{"id":2422,"date":"2022-01-03T10:05:40","date_gmt":"2022-01-03T08:05:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2422"},"modified":"2025-02-28T17:48:28","modified_gmt":"2025-02-28T15:48:28","slug":"petra-boden-ambivalenzen-des-zwischenraums-ein-nachruf-auf-rainer-rosenberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/01\/03\/petra-boden-ambivalenzen-des-zwischenraums-ein-nachruf-auf-rainer-rosenberg\/","title":{"rendered":"Petra Boden:\u00a0AMBIVALENZEN DES ZWISCHENRAUMS. Ein Nachruf auf Rainer Rosenberg"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><span style=\"color: #e63348;\"><em>Als das ZfL 1996 unter dem Namen Zentrum f\u00fcr Literaturforschung seine Arbeit aufnahm, geh\u00f6rte der j\u00fcngst verstorbene <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/rosenberg.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rainer Rosenberg<\/a> zu den ersten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Bis zu seiner Pensionierung 2001 leitete er das Projekt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/geschichte-der-deutschen-literaturwissenschaft-seit-1945.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft seit 1945 \u2013 Ver\u00e4nderungen des Literaturbegriffs<\/a>\u00ab, an dem auch Petra Boden mitarbeitete. In ihrem Nachruf erinnert sie an einen in der DDR sozialisierten Germanisten, der besonders mit seinen Arbeiten zur Literatur des Vorm\u00e4rz und zur Geschichte der Germanistik bekannt geworden ist.<\/em><\/span><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die akademische Karriere von Rainer Rosenberg (24.4.1936 \u2013 30.11.2021) begann erst, als viele Angeh\u00f6rige seiner Generation l\u00e4ngst auf den germanistischen Lehrst\u00fchlen sa\u00dfen, die Ende der 1950er Jahre in der DDR frei geworden waren, weil ihre einstigen Inhaber sich ihre Zukunft nur noch an westdeutschen Universit\u00e4ten hatten vorstellen k\u00f6nnen. Rosenberg f\u00fchrte es hingegen an die Akademie der Wissenschaften in Berlin, wo er sich 1965 erfolgreich bei der Arbeitsstelle Georg Herwegh am dortigen Institut f\u00fcr deutsche Sprache und Literatur beworben hatte. Unter der Leitung des Remigranten Bruno Kaiser sollte sie zu einer Forschungsstelle f\u00fcr sozialistische Literatur ausgebaut werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bereits als Sch\u00fcler hatte Rosenberg sich einem leidenschaftlichen Interesse f\u00fcr Geschichte, Literatur und Sprachen verschrieben. Russisch und Englisch beherrschte er schnell; entsprechende Kenntnisse des Franz\u00f6sischen hatte er sich als Autodidakt angeeignet, so dass er schon fr\u00fch die gro\u00dfen Werke der Weltliteratur im Original lesen konnte. H\u00e4tte es an der Jenaer Universit\u00e4t eine Komparatistik gegeben, h\u00e4tte er sich sicher daf\u00fcr immatrikuliert. So aber fiel die Wahl des 17-J\u00e4hrigen 1953 auf das Fach Germanistik. Trotz des engen Studienplans besuchte er regelm\u00e4\u00dfig auch Seminare und Vorlesungen in Geschichte, Kunstgeschichte und Slawistik. Sein Lehrer Joachim M\u00fcller bemerkte fr\u00fch die Begabung des ehrgeizigen Studenten. In der Staatsexamensarbeit, die Rosenberg \u00fcber Gerhart Hauptmanns Atriden-Tetralogie geschrieben hatte, erkannte M\u00fcller ein \u00fcberdurchschnittliches Potenzial an philologischem Sachverstand. Er gab nur wenige Hinweise zur \u00dcberarbeitung und nahm die Arbeit 1957 als Dissertation an. Damit h\u00e4tte dem erst 21-J\u00e4hrigen eigentlich der Wechsel auf eine Stelle als Assistent seines Doktorvaters offen gestanden \u2013 wenn ihm nicht die Politik dazwischengekommen w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">1955 hatten seine Eltern zusammen mit den j\u00fcngeren Geschwistern der DDR den R\u00fccken gekehrt und lebten in der Bundesrepublik. Rainer blieb \u2013 wegen seiner zuk\u00fcnftigen Frau Johanna, aber auch wegen der Distanz, die er zur politischen Realit\u00e4t der fr\u00fchen Bundesrepublik empfand. Allerdings wurde ihm das Stipendium gestrichen. Nur dem Einsatz von Joachim M\u00fcller war es zu verdanken, dass diese Sanktion zur\u00fcckgenommen wurde. Dagegen, dass Rosenberg bei den politisch engagierten Studenten und Lehrkr\u00e4ften nicht gut angesehen war, konnte jedoch auch M\u00fcller nichts ausrichten. Neben Hans Mayer der einzige \u203ab\u00fcrgerliche\u2039 Germanist, der noch an einer Universit\u00e4t in der DDR lehrte, war M\u00fcller dem orthodoxen Marxisten und linientreuen SED-Mitglied Georg Mende, Prorektor f\u00fcr Gesellschaftswissenschaften, l\u00e4ngst selbst ein Dorn im Auge. Mende lie\u00df keine Gelegenheit ungenutzt, M\u00fcller mit ideologischen Kampagnen unter Druck zu setzen und war ohnehin daf\u00fcr verantwortlich, dass der politische Druck auf Lehrpersonal und Studenten der Universit\u00e4t Jena um einiges schwerer lastete als an anderen Hochschulen in der DDR. Aus der Distanz zu den in Jena besonders aktiven SED-Anh\u00e4ngern unter seinen Kommilitonen hat Rosenberg trotzdem kein Geheimnis gemacht und sich Gleichgesinnten h\u00f6herer Semester angeschlossen. Dieser Distanz und seiner Vorliebe f\u00fcr Literatur, die als dekadent verp\u00f6nt war \u2013 etwa Beckett, Benn, Yvan Goll oder Proust \u2013 Nachdruck verleihend, trug er seinen Schnurbart schwarz gef\u00e4rbt und den Nagel am kleinen Finger der linken Hand rot. In der Konsequenz blieb ihm dann nur noch eine Zukunft als Redakteur bei der <em>National-Zeitung<\/em> in Berlin, wof\u00fcr ihm allerdings jede journalistische Begabung fehlte. Auch im zugeh\u00f6rigen Verlag der Nation, bei dem ihm eine wohlwollende Kollegin nach zwei Jahren erm\u00fcdender Redakteursarbeit eine Stelle als Lektor verschaffen konnte, wurde Rosenberg nicht gl\u00fccklich, selbst wenn er dort noch die Zeit fand, Romane aus dem Russischen zu \u00fcbersetzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der Wechsel vom Verlag der Nation zur Akademie der Wissenschaften, an der er sich nach einem Hinweis seiner dort schon angestellten Frau Johanna beworben hatte, setzte nun aber alle seine wissenschaftlichen Energien frei. Dies umso mehr, als dort eine Reform auf den Weg gebracht worden war, die 1969 zur Gr\u00fcndung des Zentralinstituts f\u00fcr Literaturgeschichte (ZIL) f\u00fchrte. Was an den Universit\u00e4ten mit ihren nach Nationalsprachen und -literaturen organisierten Instituten nicht m\u00f6glich war, wurde hier zum wissenschaftlichen Alltag: die Zusammenarbeit der Philologien unter einem Dach. Allerdings waren Rosenbergs Kapazit\u00e4ten auf Jahre hinaus durch das gro\u00dfe Projekt der zw\u00f6lfb\u00e4ndigen <em>Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart<\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> gebunden. Als Mitarbeiter in der Arbeitsstelle Georg Herwegh hatte er sich das n\u00f6tige Expertenwissen zum Vorm\u00e4rz angeeignet, um die beiden umfangreichen Abschnitte zur Literatur zwischen 1830 und 1848 schreiben zu k\u00f6nnen. Der entsprechende Band 8.1 erschien 1975. Im Zuge dieser Arbeit verfasste er sein erstes Buch, mit dem er 1974 \u2013 nach sowjetischer Nomenklatur \u2013 zum Dr.sc. promoviert wurde, sich also habilitierte. Unter dem Titel <em>Literaturverh\u00e4ltnisse im deutschen Vorm\u00e4rz<\/em> erschien es 1975 im Akademie-Verlag Berlin und \u2013 durchaus nicht \u00fcblich \u2013 zugleich im Damnitz Verlag M\u00fcnchen. Dieses Buch fand so auch in Westdeutschland zahlreiche Leser, weil sich dort linksorientierte Germanisten f\u00fcr eine Literatur zu interessieren begannen, deren gesellschaftskritisches, ja politisch-revolution\u00e4res Programm durch den im Westen g\u00e4ngigen Begriff \u203aBiedermeier\u2039 \u2013 just zu dieser Zeit von Friedrich Sengle erneut autorisiert \u2013 verdeckt bleiben musste. Auch methodisch und theoretisch war Rosenberg f\u00fcr die sich in Westdeutschland etablierende Sozial-, Kommunikations- und Rezeptionsgeschichte der Literatur anschlussf\u00e4hig. Seine Texte zum Vorm\u00e4rz, zu Heine und B\u00fcchner \u2013 die ihm besonders am Herzen lagen \u2013 wurden dort weithin rezipiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen in der DDR schockierte ihn die Ausb\u00fcrgerung Wolf Biermanns im November 1976. Die Philosophen Wolfgang Heise und Heinz Pepperle, mit denen er sich ebenso freundschaftlich verbunden f\u00fchlte wie mit seiner unmittelbaren Kollegin Ingrid Pepperle, waren ihm als vertraute Gespr\u00e4chspartner jetzt umso wichtiger. Schon 1968 hatte der Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrags in Prag seine politischen Hoffnungen ern\u00fcchtert, aber diese Erfahrung war vorerst hinter die allgemeine Aufbruchsstimmung am neu gegr\u00fcndeten ZIL zur\u00fcckgetreten. Jetzt aber ging Rosenberg auf Distanz zur politischen Realit\u00e4t der DDR. Am Institut merkte man das an seiner konsequenten Weigerung, sich politisch zu engagieren, also eine gesellschaftliche Funktion \u2013 wie man dies nannte \u2013 zu \u00fcbernehmen. Diese Haltung trug ihm im Kollegenkreis viel Missbilligung ein. Seine Reputation als Wissenschaftler in- und au\u00dferhalb des Instituts blieb davon jedoch unber\u00fchrt. Als der Germanist Claus Tr\u00e4ger 1980 endlich die Gr\u00fcndung der <em>Zeitschrift f\u00fcr Germanistik<\/em> durchsetzen konnte, lud er Rosenberg in das Herausgebergremium ein, dem er bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2001 angeh\u00f6rte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ab Mitte der 1970er Jahre leitete Rosenberg am ZIL eine Gruppe, die zur Literatur zwischen 1830 und 1870 geforscht hat; auch war ihm der Professorentitel verliehen worden. Seine eigentlichen Interessen richteten sich in jener Zeit jedoch zunehmend auf die Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft. Seine kritische Distanz zum Weltanschauungsmarxismus ging nunmehr auch in seine wissenschaftliche Arbeit ein. Die Borniertheit der Teleologie marxistischen Fortschrittsdenkens, nach der die Geschichte gesetzm\u00e4\u00dfig auf den Sieg der Vernunft und die Befreiung der Menschheit zulaufen und von der Literatur zu beglaubigen sein musste, hatte sich ihm in seiner bisherigen literaturgeschichtlichen Arbeit \u00fcberdeutlich gezeigt. Umso mehr trieb ihn nun die Frage um, wie sich Generationen von Literaturhistorikern fr\u00fcherer Zeiten zum jeweilig geltenden Geschichtsdenken verhalten hatten. Theorie- und Methodengeschichte der Literaturwissenschaft wurden fortan seine Arbeitsschwerpunkte. Hierbei kamen ihm seine Sprachkenntnisse erneut zu Hilfe, denn nun las er auch die internationalen Neuerscheinungen namentlich aus dem franz\u00f6sischen und englischen Sprachraum, soweit sie ihm zug\u00e4nglich waren, im Original, wie er es bislang schon mit Texten des osteurop\u00e4ischen Strukturalismus und Formalismus gehalten hatte. Die bald zirkulierenden poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Theorieangebote nahm er zwar neugierig, vor allem aber mit wohlwollender Distanz zur Kenntnis. Er blieb der ideologiekritischen Perspektive, mit der sich seit Mitte der 1970er Jahre auch Kolleginnen und Kollegen in der Bundesrepublik der Geschichte der Germanistik zugewandt hatten, treu und damit auch an der Ost-Berliner Akademie anschlussf\u00e4hig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In einem Punkt aber war Rosenberg singul\u00e4r: Er war der erste und f\u00fcr lange Zeit der einzige Germanist in der DDR, der zur Geschichte seines Fachs geforscht und publiziert hat. F\u00fcr den wissenschaftsgeschichtlich interessierten Nachwuchs in der DDR war er daher die Autorit\u00e4t. Aber auch wenn er entsprechende Dissertationsvorhaben engagiert begleitet hat, sah er sich nie in der Rolle eines Lehrers. Die hat er strikt von sich gewiesen. Da seine <em>Zehn Kapitel zur Geschichte der Germanistik<\/em> von 1981 und der ihnen 1989 folgende Band <em>Literaturwissenschaftliche Germanistik. Zur Geschichte ihrer Probleme und Begriffe<\/em> erneut auch von der westdeutschen Forschung wahrgenommen wurden, konnte Rosenberg nicht nur einer j\u00fcngeren Generation grenz\u00fcberschreitende Kontakte vermitteln. Er schrieb auch f\u00fcr die gro\u00dfen einschl\u00e4gigen Lexika Artikel zu den Begriffen \u203aEpoche\u2039, \u203aKanon\u2039, \u203aKlassiker\u2039, \u203aLiteratur\u2039 und \u203aStil\u2039.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Obwohl die Hermeneutik in der DDR als \u203ab\u00fcrgerliche\u2039 Wissenschaft weithin verp\u00f6nt war, hatte Rosenberg sich schon fr\u00fch mit den Schriften Wilhelm Diltheys auseinandergesetzt. Gelegentlichen Kollegenspott, ob er etwa eine \u203amarxistische Hermeneutik\u2039 begr\u00fcnden wolle, hat er konsequent ignoriert oder ironisch kommentiert. An Dilthey faszinierte ihn, was er auch an anderen Autoren als intellektuelle Redlichkeit sch\u00e4tzte. Schon 1987 lag seine Neuausgabe von Diltheys <em>Das Erlebnis und die Dichtung<\/em> druckfertig vor; erscheinen konnte sie aber erst, nachdem die Zensoren entmachtet worden waren. Der Reclam Verlag Leipzig brachte das Buch 1991 auf den Markt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Um diese Zeit war Rosenberg l\u00e4ngst ein auch international bekannter und gesch\u00e4tzter Experte f\u00fcr die Literatur des 19. Jahrhunderts und die Geschichte der germanistischen Literaturwissenschaft. Seine Arbeiten waren \u00fcber die Jahre auf breite Resonanz gesto\u00dfen, etliches war auch in \u00dcbersetzungen erschienen. Nach vielen Reisen zu Tagungen im sozialistischen Ausland durfte er ab Beginn der 1980er Jahre auch den immer wieder ergangenen Einladungen ins westliche Ausland folgen. Damit war er einer der ganz wenigen Geisteswissenschaftler, die das Privileg eines \u203aReisekaders\u2039 in Anspruch nehmen konnten, ohne die diesem Status f\u00f6rderliche Mitgliedschaft in der SED vorweisen zu k\u00f6nnen. Zu vielen Kolleginnen und Kollegen aus dem Westen stand er deshalb 1989 bereits in freundschaftlicher Beziehung, so etwa zu Klaus Scherpe, der ihn Mitte der 1980er Jahre bei einem Arbeitsaufenthalt in der Germanistik-Bibliothek der Freien Universit\u00e4t mit seinem Lehrer Eberhard L\u00e4mmert bekannt gemacht hatte. Die gemeinsamen fachgeschichtlichen Interessen waren ab dann Gegenstand eines intensiven pers\u00f6nlichen Austauschs. So hat L\u00e4mmert Rosenberg zur Mitarbeit an dem 1989 von ihm gegr\u00fcndeten Marbacher Arbeitskreis zur Geschichte der Germanistik eingeladen, an dessen Sitzungen und internationalen Tagungen er fortan aktiv beteiligt gewesen ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diese Kontakte waren auch 1990\/91 bei der Evaluation der ostdeutschen Wissenschaftslandschaft von Bedeutung. Denn als die Akademie der Wissenschaften der DDR vor ihrer Abwicklung stand und der Institutsrat des ZIL in mehreren Sitzungen fieberhaft \u00fcberlegte, wen man denn als Leiter einer immerhin in Aussicht stehenden Neukonstitution dieses Instituts ins Auge fassen und den neuen Administratoren vorschlagen k\u00f6nne, brachte Rosenberg das Gespr\u00e4ch auf Eberhard L\u00e4mmert. Verbl\u00fcfft habe er feststellen m\u00fcssen, dass kaum jemand von seinen Ost-Berliner Kollegen den ehemaligen Pr\u00e4sidenten der Freien Universit\u00e4t Berlin kannte oder von ihm geh\u00f6rt hatte \u2013 so erz\u00e4hlte er sp\u00e4ter. Die Argumente, die Rosenberg f\u00fcr diesen auch in Dingen der Wissenschaftsorganisation sehr erfahrenen Germanisten vorbrachte, haben die Beteiligten jedoch \u00fcberzeugt. Eberhard L\u00e4mmert wurde vom Institutsrat vorgeschlagen; dieser Vorschlag wurde ohne Widerspruch akzeptiert und L\u00e4mmert damit 1991 kommissarischer Leiter des vorerst so genannten Forschungsschwerpunkts Literaturforschung, 1996 umbenannt in Zentrum f\u00fcr Literaturforschung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Seit eine kleine Minderheit ehemaliger ZIL-Kolleginnen und -Kollegen unter dem Dach der Max-Planck-Gesellschaft, sp\u00e4ter durch F\u00f6rderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Gelegenheit hatte, weiterhin wissenschaftlich zu arbeiten, war dies an die Voraussetzung bewilligter Forschungsantr\u00e4ge gebunden. Ein Projekt zur Literatur des Vorm\u00e4rz, in welchem theoretischen Design auch immer, kam Rosenberg nicht in den Sinn. Seine Vermutung, dass mit Forschungen zur Geschichte der Germanistik in der DDR jedoch Neuland betreten werden konnte, f\u00fcr das unter den westdeutschen Gutachtern Interesse vorausgesetzt werden k\u00f6nnte, erwies sich als zutreffend. Neben dem bereits angelaufenen und im Nachhinein wohl prominentesten Projekt des <em><a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/aesthetische-grundbegriffe.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Historischen W\u00f6rterbuchs \u00c4sthetische Grundbegriffe<\/a><\/em> sollte das neue Institut weitere St\u00fctzpfeiler erhalten. Dass die Grundlagenforschung zur Geschichte der Geisteswissenschaften deshalb fest in dessen Programm verankert sein m\u00fcsste, war f\u00fcr L\u00e4mmert eine Conditio sine qua non; ein kluger Schachzug, denn f\u00fcr derartige Forschungsprogramme bestanden an keiner der deutschen Universit\u00e4ten \u2013 weder im Osten, noch im Westen \u2013 die n\u00f6tigen Voraussetzungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Aus drei aufeinanderfolgenden von Rosenberg geleiteten Projekten zur Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft seit 1945, ihren Theorien, Institutionen, Methoden und Grundbegriffen gingen zahlreiche gewichtige B\u00fccher und Aufs\u00e4tze hervor. Die Erfahrung, dass er sich dar\u00fcber mit seinen Publikationen selbst historisch werden, dass er auch Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen, zuweilen Freunden, beurteilen musste, hat ihm gelegentlich Unbehagen bereitet. Was letztlich aber z\u00e4hlte, war sein Widerstand gegen den verbreiteten Vorbehalt, er sei als Beteiligter nicht f\u00e4hig, diesen Teil der Fachgeschichte zu erforschen. Als sei historische Distanz ein Garant f\u00fcr Objektivit\u00e4t! Rosenbergs Respekt vor den wissenschaftlichen Leistungen Dritter und die Ber\u00fccksichtigung ihrer jeweiligen Erm\u00f6glichungs- und Erfolgsbedingungen kennt, wer seine Arbeiten gelesen hat. Es zeichnet seinen Stil aus, Wissenschaftsgeschichte nicht mit wohlfeiler Kollegenschelte zu verwechseln, eine Verf\u00fchrung, der sich nicht jeder hat entziehen k\u00f6nnen, der nach 1989 \u00fcber die Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft vor 1989 geschrieben hat. Balance gehalten zu haben auf dem \u2013 wie Rosenberg ihn nannte \u2013 \u00bbschmalen Grat zwischen Selbstdenunziation und Selbstapologie\u00ab wird man ihm best\u00e4tigen m\u00fcssen. Seine anfangs nur z\u00f6gernde Zustimmung zum letzten unter seiner Leitung durchgef\u00fchrten Projekt, in dem es um 1968 als sowohl wissenschaftspolitische wie auch theorie- und institutionengeschichtliche Z\u00e4sur gehen sollte, hatte genau damit zu tun. Es war ein Eisen, das 1996 noch bzw. wieder hei\u00df war, weil etliche der mit ihm befreundeten westdeutschen Linken inzwischen auf Lehrst\u00fchlen sa\u00dfen und sich einem politischen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sahen. Rosenberg hat professionelle Distanz eingehalten, auch zu sich selbst. Einmal mehr bewohnte er den institutionellen und politischen Zwischenraum, in dem er seit Langem schon lebte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Aber war diese Distanz wirklich nur eine professionelle? Waren die Ambivalenzen, die er in diesem Zwischenraum erfahren hat, so einfach lebbar? Diese Frage stellt sich mit beklemmender Dringlichkeit, wenn man sein letztes Buch zur Hand nimmt. Unter dem Titel <em>Innenansichten zur Wissenschaftsgeschichte. Vorl\u00e4ufige Bilanz eines Literaturwissenschaftlers<\/em> ist es 2014 in der Reihe <em>Berliner Beitr\u00e4ge zur Wissens- und Wissenschaftsgeschichte<\/em> erschienen. In dieser Autobiographie ist Rosenberg nun \u00f6ffentlich auch zu sich selbst auf Distanz gegangen: Sie ist durchg\u00e4ngig in der dritten Person geschrieben, abgek\u00fcrzt mit dem Initial R. Im Vorwort identifiziert R. als einen der Beweggr\u00fcnde autobiographischen Schreibens zwar ausdr\u00fccklich das Motiv, dass man seinen Verfasser \u00bbso im Ged\u00e4chtnis beh\u00e4lt, wie er es gern h\u00e4tte\u00ab, aber mit dieser Selbstauskunft hat er das Ged\u00e4chtnis seiner Freunde und Kollegen wohl erst einmal verunsichert. Hinter dem zur\u00fcckhaltenden Mann, den sie kannten, wird nun eine Person sichtbar, die sich Zeit ihres Lebens mit Zweifeln an ihrer Rolle und Identit\u00e4t gequ\u00e4lt hat und dar\u00fcber jetzt mehr Auskunft gibt, als n\u00f6tig erscheinen mag.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Warum aber diese \u00fcber weite Strecken bedr\u00fcckend zu lesende \u00f6ffentliche Rechenschaft? Zwar musste auch Rainer Rosenberg am Ende seiner beruflichen Laufbahn die Erfahrung machen, dass die Erforschung der Geschichte der Germanistik kein karrieref\u00f6rdernder Gegenstand mehr war, aber das war f\u00fcr ihn, der sich aus der aktiven Teilnahme am Wissenschaftsbetrieb zur\u00fcckzuziehen begann, ohnehin nicht mehr von Belang. Was er bis dahin erreicht hatte, kann man durchaus als eine Erfolgsgeschichte begreifen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Was f\u00fcr ihn, wie sich nun zeigt, aber nie ohne Belang war und wohl auch nicht sein konnte, war er sich selbst. Seiner Selbstbeobachtung nach spielen Erfahrungen, die er in Kindheit und Jugend gemacht hat, f\u00fcr sein sp\u00e4teres Leben eine gravierende Rolle. Rainer Rosenberg war in Verh\u00e4ltnisse hineingeboren worden, die ihn offenbar zeitlebens belastet haben. Sein Vater war ein uneheliches Kind und in der Terminologie des Nationalsozialismus durch die Abstammung seines Vaters ein \u203aHalbjude\u2039. Dessen Herkunft wurde allerdings verschwiegen, indem man offiziell einen anderen als Vater ausgab. Davon zu sprechen war dem Sohn streng untersagt worden. Und daran hielt sich auch noch dessen Sohn, Rainer Rosenberg. In der DDR spielte eine j\u00fcdische Herkunft ja nur dann eine Rolle, wenn sie von den Nazis verfolgte und ermordete Antifaschisten betraf, zu denen aber niemand aus Rosenbergs Familie geh\u00f6rte. Wann diese Familie erfahren hat, dass Rosenbergs Gro\u00dfvater \u00fcber einen spitzfindigen Trick von einigem anekdotischen Wert seine Identit\u00e4t gef\u00e4lscht hatte, um einen \u203aAriernachweis\u2039 zu besitzen, erz\u00e4hlt die Person R. nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Rosenbergs Herkunft war aber noch von einem zweiten Tabu belastet. Die Familie stammte aus der b\u00f6hmischen Stadt Braunau (Broumov), die nach dem M\u00fcnchner Abkommen von 1938 zusammen mit dem neugegr\u00fcndeten Reichsgau Sudetenland ins Deutsche Reich eingegliedert worden war. Als Sudentendeutsche wurden sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben und hatten zun\u00e4chst versucht, in Th\u00fcringen wieder Fu\u00df zu fassen. \u00dcber das Schicksal von Vertriebenen wurde in der DDR jedoch bis weit in die 1980er Jahre nicht gesprochen. Erst mit der Ver\u00f6ffentlichung des Romans <em>Wir Fl\u00fcchtlingskinder<\/em> von Ursula H\u00f6ntsch, der 1985 erschien, war \u00f6ffentlich eine Stimme zu diesem Thema vernehmbar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In den in seiner Familiengeschichte wurzelnden Gewissheiten, nicht richtig dazu zu geh\u00f6ren, hat Rainer Rosenberg sich immer wieder best\u00e4tigt gefunden und eingerichtet. Sie haben ihn dazu getrieben, nicht nur zu den ihn umgebenden Verh\u00e4ltnissen die Distanz eines Beobachters einzunehmen, sondern auch zu sich selbst. So schmerzhaft das gewesen sein mag und so sehr ihn das auch immer wieder in Unruhe versetzt haben wird, so sehr haben ihn dieser Schmerz und diese Unruhe auch hellsichtig und produktiv gemacht. Meine Erinnerung an 17 Jahre anregender Zusammenarbeit, in denen eine enge Freundschaft mit Johanna und Rainer Rosenberg gewachsen ist, wei\u00df davon.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em>Die Germanistin <a href=\"https:\/\/www.literatur.hu-berlin.de\/de\/ueberdasinstitut\/mitarbeitende\/derzeitige-institutsmitarbeiter-innen\/derzeitige-institutsmitarbeiterinnen\/1693125\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Petra Boden<\/a> war bis 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfL. Aktuell erforscht sie an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin in einem von der DFG gef\u00f6rderten Projekt \u00bb<\/em><a href=\"https:\/\/gepris.dfg.de\/gepris\/projekt\/431103346?context=projekt&amp;task=showDetail&amp;id=431103346&amp;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em><u>Interdisziplinarit\u00e4t als Praxisform <\/u><\/em><em>\u2013<\/em><em><u> Die Debatten um den epistemischen Status des Erz\u00e4hlens als exemplarischer Fall (1970<\/u><\/em><em>\u2013<\/em><em><u>1990)<\/u><\/em><\/a><em>\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Geschichte der Deutschen Literatur von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart<\/em>, 10 B\u00e4nde in 12 B\u00fcchern, hg. von Klaus Gysi u.a., Berlin (DDR) 1961\u20131983.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Petra Boden: Ambivalenzen des Zwischenraums. Ein Nachruf auf Rainer Rosenberg, in: ZfL BLOG, 3.1.2022, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/01\/03\/petra-boden-ambivalenzen-des-zwischenraums-ein-nachruf-auf-rainer-rosenberg\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/01\/03\/petra-boden-ambivalenzen-des-zwischenraums-ein-nachruf-auf-rainer-rosenberg\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220103-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220103-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220103-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/01\/03\/petra-boden-ambivalenzen-des-zwischenraums-ein-nachruf-auf-rainer-rosenberg\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"AMBIVALENZEN DES ZWISCHENRAUMS. 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Bis zu seiner Pensionierung 2001 leitete er das Projekt \u00bbGeschichte der deutschen Literaturwissenschaft seit 1945 \u2013 Ver\u00e4nderungen des Literaturbegriffs\u00ab, an dem auch Petra Boden mitarbeitete. In ihrem Nachruf erinnert sie <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/01\/03\/petra-boden-ambivalenzen-des-zwischenraums-ein-nachruf-auf-rainer-rosenberg\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[51,564,566,567,565,83],"class_list":["post-2422","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ad-hoc","tag-germanistik","tag-geschichte-der-germanistik","tag-geschichte-des-zfl","tag-nachruf","tag-rainer-rosenberg","tag-zentralinstitut-fuer-literaturgeschichte"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2422","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2422"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2422\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3574,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2422\/revisions\/3574"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}