{"id":1763,"date":"2021-04-20T09:59:53","date_gmt":"2021-04-20T07:59:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1763"},"modified":"2021-11-19T15:44:02","modified_gmt":"2021-11-19T13:44:02","slug":"eva-geulen-archivieren-in-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/04\/20\/eva-geulen-archivieren-in-die-zukunft\/","title":{"rendered":"Eva Geulen:  \u203aARCHIVIEREN IN DIE ZUKUNFT\u2039"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"color: #e63348;\"><em>Eva Geulens Text dokumentiert ihren Beitrag zu der vom Deutschen Literaturarchiv Marbach am 24. M\u00e4rz 2021 virtuell veranstalteten Tagung \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.dla-marbach.de\/fileadmin\/redaktion\/Forschung\/Tagungsprogramme\/Literaturarchiv_der_Zukunft_Konferenzplan_20210324.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#LiteraturarchivDerZukunft<\/a>\u00ab. Er wurde urspr\u00fcnglich als Replik auf die dort diskutierte These 3 entworfen: \u00bbLiteraturarchive schaffen den literarischen und intellektuellen Kanon mit: Das Archivieren in die Zukunft setzt die stetige Diskussion der Entwicklungen in Literatur und den \u00f6ffentlich wirksamen Bereichen von Wissenschaft und ein Diskutieren der Kriterien dessen voraus, was es zu archivieren gilt \u2013 und was nicht.\u00ab<\/em><\/span><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u203aArchivieren in die Zukunft\u2039 \u2013 was hei\u00dft das? Man kann in die Zukunft <em>investieren<\/em>, wie man in Aktien oder erneuerbare Energien investiert, in der Hoffnung auf sp\u00e4tere Gewinne der einen oder anderen Art. Aber ist das Archiv, in dem automatisch zu Vergangenheit und Geschichte wird, was da einmal gelandet ist, auch eine Investition in die Zukunft? Mit Aussichten auf Gewinne f\u00fcr sp\u00e4tere Forschung und erneuerbare Literaturen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Oder ist mit \u203aArchivieren in die Zukunft\u2039 gemeint, dass, mit Rudolf Borchardts auch schon paradoxer Formulierung, eben nicht mehr ein \u00bbewiger Vorrat deutscher Poesie\u00ab angelegt werden soll,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> sondern mit R\u00fccksicht auf jene Zuk\u00fcnfte zu sammeln und zu archivieren ist, die sich gegenw\u00e4rtig abzeichnen, etwa die gerade erst unter ganz neuen Produktions- und Rezeptionsbedingungen entstehende, und h\u00e4ufig auch rasch wieder vergehende, Literatur im Netz?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diese Nah-Zuk\u00fcnfte m\u00fcssen wohl gemeint sein. Nachdem ich mich \u00fcber die damit verbundene \u203aHerausforderungen\u2039 \u2013 von denen man statt des etwas l\u00e4hmenden Begriffs der Krise heute lieber spricht, weil die Bew\u00e4ltigung von Herausforderungen ganz unfehlbar in Zukunft geleistet worden sein wird \u2013 etwas schlau gemacht hatte, war ich von anstehenden Aufgaben ziemlich eingesch\u00fcchtert: Kittlers Linux-Festplatten liegen schon seit 2011 im Marbacher Archiv. So was kann man nicht ausdrucken. Man kann es auch nicht auf Mikrofiche bannen, jene geniale L\u00f6sung, die beim letzten Medienwechsel f\u00fcr die Tageszeitungen gefunden wurde. Und das ist ja nur der Anfang von vielen Fragen zur Archivierbarkeit digitaler Artefakte. Richard Brautigan, der eine <em>Library of Unpublished Books<\/em> angelegt hat, hat einmal gesagt: \u00bbAll of us have a place in history. Mine is clouds.\u00ab<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Er konnte nicht ahnen, dass die Cloud zu einem Speicher werden w\u00fcrde, der in Konkurrenz zu \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Archiven tritt. Viele private Anbieter stehen bereit, sich um unser aller digitale Nachl\u00e4sse zu Lebzeiten zu k\u00fcmmern. Und was geh\u00f6rt eigentlich alles dazu? M\u00fcssen Archive nach der \u00bbBurnt Banksy\u00ab-Aktion in das Gesch\u00e4ft mit Non-Fungible Tokens und Blockchain einsteigen?<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Wie archiviert man Twitter-Feeds und die dort ver\u00f6ffentlichte Twitteratur? Wem geh\u00f6rt sie, und wer macht das?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Vorl\u00e4sse geh\u00f6ren ja schon l\u00e4nger zum Archivgesch\u00e4ft. Aber bei digitalen Artefakten m\u00fcssen bereits in der sogenannten pr\u00e4kustodialen Phase sehr viele Vorrichtungen und Absprachen getroffen werden. Ungeleitet kommt niemand mehr ins Archiv. Ist das noch Archivieren <em>in die<\/em> Zukunft? Oder schon Archivieren <em>der<\/em> Zukunft? Diese Ambition w\u00e4re in der Tat fatal und ein Selbstmissverst\u00e4ndnis der Aufgaben eines Archivs.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Unter dem Druck nie blo\u00df technischer Probleme sollte das Archiv sich h\u00fcten, sich zu sehr mit der Zukunft zu besch\u00e4ftigen, und stattdessen sein Verst\u00e4ndnis der Vergangenheit sch\u00e4rfen, die es laufend mitproduziert. In mehr als einem Sinne geh\u00f6rt das Archiv der Geschichte. Es ist in der vielleicht einmaligen Lage, Geschichte zu machen, ohne \u00fcber sie zu verf\u00fcgen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nietzsches Typologie von monumentalischer, antiquarischer und kritischer Geschichtsschreibung hat auch die m\u00f6glichen Kriterien des Archivierens ziemlich ersch\u00f6pfend versammelt: die monumentalische Geschichtsschreibung setzt darauf, die Gro\u00dfen \u00fcber die Zeiten hinweg zu versammeln, in der Hoffnung, dass das Kontinuum nicht abrei\u00dft; die antiquarische Geschichtsschreibung konserviert das \u00dcbersehene und Lokale, in der Hoffnung, diese Bedingungen f\u00fcr die Zukunft zu erhalten; und die kritische Geschichtsschreibung, die die Vergangenheit richtet und zu Zeiten aburteilt, will Platz schaffen f\u00fcr Neues.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Alle drei archivieren in <em>die<\/em> Zukunft, die sie sich w\u00fcnschen. Das ist legitim und es sorgt daf\u00fcr, dass wir nicht nur Archive, sondern auch Archivgeschichten haben, die selbst zur Geschichte geh\u00f6ren. Ein Archiv ist konservativ, weil es konserviert, tradiert, \u00fcberliefert: monumentalisch, antiquarisch, kritisch ist dabei gar nicht so wichtig. So oder so wird es selektiv sein. Gerade unter den Bedingungen dr\u00e4ngender Zuk\u00fcnfte wird der Mut zur L\u00fccke eine Tugend. Auch und gerade die L\u00fccken geh\u00f6ren zur Sammlung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das ist aber etwas anderes als die Logik der Antizipation, die nicht dem Ideal des Erhaltens und frommen W\u00fcnschen gehorcht, sondern dem Dogma der Planbarkeit von Zukunft. Digitalisierung wirft nicht nur neue Probleme und technische Fragen auf, sondern verlockt auch zu Allmachtsphantasien. Und davor muss ein Archiv sich h\u00fcten. Es sollte sich von der Zukunft, die eine offene ist, wie wir soeben wieder lernen, nicht so unter Druck setzen lassen, dass es auf alles vorbereitet und f\u00fcr alles ger\u00fcstet sein will. Nat\u00fcrlich sind die Kriterien zu diskutieren und zu reflektieren, auch im Kontakt mit Wissenschaft und \u00d6ffentlichkeit. Aber ein Archiv muss den Mut haben zur L\u00fccke und willens sein, sich selbst und andere zu \u00fcberraschen. Denn wenn einem Archiv die vollkommene Transparenz gel\u00e4nge, wenn es sich restlos Rechenschaft ablegen k\u00f6nnte \u00fcber die Kriterien dessen, was es sammelt und nicht sammelt, dann h\u00e4tte es seine wichtigste historische Aufgabe verfehlt, n\u00e4mlich in seinen Sammlungen Zeugnis abzulegen von seinen Entscheidungen, seinen Favoriten, seinen Abneigungen und seinen Schwierigkeiten. Etwas pointiert: Wenn es das k\u00f6nnte, dann h\u00e4tte es vor seiner wichtigsten Aufgabe versagt, n\u00e4mlich nicht blo\u00df Vergangenes zu archivieren, sondern selbst Geschichte zu werden, zu sein und zu haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Archive investieren nicht prim\u00e4r in die Zukunft, sondern in die Zukunft der Vergangenheit. Das ist ihr Dilemma, das ist ihre Chance, und beides zusammen ihr Sinn. Hoffentlich auch in Zukunft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Die Literaturwissenschaftlerin <a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/geulen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eva Geulen<\/a> ist die Direktorin des ZfL.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Rudolf Borchardt (Hg.): <em>Ewiger Vorrat deutscher Poesie<\/em>, M\u00fcnchen 1926.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Richard Brautigan: <em>The Tokyo-Montana Express<\/em>, New York 1979, S. 150.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. hierzu einen Artikel im <em>Spiegel<\/em>: Patrick Beuth u.\u00a0a.: <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/nft-kunst-wie-pixelkunst-zum-spekulationsobjekt-werden-konnte-a-ddf1dc50-0002-0001-0000-000176418848\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbWie Pixelkunst zum Spekulationsobjekt wurde\u00ab<\/a>, in: <em>Spiegel<\/em>, 19.03.2021.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: \u203aArchivieren in die Zukunft\u2039, in: ZfL BLOG, 20.4.2021, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/04\/20\/eva-geulen-archivieren-in-die-zukunft\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/04\/20\/eva-geulen-archivieren-in-die-zukunft\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210420-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210420-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eva Geulens Text dokumentiert ihren Beitrag zu der vom Deutschen Literaturarchiv Marbach am 24. 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