{"id":1752,"date":"2021-03-26T14:53:46","date_gmt":"2021-03-26T12:53:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1752"},"modified":"2025-02-28T19:02:49","modified_gmt":"2025-02-28T17:02:49","slug":"claude-haas-was-ist-stil-und-wie-sagt-man-es-am-besten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/03\/26\/claude-haas-was-ist-stil-und-wie-sagt-man-es-am-besten\/","title":{"rendered":"Claude Haas: WAS IST STIL UND WIE SAGT MAN ES AM BESTEN?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Zu den gr\u00f6\u00dften Zumutungen, die uns das 18. Jahrhundert vererbt hat, geh\u00f6rt eine streng individualistische Vorstellung des literarischen Stils. Stil soll keinem erlernbaren Regelwerk entstammen, sondern den Aus- wie Abdruck einer einzigartigen schreibenden Person bilden. In den letzten Jahrzehnten hatte die Literaturwissenschaft diese Provokation in immer neuen Anl\u00e4ufen zur\u00fcckzuweisen oder wenigstens in Schach zu halten versucht. Mit einer an Roland Barthes oder an Michel Foucault angelehnten Verabschiedung des \u203aAutors\u2039 (wie schreibende Personen seinerzeit noch genannt wurden), schien sich auch die Frage nach dem literarischen Stil weitgehend erledigt zu haben. Stil und Autorschaft galten vielen als kulturelle Mystifikation. Nun wurde in der Literaturwissenschaft der letzten Jahre eine \u00bbWiederkehr\u00ab nach der anderen ausgerufen, und da d\u00fcrfen nat\u00fcrlich auch Stil und Autor nicht fehlen.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1753 alignright\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Maar-Cover-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Maar-Cover-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Maar-Cover-666x1024.jpg 666w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Maar-Cover-768x1180.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Maar-Cover-999x1536.jpg 999w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Maar-Cover-1333x2048.jpg 1333w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Maar-Cover-1200x1844.jpg 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Maar-Cover.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 85vw, 195px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Hatte der Romanist Hans-Martin Gauger Stil 1995 noch als \u00bb\u00e4rgerliche[n] Begriff\u00ab bezeichnet, der \u00bbweder in der Sprachwissenschaft noch in der Literaturwissenschaft ho<\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">ch angesehen\u00ab<\/span><a style=\"font-family: helvetica;\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><span style=\"font-family: helvetica;\"> sei, so erlebt der Stil derzeit eine neue Konjunktur bis in die Essayistik und das Feuilleton hinein. Dies zeigt allein das umfangreiche und viel beachtete Buch Michael Maars, das sich \u00fcber weite Strecken in Stiluntersuchungen deutschsprachiger Autor*innen ergeht (Michael Maar: <\/span><em style=\"font-family: helvetica;\">Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis gro\u00dfer Literatur<\/em><span style=\"font-family: helvetica;\">, Hamburg: Rowohlt, 2020). W\u00e4hrend Maar den Bonvivant gibt, der anhand stilistischer Eigenschaften opulente <\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">und kennerische Werturteile \u00fcber die moderne Literatur f\u00e4llt, hat sich in der Literaturwissenschaft mit der sogenannten Stilometrie demgegen\u00fcber eine prosperierende Forschungsrichtung etabliert, die als korpusbasiertes quantitatives Verfahren zu den asketischsten geisteswissenschaftlichen Spielarten \u00fcberhaupt z\u00e4hlen d\u00fcrfte. Die stilistischen Usancen, die Maar und die Stilometrie ihrerseits an den Tag legen, wenn sie \u00fcber Stil schreiben, verraten neben ungenannten Animosit\u00e4ten dabei auch manch geheime Komplizenschaft.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">Autorschaft nach der Stilometrie<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Beinahe hat es den Anschein, als sei die Stilometrie nur erfunden worden, damit der Tod und die Glorifizierung des Autors endlich vereint oder vers\u00f6hnt werden k\u00f6nnen. Die Stilometrie entdeckt den Autor als eine Art personifizierte Entzugserscheinung. Fotis Jannidis, einer ihrer f\u00fchrenden Vertreter im Bereich der Germanistik, h\u00e4lt pr\u00e4gnant fest:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbAuf der Ebene der Stilometrie als einer textanalytischen Wissenschaft scheint es keine M\u00f6glichkeit zu geben, einen integralen Begriff von Autorstil im untersuchten Material nachzuvollziehen. Die Merkmale sind eher Indikatoren von etwas, aber es stellt sich die Frage, ob dieses Etwas auf der Ebene des Textes wirklich eine Einheit hat oder ob diese Einheit nicht auf der Ebene der Produktion existiert und dann wieder auf der Ebene der Rezeption hergestellt wird.\u00ab<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Sofern \u00bbdieses Etwas\u00ab auf der Produktionsseite zu veranschlagen ist, spricht Jannidis von \u00bbPr\u00e4ferenzdispositionen\u00ab, deren \u00bbGenese und Beschaffenheit\u00ab jedoch \u00bbvon anderen Wissenschaften\u00ab analysiert werden m\u00fcssten. Er meint wahrscheinlich die Hirnforschung, in Frage k\u00e4me aber sicher auch die Theologie. Und einer stilometrischen Erfassung des Autorstils auf der Ebene der Rezeption steht Jannidis ebenfalls reserviert gegen\u00fcber:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbVergleichbares gilt f\u00fcr die Rezeption von Texten und die menschliche F\u00e4higkeit, zahlreiche Merkmale zu einer \u203aStimme\u2039 zu synthetisieren. Auch dies liegt au\u00dferhalb der Reichweite der Verfahren der Stilometrie \u2013 und vielleicht auch der Stilistik.\u00ab (192)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In derartigen Zur\u00fcckhaltungen und Begrenzungsversuchen der eigenen Disziplin liegt zweifelsohne eine gro\u00dfe Redlichkeit. Wie oft in solchen F\u00e4llen, droht diese aber leicht, allem Geraune und allem Numinosen T\u00fcr und Tor zu \u00f6ffnen. Der Nachweis ihrer Unmessbarkeit l\u00e4sst die Autorschaft einmal mehr als ein schlechthin Inkommensurables erstrahlen. Dar\u00fcber kann auch das betont frugale szientistische Vokabular nicht hinwegt\u00e4uschen. Wenn selbst noch zu \u00bbPr\u00e4ferenzdispositionen\u00ab abgemagerte Schreibtechniken sich dem methodischen Zugriff entziehen, wirkt dies um einiges unheimlicher, als es bei der guten alten Fantasie oder Einbildungskraft der Fall war. Und auch ein wissenschaftlich nicht n\u00e4her konturierbares \u00bbEtwas\u00ab kippt in seinem Minimalismus schnell ins Auratische.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Ungreifbarkeit des literarischen Autorstils beglaubigt die Stilometrie ihrerseits durch einen Stil, der den Verdacht jeder literarischen Neigung im Keim zu ersticken sucht. Wenn sich die Annahme eines Autorstils \u00bbf\u00fcr einen auf intersubjektiv verbindliche Argumentation zielenden Forschungsdiskurs\u00ab nicht \u00bboperationalisieren\u00ab l\u00e4sst (190), muss das selbstverst\u00e4ndlich genau so gesagt werden. Freilich h\u00e4lt sich die Stilometrie auf diese Art an der Literatur selbst schadlos, denn eine tiefe Symbiose zwischen Ausdruck und Gedanke oder Inhalt geh\u00f6rte schlie\u00dflich von alters her zu deren wichtigsten Anliegen. Dort, wo sie sich von ihm abzukehren scheint, gibt die Stilometrie eine gro\u00dfe Ehrfurcht vor dem literarischen Stil zu erkennen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Hierzu passt, dass Jannidis in einem ersten Schritt ein geradezu bombastisches Konzept von Autorstil ins Spiel bringt, um es in einem zweiten Schritt aus seinem eigenen wissenschaftlichen Verfahren heraus zu definieren:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbIn der deutschsprachigen Linguistik und Literaturwissenschaft wird der holistische Charakter von Stil, beziehungsweise die Annahme, dass Stil Gestaltqualit\u00e4t habe, also mehr sei als die Summe seiner Teile, immer wieder hervorgehoben, auch wenn sich dabei das ungel\u00f6ste methodische Problem ergibt, wie dieses emergente Ph\u00e4nomen dann aus der Analyse von einzelnen Merkmalen ermittelt werden soll.\u00ab (190)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">Von Spitzer lernen<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das trifft durchaus zu. Jedoch k\u00f6nnen sich methodische Probleme gelegentlich als ausgesprochener Gl\u00fccksfall herausstellen. Das gilt selbst f\u00fcr die deutschsprachige Linguistik und Literaturwissenschaft. Wirft man einen Blick etwa auf das Werk des Romanisten Leo Spitzer, der sich zeit seines Lebens mit Stiluntersuchungen literarischer Texte besch\u00e4ftigt hat, springt zweierlei ins Auge. Tats\u00e4chlich war Spitzer v.a. in seinen Anf\u00e4ngen stets auf der Suche nach dem \u00bbTotalbild eines Stils\u00ab oder gar der \u00bbGestalt\u00ab eines bestimmten Autors.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Lesenswert bleiben erstaunlich viele seiner unz\u00e4hligen Aufs\u00e4tze bis heute jedoch insbesondere dort, wo sie derartige Ganzheiten gerade verfehlen und sich mit stilistischen Mikroanalysen bescheiden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Holistische Interessen mochten Spitzers Arbeiten in Gang setzen, aber sie bildeten nicht deren Ergebnis. Spitzer endete stets zuverl\u00e4ssig bei den Teilen, nicht beim Ganzen. Zutage f\u00f6rderte er keine \u203aGestalt\u2039, sondern unterschiedliche Text- oder Autorschaftsstrategien, die er in der Regel aus grammatischen Detailbeobachtungen gewann. Wom\u00f6glich ist der Autorstil also gar kein Ph\u00e4nomen, das seine Teile transzendiert, sondern eines, das die Leser*innen literarischer Texte stets aufs Neue geduldig zusammentragen m\u00fcssen. Und mehr oder anderes als Bruchst\u00fccke l\u00e4sst sich dabei offenbar nicht ausmachen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Frage, ob der \u00bbAutorstil\u00ab eine \u00bbEinheit\u00ab <em>unabh\u00e4ngig <\/em>von jeder Lekt\u00fcre oder Interpretation besitzen k\u00f6nne \u2013 und das ist ja Jannidis\u2019 eigentlicher Punkt \u2013, bleibt aufgrund ihrer latent posthumanistischen Implikationen zwar suggestiv. Da ein durchmathematisierter Goethe oder eine Kafka-Formel indes gar nicht zu erwarten stehen, d\u00fcrfte es der stilometrischen <em>Praxis<\/em> unter umgekehrten Vorzeichen \u00e4hnlich ergehen wie einst Leo Spitzer. Idealerweise wird die Stilometrie bei ihren quantitativen Analysen auf stilistische Gepflogenheiten und vielleicht sogar Eigent\u00fcmlichkeiten sto\u00dfen, die unser Verst\u00e4ndnis (auch) bestimmter Autor*innen stark pr\u00e4gen. Ob diese auf die Existenz oder umgekehrt auf die Absenz eines ganzheitlichen oder einheitlichen Autorstils bezogen werden, ist wahrscheinlich einerlei.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Spitzer war \u00fcbrigens versiert genug, seinen eigenen Stil immer nur tentativ auf die jeweiligen Gegenst\u00e4nde hin abzustimmen und es mit der eigenen wissenschaftlichen Sprache nicht zu genau zu nehmen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">Stil bei Michael Maar und Michael Maars Stil<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Literaturwissenschaft sollte am Autorstil als einer heuristischen und forschungsw\u00fcrdigen Kategorie festhalten. Sonst muss sie wom\u00f6glich zusehen, wie er anderenorts zum gro\u00dfen Geheimnis aufgeblasen wird. Letzteres birgt nicht nur die Gefahr der wissenschaftlichen An\u00e4mie oder umgekehrt der Kryptopathetik, sondern auch die vielleicht noch gr\u00f6\u00dfere des Geschm\u00e4cklerischen. Hierf\u00fcr ist die eingangs erw\u00e4hnte Studie von Michael Maar zumindest teilweise symptomatisch.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>\u00a0 \u00bbDas Geheimnis gro\u00dfer Literatur\u00ab lautet ihr Untertitel, und mit dem Titel selbst macht Maar gewisserma\u00dfen bereits die Probe aufs Exempel. Die Metapher \u00bbDie Schlange im Wolfspelz\u00ab ist zun\u00e4chst so schief wie erratisch<em>. <\/em>Maars Thema ist der Autorstil. \u00bbWas ist Stil?\u00ab hei\u00dft sein erstes Kapitel, und im Hauptteil des Buches schreitet Maar seine Bibliothek ab und erl\u00e4utert anhand ausgew\u00e4hlter Passagen die stilistische Brillanz, in einigen F\u00e4llen aber auch die stilistische Unbeholfenheit verschiedener Autor*innen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auf Gegenstandsebene sind seine \u00bbPr\u00e4ferenzdispositionen\u00ab dabei oft originell und faszinierend. Neben im Kanon gut situierte Autoren wie Gottfried Keller, Thomas Mann oder Kafka treten beinahe unbekannte Gr\u00f6\u00dfen wie Alexander Lernet-Holenia oder Regina Ullmann. \u00dcberhaupt versteht sich Maar darauf, den Blick ohne jeden moralischen Aufwand auf das Werk bemerkenswert vieler Autor<em>innen <\/em>zu lenken: von Rahel Varnhagen \u00fcber Marie von Ebner-Eschenbach bis hin zu Christine Lavant und zeitgen\u00f6ssischen Lyrikerinnen wie Ann Cotten oder Monika Rinck. Die Unterscheidung zwischen E- und U-Literatur hebt er zwar nicht so vollst\u00e4ndig aus den Angeln, wie er vorgibt (vgl. S. 393), aber die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung seines Buches bildet zweifellos eine Stilanalyse der Memoiren Hildegard Knefs.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ins Prophetische oder Sektiererische rutscht Maar nicht ab. Zum Schluss seines Buches gesteht er ein, dass er \u00bbdas Geheimnis der gro\u00dfen Literatur\u00ab <em>nicht <\/em>\u00bbenth\u00fcllt\u00ab habe:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbWenn es sich enth\u00fcllen lie\u00dfe, w\u00e4re es kein Geheimnis mehr. Vielleicht haben wir durch Beispiele guten Stils die Empfindlichkeit gegen schlechten erh\u00f6ht? Das w\u00e4re immerhin schon etwas.\u00ab (543)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wohl wahr, doch wirft dies unmittelbar die Frage nach den Adressat*innen seines Buches auf. Angehende oder etablierte Autor*innen kann Maar offensichtlich nicht schulen wollen, denn an der \u00dcberzeugung, dass Stil ein unhintergehbarer Individualit\u00e4tsmarker sei, h\u00e4lt er apodiktisch fest: \u00bbJeder Stilist\u00ab sei \u00bbeinzigartig\u00ab (169), ein \u00bbeinzigartiger Stilist\u00ab gar ein \u00bbPleonasmus\u00ab (319). F\u00fcr Autor*innen sei Stil denn auch nicht erlernbar, Stil d\u00fcrfe nie \u00bbgek\u00fcnstelt oder ausgedacht\u00ab scheinen (161). Die stilistisch wertvollsten Wendungen werden \u00bbgefunden, nicht gesucht\u00ab (108). Ein Wort wie \u00bbPr\u00e4ferenzdispositionen\u00ab w\u00fcrde Maar nicht \u00fcber die Lippen kommen, nicht nur aus stilistischen Gr\u00fcnden. Alles Vors\u00e4tzliche oder Handwerkliche bleibt ihm ebenso suspekt wie ein Stil, der auf kalkulierbare Wirkungen hin angelegt ist. \u00dcber den von ihm selbst hochgesch\u00e4tzten Joseph Roth etwa schreibt er:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbEs ist kein Zufall, da\u00df man dieses rhythmische Klappern im <em>Radetzkymarsch <\/em>nur auf den ersten Seiten h\u00f6rt \u2013 da sitzt der Autor noch im feierlichen Rock und will es mit frisch beschnittener Feder ganz besonders recht machen. Sp\u00e4ter im Kaffeehaus legt er den Rock ab und schreibt, wie es ihm zuflie\u00dft, und siehe, es ist besser.\u00ab (98)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diese Passage vermittelt einen guten Einblick in Maars eigenen Stil. Dass er das ganze Buch hindurch insbesondere Stefan Zweig in die Rolle des stilistisch Anr\u00fcchigen dr\u00e4ngt, ist so schl\u00fcssig wie billig und d\u00fcrfte seinen eigentlichen Grund in der Witterung einer ungewollten Bruderschaft haben. Auch deshalb ist Maars eigener Stil genauso aufschlussreich wie seine Stiluntersuchungen. Die Regeln, die er aus seinen teils sehr sensiblen Analysen einzelner Autor*innen ableitet, bricht er selbst am laufenden Band. Dazu nur drei Beispiele:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">1.) \u00dcber Metaphern schreibt Maar: \u00bbMetaphern sind riskant, aber wenn sie sparsam eingesetzt werden, sehr wirkungsvoll\u00ab (107). Maars Buch starrt vor Metaphern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">2.) Zu seinen sch\u00f6nsten Kapiteln geh\u00f6rt eines \u00fcber die \u00bbStils\u00fcnde Variation\u00ab: \u00bbDer Wunsch, die Wiederholung zu vermeiden, ist fast immer schlimmer als die Wiederholung selbst\u00ab (128). Einer daraus folgenden \u00bbSynonymsucht\u00ab verf\u00e4llt Maar selbst, t\u00fcckischerweise sogar bei Eigennamen. Da hei\u00dft H\u00f6lderlin dann \u00bbder N\u00fcrtinger\u00ab (200). Oder der Nobelpreis die \u00bbStockholmer Ehrung\u00ab (162).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">3.) Maar w\u00e4gt differenziert eine bekannte Stilregel Paul Val\u00e9rys ab: \u00bbZwischen zwei W\u00f6rtern w\u00e4hle man das geringere: <em>Entre deux mots il faut choisir le moindre.<\/em>\u00ab Maar h\u00e4lt die Regel nicht immer f\u00fcr \u00bbg\u00fcltig\u00ab, aber f\u00fcr \u00bbgut\u00ab: \u00bbSchlecht ist die Mittellage: das vom Gew\u00f6hnlichen abweichende Wort, das nur aufh\u00fcbschen oder distinguieren soll, es aber auch nicht besser trifft.\u00ab Dies wiederum gelte insbesondere f\u00fcr \u00bbFremdw\u00f6rter\u00ab (61). Vor allem um Gallizismen ist Maar indes kaum je verlegen, wie bereits das \u00bbdistinguieren\u00ab in der die Fremdw\u00f6rter verwerfenden Passage zeigt. So \u00bbfourniert\u00ab Adorno die Musikpassagen in Manns <em>Doktor Faustus<\/em> (30), Kleists Sosias \u00bbregaliert\u00ab sich \u00bbmit Schinken und Wein\u00ab (139) etc.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Anders als der in seinen eigenen Augen gute literarische Stil wirkt der von Maar jedenfalls permanent \u00bbgesucht\u00ab und in den seltensten F\u00e4llen \u00bbgefunden\u00ab. Das muss man ihm nicht vorwerfen, schlie\u00dflich hat Maar gar nicht die Ambition, selbst Literatur zu verfassen. Da er den literarischen Stil im \u00bbGeheimnis\u00ab und nicht etwa in der Arbeit verortet, setzt er seine Studie damit gleichwohl einer massiven Spannung aus. W\u00fcrde er das in und von der Literatur (vermeintlich) Gefundene als stilistischen Effekt eines Gesuchten begreifen, w\u00e4re er seinem Gegenstand jedenfalls ein gutes St\u00fcck n\u00e4her gekommen. Und die gro\u00dfen stilistischen Fundamentalisten der Literaturgeschichte, allen voran Flaubert, w\u00e4ren niemals auf die Idee gekommen, den Stil der Intuition zu \u00fcberantworten, auch wenn alles penibel und qualvoll \u203aGesuchte\u2039 als solches nicht aufscheinen durfte. Wirken sollte ihre Literatur irgendwie \u203anormal\u2039, obwohl sie dies in keiner Weise war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Und m\u00f6glicherweise liegt hier die eigentliche Krux, auf die Maars Buch zwar unfreiwillig, aber nachhaltig aufmerksam macht. Die von ihm aufgewandte stilistische Energie mag zwar in eklatantem Widerspruch zu den Erwartungen stehen, die er selbst an die Literatur herantr\u00e4gt. Aber er kann darauf vertrauen, dass sein eigener Stil und der Autorstil einen gemeinsamen Gegner kennen \u2013 und dieser ist wesentlich ungreifbarer als der Autorstil selbst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Gemeint ist die sogenannte Norm, von der der literarische Stil sich absetzt und die die Singularit\u00e4t der Autorschaft oft \u00fcberhaupt erst fundiert, die sich genau besehen aber als ein entschieden schwammigeres \u00bbEtwas\u00ab herausstellt als alle Kategorien, die f\u00fcr Autorschaft oder Individualstil jemals veranschlagt worden sind. Die Norm oder der \u203anormale\u2039 Sprachgebrauch sind schwerer zu fassen als jedes \u00bbGeheimnis\u00ab und jede \u00bbPr\u00e4ferenzdisposition\u00ab, und doch bleibt ihre Existenz f\u00fcr die Vorstellung des Autorstils ebenso konstitutiv wie f\u00fcr die gesamte moderne Literatur.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[6]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wie prek\u00e4r das ist, erkennt man schon an der hilflosen Begeisterung, mit der Literaturwissenschaft und Literaturkritik oft Grammatikfehler, Dialektgebrauch oder irgendwelche Sonder- oder Fachbegriffe auflisten, wenn die Charakterisierung eines literarischen Stils zur Verhandlung steht. Mit solchen Abweichungen oder Br\u00fcchen glaubt man, geradezu ins Zentrum eines Stils vorsto\u00dfen zu k\u00f6nnen, weil die Sprachnorm hier \u00fcber Verst\u00f6\u00dfe angeblich ebenso manifest wird wie die Singularit\u00e4t einer Autorschaft. Dabei d\u00fcrfte oft das genaue Gegenteil der Fall sein. Jede*r kann Grammatikfehler machen, aber sie verraten weder, wie jede*r spricht, noch, wie die Literatur (nicht) spricht. Der manifeste Normbruch bildet keinen privilegierten Zugang zur sprachlichen \u203aNormalit\u00e4t\u2039, und auch keinen zur Individualit\u00e4t eines literarischen Stils.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">W\u00e4hrend Michael Maar alles daran setzt, dem Dunstkreis der Norm \u2013 dem Dunstkreis dessen, was er f\u00fcr die Norm h\u00e4lt \u2013 zu entfliehen, lie\u00dfen sich weite Teile der modernen Literaturgeschichte umgekehrt als ein Versuch betrachten, ihrer endlich einmal habhaft zu werden. In den ganz seltenen F\u00e4llen, wo dies gelingt, steigt die Norm selbst zu einer stilistischen Fiktion auf. Zu den S\u00e4tzen Franz Kafkas schreibt Maar: \u00bbSie \u00e4hneln normalen S\u00e4tzen.\u00ab Damit w\u00e4re Kafka literarisch der strikte Antipode von Maars eigener Essayistik. Aber wenn Maar so schreiben muss, wie er schreibt, um zu einer solchen Erkenntnis gelangen zu k\u00f6nnen, hat man dies in Kauf zu nehmen und sogar zu respektieren.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><em>Der Literaturwissenschaftler <\/em><a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/haas.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Claude Haas<\/em><\/a><em> ist stellvertretender Direktor des ZfL und Ko-Leiter des Programmbereichs <\/em><a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/theoriegeschichte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Theoriegeschichte<\/em><\/a><em>.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hans-Martin Gauger: <em>\u00dcber Sprache und Stil<\/em>, M\u00fcnchen 1995.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Fotis Jannidis: \u00bbDer Autor ganz nah. Autorstil in Stilistik und Stilometrie\u00ab, in: Matthias Schaffrick, Marcus Willand (Hg.): <em>Theorien und Praktiken der Autorschaft<\/em>, Berlin, Boston 2014, S. 169\u2013195, hier S. 191. Im Folgenden mit Seitenzahl im laufenden Text zitiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. etwa Leo Spitzer: \u00bbWortkunst und Sprachwissenschaft\u00ab, in: ders.: <em>Stilstudien. Zweiter Teil. Stilsprachen <\/em>[1928], Darmstadt 1961, S. 498\u2013536, hier S. 513 u. S. 526.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. hierzu Claude Haas: \u00bbBl\u00fcten. Stil bei Leo Spitzer\u00ab, in: ders.\/Eva Geulen (Hg.): <em>Stil in der Literaturwissenschaft<\/em> (= Sonderheft der <em>Zeitschrift f\u00fcr deutsche Philologie<\/em> 2021\/22), im Erscheinen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Im laufenden Text mit Angabe der Seitenzahl zitiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[6]<\/a> Vgl. dazu u.a. bereits Gauger: <em>\u00dcber Sprache und Stil <\/em>(Anm. 1), S. 210f.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Claude Haas: Was ist Stil und wie sagt man es am besten?, in: ZfL BLOG, 26.3.2021, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/03\/26\/claude-haas-was-ist-stil-und-wie-sagt-man-es-am-besten\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/03\/26\/claude-haas-was-ist-stil-und-wie-sagt-man-es-am-besten\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210326-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210326-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210420-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/04\/20\/eva-geulen-archivieren-in-die-zukunft\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"WAS IST STIL UND WIE SAGT MAN ES AM BESTEN?\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Claude Haas\",\n    \"givenName\": \"Claude Haas\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0007-4753-4543\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2021-03-26\",\n  \"datePublished\": 2021,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den gr\u00f6\u00dften Zumutungen, die uns das 18. Jahrhundert vererbt hat, geh\u00f6rt eine streng individualistische Vorstellung des literarischen Stils. Stil soll keinem erlernbaren Regelwerk entstammen, sondern den Aus- wie Abdruck einer einzigartigen schreibenden Person bilden. In den letzten Jahrzehnten hatte die Literaturwissenschaft diese Provokation in immer neuen Anl\u00e4ufen zur\u00fcckzuweisen oder wenigstens in Schach zu halten <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/03\/26\/claude-haas-was-ist-stil-und-wie-sagt-man-es-am-besten\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21,19],"tags":[508,507,506,505,271,273,71],"class_list":["post-1752","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einblick","category-lektueren","tag-autorstil","tag-fotis-jannidis","tag-leo-spitzer","tag-michael-maar","tag-stil","tag-stilistik","tag-weltliteratur"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1752","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1752"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1752\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3584,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1752\/revisions\/3584"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1752"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1752"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1752"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}