{"id":1734,"date":"2021-03-10T11:28:45","date_gmt":"2021-03-10T09:28:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1734"},"modified":"2025-02-28T19:04:22","modified_gmt":"2025-02-28T17:04:22","slug":"georg-dickmann-zu-zweit-schreiben-ist-ein-witz-ein-gewolltes-missverstaendnis-zu-armen-avanessians-und-anke-hennigs-kollaborativer-poetik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/03\/10\/georg-dickmann-zu-zweit-schreiben-ist-ein-witz-ein-gewolltes-missverstaendnis-zu-armen-avanessians-und-anke-hennigs-kollaborativer-poetik\/","title":{"rendered":"Georg Dickmann:\u00a0\u00bbZu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Miss&shy;verst\u00e4ndnis\u00ab. ZU ARMEN AVA&shy;NESSIANS UND ANKE HENNIGS KOLLABORATIVER POETIK"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbSchreiben im Werden\u00ab, wie es Gilles Deleuze im Dialog mit Claire Parnet definiert hat, ist eine Form radikaler Entgrenzung und \u00d6ffnung auf ein neues Schreiben hin, das sich gegen die Einschr\u00e4nkungen linearer Narrative und eines mit sich selbst identischen Schriftsteller*innenbegriffs richtet.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Wie wir wissen, haben Deleuze &amp; Guattari lange Jahre versucht, dieses gemeinsame Schreiben im Werden zu praktizieren. Das gro\u00dfe Versprechen eines solchen Schreibens zu zweit lag darin, ein flexibles, nomadisches Subjekt hervortreten lassen, das nicht an Gattungs- und Genregrenzen gebunden ist. Die Hoffnungen, damit ein neues Schreiben zu verwirklichen, haben sich jedoch nicht erf\u00fcllt, da das Werden und die Vielstimmigkeit in den gemeinsam geschriebenen B\u00fcchern letztlich hinter einem souver\u00e4nen und mit sich selbst identischen Autorensubjekt verschwanden. Insbesondere die postmodernen Erwartungen an subversive Praktiken wie Wandlungsf\u00e4higkeit und Flexibilit\u00e4t sind heute von der neoliberalen Maschine verstanden und absorbiert worden. An den Universit\u00e4ten sind Kreativit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t schon l\u00e4ngst zu gefragten Soft Skills avanciert.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Diesen Umst\u00e4nden versuchen der Philosoph Armen Avanessian und die Literaturwissenschaftlerin Anke Hennig in der gemeinsam geschriebenen Doppelpublikation <em>ONE\u00a0+\u00a0ONE<\/em> und <em>I\u00a0\u2013\u00a0I<\/em>, die 2019 beim Berliner Merve Verlag erschienen ist, Rechnung zu tragen. Die beiden B\u00fccher bilden den Abschluss ihrer Arbeit am Spekulativen, die 2012 an der FU Berlin begonnen wurde und ma\u00dfgeblich zum Import des spekulativen Realismus in Deutschland beitrug. <em>ONE\u00a0+\u00a0ONE<\/em> besteht einerseits aus sprachphilosophischen Untersuchungen zu Kathy Acker, Chris Kraus, Quentin Meillassoux u.a., und andererseits aus kulturtheoretischen Auseinandersetzungen mit Technologie, \u00d6konomie und Geopoetik. Das parallel entstandene <em>I\u00a0\u2013\u00a0I<\/em> entfaltet anhand einiger SciFi-Szenarien (von John Carpenters <em>The Thing <\/em>bis Denis Villeneuves <em>Arrival<\/em>) die zentralen Theoreme bei \u00c9tienne Balibar, Donna Haraway und Luciana Parisi. Hennig und Avanessian diskutieren diese Positionen insbesondere vor dem Hintergrund zeitgen\u00f6ssischer Ph\u00e4nomene wie Brexit, neuer Reproduktionstechnologien und Xeno-Architektur. Das Spannende an den B\u00fcchern ist jedoch nicht ihre kultur-, literatur- und sprachtheoretische Besch\u00e4ftigung mit der Gegenwart, sondern die textperformative Ebene, auf der die Autor*innen unentwegt den Prozess des \u00bbZu-zweit-Schreibens\u00ab mitthematisieren, um so dem Kreativit\u00e4tsdispositiv und dem solipsistischen Schreiben an der Universit\u00e4t eine \u203aechte\u2039 kooperative Schreibweise entgegenzusetzen:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbEs bedarf in der Tat keines universalen oder neutralen Subjekts, um eine Ethik oder Politik zu entwickeln. Wessen es auf dem Weg \u00fcber ein einzelnes egoistisches und solipsistisches Selbst hinaus bedarf, ist lediglich die Begegnung mit einem Anderen.\u00ab (<em>I \u2013 I<\/em>, S. 62)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ihr Vorhaben amalgamiert auf diese Weise Theorie, Biographie und Fiktion, wobei das kooperative Schreiben nicht nur als Beiwerk f\u00fcr den Transport der Inhalte fungiert, sondern auch zu einem stilistisch-performativen Leitprinzip wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die beiden B\u00fccher stellen einen experimentellen Versuch dar, sich aus Sicht der \u00bbspekulativen Poetik\u00ab Fragestellungen zu Feminismus, Big Data, Kontrolle und Algorithmen in Form eines gro\u00dfangelegten Begriffsglossars der Gegenwart zu widmen. Spekulative Poetik bedeutet so viel wie \u00bbsch\u00f6pferisches Handeln\u00ab und unterscheidet sich nach Hennig und Avanessian von Formen reflexiver Kritik der \u00bb(an)\u00e4sthetisierten Uni-Boh\u00e8me\u00ab (<em>ONE\u00a0+\u00a0ONE<\/em>, S. 29). Der Begriff der Poetik wird nicht deskriptiv als Lehre der Dichtkunst verstanden, sondern als Kampfbegriff gegen die \u00c4sthetik in Stellung gebracht. \u00c4sthetik wird wiederum als Erfahrung und Wahrnehmung begriffen und im gleichen Zuge kritisiert, dass es in der Gegenwart ein \u00e4sthetisches Regime gebe, das die Welt immer nur vom wahrnehmenden Subjekt aus zu denken vermag und damit die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt allein vom Subjekt aus trifft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die spekulative Poetik ist der Versuch, das passive Subjekt und den subjektzentrischen Ansatz mittels einer herstellenden, tricksterartigen Praxis aufzubrechen, die die eigene Position, aber auch die Position der*des Anderen immer wieder auf die Probe stellt, sie neu austariert, Abk\u00fcrzungen oder auch Umwege nimmt, um zu neuen Perspektiven zu gelangen. Methodisch lie\u00dfe sich die Programmatik der spekulativen Poetik in aller K\u00fcrze am besten als eine Hybridisierung unterschiedlicher Wissensformen und Disziplinen beschreiben. In der Programmatik der spekulativen Poetik hei\u00dft es dazu: \u00bb<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20180224155742\/http:\/\/www.spekulative-poetik.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Philosophie denkt Literatur, Literatur macht Theorie und die Sprache ist selbst eine Form des Wissens<\/a>\u00ab.\u00a0Wenn also die Literatur anf\u00e4ngt zu argumentieren und sich literarische Formen in der Philosophie einnisten, dann treten neue und unerwartete Wissensformen zu Tage, die sich weder der Literatur noch der Philosophie zurechnen lassen. Diese Interferenz birgt ein Potential, das die spekulative Poetik freizulegen versucht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">So sind die beiden B\u00fccher von Avanessian und Hennig nicht nur ein theoretisches Unterfangen, sondern selbst eine Theoriefiktion, die textperformativ zeigt, wie das Vertauschen der Karten der spekulativen Poetik in der Praxis immer schon funktioniert hat. Daf\u00fcr entwickelt das Autorenduo die Praxis eines Miteinander-gegeneinander-Schreibens, das Denken und Sein zu vermitteln versucht, ohne das eine im anderen aufgehen zu lassen oder in die Symbiose eines friedlichen Dialogs zu verfallen. Es ist ein konflikthaftes Schreiben, das das gegenseitige Missverstehen zum Ausgangspunkt des Denkens nimmt:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbEndlich schreiben wir wieder gemeinsam an einem Buch, sagst du. Aber nat\u00fcrlich wissen wir wieder einmal nicht, was dieses Gemeinsame ist oder wie es funktionieren soll. Die alte und von dir oft von Roberto Esposito zitierte Geschichte der munus-communitas \u2013 eines Zusammenschreibens im Wissen um eine fundamentale Differenz, ein Fehlen, eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Distanz \u2013 kommt mir in den Sinn.\u00ab (<em>ONE\u00a0+\u00a0ONE<\/em>, S. 45)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Avanessian und Hennig versuchen diese Distanz produktiv zu machen, sie auszustellen und sich in ein Gespr\u00e4ch begeben, das es erlaubt, trotz Missverst\u00e4ndnissen weiterzumachen. Bei allen Differenzen teilen sie die Grundannahme, dass der universit\u00e4re Individualismus nicht die fruchtbarste Form von Schreibpraxis ist. An der universit\u00e4ren Schreibpraxis kritisieren sie, dass sich diese in selbstreflexive Schleifen verirrt und ein Anderes nicht zulassen kann. Man begegnet dem Anderen im akademischen Diskurs nur durch seine Objektivierung. Der oder die Andere bleibt so \u00e4sthetisch auf Distanz und bekommt im Text nie das Wort.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die beiden werden von der Frage umgetrieben, wie es erstens wieder m\u00f6glich werden kann, die*den Andere*n in den Schreibprozess so einzubringen, dass sie*er nicht sofort vom Selben assimiliert wird, und wie zweitens tats\u00e4chliche Verschiebungen und Ver\u00e4nderungen im Denken ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Daf\u00fcr braucht es ein experimentelles Textsetting: Die B\u00fccher wechseln zwischen der Du-, der Ich- und einer Wir-Form, die weder verallgemeinerbar noch akademisch ist. Dieses \u00bbWir\u00ab stellt nicht zwei Personen im Text dar, die einander abwechselnd zu Wort kommen lassen, sondern bezeichnet eine Begriffsperson oder auch einen konfliktbeladenen Ort, an dem sich die Sprecher*inneninstanzen erst in einem denkenden Schreiben zusammensetzen und auch wieder zerfallen. Der Text organisiert sich auf diese Weise durch ein gegenseitig adressierendes \u00bbDu wei\u00dft es\u00ab:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bb\u203aDU WEISST ES!\u2039 ist der erste Satz, auf den wir zur\u00fcckkommen. Der einzige, den wir je gemeinsam und gleichzeitig ausgesprochen haben, obwohl wir kaum dasselbe damit gemeint haben werden.\u00ab (<em>ONE + ONE<\/em>, S. 44)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbDu wei\u00dft es!\u00ab fungiert einerseits als Operator bzw. als neuralgischer Punkt im Navigationssystem des Textes. Andererseits ist diese aggressive Anrufung des eigenen Superegos dazu gedacht, die Position der*des Anderen herauszufordern und ihn*sie dazu zu motivieren, das jeweils gegenseitige Denken noch mal zu pr\u00fcfen. Unhintergehbare Pr\u00e4misse des \u00bbDu wei\u00dft es!\u00ab ist, dass man bei sich allein immer falsch liegt. Die Form des Schreibens, das Hennig und Avanessian exerzieren, ist somit weit entfernt von einem Dialog. Es bildet ein asymmetrisches Gef\u00fcge, in dem beide Stimmen zugleich anwesend sind, sich st\u00e4ndig unterbrechen, monologisieren und sich auch widersprechen k\u00f6nnen. Passagenweise wei\u00df der*die Leser*in dadurch nicht, wer gerade spricht \u2013 stellenweise frustrierend, dennoch positiv herausfordernd, wenn man das Theorie-Design verstanden hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Durch die Mehrstimmigkeit und die Subversion eines im Zentrum der Deixis sitzenden und mit sich selbst identischen Sprecher*innensubjekts wird das Zu-zweit-Schreiben zu einem spekulativen Unterfangen insofern, als es in beiden Positionen im Text eine Verschiebung hervorruft. Die Selbstvertiefung einer \u00e4sthetischen Erfahrung, die nach Avanessian und Hennig immer nur sich selbst vor Augen hat, \u00f6ffnet sich durch das Miteinander-gegeneinander-Schreiben so dem Anderen. Und tats\u00e4chlich erm\u00f6glicht ein solches Schreiben, dass Theorie und Lebenspraxis einen Raum miteinander teilen k\u00f6nnen. Die Wendung \u00bbDu wei\u00dft es!\u00ab und die damit verbundenen Verschiebungen der Sprecher*innenposition lassen eine Schreibweise hervortreten, die die bekannten Gattungen und Genres \u00fcberschreitet. Dagegen verblassen die \u203ainhaltlichen\u2039 Gegenwartsanalysen ein wenig und wollen sich nicht recht in das textperformative Setting einf\u00fcgen. Inhalt und Form, Theorie und Praxis gleiten deswegen doch stellenweise auseinander. Nichtsdestotrotz erweitern die B\u00fccher von Avanessian und Hennig das Feld der Theoriefiktionen auf bemerkenswerte Weise und entwickeln eine \u00e4sthetische Praxis der Theorie, die Literaturtheoretiker*innen sich unbedingt anschauen sollten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Georg Dickmann ist Mitarbeiter im ZfL-Schwerpunktprojekt \u00bbStil. Geschichte und Gegenwart\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Gilles Deleuze \/ Claire Parnet: <em>Dialoge<\/em>, Frankfurt a.M. 1980, S. 81.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Georg Dickmann: \u00bbZu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Miss\u00adverst\u00e4ndnis\u00ab. Zu Armen Avanessians und Anke Hennigs kollaborativer Poetik, in: ZfL BLOG, 10.3.2021, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/03\/10\/georg-dickmann-zu-zweit-schreiben-ist-ein-witz-ein-gewolltes-missverstaendnis-zu-armen-avanessians-und-anke-hennigs-kollaborativer-poetik\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/03\/10\/georg-dickmann-zu-zweit-schreiben-ist-ein-witz-ein-gewolltes-missverstaendnis-zu-armen-avanessians-und-anke-hennigs-kollaborativer-poetik\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210310-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210310-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210310-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/03\/10\/georg-dickmann-zu-zweit-schreiben-ist-ein-witz-ein-gewolltes-missverstaendnis-zu-armen-avanessians-und-anke-hennigs-kollaborativer-poetik\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"\u00bbZu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Miss\u00adverst\u00e4ndnis\u00ab. 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