{"id":213,"date":"2017-01-24T13:00:24","date_gmt":"2017-01-24T11:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=213"},"modified":"2025-03-04T16:17:03","modified_gmt":"2025-03-04T14:17:03","slug":"eva-geulen-streit-und-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/24\/eva-geulen-streit-und-spiel\/","title":{"rendered":"Eva Geulen: STREIT UND SPIEL"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Von den vielen Vorw\u00fcrfen an die Adresse der Geisteswissenschaften trifft derjenige ins Herz unserer F\u00e4cher, der behauptet, dass wir das Streiten verlernt haben und diskussionsm\u00fcde den Konsens suchen. Wenn die Diagnose wirklich zutreffen sollte, dass wir uns nicht mehr streiten k\u00f6nnen oder wollen, dann w\u00e4re das in der Tat ein Armutszeugnis. Denn wir sind es doch, die sich Kritik und Dissens auf die Fahnen geschrieben haben. Deshalb und weil es in unseren Kontexten zwar gute und weniger gute Argumente gibt, aber keinen letzten Beweis, ist der Streit so etwas wie unser Lebenselixier.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Streit im produktiven Sinne kann sich jedoch nur dort entfalten, wo bestimmte Aspekte oder Bedingungen ihm entzogen bleiben. Dem Streit muss ein begrenztes Feld bereits einger\u00e4umt worden sein, oder die Kontrahenten haben es streitend erst abzustecken. So oder so gibt es jenseits der Grenzen des strittigen Feldes eine unmarkierte Zone: sei es, dass der Streit diese erst hervorbringt, sei es, dass dem Dissens bereits Konsens \u00fcber substanziell Un-bestreibares vorangeht. Die wissenschaftliche Kontroversenforschung \u2013 und die gibt es sowohl in disziplin\u00e4rer, fachgeschichtlicher wie in interdisziplin\u00e4rer Perspektive \u2013 f\u00fchrt das u.a. auf die lutherische Theologie zur\u00fcck, wo seit dem 16. Jhd. nicht bestreitbare Gegenst\u00e4nde, sog. Fundamentalartikel, von dem abgegrenzt wurden, wor\u00fcber gestritten werden durfte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Aber was f\u00fcr Normwissenschaften wie Theologie und Recht noch heute gilt, ist in den \u00fcbrigen Geisteswissenschaften zunehmend unter Druck geraten. Schon die quasi autonome Gelehrtenrepublik der Fr\u00fchen Neuzeit war durchzogen von Spannungen, die immer auch die Abgrenzung des legitimen vom illegitimen Streit betrafen. Das versch\u00e4rft sich mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaften und der Emergenz neuer Disziplinen. Die Grenze zwischen Bestreitbarem und Unbestreitbarem ger\u00e4t selbst in den Einzugsbereich von Auseinandersetzungen. F\u00fcr die historisch-hermeneutischen Wissenschaften seit dem 18. Jahrhundert steht zwar nicht faktisch, aber theoretisch, dem Anspruch nach, immer schon alles, auch die Rahmenbedingungen, auch die Person, beim Streiten auf dem Spiel. Ihr Ideal ist denn auch nicht der Konsens, sondern die Selbstverpflichtung, alles, aber auch restlos alles, immer wieder als bestreitbar zu erweisen. Nichts anderes hei\u00dft Kants sapere aude; nichts anderes hei\u00dft kritisches Bewusstsein unter den Bedingungen einer geschichtlichen Vernunft. Die permanente Selbstverpflichtung zum Dissens \u2013 Streitbereitschaft als zweite Natur \u2013 war zwar nie absolut, sondern immer eingeschr\u00e4nkt, etwa durch Verfahren und Methoden oder, bei Kant, durch die Unterscheidung zwischen privatem und \u00f6ffentlichem Vernunftgebrauch. Aber der streitbare Habitus geh\u00f6rt seit der Aufkl\u00e4rung zur Signatur unserer F\u00e4cher.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Er scheint sich in den letzten Jahrzehnten ersch\u00f6pft zu haben. Den Effekt k\u00f6nnte man so beschreiben: Je mehr gestritten und bestritten wird, desto gr\u00f6\u00dfer wird paradoxerweise der Bereich dessen, was unbestritten liegen geblieben ist; \u00a0nicht, weil es heute ein Analogon der theologischen Fundamentalartikel g\u00e4be, sondern weil sich der habituell kritische Streitimpuls zu einem Automatismus unter dem Diktat des Innovationsdruckes verselbst\u00e4ndigt hat. So wird beispielsweise aus der Bestreitung disziplin\u00e4rer Grenzen die sich beschleunigende Serie der als kritische Paradigmenwechsel der Wissenschaft ausgewiesenen turns, linguistic, iconic, spatial, material, transhuman etc. Zwischen den akademischen \u203aturns\u2039 einerseits und den Pseudodebatten der Feuilletonskandale h\u00e4uft sich Streitw\u00fcrdiges, das unter diesen Umst\u00e4nden aber keinen Streit mehr zeitigt. Stimmt es also, dass wir nicht mehr streiten m\u00f6gen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wenn der polemische Hinweis auf eine unter Wissenschaftlern grassierende Bei\u00dfhemmung und Streitunlust das Ziel haben sollte, erloschenes Feuer neu zu sch\u00fcren, dann bezieht man als streitbarer Geist erst einmal die Gegenposition und fragt zur\u00fcck: Ist es denn wirklich zu bedauern, dass man einander nicht mehr bei\u00dft? Ist ein Abebben des Streitens notwendig ein Verfallssymptom? Ein Historiker-Kollege, der in den oft bitterb\u00f6sen Debatten der Hans Ulrich Wehler-Schule sozialisiert wurde, \u00e4u\u00dferte j\u00fcngst Erleichterung dar\u00fcber, nun endlich auch mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespr\u00e4ch kommen zu k\u00f6nnen, ohne dass gleich wild gebissen w\u00fcrde. In die Zeit meiner eigenen Sozialisation in den USA fallen die Debatten zwischen den cultural studies und der Dekonstruktion sowie zahllose inner-feministische Fehden. Im R\u00fcckblick muss ich sagen, dass da zwar m\u00e4chtig gek\u00e4mpft, gestritten und gebissen wurde, aber um \u203asachdienliche Wahrheitsfindung\u2039 ging es kaum. Etwas sch\u00e4rfer: die B\u00f6swilligkeit der oft auch pers\u00f6nlichen Streitereien verhielt sich proportional umgekehrt zu ihrer allgemeinen Relevanz. Dick Macksey, Professor und hochgesch\u00e4tzter Lehrer am Humanities Center der Johns Hopkins University, pflegte mit einer Kissinger-Anleihe zu sagen: battles in the humanities are so bloody because the stakes are so low.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">L\u00e4sst man die Skandale einmal au\u00dfen vor, sind die sog. Kontroversen und Debatten des letzten Vierteljahrhunderts wohl kaum gewesen, was sie in der fr\u00fchen Neuzeit, der Aufkl\u00e4rung und bis in das 19. Jahrhundert gewesen sein m\u00f6gen, sondern meistens ideologische Grabenk\u00e4mpfe zwischen Schulen, die einander umso heftiger angingen, je weniger Effekt sie hatten und je mehr das Bewusstsein ihres allgemeinen Geltungsschwundes um sich griff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Mit dem Ende bundesrepublikanischen Lagerdenkens hat sich ein entsprechender Debattentypus verabschiedet, dem man nicht nachzuweinen braucht. Die Nachfolgeformationen der Gegenwart \u2013 etwa der shitstorm im Netz oder die Feuilleton-Diskussionen \u2013 sind meistens auch keiner Abendrede wert. Damit ist nicht gesagt, dass es da nichts zu diskutieren gab oder gibt, aber Feuilleton-Debatten sind meistens so wenig ersprie\u00dflich oder ertragreich wie w\u00fcste Internet-Eintr\u00e4ge.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auch die Einbu\u00dfe angema\u00dfter Geltungshoheit der professoralen Elite kann man kaum bedauern. Damit war es schon 1966 im Z\u00fcrcher Literaturstreit zwischen Emil Staiger und Max Frisch \u00fcber die (damalige) Gegenwartsliteratur vorbei. Vor einigen Jahren fand am KWI in Essen eine Veranstaltung zur Zukunft der Geisteswissenschaften statt. Eine Journalistin gab damals die Parole aus \u00bbKeiner versteht die Welt mehr \u2013 Und die Geisteswissenschaften sind dazu da, sie zu erkl\u00e4ren\u00ab. Gegen derartige Zumutungen w\u00fcrde ich mich auch heute wehren. Spezialisten f\u00fcrs allgemein Menschliche waren wir lange genug, mit bekannterma\u00dfen problematischen Folgen. Nein, aufs Ganze gesehen ist der R\u00fcckgang dieser sog. Streitkultur zu begr\u00fc\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ein anderes ist freilich der Verlust der Formen des Streitens, die F\u00e4higkeit, der Wille, ja auch und vor allem die Lust, sich zu streiten. Das setzt freilich intakte pers\u00f6nlich-kollegiale oder vergleichbare Verh\u00e4ltnisse voraus, die in der gegenw\u00e4rtigen gezwungenerma\u00dfen von bitterem Konkurrenzkampf um viel zu wenig sichere Stellen gepr\u00e4gten Wissenschaftslandschaft immer seltener werden. Das erkl\u00e4rt jedoch nicht die Streitunlust der J\u00fcngeren. In einem Seminar zu Kontroversen der Literaturwissenschaft in Frankfurt vor ein paar Jahren waren die Studierenden entweder nicht willens oder nicht f\u00e4hig, den jeweils behandelten Streit auszutragen, Position zu beziehen, Argumente daf\u00fcr oder dagegen zu finden, sei es auch nur pro forma. Das intellektuelle Vergn\u00fcgen, diese oder jene Position zu sch\u00e4rfen, aus Neugierde, um herauszufinden, wohin das f\u00fchrt und dabei die eigene \u00dcberzeugung vorl\u00e4ufig zu suspendieren, war ihnen schlechterdings unm\u00f6glich. Verd\u00e4chtig und regelrecht unheimlich erschien ihnen, was in der anglo-amerikanischen Tradition in debate clubs einge\u00fcbt wird und ehemals ins Ressort alteurop\u00e4ischer Rhetorik fiel. Manche Dinge sieht man aber erst, wenn man sich ihnen streitbar n\u00e4hert. Im Medium des Streits ver\u00e4ndert sich der Aggregatzustand einer Sache; es zeigen sich Dinge, die man bei der distanziert bleibenden Beobachtung gar nicht bemerken kann. Eigentlich h\u00e4tte der Abbau von Dogmen, Lagern und Autorit\u00e4ten nach 1989 einer solchen, sozusagen enthemmten Streitlust zugutekommen k\u00f6nnen, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Warum ist das so? Und was k\u00f6nnte es f\u00fcr Gr\u00fcnde haben? Jenseits von verschulter Universit\u00e4t und akademischem bottle-neck?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Eine Antwort auf diese Frage h\u00f6rt man in j\u00fcngster Zeit besonders h\u00e4ufig. Die Hemmungen seien nichts anderes als der Niederschlag der auch hierzulande grassierenden political correctness! Sie sei verantwortlich f\u00fcr die beobachtete Bei\u00dfhemmung; es traue sich ja keiner mehr, den Mund aufzumachen. Dazu w\u00e4re nun viel zu sagen: \u00fcber die Urspr\u00fcnge von political correctness in den (fraglos segensreichen!) Kanondebatten an kalifornischen Universit\u00e4ten Anfang der 80er Jahre, \u00fcber die Transformation dieser Anf\u00e4nge in den hate speech-Diskussionen bis zur gegenw\u00e4rtigen rein subjektiven Befindlichkeitsdoktrin, die mit politischer Ausgrenzung bestimmter Gruppen kaum noch etwas zu tun hat. Und vor diesem US-amerikanischen Hintergrund w\u00e4re \u00fcber die deutsche Rezeption der political correctness zu sprechen &#8230; und dabei auch zynisch anzumerken, dass es mit ihrem Einfluss nicht so weit her sein kann, wenn Unternehmen eine Quote brauchen und die Anzahl der Frauen in leitenden Positionen an der Universit\u00e4t immer noch zu gering ist. Des Weiteren w\u00e4re darauf zu verweisen, wie rechts- oder linksextreme Gruppen political correctness seit einiger Zeit f\u00fcr ihre Zwecke nutzen. Der \u203aM\u00fcnkler-Watch\u2039 auf der einen Seite und die Kritik an political correctness im rechten Spektrum auf der anderen Seite w\u00e4ren Beispiele f\u00fcr die h\u00f6chst fragw\u00fcrdige Instrumentalisierung eines Begriffs, bei dem es einmal um Aushandlung gesellschaftlicher Heterogenit\u00e4t und Machtunterschiede ging. Das reicht vielleicht schon, um anzudeuten, dass political correctness keine stichhaltige Begr\u00fcndung f\u00fcr Streitunlust ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ein anderer auch gerne gebuchter S\u00fcndenbock ist die Theoriebildung unserer F\u00e4cher. Mit der Theorie,\u00a0 von der kritischen Theorie bis zu Theorien poststrukturalistischer Provenienz, h\u00e4tten wir uns systematisch s\u00e4mtliche \u00c4ste abges\u00e4gt, auf denen wir vordem sa\u00dfen: die \u203aTheorie\u2039 h\u00e4tte den Kanon abgeschafft, das Subjekt, die Literatur, den Leser, den Sinn, die Kritik, den Streit. Wir h\u00e4tten es also mit selbstverschuldeter Hemmung und Lahmlegung zu tun. Diese Behauptung zeugt von ma\u00dfloser \u00dcbersch\u00e4tzung theoretischer Diskurse und ihrer Effekte. Schon vor Jahren hie\u00df es beim US-amerikanischen Literaturwissenschaftler und Theoretiker Jonathan Culler: \u00bbTheorie ist verbunden mit dem Wunsch nach Beherrschung: man hofft, dass die Lekt\u00fcre theoretischer Texte einem die Konzepte zur Verf\u00fcgung stellt, mit denen sich die f\u00fcr einen wichtigen Ph\u00e4nomene organisieren und verstehen lassen. Aber Theorie macht Beherrschung unm\u00f6glich, nicht allein deshalb, weil es stets noch mehr zu wissen gibt, sondern auch, weil, konkreter und schmerzhafter, die Theorie selbst immer wieder ihre vermeintlichen Ergebnisse und Pr\u00e4missen in Frage stellt. \u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Was dabei herauskommt, wenn man eine \u00dcberdosis Theorie f\u00fcr allgemeine L\u00e4hmung verantwortlich zu machen sucht, konnte man vor zwei Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nachlesen. Unter dem unmissverst\u00e4ndlichen Titel \u00bbGegen Kritik\u00ab f\u00fchrte der Literaturwissenschaftler Armen Avanessian etwas umst\u00e4ndlich aus, dass die theoretisch (bei Foucault, Adorno, Bourdieu u.a.) erarbeitete Komplizenschaft jeder Kritik mit dem, was sie kritisiert, einen fatalen Automatismus gezeitigt habe. Jeder Streit sei dazu verurteilt, von der Norm absorbiert zu werden, die zu kritisieren und zu \u00e4ndern er urspr\u00fcnglich angetreten sei. Wenn dabei bessere Normen herauskommen, w\u00e4re das ja eigentlich kein Problem. Aber der Autor glaubt in der stets aufs Neue entt\u00e4uschten Erwartung fundamentaler \u00c4nderung eine Eigendynamik des Wissenssystems in soziologischer Perspektive ausmachen zu k\u00f6nnen. Kritik sei unter diesen Bedingungen nichts als eine\u00a0 Nobilitierungsstrategie, bei der es um Distinktionszuwachs des Einzelnen, um Aufmerksamkeitsgewinn und kulturelles Kapital, um Posten, Karrieren, Drittmittel gehe. \u2013 Eine derart streitbare meta- oder hyperkritische \u00dcberbietung des Elends der Kritik hat freilich ihre eigenen T\u00fccken. Hinter die Einsicht, dass Kritik Affirmation oder in der Terminologie des Artikels, Komplizenschaft mit Macht voraussetzt, will der Autor mit gutem Recht nicht zur\u00fcckfallen (zumal das ja den Umkehrschluss zul\u00e4sst, dass jede Operation einer Macht auch kritische Gegenm\u00e4chte auf den Plan ruft). Aber der leidenschaftlich vorgebrachte Vorschlag, \u00bbdiese Verstricktheit zu nutzen, um eine Bresche in die Zukunft zu schlagen\u00ab greift leider etwas zu kurz, ja, er hat eigentlich keine Chance: Denn die Attacke \u203agegen Kritik\u2039 fiel derart bissig und kategorisch aus, dass die verhei\u00dfungsvollen Breschen in die Zukunft sozusagen auf der Strecke bleiben mussten, weil der Leser ja gelernt hat, Kritik an der Kritik als Nobilitierungsstrategie zu inkriminieren:\u00a0 Operation erfolgreich, Patient tot. Prinzipielle \u00dcberbietung ist keine gute Idee.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Und einen letzten gerne angef\u00fchrten Begr\u00fcndungszusammenhang f\u00fcr das, was als intellektuelle Beissunlust wahrgenommen wird, m\u00f6chte ich nennen. Er bietet sich umso eher an, als niemand ihn bestreiten w\u00fcrde oder k\u00f6nnte. Die entsprechende Formel lautet: \u00dcberforderung durch enormen Komplexit\u00e4tszuwachs in einer sich immer rascher und gr\u00fcndlicher wandelnden Welt &#8230; . Mit einem milit\u00e4rischen Ausdruck: <em>vuca:<\/em> volatile, uncertain, complex, ambiguous. Im IT-Bereich, wo diese Abk\u00fcrzung schon l\u00e4nger heimisch ist, spricht man auch von \u203adigital disruption\u2039. Wenn das die neuen Fundamentalartikel sind, das ehemals Bestreitbare nun tats\u00e4chlich das schlechthin Unbestreitbare geworden sein sollte, dann gibt es nichts zu streiten und auch gar keine mehr Zeit dazu. \u2013 Und genau da m\u00fcsste man, m\u00fcssten wir, m\u00fcssten die Geisteswissenschaften streitbar ansetzen: bei der hilflosen und heillosen Selbstauslieferung an einen sich scheinbar autonom vollziehenden Wandel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Vielleicht sollten Geistes- und Kulturwissenschaftler sich den Schuh der Streitunlust gar nicht erst anziehen. Jedenfalls nicht auf der Ebene des Grunds\u00e4tzlichen, die wir, leider, immer auch mitbedienen, wenn wir einen neuen turn ausrufen oder uns prinzipiell dar\u00fcber streiten, ob wir streitunwillig sind oder nicht. Wir sollten uns weniger um uns selbst und mehr um Gegenst\u00e4nde k\u00fcmmern. Zu streiten und zu bestreiten gibt es sehr viel, zum Beispiel die Geschichten des Streitens, aber auch die dominanten Beschreibungen des technologischen Wandels. Ein an konkreten Gegenst\u00e4nden orientierter Streit kann seit der Aufkl\u00e4rung und au\u00dferhalb der Normwissenschaften immer auch auf Unbestreitbares oder bislang Unbestrittenes ausgreifen und Rahmenbedingungen in Frage stellen. Aber umgekehrt geht es nicht. Prinzipiendebatten ohne Gegenst\u00e4nde bringen wenig. Das braucht man gelegentlich auch, aber nicht im \u00dcberma\u00df, und schon gar nicht zum jetzigen Zeitpunkt, da\u00a0 &#8230;\u00a0 an diesem Wochenende jemand als 45. Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten eingeschworen wurde, der weder Prinzipien noch Spielregeln kennt, von deren Unterschied ganz zu schweigen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: Streit und Spiel, in: ZfL BLOG, 24.1.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/24\/eva-geulen-streit-und-spiel\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/24\/eva-geulen-streit-und-spiel\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170124-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170124-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170124-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/24\/eva-geulen-streit-und-spiel\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"STREIT UND SPIEL\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Geulen\",\n    \"givenName\": \"Eva\",\n    \"familyName\": \"Geulen\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-3700-1661\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2017-01-24\",\n  \"datePublished\": 2017,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von den vielen Vorw\u00fcrfen an die Adresse der Geisteswissenschaften trifft derjenige ins Herz unserer F\u00e4cher, der behauptet, dass wir das Streiten verlernt haben und diskussionsm\u00fcde den Konsens suchen. 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