{"id":2504,"date":"2022-03-10T10:22:11","date_gmt":"2022-03-10T08:22:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2504"},"modified":"2025-02-28T17:33:19","modified_gmt":"2025-02-28T15:33:19","slug":"tobias-wilke-verzetteltes-denken-ein-neues-buch-zur-kulturtechnik-des-notierens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/03\/10\/tobias-wilke-verzetteltes-denken-ein-neues-buch-zur-kulturtechnik-des-notierens\/","title":{"rendered":"Tobias Wilke: VERZETTELTES DENKEN. Ein neues Buch zur Kulturtechnik des Notierens"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilke-Haarkoetter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2506 alignleft\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilke-Haarkoetter-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilke-Haarkoetter-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Wilke-Haarkoetter.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 85vw, 184px\" \/><\/a>Ganz am Ende von Hektor Haark\u00f6tters Kulturgeschichte des Notierens (<em>Notizzettel: Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert, <\/em>Frankfurt a. M.: Fischer, 2021) haben sich Autor und Verlag einen kleinen Spa\u00df erlaubt. Zwischen Personenregister und hinterem Einbandspiegel st\u00f6\u00dft die Leserin auf zwei Leerseiten, \u00fcberschrieben nur mit dem Vermerk \u00bbRaum f\u00fcr Ihre Notizen\u00ab. Ein Scherz im Angesicht dieser \u00fcberaus umfangreichen Studie, die auf 590 Seiten materielle Praktiken des Notierens auf verschiedensten Tr\u00e4germedien wie Zetteln und Notizb\u00fcchern, Hausw\u00e4nden und Bodendielen, Statuen und Videob\u00e4ndern von der Antike bis ins 21. Jahrhundert verfolgt. Ein Scherz, keine Frage, und zugleich einer, der auf ein \u2013 mittlerweile \u00fcberlebtes \u2013 Ph\u00e4nomen in der Geschichte von Druck und Buchproduktion rekurriert. Denn welcher Leser w\u00e4re nicht schon andernorts eben solchen Vakatseiten begegnet, so vor allem in kosteng\u00fcnstig hergestellten B\u00fcchern, die mithilfe der Rubrik \u00bbRaum f\u00fcr eigene Notizen\u00ab prim\u00e4r eins zu kaschieren suchen: dass der papierene Leerstand am Schluss das Resultat einer letztlich fehlgegangenen Satz- bzw. Druckbogenkalkulation darstellt. Es handelt sich um ein eigentlich \u00fcberfl\u00fcssiges <em>Zuviel<\/em> an Druckfl\u00e4che, dem erst nachtr\u00e4glich eine (Ersatz-)Funktion zugewiesen wurde: in Gestalt eines Angebots an die Leserschaft, die unbeschriebenen Bl\u00e4tter nun doch, sofern gew\u00fcnscht, selbstt\u00e4tig von Hand zu f\u00fcllen.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Heute, in Zeiten hochentwickelter softwarebasierter Setzverfahren, sind solche Papier\u00fcbersch\u00fcsse am Ende von B\u00fcchern technisch problemlos zu vermeiden.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Und ein Band, der sich in allen (anderen) Aspekten von Design und Herstellung so sorgf\u00e4ltig \u203agemacht\u2039 zeigt wie derjenige Haark\u00f6tters, h\u00e4tte jenes \u00e4lteren Verfahrens paratextueller Umwidmung, von der ungewollten Leerseite zum \u00bbRaum f\u00fcr Ihre Notizen\u00ab, schon gar nicht bedurft. Der Scherz tritt hier somit im Gewand des Anachronismus auf \u2013 ist aber zugleich doch weit mehr als das. Denn dass die Leserinnen zum Erg\u00e4nzen und Auff\u00fcllen von eigener Hand ermutigt, wenn nicht gar dazu <em>angehalten<\/em> werden, das gelesene Buch auch als eigenes Notizbuch zu verwenden, ist Teil der Agenda dieser Studie und Ausdruck ihres normativ unterlegten Programms. Die Leerseiten bilden hier keinen kontingenten Exzess, sondern sind zur tats\u00e4chlich beabsichtigten Zugabe geworden, weil das Lesen aus ganz bestimmten Gr\u00fcnden ins Notieren \u00fcbergehen <em>soll<\/em>. Doch dazu sp\u00e4ter mehr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ich entdecke die Leerseiten f\u00fcr Ihre, also auch meine, Notizen erst, als ich mit der Lekt\u00fcre von Haark\u00f6tters Buch bereits fertig bin. Was ich beim Lesen festhalten wollte, habe ich stattdessen einigen losen Bl\u00e4ttern anvertraut: Seitenzahlen, kurze Zitate, Beobachtungen, historische Daten, Thesen, kritische Einw\u00e4nde. Die erste dieser Anmerkungen bezieht sich auf die zweite Seite des Vorworts, auf der sich erstmals das zentrale Argument formuliert findet, das im weiteren Gang der Untersuchung noch vielfach wiederholt werden wird. Gegenstand der Studie, so hei\u00dft es da n\u00e4mlich, seien Notizzettel von solcher Art, \u00bbdie gerade nicht geschrieben, gekritzelt, gesudelt oder gehudelt werden, um anderen Menschen etwas zu kommunizieren, sondern die scheinbar nur f\u00fcr einen selbst da sind\u00ab (S. 10). \u00bbScheinbar\u00ab, also nicht wirklich? Eher unwillentlich als absichtsvoll kommt hier eine Einschr\u00e4nkung ins Spiel, die in den folgenden sieben Kapiteln des Buches \u2013 leider \u2013 kaum mehr eine Rolle spielen wird. Denn wo immer Haark\u00f6tter die Notierpraktiken individueller Autoren (von da Vinci und Wittgenstein bis hin zu Lichtenberg und Luhmann) oder bestimmter sozialer Kollektive (von Laborwissenschaftlern bis hin zu Graffiti-Sprayern) unter die Lupe nimmt, beharrt er darauf, dass schriftliche Notizenproduktion \u2013 im Gegensatz etwa zu m\u00fcndlicher Kommunikation \u2013 frei von <em>jeder<\/em> Mitteilungsfunktion sei. Die im Akt des Notierens entstehenden Aufzeichnungen seien daher \u00bbKommunikanten ohne Kommunikate\u00ab (S. 517), d.\u00a0h. \u00c4u\u00dferungen ohne Ge\u00e4u\u00dfertes im eigentlichen Sinne, wobei der Autor in dieser Formel einen noch allgemeineren, \u00fcber seinen Gegenstand weit hinausreichenden, medientheoretischen Sachverhalt erfasst zu haben glaubt: \u00bbMedien sind nicht zum Kommunizieren da.\u00ab (S. 517)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Man mag Haark\u00f6tter zugutehalten, dass er mit \u00dcberzeugung, Mut und einer gewissen Respektlosigkeit gegen etablierte Grundannahmen der Medien- und Kommunikationswissenschaft argumentiert und sich nicht scheut, steile und ersichtlich provokativ gemeinte Thesen vorzubringen. Dazu z\u00e4hlt auch das zweite zentrale Argument seiner Studie, an der Produktion von Notizen lasse sich \u00bbexemplarisch\u00ab ablesen, dass die mediale Speicherung von Informationen gerade nicht dazu diene, diese f\u00fcr die subjektive Erinnerung aufzubewahren, sondern sie vielmehr aus dem Ged\u00e4chtnis zu verbannen: \u00bbMedien sind zum Vergessen da\u00ab (S. 35). Wenig \u00fcberraschend ist jedoch, dass sich in der Ausf\u00fchrung dieser pauschalisierenden Annahmen vielerlei Probleme und Widerspr\u00fcche ergeben. In manchen F\u00e4llen sind die Beispiele schlicht wenig \u00fcberzeugend gew\u00e4hlt und konterkarieren recht offenkundig die an ihnen entwickelten Schlussfolgerungen. So wissen nicht nur Eltern, dass die Weihnachtswunschzettel ihrer Kinder alles andere darstellen als Botschaften, denen ein (real existierender) Adressat \u00bbfehlt\u00ab (S. 480) und die deshalb keine kommunikative Funktion zu erf\u00fcllen verm\u00f6gen (wenn dem tats\u00e4chlich so w\u00e4re, w\u00fcrde es f\u00fcr alle Beteiligten ein eher betr\u00fcbliches Fest). In anderen F\u00e4llen werden historische Quellen bem\u00fcht, die gleichfalls eher gegen die Thesen arbeiten, die zu st\u00fctzen sie auserw\u00e4hlt sind. So unter anderem dort, wo sich Haark\u00f6tter in seiner Behandlung von Leonardo da Vincis \u00bbunkommunikativer\u00ab Notizzettelproduktion ausgerechnet auf eine Aufzeichnung beruft, die im rhetorischen Gestus einer <em>captatio benevolentiae<\/em> ganz explizit auf einen m\u00f6glichen Empf\u00e4nger der Aufzeichnungen Bezug nimmt: \u00bbAlso, Leser, tadle mich nicht &#8230;\u00ab (S. 85).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Am schwersten wiegt allerdings, was das Buch so gut wie gar nicht in Rechnung stellt: dass die mediale Funktionsweise von Schrift \u2013 auch im Fall von Notizzetteln und selbst im Fall privatester \u203aEgo\u2039-Reflexionen \u2013 immer schon ein potenzielles Gelesen-Werden durch andere einschlie\u00dft, selbst wenn dies zum Zeitpunkt der Abfassung nicht beabsichtigt sein sollte. Haark\u00f6tters Studie mit ihren ausf\u00fchrlichen Notizen-Lekt\u00fcren liefert f\u00fcr diesen Umstand ja selbst den deutlichsten Beleg! Entsprechend sieht sich der Autor zur Plausibilisierung seiner These immer wieder dazu gezwungen, auf die kommunikativen <em>Absichten<\/em> der Notierenden bzw. auf das vermeintliche <em>Fehlen<\/em> eben solcher Absichten in ihren Schreibpraktiken zu rekurrieren und dabei intentionale Handlungsmuster zu unterstellen, die sich h\u00e4ufig aus biographistischen oder psychologisierenden Erw\u00e4gungen herleiten. Und selbst diese Strategie erspart es ihm letztlich nicht, an zumindest einer Stelle seiner Untersuchung einr\u00e4umen zu m\u00fcssen, was im deutlichen Widerstreit zu seiner Zettel-sind-Kommunikanten-ohne-Kommunikate-Behauptung steht: \u00bbWer keine Leser will, sollte nicht schreiben. Wer dennoch schreibt, der schlie\u00dft eine wenn auch nachgeholte, eingeschr\u00e4nkte oder unklare Kommunikation jedenfalls nicht v\u00f6llig aus.\u00ab (S. 303)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In methodischer Hinsicht optiert Haark\u00f6tter f\u00fcr einen narrativen Darstellungsansatz, der historische und theoretische Befunde \u00bbaus Geschichten heraus entwickeln\u00ab (S. 21) und dabei stets dem Prinzip gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Anschaulichkeit verpflichtet bleiben will. Und tats\u00e4chlich liegt die St\u00e4rke seines Buchs im h\u00e4ufig sehr plastischen (Nach-)Erz\u00e4hlen von Ereignissen und Anekdoten, so etwa jener des Rechtsgelehrten Johann Jacob Moser aus dem 18. Jahrhundert, der w\u00e4hrend seiner von der Obrigkeit verordneten Festungshaft mangels anderer Schreibmaterialien zur Beschriftung s\u00e4mtlicher Oberfl\u00e4chen seiner Gef\u00e4ngniszelle schritt und diese somit in einen begehbaren, \u00bbdreidimensionalen Notizzettel\u00ab (S. 490) verwandelt habe. Diese und andere Episoden aus der Kulturgeschichte des Notierens, zwischen denen Haark\u00f6tter originelle, couragierte und bisweilen verwegene Verbindungen kn\u00fcpft, machen den Reichtum seiner Untersuchung aus. Erz\u00e4hlt wird von Wandkritzeleien im antiken Rom, von den \u00bbblauen Notizheften\u00ab in <em>Michel aus L\u00f6nneberga<\/em>, von den Planungsskizzen des amerikanischen Bankr\u00e4ubers Willie Sutton und vielem mehr. Getragen wird das Arrangement des Materials dabei nicht zuletzt von einem gewissen antiakademischen Affekt (Haark\u00f6tter bekennt sich ausdr\u00fccklich zu seiner Herkunft aus dem Journalismus, obgleich er mittlerweile selbst im universit\u00e4ren Milieu t\u00e4tig ist). Die polemische Abgrenzung gegen die Hermetik und Fu\u00dfnotenkr\u00e4merei vieler wissenschaftlicher Publikationen mag ein durchaus nachvollziehbares Mittel der Selbstpositionierung sein, zumal im Fall eines Buches, das sich wie dieses an ein breiteres Publikum au\u00dferhalb der Universit\u00e4ten richtet. Nichtsdestotrotz muss sich auch eine solche \u203apopul\u00e4rer\u2039 gestaltete Studie, soweit sie den Anspruch erhebt, eine Kulturgeschichte und Medientheorie des Notizzettels zu liefern, an wissenschaftlichen Ma\u00dfst\u00e4ben von historischer Genauigkeit und begrifflicher Sch\u00e4rfe messen lassen. Und gemessen an diesen Ma\u00dfst\u00e4ben f\u00e4llt die Bilanz des Buches doch weit weniger \u00fcberzeugend aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die problematischen Aspekte in Haark\u00f6tters Darstellung historischer Entwicklungen zeigen sich dabei nicht nur, wo etwa 300 Jahre Philosophiegeschichte von Bacon bis Marx in drei knappen S\u00e4tzen res\u00fcmiert werden, mit allem Reduktionismus, den ein solcher Zugriff unvermeidlicherweise in sich birgt. Bisweilen ist der Umgang mit einzelnen Fakten und Daten auch in ganz konkretem Sinne ungenau oder irref\u00fchrend, so z. B. wenn das Jahr 1452 zum Jahr der \u00bbErfindung\u00ab des Notizzettels ausgerufen wird, um so eine zeitliche Koinzidenz mit Gutenbergs bahnbrechendem Bibeldruck zu konstruieren \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dass in jenem Jahr Leonardo da Vinci zur Welt kam, der sp\u00e4ter (!) zum ersten \u00bbsystematischen\u00ab Notizzettelproduzenten avanciert sei. Vor allem aber vermag die These, der Notizzettel sei als \u00bbdas universellste aller Universalmedien\u00ab (S. 18) anzusehen, und dies auch und gerade im \u00bbDigiz\u00e4n\u00ab des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts, weder in ihrer historischen Herleitung noch in ihrer theoretischen Begr\u00fcndung einzuleuchten. Denn weder war bzw. ist der Gebrauch dieses Mediums so vorherrschend, ja ubiquit\u00e4r wie Haark\u00f6tter dies (vor allem mithilfe von anekdotischer Evidenz) geltend macht; noch etwa ist der Notizzettel universal im Sinne der von ihm ausge\u00fcbten medialen Funktionen, da er zum Speichern oder gar Prozessieren vieler Datentypen wie z. B. T\u00f6nen oder bewegten Bildern nicht verwendet werden kann.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> \u00dcberdies handelt Haark\u00f6tters Buch selbst in gro\u00dfen Teilen, ja sogar \u00fcberwiegend, nicht von Zetteln im eigentlichen Sinne, sondern von <em>anderen<\/em> Tr\u00e4germedien des Notierens, so in erster Linie von Notiz<em>b\u00fcchern<\/em>, ohne dass dabei deren je spezifische, oft gerade nicht-zettelhafte Materialit\u00e4t und Funktionsweisen in Rechnung gestellt w\u00fcrden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">So wie Haark\u00f6tters Studie zwar den Titel <em>Notizzettel<\/em> tr\u00e4gt, \u00fcber weite Strecken jedoch von anders gearteten medialen Objekten erz\u00e4hlt, beschreibt auch der Untertitel <em>Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert <\/em>lediglich einen Teil-, wenn nicht Randaspekt ihres Gegenstandsbereichs. Denn um unsere Gegenwart geht es nur gelegentlich sowie auf den letzten Seiten, w\u00e4hrend die Besch\u00e4ftigung mit anderen Epochen \u2013 von der Antike \u00fcber die Renaissance und die Aufkl\u00e4rung bis hin zur Moderne \u2013 sehr viel gr\u00f6\u00dferen Raum einnimmt. Wer das Buch also in der Erwartung aufschl\u00e4gt, darin eine eingehende Auseinandersetzung mit den Notierpraktiken des digitalen Zeitalters vorzufinden, der wird entt\u00e4uscht. Stattdessen treten Aktualit\u00e4tsbez\u00fcge in erster Linie durch die Konstruktion historischer Parallelen und Antizipationsverh\u00e4ltnisse in Erscheinung: Leonardos Zettelwirtschaft etwa wird zum \u00bbVorboten von Hypermedien und Internet\u00ab (S. 64) erkl\u00e4rt; Wittgensteins Notierverfahren erscheinen als strukturelle Pr\u00e4figuration des World Wide Web (S. 150); die Zettelk\u00e4sten der Wiener Hofbibliothek fungieren als erste \u00bbSuchmaschine\u00ab (S. 384) der Welt; babylonische Strategien der Listenf\u00fchrung weisen bereits auf die komplexe Datenverarbeitung der heutigen Zeit voraus (S. 319). \u00dcber die Spezifizit\u00e4t neuer digitaler Technologien und ihren Einfluss auf etablierte, vordigitale Kulturtechniken der Notizenproduktion erf\u00e4hrt man hingegen nur wenig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dies wiederum hat auch damit zu tun, dass es Haark\u00f6tter mit Blick auf die Gegenwart prim\u00e4r darum zu tun ist, das handschriftliche Notieren auf Papier gegen seine (drohende) digitale Ersetzung oder gar Ausl\u00f6schung in Schutz zu nehmen. Eine unverkennbare pers\u00f6nliche Pr\u00e4ferenz f\u00fcr das Operieren mit Stift und Zettel wird dabei zur allgemeinen Vorliebe \u00bbder Menschen\u00ab (S. 521) erkl\u00e4rt, die auch im \u00bbDigiz\u00e4n\u00ab erhalten bleibe, wobei die Annahme einer \u00bbanthropologischen Konstante\u00ab (S. 447) im Hintergrund steht: die Vorstellung n\u00e4mlich, dass es ein \u00fcberzeitliches Bed\u00fcrfnis nach \u00bbschriftlicher Selbstfixierung\u00ab gebe und dass diese dem Charakter \u00bbunseres\u00ab Denkens gerade dort ad\u00e4quat sei, wo sie unsystematisch, inkoh\u00e4rent und im buchst\u00e4blichen Sinne \u00bbverzettelt\u00ab verf\u00e4hrt. Letzten Endes ist der gegenwartsbezogene Einsatz des Buches also von kulturkritischer Art, was etwa auch an der vorgebrachten Warnung vor einer \u00bbEntleerung\u00ab der Kommunikation durch digitalen <em>information overload<\/em>, an den immer wieder eingeflochtenen Polemiken gegen den \u00bbasozialen\u00ab Charakter heutiger sozialer Medien oder an der allenfalls mit einem halben Augenzwinkern artikulierten Sehnsucht nach \u00bbden Zeiten des guten alten Zettelkastens\u00ab (S. 409) deutlich wird. Gerade aus diesem Zusammenhang erkl\u00e4rt sich ferner der am Ende des Buches ausgewiesene \u00bbRaum f\u00fcr Ihre Notizen\u00ab: ein Spa\u00df, ja, aber einer mit ernster Motivation, der dezidiert <em>f\u00fcr<\/em> den Erhalt einer \u00e4lteren Kulturtechnik wirbt und die Leser ganz buchst\u00e4blich in dieses Konservierungsprojekt einzubinden versucht. Als pers\u00f6nliches Anliegen mag dies so legitim wie verst\u00e4ndlich sein. Doch f\u00fcr eine produktive und offensive Auseinandersetzung mit der technologischen Z\u00e4sur des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts reicht der darin ausgedr\u00fcckte Abwehrgestus nicht aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em>Der Literaturwissenschaftler\u00a0Tobias Wilke\u00a0arbeitet am ZfL auf einer Heisenberg-Stelle an dem Projekt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/linguistik-kommunikationsforschung-und-poetik-im-fruehen-informationszeitalter.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Digitale Sprache. Linguistik, Kommunikationsforschung und Poetik im fr\u00fchen Informationszeitalter<\/a>\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Interessanterweise hat das digital bedingte Verschwinden solcher Leerseiten aus (gedruckten) B\u00fcchern gerade im Netz zu Initiativen ihrer elektronischen Dokumentierung und Konservierung gef\u00fchrt. Siehe hierzu die (bereits \u00e4ltere) Webseite des <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20180224075941\/http:\/\/www.this-page-intentionally-left-blank.org\/whythat.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbThis Page Intentionally Left Blank\u00ab-Project<\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Haark\u00f6tters Insistieren auf dem \u00bbuniversellen\u00ab Charakter des Notizzettels zielt gegen die zun\u00e4chst vor allem von Friedrich Kittler vorgenommene Kategorisierung des Computers als Universalmedium, die sich aus der Vereinigung der Medienfunktionen Speichern, \u00dcbertragen und Prozessieren sowie aus der numerisch basierten Zusammenf\u00fchrung von Ton-, Bild- und Schriftdaten begr\u00fcndet, vgl. Friedrich Kittler: <em>Grammophon Film Typewriter<\/em>, Berlin 1986. Haark\u00f6tters Einwand, der Computer k\u00f6nne kein Universalmedium sein, da er \u00bbvon der Stromversorgung abh\u00e4ngt\u00ab (S. 525), bewegt sich ersichtlich nicht auf der H\u00f6he der Position, die infrage zu stellen er beabsichtigt.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Tobias Wilke: Verzetteltes Denken. Ein neues Buch zur Kulturtechnik des Notierens, in: ZfL BLOG, 10.3.2022, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/03\/10\/tobias-wilke-verzetteltes-denken-ein-neues-buch-zur-kulturtechnik-des-notierens\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/03\/10\/tobias-wilke-verzetteltes-denken-ein-neues-buch-zur-kulturtechnik-des-notierens\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220310-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220310-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220310-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/03\/10\/tobias-wilke-verzetteltes-denken-ein-neues-buch-zur-kulturtechnik-des-notierens\/\",\n  \"additionalType\": \"Review\",\n  \"name\": \"VERZETTELTES DENKEN. 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