{"id":1801,"date":"2021-06-30T14:03:22","date_gmt":"2021-06-30T12:03:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=1801"},"modified":"2025-02-28T18:55:18","modified_gmt":"2025-02-28T16:55:18","slug":"eva-axer-lebenszeitskalierung-und-wahrnehmungsgeschwindigkeit-bei-karl-ernst-von-baer-richard-powers-und-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/06\/30\/eva-axer-lebenszeitskalierung-und-wahrnehmungsgeschwindigkeit-bei-karl-ernst-von-baer-richard-powers-und-anderen\/","title":{"rendered":"Eva Axer: LEBENSZEITSKALIERUNG UND WAHRNEHMUNGSGESCHWINDIGKEIT (bei Karl Ernst von Baer, Richard Powers und anderen)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Acht Pistolenkugeln werden aus n\u00e4chster N\u00e4he abgefeuert, aber keine trifft ihr Ziel. Denn der Superheld Quicksilver kann sich im Film <em>X-Men: Days Of Future Past<\/em> (2014) mit einer Geschwindigkeit bewegen, die es ihm erlaubt, die Flugbahn der Kugeln mit kleinen kinetischen Impulsen zu manipulieren. Antizipiert wurde diese Figur der legend\u00e4ren Marvel-Autoren Stan Lee und Jack Kirby bereits im Jahr 1860, als der Naturforscher Karl Ernst von Baer ein Gedankenexperiment anstellte. Baer spekulierte dar\u00fcber, wie sich die Welt f\u00fcr einen Menschen darstellt, der zwar ebenso viele Sinneseindr\u00fccke pro Pulsschlag hat wie ein normaler Mensch, dessen Puls aber 1.000 Mal schneller schl\u00e4gt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Ein solcher Mensch w\u00fcrde einer vorbeifliegenden Kugel sehr leicht folgen k\u00f6nnen, schreibt Baer, h\u00e4tte allerdings aufgrund seines anderen Metabolismus auch eine deutlich geringere Lebensdauer von nur einem Monat.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Baer hat so nicht nur gedankliche Vorarbeit f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis eigenzeitlicher biologischer Umwelten geleistet. Das Gedankenexperiment wirft auch die Frage auf, wie sich die \u00bbAbh\u00e4ngigkeit der Weltansicht von der Struktur des Sensoriums\u00ab in der kulturellen \u00dcberformung von Zeit manifestiert.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Denn Baers kurzlebige Menschen sind auch Philosophen, die \u00fcber den Fortgang des Weltenlaufs nachdenken. Die fliegende Kugel wurde ihrerseits zum Topos \u00bbneu er\u00f6ffneter Wahrnehmungswelten\u00ab,<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> noch bevor Fotografie und Film ihre Flugbahn tats\u00e4chlich vor Augen f\u00fchren konnten, aber dann erst recht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Anders als die von ephemeren Insekten inspirierten \u203aMonatsmenschen\u2039 in Baers Gedankenexperiment hat der Superheld Quicksilver weder eine extrem kurze Lebensdauer, noch ist er strikt an die \u00bbStruktur des Sensoriums\u00ab gebunden, denn er kann durchaus im Zeitma\u00df der anderen Protagonisten agieren. Der Reiz des Hollywoodfilms liegt vielmehr im Wechsel von Tempo und Genre: Von einem Moment zum n\u00e4chsten erlebt der Zuschauer <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=T9GFyZ5LREQ&amp;ab_channel=TopMovieClips\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Szene<\/a> pl\u00f6tzlich entsprechend Quicksilvers Zeitwahrnehmung. Quicksilver erweist sich darin nicht nur als ein Action-Superheld, sondern auch als eine Schelmenfigur. Durch strategischen Unfug setzt er die aus seiner Sicht nahezu stillstehenden Polizisten in einem Tohuwabohu aus langsam umherfliegenden Gegenst\u00e4nden und Wassertropfen au\u00dfer Gefecht.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Dass der Film unsere allt\u00e4gliche Welt mit \u00bbdem Dynamit der Zehntelsekunden gesprengt\u00ab hat, damit die Helden der Kulturindustrie in \u00bbihren weitverstreuten Tru\u0308mmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen\u00ab k\u00f6nnen, h\u00e4tte Walter Benjamin vielleicht entt\u00e4uscht, sah er doch die filmische Zeitdehnung und Zeitraffung als Chance, einen neuen Begriff der Natur zu entwickeln.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Filmtechnik der Zeitraffung beruht darauf, dass bei der Aufnahme die Bildfrequenz heruntergesetzt wird (z.B. auf 1 frame per second), bei der Wiedergabe aber um die 30 fps gezeigt werden. Bewegungen, die sich langsamer vollziehen, als dass sie das menschliche Auge erfassen k\u00f6nnte, werden so wahrnehmbar. Karl Ernst von Baer hat auch dies im Gedankenexperiment gewisserma\u00dfen vorweggenommen: Ein Mensch, dessen Puls 1.000 Mal langsamer schl\u00e4gt als der eines gew\u00f6hnlichen Menschen, k\u00f6nnte in den 80.000 Jahren seines Lebens das Wachstum in der Natur verfolgen, schnell verlaufende Ver\u00e4nderungen l\u00e4gen indes jenseits seiner Wahrnehmung. H\u00e4tte schlie\u00dflich ein Mensch nur noch einen Pulsschlag pro Jahr und w\u00fcrde somit alle Jahreszeiten im \u00c4quivalent eines Momentes auffassen, k\u00f6nnte er sogar unmittelbar erleben, wie \u00bbselbst am leblosen Gestein [\u2026] der Zahn der Zeit [nagt]\u00ab.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Baer stellt auf die Abh\u00e4ngigkeit der Naturauffassung von der Frequenz der Sinneseindr\u00fccke und der damit korrespondierenden Lebenszeit ab; tats\u00e4chlich k\u00f6nnen wir uns ein solches in geologischen Zeitspannen lebendes und gleichwohl mit seiner Umwelt interagierendes Subjekt kaum vorstellen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">F\u00fcr Geologen ist es zwar ganz selbstverst\u00e4ndlich, derart gro\u00dfe Zeitma\u00dfst\u00e4be anzusetzen, allerdings zeitigt der doppelte Bezugsrahmen der eigenen Lebenszeit und der geologischen Tiefenzeit seine Effekte.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbIf you free yourself from the conventional reaction to a quantity like a million years, you free yourself a bit from the boundaries of human time. And then in a way you do not live at all, but in another way you live forever\u00ab,<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">erkl\u00e4rt ein Geologe im Band <em>Annals of the Former World<\/em> (1998) des Wissenschaftsjournalisten John McPhee, der den Begriff der Tiefenzeit (<em>deep time<\/em>) gepr\u00e4gt hat.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Seit nun das Anthropoz\u00e4n ausgerufen wurde, jene neue erdgeschichtliche Epoche, in der Menschen zum geologischen Faktor geworden sind,<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> ist die geologische Tiefenzeit zu einem Problem auch jenseits der Geologie geworden. Angesichts der Klimakrise und ihrer \u00f6kologischen Konsequenzen soll unser kollektives, wenn auch nicht konzertiertes Handeln in Zeitma\u00dfst\u00e4ben bemessen werden, die die Bedeutung von ethischen und moralischen Normen letztendlich unterminieren k\u00f6nnten:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbWhat does our behaviour matter, when <em>Homo Sapiens <\/em>will have disappeared from the earth in the blink of a geological eye? Viewed from the perspective of a desert or an ocean, human morality looks absurd \u2013 crushed to irrelevance. Assertions of value seem futile\u00ab,<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">erkl\u00e4rt Robert MacFarlane.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Um nicht in Def\u00e4tismus abzugleiten, hat beispielsweise Dipesh Chakrabarty vorgeschlagen, \u00bbhuman agency\u00ab auf verschieden skalierten und inkommensurablen Ebenen zu betrachten.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Im Blick zu halten seien gleichzeitig die Vorstellung des Menschen als politisches Subjekt im Sinne der Aufkl\u00e4rung sowie die Differenzen, die postmoderne und postkoloniale Theorien in der kritischen Auseinandersetzung damit herausgestellt haben, und schlie\u00dflich die neue \u203aFigur des Menschen\u2039 als kollektive geologische Kraft, die blind ist f\u00fcr Fragen der Gerechtigkeit.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wie die Literaturwissenschaften auf verschiedenen Skalierungsebenen operieren k\u00f6nnten, hat Timothy Clark 2012 vorgef\u00fchrt. Seine experimentelle Lekt\u00fcre von Raymond Carvers Kurzgeschichte <em>Elephant<\/em> (1988) vergr\u00f6\u00dfert den Ma\u00dfstab der Betrachtung in mehreren Schritten. Zun\u00e4chst bezieht er nur den engeren r\u00e4umlichen und zeitlichen Rahmen der Handlung ein, dann die Epoche und den nationalen Kontext, in dem die Geschichte von den Geldn\u00f6ten einer Arbeiterfamilie spielt.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Schlie\u00dflich verortet er die Kurzgeschichte global sowie in einem gr\u00f6\u00dferen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten \u2013 anstelle der Handlungen der Protagonisten r\u00fcckt die materielle und technologische Infrastruktur in den Fokus, die die Personen umgibt und die ihr Leben diktiert: H\u00e4user, Autos und Stra\u00dfen. Auf der einen Seite werden die Personen entindividualisiert und dehumanisiert, auf der anderen Seite zeigt sich ein Eigenleben der Dinge in den kumulativen Effekten ihres langfristigen Gebrauchs. Den Ausweis der miteinander konfligierenden Interpretationsebenen nutzt Clark, um die bislang als selbstverst\u00e4ndlich erachteten r\u00e4umlichen und zeitlichen Ma\u00dfst\u00e4be literaturwissenschaftlicher Untersuchungen ebenso wie die aus seiner Sicht damit verbundenen ideologischen Konstrukte zu kritisieren. Mittlerweile hat allerdings die Frage der Skalierung im Zeichen des Anthropoz\u00e4ns l\u00e4ngst auch die Literaturschaffenden selbst aufger\u00fcttelt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In seinem Buch <em>The Great Derangement<\/em> (2016) argumentiert der indische Schriftsteller Amitav Ghosh, dass die Klimakrise auch eine Krise der Kultur und damit der Vorstellungskraft sei.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Seine Kritik zielt im Besonderen auf den zeitgen\u00f6ssischen realistischen Roman ab. Dieser k\u00f6nne den Klimawandel und seine Folgen nicht darstellen, weil er die gro\u00dfen r\u00e4umlichen und zeitlichen Zusammenh\u00e4nge ausblende, die eine Agency nichtmenschlicher Entit\u00e4ten sichtbar werden lasse. Zudem habe der auf die Ma\u00dfst\u00e4be des b\u00fcrgerlichen Individuums beschr\u00e4nkte realistische Roman andere Arten von Geschichten in den Schatten gestellt, die lange oder gar mythische Zeitr\u00e4ume darstellen, etwa \u00e4ltere epische Formen und auch Genres wie die Science-Fiction. Ursula Heise hat in Reaktion auf Ghoshs Kritik die Science-Fiction zum \u00bbdefault genre\u00ab f\u00fcr die narrative Auseinandersetzung mit dem Klimawandel erkl\u00e4rt.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Ghosh hingegen zweifelt daran, dass die Science-Fiction den Klimawandel angemessen verhandeln k\u00f6nne, schlie\u00dflich finde dieser hier und jetzt statt, nicht in einer anderen Welt, Zeit oder Dimension. Die Darstellungsspielr\u00e4ume des realistischen Romans hingegen seien \u00fcberm\u00e4\u00dfig eingeschr\u00e4nkt, weil viele zeitgen\u00f6ssische Autorinnen und Autoren ihn nur noch als Vehikel f\u00fcr \u203aindividuelle moralische Abenteuer\u2039 auffassten, sodass schlie\u00dflich keine andere als die bestehende Wirklichkeit imaginiert werden k\u00f6nne.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In diesen Tenor stimmte j\u00fcngst auch der amerikanische Schriftsteller Richard Powers ein, der die Literatur der letzten drei Jahrzehnte ebenfalls von psychologischen Konflikten dominiert sieht; dies nennt er \u203aLiteratur auf Stufe eins\u2039.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Literarische Fiktion k\u00f6nne und solle aber auch soziale und politische Konflikte (Stufe zwei), sowie \u00f6kologische Konflikte zwischen \u203aMenschen\u2039 und \u203aNicht-Menschen\u2039 darstellen (Stufe drei). Powers fordert solche Literatur auf \u203aStufe drei\u2039 nicht nur ein, er schreibt sie auch. Sein 2019 mit dem Booker-Preis pr\u00e4mierter Roman <em>The Overstory<\/em> erz\u00e4hlt Geschichten von Menschen und teils sehr langlebigen B\u00e4umen, wie den mehrere tausend Jahre alten Redwoods. Obgleich der Roman nicht einmal 200 Jahre abdeckt, verhandelt er das Problem der Skalierung auf eine Weise, die die menschliche Zeitwahrnehmung wie die menschliche Lebenszeit relativiert.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Lose angelehnt an die Aktionen von Umweltsch\u00fctzern im sogenannten \u203aRedwood Summer\u2039 zu Beginn der 1990er Jahre thematisiert das Buch in verschiedenen Handlungsstr\u00e4ngen \u00f6kologische Fragen. Die fortschreitende Entwaldung wird dabei einem langsamen kollektiven Suizid in globalem Ma\u00dfstab gleichgesetzt. Eine einfache Antwort auf die Frage, warum es bislang keinen breiten gesellschaftlichen Konsens gibt, diesen Suizid entschlossen abzuwenden, findet sich im Buch nicht. Stattdessen behandelt es die verschiedenen zeitlichen Ma\u00dfst\u00e4be und Modi, in denen sich das Leben einer sehr diversen Gruppe menschlicher Protagonisten und ihrer vegetabilen Pendants entfaltet. Dass B\u00e4ume als Helden einer Geschichte eigentlich nicht taugen, spricht der Roman direkt an: \u00bbNo drama, no development, no colliding hopes and fears.\u00ab<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dennoch gelingt es Powers, B\u00e4ume in die Handlung seines Romans einzubinden, so z.B. eine Kastanie, die auf einem Familiengrundst\u00fcck w\u00e4chst. Im Laufe von mehr als 70 Jahren ereignen sich Geburten und Todesf\u00e4lle, Familiendramen spielen sich ab, der technische Fortschritt schreitet voran, und der Baum wird unmerklich gr\u00f6\u00dfer. Die Fokalisierung der Erz\u00e4hlung suggeriert, dass der Baum das Vergehen der Zeit auf eigene Weise registriert: \u00bbFor the [\u2026] chestnut, all this happens in a couple of new fissures, an inch of added rings\u00ab (9). Indem die Familie Hoel \u00fcber sechs Generationen hinweg in jedem Jahr jeweils zw\u00f6lf Fotografien der Kastanie macht, etabliert sie ein materielles \u00c4quivalent zu den Jahresringen des Baumes. Aber erst f\u00fcr Nicolas Hoel erf\u00fcllt sich der Wunsch, der schon seinen Ururgro\u00dfvater antrieb: \u00bbto [\u2026] see what the thing looks like, sped up to the rate of human desire\u00ab (11). Nicolas erstellt aus den knapp 1.000 Fotos, die sich im Laufe der Jahrzehnte gestapelt haben, ein Daumenkino: \u00bbThree quarters of a century dances by in a five-second flip\u00ab (17). Die kurze Sequenz der hochschie\u00dfenden und sich verzweigenden Kastanie ist eines der Leitmotive von <em>The Overstory<\/em>. Powers beleuchtet damit auch seine eigenen narrativen Strategien, insbesondere die Wechsel des narrativen Tempos.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> So stellt die Episode zwar nicht die \u00dcberwindung jener temporalen Diskrepanz zwischen einer vergleichsweise kurzlebigen und schnellen und einer vergleichsweise langlebigen und langsamen Lebensform dar, thematisiert aber die Notwendigkeit, diese unterschiedlichen Temporalit\u00e4ten medial ins Verh\u00e4ltnis zu setzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Was allerdings geschehen kann, wenn eine solche Verh\u00e4ltnissetzung in der Begegnung verschiedener Lebensformen misslingt, deutet die Nacherz\u00e4hlung eines Science-Fiction-Plots in dem Roman an. Es ist die Lieblingsgeschichte des Protagonisten Neelay Metha, der sie als Kind liest.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbAliens land on Earth. They\u2019re little runts, as alien races go. But they metabolize like there\u2019s no tomorrow. They zip around like swarms of gnats, too fast to see \u2013 so fast that Earth seconds seem to them like years. To them, humans are nothing but sculptures of immobile meat. The foreigners try to communicate, but there\u2019s no reply. Finding no signs of intelligent life, they tuck into the frozen statues and start curing them like so much jerky, for the long ride home.\u00ab (97)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ungeachtet der Frage, ob eine solche Alien-Spezies von der Gr\u00f6\u00dfe einer Stechm\u00fccke, die in einer menschlichen Sekunde so viele Eindr\u00fccke hat wie ein Mensch in mehreren Jahren, nicht auch die Lebenserwartung einer Stechm\u00fccke h\u00e4tte, ist hier die Konfrontation diskrepanter Zeitwahrnehmungen ins Grotesk-Komische gewendet. Unbeweglich und ohne Intelligenz erscheinen mit einem Mal die Menschen, die zur Ressource einer anderen Spezies werden. Der erwachsene Neelay setzt schlie\u00dflich eine k\u00fcnstliche Intelligenz in die Welt, die sich durch ihre enorm schnelle Informationsverarbeitung auszeichnet und schon bald als eigenst\u00e4ndige Lebensform erscheint. Da Neelay ausgerechnet das Ende der Science-Fiction-Geschichte vergessen hat, fungiert sie innerhalb des Romans nicht als warnendes Beispiel. Die Leser*innen werden durch diese Auslassung indes umso dringlicher auf die Moral der Geschichte verwiesen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Im Hinblick auf den doppelten Konflikt mit unseren vegetabilen \u203aVorfahren\u2039 und unseren (potentiellen) AI-\u203aNachkommen\u2039 setzt Powers im Interview seine Hoffnung \u00fcbrigens nicht auf die Menschheit, sondern auf das Leben als solches: \u00bb<a href=\"https:\/\/lareviewofbooks.org\/article\/heres-to-unsuicide-an-interview-with-richard-powers\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">It\u2019s a pretty good long-term bet.<\/a>\u00ab Zwar d\u00fcrfte es nach dem Ende der Menschheit gut ein halbes Jahrtausend dauern, bis sich die W\u00e4lder regeneriert haben: \u00bbBut half a millennium is a heartbeat, for such things.\u00ab Als schnell z\u00e4hlt nicht l\u00e4nger die hohe Geschwindigkeit eines K\u00f6rpers, der in messbaren Zeiteinheiten eine bestimmte Strecke zur\u00fccklegt (wie im Falle Quicksilvers, der sich schnell bewegen kann). Stattdessen steht im Vordergrund, wie schnell die objektiv messbare Zeit in der jeweiligen eigenzeitlichen Wahrnehmung vergeht \u2013 und diese individuelle Frequenz der Wahrnehmung, die Wahrnehmungsgeschwindigkeit, ist wiederum an die Lebenszeit gekoppelt. In diesem Sinne stellt sich ein zuk\u00fcnftiges Ereignis f\u00fcr Powers\u2019 menschliche Protagonisten sehr viel weniger rasch ein als f\u00fcr die B\u00e4ume. Es braucht allerdings immer noch einen Autor, der den langsamen Herzschlag der langlebigen B\u00e4ume imaginiert, f\u00fcr die ein paar Jahrhunderte im Nu verstreichen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em><span class=\"text\">Die Germanistin\u00a0<a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/axer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eva Axer<\/a> <\/span><span class=\"text\">ist aktuell stellvertretende Direktorin des ZfL und verfolgt das Forschungsprojekt \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/erzaehlstrategien-der-zeitraffung.html\">Erz\u00e4hlstrategien der Zeitraffung im 20. und 21. Jahrhundert<\/a>\u00ab.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Karl Ernst von Baer: \u00bbWelche Auffassung der lebenden Natur ist die richtige? und wie ist diese Auffassung auf die Entomologie anzuwenden?\u00ab, in: Axel Volmar (Hg.): <em>Zeitkritische Medien<\/em>, Berlin 2009, S. 45\u201359, hier S. 53.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Diese Frage greift Blumenberg im Zuge seiner \u00dcberlegungen zur \u00bbSchere\u00ab zwischen \u00bbLebenszeit\u00ab und \u00bbWeltzeit\u00ab auf; Hans Blumenberg: <em>Lebenszeit und Weltzeit<\/em>, Frankfurt a.M. 2001, S. 267\u2013290, hier S. 278.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Stefan Rieger: \u00bbDer dritte Ort des Wissens. Das Gedankenexperiment und die kybernetischen Grundlagen des Erhabenen\u00ab, in: Axel Volmar (Hg.): <em>Zeitkritische Medien<\/em>, Berlin 2009, S. 61\u201380, hier S. 73.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Um den Eindruck einer fast kompletten Stillstellung des Geschehens zu erreichen, wurden \u00fcbrigens 3.200 frames per second (fps) aufgenommen; gew\u00f6hnliche Kameras nehmen 30 bis 60 fps auf. Die Szene ist freilich gr\u00f6\u00dftenteils CGI-bearbeitet, was erlaubt, das Tempo verschiedener Elemente unabh\u00e4ngig voneinander zu manipulieren, vgl. Nick Broughall: \u00bbThe origins of the Quicksilver kitchen scene in X-Men: Days of Future Past\u00ab, in: <a href=\"https:\/\/www.techradar.com\/news\/world-of-tech\/the-origins-of-the-quicksilver-kitchen-scene-in-x-men-days-of-future-past-1269094\/2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Techradar<\/em><\/a>, 15.10.2014.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Walter Benjamin: \u00bbDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Dritte Fassung\u00ab, in: ders.: <em>Gesammelte Schriften<\/em>, Band I.2, hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenh\u00e4user, Frankfurt a.M. 1991, S. 471\u2013508, hier S. 500. Benjamin expliziert in der bekannten Passage seines Kunstwerk-Aufsatzes allerdings nur die M\u00f6glichkeiten der Zeitdehnung. Mit der zeitlich gerafften Darstellung vegetabilen Wachstums befasst er sich eher beil\u00e4ufig in seiner Blossfeldt-Rezension: \u00bbNeues von Blumen\u00ab, in: ders.: <em>Gesammelte Schriften<\/em>, Bd. III, hg. v. Hella Tiedemann-Bartels, Frankfurt a.M. 1991, S. 151\u2013153, hier S. 151f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Baer: \u00bbWelche Auffassung der lebenden Natur ist die richtige?\u00ab (Anm. 1)., S. 58.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> John McPhee: <em>Annals of the Former World<\/em>, New York 1998, S. 91.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. zu einer Kritik des Anthropoz\u00e4n-Begriffs, der eine Binarit\u00e4t von \u203aMensch\u2039 und \u203aNatur\u2039 voraussetzt und den Blick auf die gesellschaftlichen wie historischen Voraussetzungen, insbesondere den Kapitalismus, verstellen kann, die Beitr\u00e4ge in: Jason W. Moore (Hg.): <em>Anthropocene or Capitalocene? <\/em><em>Nature, History, and the Crisis of Capitalism<\/em>, Oakland, CA 2016.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Robert MacFarlane: <em>Underland. A Deep Time Journey<\/em>, London\/New York 2019, S. 15.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Skalierung ist mittlerweile zu einem wichtigen Thema der \u00f6kologisch orientierten <em>humanities<\/em> geworden; vgl. Zach Horton: \u00bbThe Trans-Scalar Challenge of Ecology\u00ab, in: <em>Interdisciplinary Studies in Literature and Environment<\/em> 26.1 (2019), S. 5\u201326, hier S. 5. In K\u00fcrze erscheint der interdisziplin\u00e4r angelegte Band <em>Narratives of Scale in the Anthropocene. <\/em><em>Imagining Human Responsibility in an Age of Scalar Complexity<\/em>, der von Gabriele D\u00fcrbeck und Philip H\u00fcpkes herausgegeben wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Dipesh Chakrabarty: \u00bbPostcolonial Studies and the Challenge of Climate Change\u00ab, in: <em>New Literary History<\/em> 43.1 (2012), S. 1\u201318, hier S. 14. Chakrabarty reagiert damit auch auf die Kritik, dass in der Auseinandersetzung mit der Klimakrise essentialistische Narrative \u00fcber den \u203aMenschen\u2039 oder die \u203amenschliche Spezies\u2039 affirmiert werden k\u00f6nnten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Vgl. Timothy Clark: \u00bbScale\u00ab, in: Tom Cohen (Hg.):<em> Telemorphosis. Theory in the Era of Climate Change<\/em>, Bd. 1, Ann Arbor 2012, S. 148\u2013164, insb. S. 156\u2013164.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Amitav Ghosh: <em>The Great Derangement. Climate Change and the Unthinkable<\/em>, Chicago 2016, S. 9.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ursula K. Heise: \u00bbClimate Stories: Review of Amitav Ghosh\u2019s \u203aThe Great Derangement\u2039\u00ab, in: <a href=\"https:\/\/www.boundary2.org\/2018\/02\/ursula-k-heise-climate-stories-review-of-amitav-ghoshs-the-great-derangement\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>boundary 2<\/em>,<\/a> 19.2.2018.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ghosh (<em>The Great Derangement<\/em>, S. 77) setzt sich intensiv mit John Updikes Idee eines \u00bbindividual moral adventure\u00ab auseinander, das laut Updike den Roman gegen\u00fcber anderen epischen Formen qualifiziert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Vgl. Everett Hamner: \u00bbHere\u2019s to Unsuicide: An Interview with Richard Powers\u00ab, in: <a href=\"https:\/\/lareviewofbooks.org\/article\/heres-to-unsuicide-an-interview-with-richard-powers\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Los Angeles Review of Books<\/em><\/a>, 7.4.2018.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Vgl. auch Paul Giles: <em>The Planetary Clock. Antipodean Time and Spherical Postmodern Fictions<\/em>, Oxford 2021, S. 270.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Richard Powers: <em>The Overstory. A Novel<\/em>, New York\/London 2018, S. 419. Im Folgenden mit Seitenzahl im laufenden Text zitiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Vgl. dazu Eva Axer: \u00bbThe Deep Time of Life. Media, Memory, and the Temporality of Trees in Richard Powers\u2019 <em>The Overstory<\/em>\u00ab (under review).<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"font-weight: 400;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Axer: Lebenszeitskalierung und Wahrnehmungsgeschwindigkeit (bei Karl Ernst von Baer, Richard Powers und anderen), in: ZfL BLOG, 30.6.2021, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/06\/30\/eva-axer-lebenszeitskalierung-und-wahrnehmungsgeschwindigkeit-bei-karl-ernst-von-baer-richard-powers-und-anderen\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/06\/30\/eva-axer-lebenszeitskalierung-und-wahrnehmungsgeschwindigkeit-bei-karl-ernst-von-baer-richard-powers-und-anderen\/<\/a><\/span><span style=\"font-weight: 400;\">].<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"><br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210630-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210630-01<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20210630-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2021\/06\/30\/eva-axer-lebenszeitskalierung-und-wahrnehmungsgeschwindigkeit-bei-karl-ernst-von-baer-richard-powers-und-anderen\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"LEBENSZEITSKALIERUNG UND WAHRNEHMUNGSGESCHWINDIGKEIT (bei Karl Ernst von Baer, Richard Powers und anderen)\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Axer\",\n    \"givenName\": \"Eva\",\n    \"familyName\": \"Axer\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0003-4958-8888\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2021-06-30\",\n  \"datePublished\": 2021,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Acht Pistolenkugeln werden aus n\u00e4chster N\u00e4he abgefeuert, aber keine trifft ihr Ziel. Denn der Superheld Quicksilver kann sich im Film X-Men: Days Of Future Past (2014) mit einer Geschwindigkeit bewegen, die es ihm erlaubt, die Flugbahn der Kugeln mit kleinen kinetischen Impulsen zu manipulieren. 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