geschichte viel Leichtfertigkeit im Ehrgeiz und Risiko im Kalk\u00fcl impliziert hat. Auf der anderen Seite, jenseits der Technik (aber in mancher Hinsicht mit ihr verwandt, wie bei der Gestaltung von Musikinstrumenten oder dem Einsatz von Farbe und Farbmaterialien in der Malerei), eine prachtvolle k\u00fcnstlerische und spirituelle Entfaltung, die keinen Grund hat, den Vergleich mit asiatischen, afrikanischen, amerikanisch-indigenen oder anderen Kulturen zu scheuen. Giotto oder Beethoven, Dante oder Ibn Arabi, Faulkner oder Nietzsche geh\u00f6ren ebenso zu den Sch\u00e4tzen der Menschheit wie Laotse, die <em>Geschichte vom Prinzen Genji<\/em> oder die Skulpturen der Yoruba.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wir m\u00fcssen daher dar\u00fcber nachdenken, was durch diese Bemerkung verdeutlicht werden kann: Die Kunst der europ\u00e4ischen Renaissance war eng mit dem ersten Aufkommen des Kapitalismus verbunden. Oder um es mit deinen Worten zu sagen: der Reichtum des Himmels und der der Bourgeoisie waren aneinander gekoppelt und standen sich zugleich gegen\u00fcber. Und als sich die Bourgeoisie in einen Mechanismus der zwecklosen Selbstentfaltung einschloss, brachen auch alles Denken und alle K\u00fcnste des menschlichen Geistes zusammen &#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Vielleicht bedeutet dies zumindest \u2013 und damit komme ich zu deiner Frage \u2013, dass, wenn es eine Zukunft gibt, diese weder von der Technik noch von einer \u00d6konomie der Investition zu trennen ist. In gewissem Sinne ist es das, was all diejenigen wollen, die nicht \u00fcber den Wohlstand der entwickelten Gesellschaften verf\u00fcgen: diesen Wohlstand erlangen und gleichzeitig die Reicht\u00fcmer aller Kulturen erhalten oder erneuern. Und in der Tat kann dies nicht durch ein einfaches \u00f6kologisches Projekt erreicht werden. \u00d6kologie, in welcher Form auch immer sie auftritt und wie erfinderisch sie auch sein mag, gebiert keinen \u00bbGeist\u00ab, um diesen Begriff wieder aufzunehmen. Beziehungsweise: bisher ist nicht deutlich, was sie ausmacht. Wenn wir z.B. von \u00bbder Erde\u00ab oder \u00bbdem Planeten\u00ab sprechen, wovon sprechen wir? Von der kosmo-geo-graphischen Bedeutung dieser Begriffe oder von symbolischen oder metaphysischen Werten? Wie wenn Heidegger von \u00bbder Erde\u00ab spricht oder die Bibel sagt \u00bballe Erde singt die Herrlichkeit Gottes\u00ab oder Rimbaud schreibt: \u00bbich bin der Erde zur\u00fcckgegeben und mu\u00df die rauhe Wirklichkeit umarmen. Ganz wie ein Bauer.\u00ab<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Du beziehst dich auf Heideggers \u00bbBrauch\u00ab, der in der Tat ein Weg ist, die Herrschaft des Menschen \u00fcber die Welt umzukehren, indem der Mensch als vom \u00bbSein\u00ab \u00bbbe-handelt\u00ab oder als zum Genuss des \u00bbSeins\u00ab angeboten wird (in <em>Der Spruch des Anaximander<\/em> \u00fcbersetzt Heidegger \u00bbbrauchen\u00ab mit dem lateinischen <em>frui<\/em>). In jedem Fall eine Heteronomie. Heteronomie ist die gro\u00dfe Sache: Dass der Mensch auf etwas anderes verwiesen ist &#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Sollte man nicht sagen, dass der Mensch gerade aus seiner Beziehung zum anderen seine Besonderheit ableitet? Andere Lebewesen haben diese Beziehung, deren Ausdruck und Ausf\u00fchrung die Sprache ist, nicht. Welcher Andere, wenn es weder Gott noch der Lacan\u2019sche Andere ist? Ich w\u00fcrde sagen, dass sie beide, jeder auf seine Weise, Zeugen der Schlie\u00dfung des Abendlands sind (der erste durch seinen \u00bbTod\u00ab, der zweite durch seinen eher strukturellen als dynamischen Charakter).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das \u00bbGemeinsame\u00ab w\u00e4re also, um mit meiner Antwort zum Ende zu kommen, eine \u2013 notwendigerweise gemeinsame \u2013 Sprache, die sich auf eine Alterit\u00e4t hin \u00f6ffnen k\u00f6nnte, die sich unseres Gebrauchtseins* annehmen w\u00fcrde \u2013 d.h. vielleicht unseres \u00bbSinnmachens\u00ab oder \u00bbim Sinn-Seins\u00ab \u2013 und zwar genau durch das, was macht, dass wir ex-istieren, dass wir au\u00dferhalb unserer selbst sind, auch in der Technik, aber so, dass die Technik auf eine Alterit\u00e4t hin \u00f6ffnet. Das hat weder Namen noch Gestalt und l\u00e4sst sich auch nicht vorwegnehmen. Es kann nur <em>kommen<\/em>. Aber es k\u00f6nnte genauso gut unser Verschwinden sein &#8230; der \u00bbMensch\u00ab, der in der Ankunft des Anderen verschwindet &#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">MT: Heidegger selbst f\u00fchrt uns in diese Komplexit\u00e4t ein, indem er der Vergessenheit des Seins nicht einfach eine Treue zum Sinn des Seins (dessen Erfahrung die Sprache ist) entgegensetzt, sondern indem er dieses Vergessen in das Geschick des Seins einschreibt. Und doch ist es, als h\u00e4tte er die Pr\u00e4missen seines eigenen Denkens verraten, oder, um eine Formulierung Lacoue-Labarthes zu verwenden, als bef\u00e4nde er sich in einem Doublebind, das Lacoue-Labarthe als symptomatisch f\u00fcr das Abendland selbst begreift und das er lange vor der Ver\u00f6ffentlichung der <em>Schwarzen Hefte<\/em> in der Rolle sah, die Heidegger H\u00f6lderlins Dichtung zugewiesen hatte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Von der Heteronomie des Gebrauchtseins* des Menschen zu sprechen, anstatt angesichts der Katastrophen, die wir derzeit erleben, nach Alternativen zu suchen (anstatt f\u00fcr \u00d6kologie, gute Politik, Strategien zum Sturz des Kapitalismus mit Blick auf eine gemeinsame Zukunft zu pl\u00e4dieren &#8230;), scheint mir von uneingeschr\u00e4nkter intellektueller Redlichkeit zu sein. Es geht hier darum, den stattfindenden Transformationen zu begegnen, aber ihnen aus der menschlichen Bedingtheit bzw. Endlichkeit heraus zu begegnen. \u00d6kologie, alternative Strategien usw. \u2013 auch wenn sie den gegenw\u00e4rtigen Transformationen entsprechen \u2013 lassen sich dennoch in das unm\u00f6gliche Projekt der Autonomie einschreiben, das zur heutigen techno\u00f6konomischen Vorherrschaft f\u00fchrt. Aber die kommenden Transformationen \u2013 Mutation oder Epochenwende* \u2013 sind nicht unser Projekt: Deine Unterscheidung zwischen \u00bbdem kommenden Geist\u00ab und \u00bb\u00d6kologie ohne Geist\u00ab scheint zu unterstreichen, dass es nicht darum geht, diesen Geist zu einem Projekt zu machen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es ist interessant, dass du sagst, dass diejenigen, die nicht \u00fcber den Wohlstand entwickelter Gesellschaften verf\u00fcgen, in Technologie und Investitionen einsteigen und gleichzeitig keine Identit\u00e4t bekr\u00e4ftigen wollen, sondern, wenn ich dich richtig verstehe, eine andere Beziehung zur Alterit\u00e4t erhalten oder neu herstellen wollen: den \u00bbReichtum\u00ab aller Kulturen. Interessant ist auch, dass du im Zusammenhang mit der Kunst der Renaissance von der Koppelung des Reichtums des Himmels mit dem des B\u00fcrgertums sprichst. In einem Interview hast du das Ereignis der Polyphonie in der Renaissance mit dem Exzess (einem \u00bbMehr\u00ab) verkn\u00fcpft, der nun in den Bereich der Produktion eintritt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wenn du vom \u00bbstrukturellen\u00ab Charakter des Lacan\u2019schen Anderen (der von der abendl\u00e4ndischen Schlie\u00dfung zeugen w\u00fcrde) einen \u00bbdynamischen\u00ab Charakter der Alterit\u00e4t unterscheidest, meinst du damit die Beweglichkeit als Technizit\u00e4t der Existenz? Und damit die fortschreitende Mutation der menschlichen Existenz (die gleichwohl menschlich bleibt, da sie aus der menschlichen Endlichkeit hervorgeht)? W\u00e4re die Sprache, die sich der Heteronomie des Menschen (als gebrauchter* Mensch) annimmt, w\u00e4hrend sie sich einer Alterit\u00e4t \u00f6ffnet, nicht trotzdem und trotz allem eine Art paradoxe Autonomie \u2013 eine Form? Nicht eine Autonomie des Menschen, sondern eine Autonomie der Tatsache seiner Existenz als solcher, die nicht zu einem Selbst zur\u00fcckkehrt; der freie Lauf \u00fcber sich selbst hinaus: \u00bbSexistenz\u00ab (um einen deiner Begriffe zu verwenden)? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">JLN: Sich von dem Projekt zu l\u00f6sen, bedeutet auch, sich vom Subjekt zu l\u00f6sen. Es ist bemerkenswert, dass seit dem 18. Jahrhundert und sogar noch vor Pascal das Ich Gegenstand st\u00e4rkster Verd\u00e4chtigungen war. Dies spitzte sich z.B. bei Schelling und dann bei Nietzsche noch zu und wurde von Kierkegaard, Heidegger und unserer j\u00fcngsten Moderne wieder aufgegriffen. Doch gleichzeitig sind das Ich oder das Selbst, der Selfmademan oder die selbstverwalteten Menschen wirkm\u00e4chtige Modelle bzw. Schemata f\u00fcr Modelle, die selten vorzeigbar sind. Genauso verh\u00e4lt es sich mit dem \u00bbAnderen\u00ab: Wir h\u00f6ren nie auf, f\u00fcr die Offenheit gegen\u00fcber dem Anderen, f\u00fcr das Teilen usw. einzutreten, demokratische Werte oszillieren zwischen Solidarit\u00e4t und Br\u00fcderlichkeit, aber was bleibt, sind \u00bbgute Absichten\u00ab (man k\u00f6nnte sagen, eine imagin\u00e4re Form des Projekts). Wir haben keinen Zugang zu einem \u00bbradikalen\u00ab Denken (ich benutze dieses Wort mit Distanz, weil es mir nicht gef\u00e4llt) der Alterit\u00e4t des Anderen als einer unerreichbaren, ja sogar nicht identifizierbaren. Du zitierst mein Buch <em>Sexistenz<\/em>: Im Grunde habe ich es geschrieben, um zu sagen, dass Sex uns mit dem Anderen konfrontiert \u2013 auch in uns selbst \u2013 und dass dies alles andere als einfach ist. Aber heute machen wir aus Sex ein Projekt: des Konsums oder der Wahl des Geschlechts. (Ich kritisiere das Denken der Geschlechter [Gender] nicht, aber ich bedauere, dass seine Vulgata auf eine Autonomie der Wahl hinausl\u00e4uft, die tendenziell dazu f\u00fchrt, dass wir unser Geschlecht nur uns selbst schulden und die auch die unendliche innere Komplexit\u00e4t eines jeden \u00bbGeschlechts\u00ab nicht gen\u00fcgend ber\u00fccksichtigt.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Am auff\u00e4lligsten ist allerdings das tats\u00e4chliche Verschwinden eines echten sozialen Projekts, ohne dass dies zu einer anderen Art von Anfechtung und Revolution f\u00fchrt \u2013 denn das revolution\u00e4re Projekt war, zumindest sehr oft, ein Projekt, das \u00fcber das Projekt hinausging und den Zugang zu einer ganz anderen Welt suchte. Im Gegenteil, das soziopolitische Projekt wird ausgel\u00f6scht, weil das gro\u00dfe techno\u00f6konomische Projekt alles absorbiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In gleicher Weise wird alles, was energisch und utopisch war (selbst bei Marx, selbst im Anarchismus), d.h. im Verh\u00e4ltnis zu einer wahren Alterit\u00e4t stand, in dasselbe gro\u00dfe Projekt \u00fcberf\u00fchrt, zu dem sich \u2013 um zu einem Ende zu kommen \u2013 diejenigen, die reformieren, verbessern, gegen Ungerechtigkeit k\u00e4mpfen wollen, unbewusst zusammenschlie\u00dfen. Es gibt keine Idee der Gerechtigkeit (au\u00dfer, dass sie \u00bbundekonstruierbar\u00ab ist, wie Derrida sagt).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Was die Autonomie eines \u00bbfreien Laufs \u00fcber sich selbst hinaus\u00ab betrifft: ja, gewiss, und sogar die Autonomie der Singularit\u00e4t, die jedes Mal existiert. Aber diese Autonomie ist das, was gerade dadurch verwirklicht wird, dass man \u00fcber sich selbst hinausgeht. Oder, vielleicht besser, indem man es nie betritt. Wo ist das Selbst, was ist es? Nichts, bevor es existiert und sobald es existiert, entkommt es sich selbst. Das gerade erst gezeugte Kind ist bereits einem \u00bbSelbst\u00ab entwichen, das in seiner Genealogie r\u00fcckw\u00e4rts verloren ist und sich nach vorne verlieren wird, indem es sich erst von seiner Mutter trennt, dann von der Brust seiner Mutter, dann von allem, was es identifizieren kann. Auf diese Weise wird er oder sie zu \u00bbjemand\u00ab, der\/die trotz aller sozialen, kulturellen, emotionalen, sprachlichen Konformismen nicht mit einem anderen verwechselt wird. Dieses Werden dauert ein Leben lang und h\u00f6rt nie auf zu werden. Es flie\u00dft wie ein Fluss, und \u00bbman steigt nie zweimal in denselben Fluss\u00ab. Und dieses Werden ist die reichste Sache des Lebens. (Nat\u00fcrlich gibt es k\u00f6rperliche, emotionale und andere Identit\u00e4tsmerkmale. Sie sind notwendig, damit das Selbst und die anderen sich orientieren k\u00f6nnen. Aber der Kern oder das Herzst\u00fcck dieser Reihe von Merkmalen ist nicht identifizierbar.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Mit 80 Jahren blicke ich auf mein ganzes Leben zur\u00fcck, und ich sp\u00fcre ein sehr paradoxes Gef\u00fchl: Ich wei\u00df, dass ich es bin \u2013 hier oder dort, in diesem oder jenem Jahr, dieses oder jenes tuend \u2013, und doch sp\u00fcre ich nicht wirklich dieses \u00bbIch\u00ab. Im Gegenteil, es erscheint mir seltsam, dass diese Situationen und Handlungen \u00bbmir\u00ab zugeschrieben werden k\u00f6nnen. Jean-Luc Nancy, ja, aber dieser Name ist reiner Zufall und willk\u00fcrlich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ich glaube, vor der \u00c4ra des \u00bbIndividuums\u00ab f\u00fchlte sich jeder und jede mehr in einem Zusammenhang befindlich, der ihn oder sie \u00fcberstieg \u2013 sei es die Ordnung der sozialen Gruppe oder der Triebe. Und in diesem Sinne geh\u00f6rte jede endliche Existenz zu einer Form der Unendlichkeit oder zumindest des Unbestimmten. Unsere Kultur hat sich tiefgreifend ver\u00e4ndert, als wir dachten, das Unendliche beherrschen zu k\u00f6nnen und es in ein exponentielles Wachstum der produzierten und konsumierten G\u00fcter, der Rechte der Subjektivit\u00e4ten und der Aneignung von Reichtum durch wenige verwandelt und damit eine immer gr\u00f6\u00dfere Zahl armer Menschen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wie hat sich die Unendlichkeit der Existenz in eine exponentielle Entwicklung von Technologie, Reichtum und Armut, b\u00fcrgerlichem Leben und Hungersnot oder Epidemie verwandelt? Es gibt keine Antwort, aber das ist es, was uns geschehen ist. Vielleicht ist die Menschheit zum Exzess verdammt, es w\u00e4re nicht \u00fcberraschend. Bis hin zum \u00dcberma\u00df an Autonomie, das die Zerst\u00f6rung des Selbst ist &#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">* im Original deutsch<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00dcbersetzung: Dirk Naguschewski<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Die Philosophin und Theaterwissenschaftlerin <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/tatari.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marita Tatari<\/a> ist seit Februar 2020 mit einem Feodor Lynen-Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung am ZfL zu Gast. <\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Jean-Luc Nancy ist einer der bekanntesten zeitgen\u00f6ssischen Philosophen Frankreichs. Stark beeinflusst von Martin Heidegger, Georges Bataille und Jacques Derrida, setzt er sich in seinen zahlreichen Schriften vor allem mit der deutschen Philosophie und Literatur auseinander.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Das Gespr\u00e4ch wurde im September 2020 per E-Mail auf Franz\u00f6sisch gef\u00fchrt.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00a0<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Paul Val\u00e9ry: \u00bbDie Krise des Geistes\u00ab, \u00fcbers. von Herbert Steiner und Frank R\u00fcmelin, in: <em>Paul Val\u00e9ry. Werke<\/em>, Bd. 7,<em> Zur Zeitgeschichte und Politik<\/em>, hg. v. J\u00fcrgen Schmidt-Radefeldt, Frankfurt a.\u00a0M.\/Leipzig 1995, S. 26-54, hier S. 26.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd., S. 31.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd., S. 32.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Jacques Derrida: <em>Vom Geist. Heidegger und die Frage<\/em>, \u00fcbers. v. Alexander Garc\u00eda D\u00fcttmann, Frankfurt a.\u00a0M. 1992, S. 132.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Arthur Rimbaud: <em>Mein traurig Herz voll Tabaksaft. Gedichte, franz\u00f6sisch und deutsch<\/em>, hg. v. Karlheinz Barck, \u00fcbers. v. Fritz Rudolf Fries, Leipzig 2003, S. 119.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Vom Geist der Epochenwende. Marita Tatari im Gespr\u00e4ch mit Jean-Luc Nancy, in: ZfL BLOG, 14.12.2020, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/12\/14\/vom-geist-der-epochenwende-marita-tatari-im-gespraech-mit-jean-luc-nancy\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/12\/14\/vom-geist-der-epochenwende-marita-tatari-im-gespraech-mit-jean-luc-nancy\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201214-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201214-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20201214-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2020\/12\/14\/vom-geist-der-epochenwende-marita-tatari-im-gespraech-mit-jean-luc-nancy\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"VOM GEIST DER EPOCHENWENDE. Marita Tatari im Gespr\u00e4ch mit Jean-Luc Nancy\",\n  \"author\": [\n    {\n      \"name\": \"Marita Tatari\",\n      \"givenName\": \"Marita\",\n      \"familyName\": \"Tatari\",\n      \"@type\": \"Person\",\n      \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0000-0001-6440-9719\"\n    },\n    {\n      \"name\": \"Jean-Luc Nancy\",\n      \"givenName\": \"Jean-Luc\",\n      \"familyName\": \"Nancy\",\n      \"@type\": \"Person\"\n    }\n  ],\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2020-12-14\",\n  \"datePublished\": 2020,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marita Tatari: Lieber Jean-Luc, du sprichst seit Jahren nicht nur von einer Epochenwende*, sondern von einer tiefgreifenden Transformation unserer westlich-globalen Zivilisation, sogar von einer Mutation, in ihren Ausma\u00dfen dem Ende der antiken Welt vergleichbar. Auf dem Spiel stehe bei dieser Mutation demnach ein Geist, ein neuer Geist.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[458],"tags":[481,459,480,478,476,477,479,419],"class_list":["post-1660","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jahresthema-epochenwenden","tag-anthropozaen","tag-epochenwenden","tag-geist","tag-jacques-derrida","tag-jean-luc-nancy","tag-martin-heidegger","tag-paul-valery","tag-politik"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1660"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3591,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1660\/revisions\/3591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}