{"id":232,"date":"2017-01-30T11:00:11","date_gmt":"2017-01-30T09:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=232"},"modified":"2025-03-04T16:13:26","modified_gmt":"2025-03-04T14:13:26","slug":"claude-haas-verstoerungen-neue-publikationen-zum-fall-hans-robert-jauss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/30\/claude-haas-verstoerungen-neue-publikationen-zum-fall-hans-robert-jauss\/","title":{"rendered":"Claude Haas: VERST\u00d6RUNGEN. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jau\u00df"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Hauptsturmf\u00fchrer und Ordenstr\u00e4ger<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Zu leugnen gibt es schon seit \u00fcber zwanzig Jahren nichts mehr. Hans Robert Jau\u00df, der vielleicht bedeutendste, ganz sicher aber der wirkm\u00e4chtigste deutsche Romanist nach 1945 war ein hoch dekoriertes Mitglied der Waffen-SS. Im Auftrag der Universit\u00e4t Konstanz, zu deren Gr\u00fcndungsprofessoren Jau\u00df 1966 geh\u00f6rte, hat der Potsdamer Milit\u00e4rhistoriker <a href=\"https:\/\/www.k-up.de\/9783835390829-jens-westemeier-hans-robert-jauss1.html\">Jens Westemeier<\/a> vor einigen Monaten eine umfassend dokumentierte Studie \u00fcber seine Nazikarriere, seine Gefangenschaft und seinen sp\u00e4teren Umgang mit der eigenen Vergangenheit nach 1945 vorgelegt (<em>Hans Robert Jau\u00df. Jugend, Krieg und Internierung<\/em>, Konstanz University Press, 2016). Jau\u00df\u2019 SS-Biographie ist nun also geradezu amtlich.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Fest steht: Jau\u00df war nicht jener kleine und durchschnittliche \u203aMitl\u00e4ufer\u2039, als der er aufgrund manifester Falschaussagen 1948 \u203aentlastet\u2039 wurde, als den er sich vermutlich selbst zeit seines Lebens sah und als den einige seiner Sch\u00fcler ihn bis heute sehen wollen. Jau\u00df war bis 1945 ein militanter Faschist. Vorbildlich einsetzbar sowohl im \u203aWeltanschauungsunterricht\u2039 als auch an der Front. Beteiligt waren die Einheiten, denen er jeweils angeh\u00f6rte, insbesondere an der Blockade Leningrads und an der so genannten Partisanenbek\u00e4mpfung in Kroatien.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Jau\u00df wusste sich zu \u203abew\u00e4hren\u2039. Mit nur 23 Jahren durfte er sich bereits \u203aSS-Hauptsturmf\u00fchrer der Reserve\u2039 nennen. Einen j\u00fcngeren SS-Mann in dieser Position konnte Westemeier nicht ausfindig machen. Dar\u00fcber hinaus war Jau\u00df Tr\u00e4ger zahlreicher Orden, zu denen u.a. das \u203aDeutsche Kreuz in Gold\u2039 und das \u203aEiserne Kreuz 1. Klasse\u2039 geh\u00f6rten. Wenn ihm von den hohen Nazi-Auszeichnungen allein das \u203aRitterkreuz\u2039 vorenthalten blieb, d\u00fcrfte dies eher an internen Macht- und Grabenk\u00e4mpfen der Waffen-SS als an einer fehlenden ideologischen oder \u203acharakterlichen\u2039 Eignung gelegen haben, wie Westemeier \u00fcberzeugend mutma\u00dft.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Kriegsverbrecher?<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auf Mutma\u00dfungen sieht sich der Historiker relativ oft zur\u00fcckgeworfen. Seine Studie ist akribisch recherchiert, sie zeugt von einer stupenden Kenntnis der Geschichte der Waffen-SS und sie gleitet nicht in die heute wohlfeile Diktion einer wissenschaftlichen Enth\u00fcllungs- oder Entr\u00fcstungsprosa ab. Allerdings versucht Westemeier auch nicht zu rechtfertigen, wo es zu rechtfertigen nichts gibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Und doch. Einschl\u00e4giges Material, das Jau\u00df, wie man sagt, \u203adirekt\u2039 kompromittiert, hat er nicht allzu viel ausgraben k\u00f6nnen und solches d\u00fcrfte auch kaum mehr auszugraben sein. So hat Jau\u00df etwa seine Briefe von der Front in den 1990er Jahren in seinem Gartengrundst\u00fcck am Bodensee verbrannt, so wie er im Rahmen zumindest der \u00f6ffentlichen Aufkl\u00e4rung seiner Vergangenheit \u00fcberhaupt eine erb\u00e4rmliche Figur abgegeben hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auf die politischen \u00dcberzeugungen wie auf die milit\u00e4rischen und aus heutiger Perspektive\u00a0 sicher auch kriminellen Operationen von Jau\u00df kann Westemeier in der Regel folglich allein aus seinen Verantwortungsbereichen, Dienstgraden und der den jeweiligen Truppenstandort dokumentierenden Aktenlage schlie\u00dfen. Grunds\u00e4tzlich tut er dies mit gro\u00dfer Umsicht, mitunter wirft seine Studie aber auch systematische Probleme auf. Zu der Frage, ob Jau\u00df denn nun als \u00bbKriegsverbrecher\u00ab anzusehen sei, h\u00e4lt der Autor fest:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbEine individuelle Tatbeteiligung [etwa an Massenerschie\u00dfungen in Kroation, CH] kann mit Dokumenten nicht belegt werden. Ein forensischer Beweis muss nach 70 Jahren ausbleiben. Individuelle Tatbeteiligungen sind \u00fcberhaupt nur in sehr seltenen, exzeptionellen F\u00e4llen nachweisbar. Von der Beteiligung an und vom Wissen um Verbrechen muss umgekehrt in allen \u203aNormalf\u00e4llen\u2039 in diesen Kontexten ausgegangen werden. Durch seine Funktion als Kompanief\u00fchrer trug Jau\u00df Mitverantwortung an den Verbrechen des Bataillons, dem seine Kompanie angeh\u00f6rte. Es ist v\u00f6llig ausgeschlossen, dass er als Kompanie- und Marschgruppenf\u00fchrer im Einsatz von den Verbrechen keine Kenntnis hatte. Sein Mitwirken am Tatort macht Jau\u00df nach neuer Rechtsprechung (\u203afunktionelle Mitt\u00e4terschaft\u2039) zu einem Kriegsverbrecher.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Diese Einsch\u00e4tzung mag v\u00f6llig korrekt sein. Streng genommen geht es hier aber nicht mehr um wissenschaftliche Ermessensfragen. Ob Jau\u00df ein \u203aKriegsverbrecher\u2039 war, k\u00f6nnte verbindlich allein von einem zust\u00e4ndigen Gericht gekl\u00e4rt werden. Und da ein solches nach seinem Tod nicht mehr t\u00e4tig werden kann, muss diese \u2013 durchaus entscheidende \u2013 Frage wohl oder \u00fcbel offen bleiben.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00bbTreuer Korpsgeist\u00ab auch nach 1945<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wie Westemeier pr\u00e4gnant feststellt, war Jau\u00df \u00bbauch in seiner zweiten Karriere niemals Mitl\u00e4ufer\u00ab. Als Mitbegr\u00fcnder der \u203aKonstanzer Schule\u2039, der \u203aPoetik und Hermeneutik\u2039-Gruppe und der Rezeptions\u00e4sthetik gab er wissenschaftlich wie institutionell jahrzehntelang den Ton an. Angesichts dieses gewaltigen und bis heute nachhallenden Erfolgs stellt sich fast zwangsl\u00e4ufig die Frage nach einem potenziellen Fortwirken der \u203aWaffen-SS\u2039 in Jau\u00df\u2019 wissenschaftlicher Laufbahn.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In der Annahme, dass Jau\u00df zumindest auf organisatorischer und institutioneller Ebene \u00fcber Eigenschaften verf\u00fcgte, die mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit seiner SS-Zeit entstammen, herrscht derzeit beinahe schon Konsens. So spricht sein abtr\u00fcnniger Meistersch\u00fcler <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/15\/Hans-Robert-Jauss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hans Ulrich Gumbrecht<\/a>, der die Jau\u00df-Debatte 2011 \u00fcber einen <em>ZEIT<\/em>-Artikel \u00fcberhaupt erst wieder neu ins Rollen gebracht hatte, ausdr\u00fccklich vom \u00bbtreuen Korpsgeist\u00ab des Professors, der \u00bbmindestens zw\u00f6lf\u00ab seiner Assistenten auf romanistischen Lehrst\u00fchlen platzieren konnte <em>(Mein Lehrer, der Mann von der SS, <\/em>Nr. 15, 7. 4. 2011, S. 62)<em>.<\/em> An den Umstand, dass Jau\u00df\u2019 Tagungs- und Colloquialstil auf \u00bbKampf und Sieg\u00ab ausgerichtet war, sowie an seine eiserne \u00bbDisziplin\u00ab und ungetr\u00fcbte \u00bbMannschafts\u00ab-Gl\u00e4ubigkeit, erinnerte j\u00fcngst selbst <a href=\"https:\/\/volltext.merkur-zeitschrift.de\/article\/mr_2016_06_0079-0086_0079_01\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hannelore Schlaffer<\/a> in einer den Romanisten \u2013 dennoch \u2013 respektvoll w\u00fcrdigenden \u00bbkleinen Apologie\u00ab <em>(Hans Robert Jau\u00df. Kleine Apologie<\/em>, Merkur Nr. 805, Juni 2016, S. 79-86).\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Sp\u00e4testens nach der Studie von Westemeier l\u00e4sst sich Jau\u00df nicht mehr unvoreingenommen betrachten. \u00bbKein einziger Gedanke an diesen Mann\u00ab, so Schlaffer ganz richtig, d\u00fcrfe heute mehr \u00bbunschuldig\u00ab sein. Gleichwohl oder gerade deshalb muss man sich fragen, ob die Behauptung einer subkutanen Kontinuit\u00e4t zwischen dem SS-Mann Jau\u00df und dem Professor Jau\u00df grundlegende Irritationen, die sich in seinem \u203aFall\u2039 verdichten, nicht eher zu entsch\u00e4rfen droht, als dass sie sich solchen konsequent stellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Denn alles in allem ist die Vorstellung, dass ein \u00fcberzeugter und exponierter Nazi in offenbar k\u00fcrzester Zeit zu einem ebenso \u00fcberzeugten und exponierten Demokraten mutieren konnte, viel beunruhigender als jedes Kontinuit\u00e4tsnarrativ. Liegt das eigentlich Verst\u00f6rende an Jau\u00df nicht vielleicht daran, dass er <em>tats\u00e4chlich<\/em> einen vollst\u00e4ndigen ideologischen Bruch mit seiner Vergangenheit vollziehen konnte, w\u00e4hrend er sich ausgerechnet habituell in einem seit den sp\u00e4ten 60er Jahren emphatisch \u203aanti-autorit\u00e4ren\u2039 akademischen Milieu weitgehend treu bleiben durfte? Waren seine Talente ideologisch also m\u00f6glicherweise genauso neutral und genauso beliebig anschlussf\u00e4hig wie sein totalit\u00e4rer F\u00fchrungsstil? Und was hei\u00dft das eigentlich f\u00fcr unser Konzept von Identit\u00e4t? Politisch approbiert wird Identit\u00e4t im intellektuellen Diskurs schon seit geraumer Zeit nur noch als diskontinuierliche und plurale Gr\u00f6\u00dfe. Aber vielleicht nur dann, wenn nicht allzu viel auf dem Spiel steht?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00bbMilit\u00e4rische Metaphorik\u00ab<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es sind keineswegs solche Fragen, die <a href=\"http:\/\/www.kulturverlag-kadmos.de\/buch\/der-fall-jauss.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ottmar Ette<\/a> ins Zentrum seines Buches \u00fcber den \u00bbFall Jau\u00df\u00ab stellt (<em>Der Fall Jau\u00df. Wege des Verstehens in eine Zukunft der Philologie<\/em>, Berlin, Kulturverlag Kadmos, 2016). Ette kommt das Verdienst zu, die Debatte auf ein neues Niveau gehoben, oder ihr zumindest einen anderen Dreh verliehen zu haben. Er sucht nach den Spuren von Jau\u00df\u2019 SS-Vergangenheit vornehmlich in dessen \u203awissenschaftlichem Stil\u2039.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Vom Ansatz her hat dies den Vorteil, dass Ette die Frage nach dem Nachleben der \u203aWaffen-SS\u2039 beim \u203awissenschaftlichen\u2039 Jau\u00df nicht auf institutionelle oder biographische Dimensionen beschr\u00e4nken muss, dass er zugleich aber auch der umgekehrten Gefahr einer vorschnellen Identifikation von NS-Vergangenheit und literaturwissenschaftlicher Theoriebildung entgeht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Denn Ette ist erkl\u00e4rterma\u00dfen nicht daran gelegen, die gesamte Jau\u00df\u2019sche Rezeptions\u00e4sthetik unter Faschismus-Verdacht zu stellen. So f\u00e4llt seine Studie denn auch dort am schw\u00e4chsten aus, wo er diese selbst auferlegte Zur\u00fcckhaltung am deutlichsten aufgibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das gilt vor allem f\u00fcr seine Untersuchung von Jau\u00df\u2019 \u00bbmilit\u00e4rischer Metaphorik\u00ab. Jau\u00df begebe sich in seinen Schriften stets aufs Neue in einen \u00bbunbedingten Angriffsmodus\u00ab, er erhebe einen \u00bbF\u00fchrungsanspruch des eigenen Ansatzes\u00ab, setze metaphorisch \u00bbWaffen\u00ab gegen seine \u00bbWidersacher\u00ab ein und \u00bbersticke\u00ab auf diese Art die f\u00fcr die eigene Literaturtheorie zentrale Kategorie der \u203aDialogizit\u00e4t\u2039 \u00bbim Keim\u00ab. Ette legt einen hermeneutisch denkbar gro\u00dfz\u00fcgigen Umgang mit Jau\u00df\u2019 \u203amilit\u00e4rischer Metaphorik\u2039 an den Tag. Er schl\u00e4gt dieser sowohl die Jau\u00df\u2019sche Begabung zur wissenschaftlichen \u203aNetzwerk\u2039-Bildung als auch den im Mittelpunkt seiner ber\u00fchmten Antrittsvorlesung stehenden Begriff der \u203aProvokation\u2039 zu.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das hei\u00dft weit \u00fcber\u2019s Ziel hinaus schie\u00dfen. Abgesehen davon, dass \u203aNetzwerke\u2039 und \u203aProvokationen\u2039 nicht vornehmlich dem Bereich des Milit\u00e4rs angeh\u00f6ren und abgesehen auch davon, dass eine \u00bbmilit\u00e4rische Metaphorik\u00ab selbst bei Jau\u00df nicht unmittelbar mit der Waffen-SS gleichgesetzt werden darf, erhebt erst einmal <em>jede <\/em>wissenschaftliche Theorie einen \u00bbF\u00fchrungsanspruch des eigenen Ansatzes\u00ab. Speziell auf die Rezeptions\u00e4sthetik bezogen hei\u00dft dies u.a., dass \u203aDialogizit\u00e4t\u2039 kein Synonym f\u00fcr Beliebigkeit ist und dass sie sich folglich nicht erst dadurch unter Beweis stellen kann, divergierende wissenschaftliche Meinungen und Positionen dem eigenen \u00bbAnsatz\u00ab gegen\u00fcber als prinzipiell gleichrangig auszuweisen. Wie k\u00f6nnte in dieser Logik eigentlich eine wissenschaftliche Theoriebildung aussehen, die sich strukturell <em>nicht <\/em>von der Waffen-SS herleiten lie\u00dfe?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00bbKryptographisches Schreiben\u00ab<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wesentlich subtiler fallen Ettes Untersuchungen einer zweiten gro\u00dfen stilistischen und argumentativen Schicht aus, die von den Figuren des \u00bbVerschweigens\u00ab, der \u00bbVerstellung\u00ab und der \u00bbVerdr\u00e4ngung\u00ab organisiert werde. Hier geht es also nicht um den vermeintlichen Fortbestand ideologischer oder habitueller Z\u00fcge in einem tendenziell kraftmeierischen Bildfeld, sondern um die \u00fcberaus diskrete oder verdruckste Befragung der eigenen Vergangenheit unter der Tarnkappe der literarischen Interpretation. Im Mittepunkt von Ettes Analyse stehen dabei die Aufs\u00e4tze aus Jau\u00df\u2019 sp\u00e4tem Band <em>Wege des Verstehens.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Jau\u00df pflege hier \u00fcber weite Strecken ein \u00bbkryptographisches Schreiben\u00ab, das die eigene SS-Zugeh\u00f6rigkeit gerade dort thematisiere, wo sie bewusst verschwiegen werde, wo sie sich im Akt des Verschweigens paradoxerweise jedoch stets vernehmen lasse. Ette spricht anschaulich von einer \u00bbopaken Transparenz\u00ab vieler Jau\u00df\u2019scher Texte und in sensiblen Lekt\u00fcren seiner Ausf\u00fchrungen etwa zum Problem der Aufrichtigkeit in der <em>Princesse de Cl\u00e8ves <\/em>oder zu der Wendung <em>Tout comprendre, c\u2019est tout pardonner <\/em>legt er sehr sch\u00f6n offen, dass sich Jau\u00df der Frage nach der eigenen Vergangenheit grunds\u00e4tzlich in dem Ma\u00dfe gestellt zu haben scheint, wie er sie gerade unstellbar zu machen versuchte. Zwar tauche das Problem der eigenen Verantwortung zwischen den Zeilen mitunter fast schon penetrant auf, doch werde es im gleichen Atemzug verstellt, verschoben, verallgemeinert oder schlechterdings verdreht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Eine tiefe oder \u203aauthentische\u2039 intellektuelle und ethische Unruhe gesteht Ette Jau\u00df dabei nicht zu, denn Jau\u00df habe gerade in solchen Kontexten stets eine \u00bbmoralisch \u00fcberlegene und zugleich moralisierende Position\u00ab bezogen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Aber sind Jau\u00df\u2019 Schriften damit schon mitdiskreditiert? Ette suggeriert dies zumindest, wenn er feststellt, durch \u00bbdiese Art der Philologie\u00ab werde Literatur \u00bbmi\u00dfbraucht\u00ab. Und diesen Nachweis kann er in der Tat v\u00f6llig \u00fcberzeugend f\u00fchren. Literatur war Jau\u00df pers\u00f6nlich offenbar ein Medium nicht nur der Aufkl\u00e4rung oder Selbstreflexion, sondern ein Medium immer auch der mehr oder weniger geschickten Verschleierung der eigenen historischen Verantwortung. Bestenfalls noch ein Sedativ. Und dies wohlgemerkt nicht in seinem privaten Konsum literarischer Texte, sondern im Kern seiner wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Nur wird seine Forschung von diesem Problem systematisch letzten Endes nicht ber\u00fchrt. Was Ette als Jau\u00df\u2019 \u203awissenschaftlichen Stil\u2039 analysiert, bleibt dem wissenschaftlichen Erkenntnispotenzial von Jau\u00df\u2019 Studien jedenfalls merkw\u00fcrdig \u00e4u\u00dferlich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dazu nur ein Beispiel, das urspr\u00fcnglich nicht von Ette, sondern von Gumbrecht in die Debatte eingebracht wurde. Zu den vielleicht spektakul\u00e4rsten Erkenntnissen bereits seiner Proust-Dissertation von 1955 z\u00e4hlte Jau\u00df\u2019 narratologische Unterscheidung zwischen \u00bberinnertem\u00ab und \u00bberinnerndem Ich\u00ab und die Feststellung, dass ersteres letzteres auch am Ende des Proust\u2019schen Romans nicht ganz einholen k\u00f6nne. Diese Entdeckung d\u00fcrfte ma\u00dfgeblich biographisch motiviert gewesen sein. Die Vorstellung, dass erinnertes und erinnerndes Ich keine Einheit eingehen k\u00f6nnen, irritierte zwar das Bild einer tiefen \u00e4sthetischen Geschlossenheit und perfekten Zyklik des Proust\u2019schen Romans \u2013 f\u00fcr einen ehemaligen SS-Mann hingegen muss dieselbe Vorstellung ein fulminantes Versprechen gewesen haben. Das erinnerte Ich konnte dem erinnernden damit nie ganz auf die Pelle r\u00fccken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Nur \u00e4ndert all das \u2013 man m\u00f6chte sagen leider \u2013 nicht das Geringste an der Tragf\u00e4higkeit von Jau\u00df\u2019 Proust-Lekt\u00fcre. Seine Erkenntnisse m\u00f6gen skandal\u00f6sen biographischen Interessen entsprungen und sie m\u00f6gen von Fall zu Fall sogar sorgf\u00e4ltig auf solche abgestimmt worden sein. Aber Jau\u00df verstand sich wie kaum ein zweiter darauf, beide Bereiche auch wieder strikt zu trennen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Mit Bezug auf seine SS-Vergangenheit lassen sich bestimmte Dimensionen des Jau\u00df\u2019schen Werks neu oder anders perspektivieren, aber man dringt damit kaum zu seinem epistemologischen oder ideologischen Kern vor. Der bundesrepublikanische Professor Jau\u00df war ein herausragender Wissenschaftler und zumindest in seinen Schriften ein eingefleischter Demokrat, so wie der SS-Mann Jau\u00df ein herausragender Hauptsturmf\u00fchrer und ein eingefleischter Nazi gewesen war. Die Vorstellung einer latenten politischen Koh\u00e4renz zwischen seinen beiden Wirkungssph\u00e4ren t\u00e4uscht leicht \u00fcber die intellektuellen Zumutungen hinweg, vor die uns sein \u203aFall\u2039 bis heute stellt. Gerade in seiner tendenziellen Exemplarit\u00e4t d\u00fcrfte dieser f\u00fcr eine Einsch\u00e4tzung der fr\u00fchen bundesrepublikanischen Demokratie nicht unerheblich sein. Deren Erfolg w\u00e4re ohne die Mitwirkung alter Nazis in dieser Form wohl gar nicht denkbar gewesen; und die seit 1968 geradezu fl\u00e4chendeckend florierenden Kontinuit\u00e4tsunterstellungen insbesondere zwischen Adenauer-\u00c4ra und NS trugen wom\u00f6glich dazu bei, diese Ungeheuerlichkeit im gesellschaftlichen Bewusstsein zu marginalisieren. \u203aOpportunisten\u2039 oder verkappten Nazis wird man ethisch allemal besser Herr als ideologisch gel\u00e4uterten Sturmf\u00fchrern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das Verst\u00f6rende am Wissenschaftler Jau\u00df besteht nicht darin, dass seine Texte elementar vom NS infiziert w\u00e4ren. Das Verst\u00f6rende besteht darin, dass sie das nicht sind.<\/span><\/p>\n<p><em><span class=\"text\" style=\"color: #e63200; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der Germanist <\/span><a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/haas.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><span class=\"text\" style=\"color: #e63200; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Claude Haas<\/span><\/a><span class=\"text\" style=\"color: #e63200; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"> leitet seit 2017 am ZfL das Forschungsprojekt <a style=\"color: #e63200;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/theoriebildung-im-medium-von-wissenschaftskritik.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik<\/a>.\u00a0 <\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Claude Haas: Verst\u00f6rungen. Neue Publikationen zum Fall Hans Robert Jau\u00df, in: ZfL BLOG, 30.1.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/30\/claude-haas-verstoerungen-neue-publikationen-zum-fall-hans-robert-jauss\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/30\/claude-haas-verstoerungen-neue-publikationen-zum-fall-hans-robert-jauss\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170130-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170130-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170130-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/30\/claude-haas-verstoerungen-neue-publikationen-zum-fall-hans-robert-jauss\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"VERST\u00d6RUNGEN. 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Im Auftrag der Universit\u00e4t Konstanz, zu deren Gr\u00fcndungsprofessoren Jau\u00df 1966 geh\u00f6rte, hat der Potsdamer Milit\u00e4rhistoriker Jens Westemeier vor einigen <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/30\/claude-haas-verstoerungen-neue-publikationen-zum-fall-hans-robert-jauss\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,19],"tags":[45,41,38,42,44,43],"class_list":["post-232","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ad-hoc","category-lektueren","tag-biographie","tag-hans-robert-jauss","tag-literatur","tag-literaturwissenschaft","tag-militaer","tag-nationalsozialismus"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/232","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=232"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/232\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3698,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/232\/revisions\/3698"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=232"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}