{"id":2472,"date":"2022-02-07T13:57:50","date_gmt":"2022-02-07T11:57:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2472"},"modified":"2025-02-28T17:42:45","modified_gmt":"2025-02-28T15:42:45","slug":"hanna-hamel-lizenz-zur-luege-im-angesicht-des-nahen-todes-highsmith-und-houellebecq-ueber-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/02\/07\/hanna-hamel-lizenz-zur-luege-im-angesicht-des-nahen-todes-highsmith-und-houellebecq-ueber-literatur\/","title":{"rendered":"Hanna Hamel: LIZENZ ZUR L\u00dcGE IM ANGESICHT DES NAHEN TODES. High&shy;smith und Houellebecq \u00fcber Literatur"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auf meinem Schreibtisch liegen zwei Romane. Beide sind recht umfangreich, und die Lekt\u00fcreerfahrungen \u00e4hneln sich. Nach der H\u00e4lfte stellt sich ein Gef\u00fchl von Enge ein; die Lust, die B\u00fccher zu Ende zu lesen, nimmt ab. Aber obwohl das Erz\u00e4hlte zeitweise in verfestigten Bahnen zu laufen scheint, die ausweglosen Abl\u00e4ufe und m\u00f6glichen Szenarien in der Lekt\u00fcre fast absehbar sind, bleibt die Neugier \u2013 denn <em>das<\/em> kann es nicht gewesen sein, nicht bei dieser Autorin, nicht bei diesem Autor. Ab einem gewissen Moment, eher im letzten Drittel der Texte, bricht die enge Allt\u00e4glichkeit des erz\u00e4hlten Lebens angesichts unerwarteter Geschehnisse dann auch tats\u00e4chlich zusammen. Sp\u00e4testens mit den abschlie\u00dfenden Seiten m\u00fcssen das gesamte Erz\u00e4hlgeschehen und seine zentralen Figuren neu bewertet werden. <\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">Bei den zwei B\u00fcchern handelt es sich um Patricia Highsmiths <em>Ediths Tagebuch <\/em>(engl. <em>Edith\u2019s Diary<\/em>, 1977) und Michel Houellebecqs gerade erschienenes <em>Vernichten <\/em>(frz. <em>An\u00e9antir<\/em>, 2022).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> <\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der Reiz, die Beziehungen zwischen diesen Texten zu ergr\u00fcnden, r\u00fchrt nicht von einer direkten Referenz her. Paul, die Hauptfigur aus <em>Vernichten<\/em>, entdeckt zwar gegen Ende seines Lebens die Vorz\u00fcge von Krimiautoren wie Arthur Conan Doyle und Agatha Christie. Deren Texte erlauben es Paul, \u00bbseine Infusionen, seinen Krebs und alles andere etwa zehn Tage lang tats\u00e4chlich zu vergessen\u00ab (V, 571). Es geht auch nicht darum, dass im Roman \u00bbConan Doyle\u00ab und \u00bbChristie\u00ab erw\u00e4hnt werden, aber insgeheim eine ganz andere Suspense-Autorin, n\u00e4mlich \u00bbHighsmith\u00ab, gemeint w\u00e4re. Die wesentlichen Beziehungen beider B\u00fccher \u2013 in ihnen und zwischen ihnen \u2013 finden im Unausgesprochenen statt. Die Texte treten in eine stumme Korrespondenz, weil sie auf \u00e4hnliche Weise von den verschiedenen Zumutungen berichten, die jedes Individuum f\u00fcr sich selbst und die Mitmenschen ist. Beide Romane reflektieren mit hohem Bewusstsein f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Lesenden und ohne jede Scheu, diese zeitweise unbefriedigt zu lassen, die Rolle der Literatur im Angesicht dieser Zumutungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Ediths Tagebuch <\/em>beginnt mit dem Umzug der Hauptfigur Edith von New York nach Brunswick Corner in Pennsylvania. Dort lebt sie zun\u00e4chst mit ihrem Sohn Cliffie, ihrem Mann Brett und dessen pflegebed\u00fcrftigem Onkel George. Auch als ihr Mann sie verl\u00e4sst, bleibt George in ihrer Obhut. Cliffie trinkt und macht beruflich den Eindruck eines Versagers. Edith beginnt in Tagebucheintr\u00e4gen, die absatzweise w\u00f6rtlich im Romantext wiedergegeben werden, eine andere Entwicklung ihres Lebens und ihrer Familie zu erfinden. In ihrer Phantasie studiert Cliffie, heiratet und sie bekommt Enkel. Au\u00dferdem beginnt sie, Skulpturen anzufertigen, darunter B\u00fcsten von Cliffie und der erfundenen Familie. Immer weniger gelingt es ihr, die Phantasien, die ihre Mitmenschen zunehmend als pathologisch einordnen, verborgen zu halten. F\u00fcr ihre Umgebung sind der Tagebuchroman und die Skulpturen keine Kunst, sondern sch\u00e4dliche Verdrehungen der Realit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In Houellebecqs <em>Vernichten <\/em>zieht die Hauptfigur Paul zwar nicht selbst aufs Land, aber seine Aufmerksamkeit verlagert sich von seinem Wohnort Paris in die Gegend von Lyon, wo sein Vater nach einem Hirnschlag im Koma liegt. Bis dahin ist Paul ein eher distanzierter Beobachter seiner Umwelt und sogar des eigenen Lebens. Zu seiner Ehefrau Prudence hat er, obwohl er mit ihr zusammenlebt, so viel Abstand, dass er \u00bbihr Zimmer seit mindestens f\u00fcnf Jahren nicht betreten\u00ab hat (V, 228). Ihr Verh\u00e4ltnis bessert sich im Lauf des Romans, die intime Liebesbeziehung zwischen ihnen kehrt zur\u00fcck, mitausgel\u00f6st durch den schlechten gesundheitlichen Zustand von Pauls Vater und den Tod der Mutter von Prudence. Wie Edith ist Paul mit dem n\u00e4her r\u00fcckenden Tod konfrontiert. W\u00e4hrend Edith sich ihm k\u00fcnstlerisch schaffend entgegenstellt, braucht Paul die Liebe seiner Frau und die intensive Rezeption von Literatur.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diese knapp zusammengefassten Plots sind aber nur der eine, der <\/span>\u203a<span style=\"font-family: helvetica;\">private\u2039 Teil der beiden Romane. Die Hauptfiguren Paul und Edith sind von Anfang an auch intensiv in die politischen Geschehnisse ihrer jeweiligen Zeit involviert. Edith engagiert sich, indem sie Artikel schreibt und in Brunswick Corner mit ihrer Nachbarin Gert ein kleines Lokalblatt herausgibt. Vor allem der Vietnamkrieg besch\u00e4ftigt sie zunehmend. Paul ist Mitarbeiter des franz\u00f6sischen Wirtschafts- und Finanzministers und Teil des Wahlkampfteams bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl 2027. Vor allem die ersten Kapitel von <em>Vernichten <\/em>drehen sich um eine Reihe schwer erkl\u00e4rbarer Anschl\u00e4ge und terroristischer Drohungen. Die T\u00e4ter werden bis zum Ende des Buches nicht identifiziert. Ihre r\u00e4tselhaft bleibenden Ideologien weisen aber Verbindungen zu den Biographien verschiedener Romanfiguren auf, unter anderem zur unbescholtenen Prudence, die dem \u00bbWicca-Kult\u00ab anh\u00e4ngt (was ihr allerdings unwichtiger zu werden scheint, als sich die Beziehung zu Paul wieder intensiviert). Die Figuren werden immer st\u00e4rker auf ihr direktes soziales Umfeld und das eigene Leben festgelegt, in dem die Auseinandersetzung mit gr\u00f6\u00dferen, teils ausweglosen politischen Zusammenh\u00e4ngen \u00fcberfordernd oder unm\u00f6glich wird. Paul sieht sich am Tag der Entscheidung in der Wahlkabine au\u00dferstande, den Kandidaten der eigenen Partei zu w\u00e4hlen. Die \u203apolitische\u2039 Energie von Paul und Edith richtet sich letztlich nur noch auf die Diplomatie und den Kampf in ihrem engsten privaten Umfeld. \u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Verschr\u00e4nkungen der gesellschaftlichen Entwicklungen mit den individuellen Figurenbeziehungen bleiben so inkonsistent wie die jeweils von den einzelnen Figuren vertretenen Haltungen. Das ist nicht die Folge von Konstruktionsfehlern der Romane, sondern vielmehr Ausdruck des Anliegens, das Erleben des Verlusts einer verl\u00e4sslich urteilenden Instanz zu thematisieren. \u00bbDie Gesellschaft wird eben zunehmend komplexer\u00ab, lautet Ediths Diagnose (ET, 416). Die entscheidenden Konflikte bestehen aber nicht zwischen den Figuren, auch wenn sich aus politischen und famili\u00e4ren Gr\u00fcnden vielfach Anlass zu Streit ergibt. Ma\u00dfgeblich sind die internalisierten und verschwiegenen Konflikte mit gesellschaftlichen Erwartungen, die Paul und Edith in erster Linie mit sich allein austragen und die sie ihren zentralen Bezugspersonen gegen\u00fcber nie aussprechen k\u00f6nnen. Das Aussprechen wird entweder sublimiert in Kunst (Edith) oder anderen in der Literatur \u00fcberlassen (Paul).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">An vielen Stellen der Romane sind Edith und Paul auch blind f\u00fcr die Inkonsistenz ihrer eigenen Handlungen und Haltungen. Die beobachtet allein die Leserin im zeitlichen Verlauf von Buch und erz\u00e4hltem Leben und ist dabei die meiste Zeit auf der Seite der zentralen Figuren, auch wenn bei Highsmith der Fokus nach und nach von Edith zu Cliffie wechselt. Edith fordert von scheinbar f\u00fcrsorglichen Mitmenschen, die in ihr Privatleben eindringen, die \u00bbnackte Wahrheit\u00ab (ET, 457) ein, vermischt aber selbst die eigenen Erfindungen heillos mit ihrem Leben. Dennoch f\u00fchrt sie weiter politische Diskussionen mit ihrer Freundin Gert und kritisiert \u00bbdiesen ganzen Schrott im Fernsehen\u00ab (ET, 417). Sie \u00bbverlernt\u00ab die \u00bbSprache\u00ab der \u00bbWelt\u00ab ihres Ehemanns (ET, 404); ihre eigene Situation treibt sie in eine Lebensl\u00fcge, die der mitf\u00fchlende Leser ihr als \u00fcberlebensnotwendigen Ausweg zugestehen muss. Paul wiederum betrachtet seinen vollst\u00e4ndig gel\u00e4hmten Vater, der noch in der Lage ist, zu lesen und mit seiner Partnerin nonverbal zu kommunizieren: \u00bbWenn sein Vater Erektionen haben konnte, wenn er lesen und die sich im Wind wiegenden Bl\u00e4tter betrachten konnte, dann, dachte Paul, fehlte es ihm im Leben an rein gar nichts\u00ab (V, 404). Gut hundert Seiten sp\u00e4ter vor die Wahl gestellt, lehnt er ein solches (\u00dcber-)Leben f\u00fcr sich selbst ab. Die Leserin ist auch in diesem Perspektivenwechsel auf seiner Seite: Sie gesteht es Paul zu, seiner ehrlichen Frau den eigenen gesundheitlichen Zustand zu verschweigen, weil er sonst vor der Wahl st\u00fcnde, ein Leben zu w\u00e4hlen, in dem er nicht einmal mehr physisch dazu imstande w\u00e4re, zu l\u00fcgen. (Wer wissen will, warum, lese den Roman.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In Houellebecqs Roman gibt es eine einzige Fu\u00dfnote. Die hochgestellte Ziffer steht am Ende eines Satzes, in dem Paul seine Schwester C\u00e9cile als \u00bbein menschliches Wesen von h\u00f6herer Qualit\u00e4t\u00ab (V, 134) beschreibt, das von seinem Vater stets bevorzugt wurde. In der erl\u00e4uternden Anmerkung steht dazu, dass man sich bei \u00bbdieser Art Fragen [\u2026] bewusst machen\u00ab m\u00fcsse, \u00bbdass man sich selbst immer mitten ins Zentrum der moralischen Welt stellt, dass man sich selbst immer als ein weder gutes noch schlechtes, als ein moralisch neutrales Wesen betrachtet\u00ab (V, 620), auch wenn es sich dabei nur um die inoffizielle Variante der Selbstbeschreibung handele. Diese Selbsteinsch\u00e4tzung f\u00fchre \u00bbzu einer methodologischen Verzerrung der Beobachtung, und so gut wie jedes Mal ist ein \u00dcbersetzungsvorgang notwendig [un biais m\u00e9thodologique se cr\u00e9e dans l\u2019observation, et une op\u00e9ration de translation s\u2019av\u00e8re presque \u00e0 chaque fois n\u00e9cessaire]\u00ab (ebd.; A, 164). Eine solche \u00dcbersetzungsoperation leistet der Roman: zwischen den Figuren, die im Angesicht ihres Todes trotz ihrer divergierenden \u00dcberzeugungen f\u00fcr den Roman alle gleich sind, aber auch zwischen ihren jeweiligen moralischen Haltungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihrer Biographie. Die Fu\u00dfnote markiert die Standpunktlosigkeit des Romans, dessen Position nicht mit den Haltungen Pauls gleichzusetzen ist. Gerade weil der Roman sich der Indifferenz des Todes stellt, kann er keine Haltung bevorzugen \u2013 und so l\u00e4sst sich auch keine direkt aus ihm ableiten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Im Verlauf der Lekt\u00fcre ist der Leser geneigt, den Figuren in ihren widerspr\u00fcchlichen Positionen zu folgen. In beiden Romanen schleicht sich der Tod thematisch \u00fcber pflegebed\u00fcrftige Nebenfiguren ein. Man betrachtet ihn teilnahmslos von au\u00dfen, sieht die Zumutungen f\u00fcr diejenigen, die sich den Sterbenden widmen oder sie zur\u00fcckweisen, bewertet ihre Meinungen dazu, was ertr\u00e4glich und was unertr\u00e4glich ist, und blickt schlie\u00dflich mit den Hauptfiguren selbst der Ausweglosigkeit ihres Todes entgegen. Der Tod ist der stumme \u00dcbersetzer zwischen den Figuren, zwischen den beiden B\u00fcchern, zwischen der Lesenden und der erfundenen Handlung und zwischen den wechselhaften, problematischen moralischen Standpunkten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Ediths Tagebuch <\/em>und <em>Vernichten <\/em>kommen schlie\u00dflich darin \u00fcberein, dass die Kunst den Menschen in die Lage versetzen k\u00f6nnte, sich dem Tod zu stellen. Houellebecq zieht dabei deutliche Grenzen zu anderen Formen von alternativen Visionen, insbesondere zu denjenigen des Terrors. Einige der terroristischen Anschl\u00e4ge werden detailgetreu und ohne Opfer antizipiert, quasi von den Terroristen \u00f6ffentlich geprobt, ohne dass dabei zun\u00e4chst jemand zu Schaden k\u00e4me. Bei der terroristischen Vision spielt die (brutale) Phantasie \u00e4hnlich wie bei der Kunst eine entscheidende Rolle, allerdings unterscheidet sich der Terror von der Kunst darin, dass er seine Visionen zu \u203aRealit\u00e4t\u2039 macht. Edith wiederum wird durch die urteilenden Mitmenschen, durch den Verlust von Zufluchtsorten (die wohlgesinnte Tante Melanie stirbt), dazu getrieben, ihre Kunst f\u00fcr Realit\u00e4t zu halten. Daran tr\u00e4gt nicht sie selbst die Schuld, sondern vielmehr ihre Umgebung, die ihren Erfindungen den Kunstcharakter abspricht. \u00bbEine Vernunft, die Kunst nicht mehr respektiert, mu\u00df krank sein, ohne es zu ahnen\u00ab, lautet Paul Ingendaays Deutung im Nachwort der deutschen \u00dcbersetzung von <em>Ediths Tagebuch<\/em> (ET, 505). In dieser Deutung wird der Roman zu einer \u00bbauf den Kopf\u00ab gestellten Krankengeschichte (ebd.). Sogar zwischen Cliffie und Edith, die sich im Roman bis zur Komplizenschaft in einem Mord solidarisieren, bleibt am Ende ein Missverst\u00e4ndnis \u00fcber den fiktionalen Charakter ihres Tagebuchs zur\u00fcck: Cliffie entscheidet, es nicht zu lesen, weil er darin Notizen \u00fcber \u00bball die kleinen \u00fcblen Sachen\u00ab ihres gemeinsamen Alltags vermutet (ET, 481). Und auch bei Houellebecq haben manche Figuren Schwierigkeiten, die Existenz der Kunst (und mit ihr den Tod) zu akzeptieren: Paul verl\u00e4sst die Scheune des Elternhauses, ohne \u00bbauch nur eine einzige Arbeit seiner Mutter angesehen zu haben\u00ab (V, 150). In der Scheune werden die Skulpturen, die Pauls verstorbene Mutter seit ihrem 45. Lebensjahr angefertigt hat, aufbewahrt und gleichzeitig vor Blicken verborgen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">W\u00fcrde man die vergleichende Lekt\u00fcre fortsetzen, f\u00e4nden sich an vielen weiteren Stellen aussagekr\u00e4ftige Spuren der stummen Korrespondenz zwischen beiden B\u00fcchern. Wenn man sich n\u00e4her mit den historischen Kontexten der 1970er und der nahzuk\u00fcnftigen 2020er Jahre, der weiblichen Protagonistin von Highsmith und dem m\u00e4nnlichen Protagonisten von Houellebecq auseinandersetzen w\u00fcrde, dann k\u00e4me man ohne Zweifel auch auf eine Reihe deutlicher Differenzen. Verbunden sind die Texte allerdings in der literarischen Kraft, die sie nur in ihrer Bezugnahme auf den Tod entfalten und die sie \u00fcber die Zeiten und Kontexte ihrer Entstehung hinweg in Korrespondenz treten l\u00e4sst. \u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Um es mit etwas mehr Pathos zu formulieren: Die Literatur blickt dem Tod ins Auge, indem sie die L\u00fcgen derjenigen (Figuren) entlarvt, die es sich au\u00dferhalb der Kunst in einer verlogenen Realit\u00e4t eingerichtet haben. Verlogen ist diese Realit\u00e4t, weil sie die Augen vor dem Tod verschlie\u00dft, indem sie Erfindungskraft und k\u00fcnstlerischen Ausdruck \u2013 als Weg, der t\u00f6dlichen Realit\u00e4t entgegenzutreten \u2013 zur Krankheit stilisiert. Zugleich sind beide Texte sanft und solidarisch mit ihren zentralen Figuren, da sie nicht abschlie\u00dfend urteilen. Das ist konsequenterweise literarisch auch gar nicht anders m\u00f6glich, denn vor dem Tod sind alle gleich. Die Romane selbst d\u00fcrfen f\u00fcr diesen Effekt gerade nicht Realit\u00e4t sein. \u00bb[D]ie Realit\u00e4t ist nur das Ausgangsmaterial [la r\u00e9alit\u00e9 n\u2019est qu\u2019un mat\u00e9riau de d\u00e9part]\u00ab (V, 617; A, 733), hei\u00dft es im Houellebecqs Roman nachgestellten Dank. Um bei der Bew\u00e4ltigung der Schrecken des Sterbens zu helfen, m\u00fcssen Romane wie auch die intradiegetischen literarisch erw\u00e4hnten Texte \u00bberfunden [invent\u00e9es]\u00ab und \u00bb<em>anders <\/em>[<em>autres<\/em>]\u00ab sein (V, 559; A, 667). Vor dem Tod sind deshalb doch nicht alle B\u00fccher gleich: einige sind \u00bbwunderbar [merveilleux]\u00ab (V, 616).<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Die Literaturwissenschaftlerin <\/em><a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/hamel.html\"><em>Hanna Hamel<\/em><\/a><em> leitet das ZfL-Projekt \u00bb<\/em><a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/nachbarschaften-in-der-berliner-gegenwartsliteratur.html\"><em>Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur<\/em><\/a><em>\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Michel Houellebecq: <em>Vernichten<\/em>, \u00fcbers. von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek, K\u00f6ln 2022 (im Folgenden zitiert mit der Sigle V, die an einigen Stellen eingef\u00fcgten franz\u00f6sischen Originalzitate in Klammern entstammen der franz\u00f6sischen Originalausgabe, Michel Houellebecq: <em>An\u00e9antir,<\/em>\u00a0Paris 2022, Sigle A); Patricia Highsmith: <em>Ediths Tagebuch<\/em>, \u00fcbers. von Irene Rumler, mit einem Nachwort von Paul Ingendaay, Z\u00fcrich 2021 (zitiert mit der Sigle ET).<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Hanna Hamel: Lizenz zur L\u00fcge im Angesicht des nahen Todes. Highsmith und Houellebecq \u00fcber Literatur, in: ZfL BLOG, 7.2.2022, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/02\/07\/hanna-hamel-lizenz-zur-luege-im-angesicht-des-nahen-todes-highsmith-und-houellebecq-ueber-literatur\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/02\/07\/hanna-hamel-lizenz-zur-luege-im-angesicht-des-nahen-todes-highsmith-und-houellebecq-ueber-literatur\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220207-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220207-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220207-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/02\/07\/hanna-hamel-lizenz-zur-luege-im-angesicht-des-nahen-todes-highsmith-und-houellebecq-ueber-literatur\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"LIZENZ ZUR L\u00dcGE IM ANGESICHT DES NAHEN TODES. 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