{"id":2539,"date":"2022-04-26T09:41:22","date_gmt":"2022-04-26T07:41:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2539"},"modified":"2025-02-28T17:28:31","modified_gmt":"2025-02-28T15:28:31","slug":"eva-axer-zfl-jahresthema-2022-23-gegenwelten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/04\/26\/eva-axer-zfl-jahresthema-2022-23-gegenwelten\/","title":{"rendered":"Eva Axer: ZfL-JAHRESTHEMA 2022\/23 \u2013 GEGENWELTEN"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Pandemie hat uns einen neuen Zeitgenossen beschert \u2013 den \u203aCorona-Leugner\u2039. Wo etwas geleugnet wird, gibt es eine Wahrheit, die verdeckt, verf\u00e4lscht oder verneint wird. Schon beim Begriff \u203aKlimawandel-\u00adLeugner\u2039 dr\u00e4ngte sich die Einsicht auf, dass uns eine gemeinsame Welt abhanden gekommen ist, in der man auf der Grundlage allseits anerkannter Fakten verschiedene Meinungen haben und unterschiedliche Ansichten vertreten kann. Die Rede von Corona- und <\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">Klimawandel-Leugnern verweist auf die Existenz von Gegenwelten. Das Spektrum reicht von tendenziell paranoischer Wissenschaftsskepsis bis hin zur Negation anerkannter Tatsachen. <!--more-->Wie der Holocaust-Leugner, der den V\u00f6lkermord der Nationalsozialisten an den Juden in geschichtsrevisionistischer Absicht abstreitet, ruft der Begriff des Corona-Leugners nicht zuletzt auch moralische Entr\u00fcstung hervor. Sie macht sich breit, wenn man aus den Medien erf\u00e4hrt, dass die \u203aCorona-Leugner\u2039 bereits Ans\u00e4tze zu einer \u203aParallelgesellschaft\u2039 ausgebildet und Infrastrukturen des Alltags ohne G-Regeln mit eigenen Job- und Partnervermittlungen geschaffen h\u00e4tten. Als Parallelgesellschaft, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abschottet, erscheint die Gegenwelt bedrohlich, weil dort Normen unterlaufen oder sogar \u203aRecht und Ordnung\u2039 au\u00dfer Kraft gesetzt werden. Von den Ein- und Ausschlussmechanismen, die diese Begriffe nicht nur beschreiben, sondern ihrerseits auch verst\u00e4rken k\u00f6nnen, profitieren besonders diejenigen, in deren Interesse eine gesellschaftliche Polarisierung liegt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Als eine populistische Politik, zu deren Mitteln die unverhohlene T\u00e4uschung z\u00e4hlt, mit dem Brexit und der Trump-Wahl in westlichen Demokratien historische Wendepunkte herbeif\u00fchrte, fanden sich pl\u00f6tzlich nicht nur dystopische Romane wie George Orwells <em>1984<\/em> oder Margaret Atwoods <em>The <\/em><em>Handmaid\u2019s Tale <\/em>international auf den Bestsellerlisten wieder. Auch Hannah Arendts Analyse totalit\u00e4rer Herrschaft hat seither Konjunktur. W\u00e4hrend ideologisch abgeriegelte Diktaturen und Unrechtsstaaten unerw\u00fcnschte Fakten und Meinungen einfach unterdr\u00fccken, verdankt sich die Nivellierung der Unterschiede zwischen mehr und weniger plausiblen Meinungen in \u203apostfaktischen Demokratien\u2039 auch der freien Zirkulation oft kurzlebiger Inhalte. Dabei k\u00f6nnen Fakt und Fiktion gerade unter den neuen medialen Bedingungen gleichsam hybridisiert werden: durch Auslassungen oder durch die Anordnung von Informationen und Behauptungen nach narrativen Mustern, die Glaubw\u00fcrdigkeit erzeugen sollen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Von der Gegenwelt im Sinne eines utopischen Gegenbilds und politischen Gegen\u00adentwurfs ist heute selten die Rede, also davon, dass die Dinge nicht nur anders, sondern auch besser sein k\u00f6nnten. Als Karl Mannheim 1929 Ideologie und Utopie in seinem gleichnamigen Buch nebeneinander stellte, wollte er darauf hinweisen, dass sowohl die Ideologie wie auch der utopische Gegen\u00adentwurf das Gegebene transzendieren und darum inkongruent mit der Wirklichkeit sind. Um Ideologie und Utopie zumindest im R\u00fcckblick auseinanderzudividieren, unterschied Mannheim zwischen einer die Wirklichkeit verschleiernden und einer die Wirklichkeit ver\u00e4ndernden Funktion. Einerseits erscheint der gegenw\u00e4rtige Mangel an <em>utopischen<\/em> Gegenwelten somit als ein implizites Einverst\u00e4ndnis mit dem Status quo. Andererseits k\u00f6nnen heutige Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, diese Ausgeburten einer h\u00e4ufig aus alten Ressentiments gespeisten Fantasie, als kompensatorische Reaktionen auf den Verlust gruppenspezifischer Privilegien gelesen werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Medien, die sich als \u203aAlternative\u2039 zu der von ihnen sogenannten \u203aL\u00fcgenpresse\u2039 inszenieren, haben sich die Rhetorik der Entlarvung l\u00e4ngst zu eigen gemacht. In der lautstarken Opposition gegen die vermeintlich ideologische Verblendung der gesellschaftlichen Mehrheit liegt die M\u00f6glichkeit, sich in der Rolle des \u203aAndersdenkenden\u2039 zu behaupten. Befreiungsgesten lassen sich dann besonders gut inszenieren, wenn der \u00f6ffentliche Diskurs, wie im Fall von Coronapandemie und Klimakrise, als Verbotsdiskurs denunziert werden kann. Eine Diskussion, etwa \u00fcber verschiedene Freiheitsbegriffe, ist unter diesen Umst\u00e4nden nicht mehr m\u00f6glich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Gegenwelten destabilisieren und stabilisieren ihr Gegen\u00fcber zugleich. Angesichts der Unterminierung und Zerschlagung institutioneller Strukturen w\u00e4hrend der Trump-Pr\u00e4sidentschaft stellt sich die Frage, wie andere Formen (selbst-)kritischer Gegenentw\u00fcrfe aussehen k\u00f6nnten. Dass utopisches Denken nicht notwendig auf eine strikte Absetzung von der Wirklichkeit angewiesen ist, hat j\u00fcngst Kim Stanley Robinsons Roman <em>The Ministry for the Future <\/em>(2020) unter Beweis gestellt. Dort gelingt die Abwendung einer globalen Klimakatastrophe <em>mithilfe<\/em> einer im Multilateralismus verankerten UN-Institution, die zugleich mit einer eigenen Geheimorganisation im Ministerium <em>entgegen<\/em> ihren b\u00fcrokratischen Prinzipien operiert. Die Abschaffung des neoliberalen Kapitalismus gelingt bei Robinson sowohl in Zusammenarbeit <em>mit<\/em> dem globalen Bankensystem wie <em>gegen<\/em> dieses. Was aber hei\u00dft es, wenn die Abwendung des <em>worst case scenario<\/em> heutzutage schon das Zeug zur (literarischen) Utopie hat, wie Robinson freim\u00fctig anerkennt? Wenn eine abfallende statistische Kurve von Infektionszahlen oder CO2-Werten zum Inbegriff von Hoffnung wird? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das ZfL wird sich in den n\u00e4chsten drei Semestern mit historischen und zeitgen\u00f6ssischen Gegenwelten befassen, mit ihrer Konstitution in medialen Zusammenh\u00e4ngen und ihren literarischen bzw. k\u00fcnstlerischen Darstellungsformen sowie ihren Funktionen als Wunschbilder, Projektionsr\u00e4ume und Gegenentw\u00fcrfe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em><span class=\"text\">Die Germanistin\u00a0<a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/axer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eva Axer<\/a>\u00a0<\/span><span class=\"text\">ist aktuell stellvertretende Direktorin des ZfL und verfolgt das Forschungsprojekt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/erzaehlstrategien-der-zeitraffung.html\">Erz\u00e4hlstrategien der Zeitraffung im 20. und 21. Jahrhundert<\/a>\u00ab. Ihr Beitrag wurde erstmals als Editorial des <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/gegenwelten.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Faltblatts \u00bbJahresthema 2022\/23, Gegenwelten\u00ab<\/a> ver\u00f6ffentlicht.\u00a0\u00a0<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Axer: ZfL-Jahresthema 2022\/23 \u2013 Gegenwelten, in: ZfL BLOG, 26.4.2022, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/04\/26\/eva-axer-zfl-jahresthema-2022-23-gegenwelten\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/04\/26\/eva-axer-zfl-jahresthema-2022-23-gegenwelten\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220426-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220426-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20220426-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/04\/26\/eva-axer-zfl-jahresthema-2022-23-gegenwelten\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"ZfL-JAHRESTHEMA 2022\/23 \u2013 GEGENWELTEN\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Axer\",\n    \"givenName\": \"Eva\",\n    \"familyName\": \"Axer\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0003-4958-8888\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2022-04-26\",\n  \"datePublished\": 2022,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pandemie hat uns einen neuen Zeitgenossen beschert \u2013 den \u203aCorona-Leugner\u2039. 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