{"id":1695,"date":"2021-01-29T13:07:53","date_gmt":"2021-01-29T11:07:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1695"},"modified":"2025-02-28T19:11:07","modified_gmt":"2025-02-28T17:11:07","slug":"eva-geulen-jeder-bekommt-seine-kindheit-ueber-den-kopf-gestuelpt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/01\/29\/eva-geulen-jeder-bekommt-seine-kindheit-ueber-den-kopf-gestuelpt\/","title":{"rendered":"Eva Geulen: \u00bbJEDER BEKOMMT SEINE KINDHEIT \u00dcBER DEN KOPF GEST\u00dcLPT &#8230;\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><em><span class=\"text\">Die Redaktion von \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.leibniz-magazin.de\/alle-artikel\/magazindetail\/newsdetails\/dieser-eine-satz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">leibniz<\/a>\u00ab hat f\u00fcr die Ausgabe ihres Magazins zum Thema \u00bbAnf\u00e4nge\u00ab (Heft 3, 2020) dreizehn Menschen aus der Leibniz-Gemeinschaft gebeten, ihre liebsten ersten S\u00e4tze kurz zu kommentieren. <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/geulen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eva Geulen<\/a>, Direktorin des ZfL, hat hierf\u00fcr einen Satz aus Heimito von Doderers Roman \u00bbEin Mord den jeder begeht\u00ab ausgew\u00e4hlt. Wir ver\u00f6ffentlichen auf unserem Blog die Langfassung ihres Textes.<\/span><\/em><\/span><!--more--><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Jeder bekommt seine Kindheit \u00fcber den Kopf gest\u00fclpt wie einen Eimer. Sp\u00e4ter erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kost\u00fcme wechseln wie er will.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Heimito von Doderer: <em>Ein Mord den jeder begeht<\/em> (1938)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dieser Romananfang klingt erst einmal trostlos: Die eigene Kindheit ist fremdbestimmt, und man wird sie nicht los. Unter dem Eimer steht man wie ein dauerhaft begossener Pudel. Immerhin schafft der Umstand, dass <span class=\"text\">\u00bb<\/span>jeder<span class=\"text\">\u00ab<\/span> so dasteht, eine gewisse Gemeinschaft, denn <span class=\"text\">\u00bb<\/span>an uns<span class=\"text\">\u00ab<\/span> rinnt es herunter. Unwillk\u00fcrlich f\u00e4llt einem jener andere ber\u00fchmte Eingangssatz von Tolstoijs <em>Anna Karenina<\/em> ein: <span class=\"text\">\u00bb<\/span>Alle gl\u00fccklichen Familien \u00e4hneln einander, jede ungl\u00fcckliche Familie ist auf ihre Weise ungl\u00fccklich<span class=\"text\">\u00ab<\/span>. Nur, dass von Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck bei Doderer gar nicht die Rede ist, weil sich erst sp\u00e4ter zeigt, was eigentlich im Eimer war. Gefallen hat mir immer die Verbuchst\u00e4blichung des Unent-rinn-baren im Bild der an uns herabrinnenden Fl\u00fcssigkeit. Es passt eigentlich nicht zu den alten Vorstellungen vom starren Schicksal und auch nicht zu den j\u00fcngeren von determinierenden Faktoren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Und wie passt es zu dem Titel des Romans, der so beginnt? In dem Mord, den jeder begeht, kann man auch ohne psychoanalytische Kenntnisse die \u00f6dipale Revolte erkennen, also den Versuch des Kindes, sich von der Vaterautorit\u00e4t zu befreien. Nach Freud ist der symbolische Vatermord eine wichtige Etappe in der Entwicklung. Er hat sich diese Geschichte freilich nicht ausgedacht, sondern fand sie in dem antiken Drama von Sophokles. K\u00f6nig \u00d6dipus macht sich im gleichnamigen St\u00fcck nach Hinweisen des Sehers Teiresias auf die Suche nach dem M\u00f6rder seines Vaters, um am Ende festzustellen, dass er ihn vor vielen Jahren selbst erschlagen und danach, ohne es zu wissen, seine eigene Mutter geheiratet hat. Das Drama ist vielleicht der \u00e4lteste Krimi, in dem der Detektiv und Richter sich als M\u00f6rder entpuppt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"> Diese Struktur hat auch Doderers Roman, dessen Held sich ebenfalls an die Aufkl\u00e4rung eines lange vergangenen Mordfalls macht. Dessen L\u00f6sung ist aber gerade nicht die Best\u00e4tigung, sondern die Widerlegung des ersten Satzes des Romans. Mehr soll nicht verraten werden, weil es das Lesevergn\u00fcgen ruinieren w\u00fcrde. Soviel darf man aber hinzuf\u00fcgen: Doderer zwingt seine Leser*innen, selbst detektivisch zu lesen, und das betrifft nicht nur die Frage \u203aWer war\u2019s?\u2039, sondern das dichte Verweisnetz dieses milieuges\u00e4ttigten, detailreichen und oft auch hinrei\u00dfend komischen Romans. Lose Enden gibt es bei diesem Erz\u00e4hler, der seine Romane auf riesigen Papierw\u00e4nden im Detail durchkonstruierte, nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em><span class=\"text\">Die Literaturwissenschaftlerin\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/geulen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eva Geulen<\/a> ist die Direktorin des ZfL.\u00a0<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: \u00bbJeder bekommt seine Kindheit \u00fcber den Kopf gest\u00fclpt \u2026\u00ab, in: ZfL BLOG, 29.1.2021, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/01\/29\/eva-geulen-jeder-bekommt-seine-kindheit-ueber-den-kopf-gestuelpt\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/01\/29\/eva-geulen-jeder-bekommt-seine-kindheit-ueber-den-kopf-gestuelpt\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210129-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210129-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210129-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/01\/29\/eva-geulen-jeder-bekommt-seine-kindheit-ueber-den-kopf-gestuelpt\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"\u00bbJEDER BEKOMMT SEINE KINDHEIT \u00dcBER DEN KOPF GEST\u00dcLPT \u2026\u00ab\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Geulen\",\n    \"givenName\": \"Eva\",\n    \"familyName\": \"Geulen\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-3700-1661\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2021-01-29\",\n  \"datePublished\": 2021,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Redaktion von \u00bbleibniz\u00ab hat f\u00fcr die Ausgabe ihres Magazins zum Thema \u00bbAnf\u00e4nge\u00ab (Heft 3, 2020) dreizehn Menschen aus der Leibniz-Gemeinschaft gebeten, ihre liebsten ersten S\u00e4tze kurz zu kommentieren. 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