{"id":2703,"date":"2022-10-04T10:12:46","date_gmt":"2022-10-04T08:12:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2703"},"modified":"2025-02-28T17:00:34","modified_gmt":"2025-02-28T15:00:34","slug":"tatjana-petzer-paradoxien-der-unsterblichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/10\/04\/tatjana-petzer-paradoxien-der-unsterblichkeit\/","title":{"rendered":"Tatjana Petzer: PARADOXIEN DER UNSTERBLICHKEIT"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Im heutigen Russland kn\u00fcpfen gesellschaftliche Akteure wieder offen an die sowjetische Politik des unsterblichen Kollektivs an. So erinnern neuerdings regionale Gedenkm\u00e4rsche unter dem Banner des Unsterblichen Regiments (russ. <em>Bessmertnyj polk<\/em>) an Heldentum und Opfertod; Schlagworte, die im Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland kultiviert wurden, um das \u00dcberleben des Volkes gegen die nationalsozialistische Aggression zu sichern. Anstelle der roten Fahnen und Stalin-Portr\u00e4ts, die 1945 am Tag des Sieges die Milit\u00e4rparade flankierten, tragen die heutigen Teilnehmer:innen, darunter auch Staatschef Putin und hochrangige Politiker:innen, Fotos von Familienmitgliedern mit sich, die im Zweiten Weltkrieg gek\u00e4mpft haben. Das Verm\u00e4chtnis der Kriegsgeneration wirkt aber nicht nur in Russland, sondern auch in anderen postsowjetischen Staaten identit\u00e4tsstiftend fort, darunter in der Ukraine, wo ungeachtet einer aufgrund der Nazi-Kollaboration hiesiger Nationalisten gespaltenen Erinnerungskultur die transgenerationale Weitergabe der weltanschaulich konstruierten Unsterblichkeit auf fruchtbaren Boden f\u00e4llt.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dabei muss das Postulat <em>sozialer<\/em> Unsterblichkeit in Anbetracht einer schon seit Langem bestehenden transhumanistischen Bewegung, die ihre Bestrebungen auf die <em>physische<\/em> Unsterblichkeit der Menschheit und deren Vervollkommnung richtet, eigentlich antiquiert erscheinen. Denn bereits um 1900 versuchten russische\u00a0 Wissenschaftler, \u203aUnsterblichkeitstechniken\u2039 der Natur (etwa die Kryobiose) auf den menschlichen Organismus zu \u00fcbertragen und Methoden zur Lebensverl\u00e4ngerung, Verj\u00fcngung oder gar \u00dcberwindung des biologischen Todes zu entwickeln. Zu Zeiten des Kalten Krieges wies dann die Biokybernetik in ganz Osteuropa Wege zur Lebensoptimierung mit naturwissenschaftlich-technischen Mitteln. Vor diesem Hintergrund legten etwa der polnische Science-Fiction-Autor Stanis\u0142aw Lem, der bulgarische Physiker Tanju Kolew und der belarussische Wissenschaftsphilosoph Alexej Manejew theoretische \u00dcberlegungen zur Bewusstseinsmigration vor, die mit Rekurs auf die KI-Forschung und die Quantenmechanik M\u00f6glichkeiten pers\u00f6nlicher Unsterblichkeit in Aussicht stellten. Und schlie\u00dflich gibt es seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert in Russland Bem\u00fchungen um die Etablierung einer Immortologie (russ. <em>immortologija<\/em>) \u2013 einer Disziplin, die wissenschaftliche Forschungen zur Immortalit\u00e4t in Medizin, Biologie, Neurokybernetik, Informatik und Design mit dem Unsterblichkeitsdenken seit der Moderne verkn\u00fcpft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das Streben nach Unsterblichkeit durchzieht die gesamte Geschichte der Menschheit, doch in Zeiten des beschleunigten gesellschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Wandels zeichnet es sich durch eine gesteigerte Intensit\u00e4t aus. Immer wieder wurde das Verst\u00e4ndnis von Immortalit\u00e4t hinterfragt (physische vs. metaphysische Unsterblichkeit, todloses Leben vs. Auferweckung nach dem Tod, Langlebigkeit vs. ewiges Leben usw.), wurden ihre Spielarten neu definiert. Die Entwicklung der modernen Lebenswissenschaften in der westlichen Welt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die Erfolge der Immunologie, Juvenologie und Gerontologie eingeschlossen, sind hinl\u00e4nglich bekannt. Auch dem radikalen Utopismus der russisch-sowjetischen Avantgarde wurde bereits viel Aufmerksamkeit zuteil. Dass der Unsterblichkeitsdiskurs in den USA von einer Reihe von Denkern angesto\u00dfen wurde, die wie Norbert Wiener, Mathematiker und Begr\u00fcnder der Kybernetik, der Biochemiker und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov oder der Physiker und Kryonik-Pionier Robert Ettinger allesamt einen russisch-j\u00fcdischen Migrationshintergrund haben, hat hingegen in der Forschung kaum Beachtung gefunden. Welche Rolle religionskulturelle Faktoren beziehungsweise interkulturelle Wissens\u00fcbertragungen in diesem Diskurs spielen, ist weitgehend unerforscht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Allgemein ist festzustellen, dass bisherige historische Darstellungen die Einbeziehung des slawischen Osteuropas vermissen lassen. Gibt es Parallelen zwischen den bed\u00fcrfnislosen, arbeitsamen Unsterblichen, die gem\u00e4\u00df einem fiktionalen Entwurf des in den 1920er Jahren als Ingenieur f\u00fcr Elektrifizierung t\u00e4tigen Schriftstellers Andrej Platonow in einem Labor f\u00fcr Anthropotechnik dank einer neuartigen Elektrosph\u00e4re hervorgebracht werden, und den Robotern oder dem Absolutum bei Karel \u010capek? Ist angesichts der m\u00f6glichen Existenz unsterblicher kybernetischer Organismen die anthropologische Neuerz\u00e4hlung der Sch\u00f6pfungsgeschichte \u00fcberzeugend, die Borislav Peki\u0107 1980 vornahm, wohlgemerkt mit einem weiblichen Cyborg als Protagonistin, die sich biblisch als \u00bbIch bin, die ich bin\u00ab zu erkennen gibt? Spiegeln programmatische Selbstentw\u00fcrfe, die sich auf sogenannte h\u00f6here, esoterisch anmutende mathematisch-naturwissenschaftliche Konzepte st\u00fctzen, regionale Formen wissenschaftlicher Religiosit\u00e4t oder den Versuch, die globale Logik des materialistischen Daseins zu durchbrechen, wider? All diese Fragen harren noch einer Antwort.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die 2021 von mir bei Matthes &amp; Seitz Berlin herausgegebene Anthologie <em>Unsterblichkeit. Slawische Variationen<\/em> tritt dem Ungleichgewicht in der Rezeption entgegen und m\u00f6chte f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen Unsterblichkeitskonzepte in Ost-, Mittel- und S\u00fcdosteuropa sowie f\u00fcr die parallel zu offiziellen, politischen Diskursen gef\u00fchrten intellektuellen und k\u00fcnstlerischen Debatten sensibilisieren. Wenn Osten und Westen in Hinblick auf das Streben nach individueller vs. kollektiver Unsterblichkeit divergieren, so gibt es doch auch Konvergenzen. Darunter fallen beispielsweise Paradoxien des Unsterblichkeitsstrebens. Eine davon offenbart sich in einer Anekdote des Jugoslawen Samir Adanali\u0107 aus dem Jahr 1980 mit dem Titel <em>Die Unsterblichkeitsmaschine<\/em>, die Eingang in die Anthologie fand:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">London, 2055. Der im gesamten Sonnensystem ber\u00fchmte Wissenschaftler Jack Lenkson er\u00f6ffnete seine Vorlesung. Er hielt sie \u00fcber seine neueste Erfindung.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbMeine Herren, ich habe Sie heute eingeladen, Ihnen mein Lebenswerk zu pr\u00e4sentieren. Es ist eine Vorrichtung, mit deren Hilfe die Unsterblichkeit erreicht werden kann.\u00ab<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Im Saal kam Unruhe auf.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbWundern Sie sich nicht. In wenigen Augenblicken werden Sie sich \u00fcberzeugen, dass ich recht habe. Meine Maschine macht nicht nur Menschen unsterblich, sondern auch alle Arten von Tieren und Insekten. Diesem Umstand verdankt es sich, dass ich Ihnen jetzt eine Insektenart vorf\u00fchren kann, die eigentlich nur ganze drei Tage lebt. Ich habe genau berechnet, dass dieses Insekt noch etwa eine halbe Stunde zu leben h\u00e4tte. Jetzt werde ich es in diese Blackbox legen und die Maschine einschalten. Genau so. Nun nehme ich es heraus und lege es in dieses Glask\u00e4stchen. Dann sehen wir, ob es nun in einer halben Stunde sterben wird. In der Zwischenzeit werde ich Ihnen darlegen, wie es mir gelungen ist, diese Maschine zu erschaffen.\u00ab<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Nach einer halben und auch nach einer ganzen Stunde war das Insekt noch am Leben. Applaus brach aus. Der renommierte Gelehrte war \u00fcbergl\u00fccklich und sagte am Ende seiner Pr\u00e4sentation: \u00bbJetzt, da ich mein Lebenswerk vollendet habe, kann ich ohne Bedauern sterben!\u00ab<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es mag abwegig erscheinen, dass ein Experiment mit Insekten in der Zukunft als Beweis f\u00fcr die Wirksamkeit einer Apparatur gilt, die bei komplexeren Organismen zum Einsatz kommen soll. Lenksons Maschine gleicht einem Experimentierkasten f\u00fcr Wundergl\u00e4ubige. Indem die entscheidende Transformation in einer Blackbox erfolgt, bleiben nicht nur das exakte Verfahren im Dunkeln und die f\u00fcr die Menschheit folgenschwere Erfindung vor unerlaubtem Zugriff gesch\u00fctzt. Zudem ist das Publikum Teil einer psychologischen Versuchsanordnung, mit der sein Glaube an wissenschaftliche Autorit\u00e4t und an die Maschine auf die Probe gestellt wird; eine Probe, die das Publikum besteht. Der Applaus best\u00e4tigt den Technikoptimismus und die Unsterblichkeitsgewissheit der Wissenschaftscommunity, die, ungeachtet der Tragweite der Erfindung, weder Lenksons Berechnung noch seine Behauptung hinterfragt. Warum ein Wissenschaftler, der zumindest experimentell den nat\u00fcrlichen Kreislauf von Geburt und Sterben \u00fcberwunden zu haben meint, paradoxerweise den (physischen) Tod bejaht, bleibt hingegen offen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Eine m\u00f6gliche Interpretation w\u00e4re, dass der Lebenszweck erf\u00fcllt und damit das Nachleben, sprich: unsterblicher Ruhm, gesichert ist<em>. <\/em>Die ewige Fortexistenz ohne Grund und Ziel erscheint demgegen\u00fcber be\u00e4ngstigend und in der st\u00e4ndigen Wiederholung zu m\u00fchevoll. Der russische Mediziner, Monist und Schriftsteller Alexander Bogdanow hatte in einer Zukunftserz\u00e4hlung von 1912 ein anderes Szenario skizziert: Der Erfinder eines Unsterblichkeitsserums, das der Menschheit Immortalit\u00e4t garantiere, inszeniert just am Tag des tausendj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Serums seine Selbstausl\u00f6schung mittels Selbstverbrennung im Kosmos.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Zur gleichen Zeit argumentierte ganz \u00e4hnlich auch der Immunologe Ilja Metschnikow, der nicht die Unsterblichkeit, sondern eine Lebensverl\u00e4ngerung anvisierte, dass sich nach einhundertf\u00fcnfzig Jahren eine Lebenss\u00e4ttigung einstellen und der reife, vom langen Leben erf\u00fcllte oder \u00fcberdr\u00fcssige Mensch dann ohne Angst aus dem Leben scheiden w\u00fcrde. Ist der Todestrieb letzten Endes st\u00e4rker als der Wunsch nach Unsterblichkeit? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Forscher und Ingenieure, die sich gegenw\u00e4rtig mit dem Unsterblichkeitsproblem befassen, setzen weniger auf die Verl\u00e4ngerung der biologischen Lebensdauer, als vielmehr auf die Befreiung des K\u00f6rpers von der Sterblichkeit durch den \u00dcbergang in ein postbiologisches Leben, das hei\u00dft auf eine Transformation des menschlichen Organismus in kybernetische und virtuelle, nichtk\u00f6rperliche und entmaterialisierte Existenzformen. Als Teil der globalen Bewegung des Trans- und Posthumanismus begr\u00fcndete der russische Medienmagnat und Milliard\u00e4r Dmitri Izkow 2011 unter Beteiligung von Experten f\u00fcr neuronale Schnittstellen, Robotik, k\u00fcnstliche Organe und Systeme die Initiative <i>Russia <\/i><em>2045<\/em>, deren Name sich auf das Konzept der technologischen Singularit\u00e4t bezieht. Gemeint ist damit ein erwarteter Qualit\u00e4tssprung der Technosph\u00e4re, den der US-amerikanische Google-Ingenieur Raymond Kurzweil f\u00fcr das Jahr 2045 vorausgesagt hatte; zu diesem Zeitpunkt sollen komplexe intelligente Systeme autonom und selbstorganisierend sein. Auch wenn Izkow bereits eine Roboter-Kopie von sich konstruieren lie\u00df und nun an der Interfacetechnik gefeilt wird, die eine \u00dcbertragung seines Bewusstseins in diesen k\u00fcnstlichen K\u00f6rper erm\u00f6glichen soll, zielt sein Zukunftsprogramm weniger auf seine pers\u00f6nliche Unsterblichkeit als vielmehr auf die der Allgemeinheit. Die Rhetorik seiner auf der Webseite 2045.com ver\u00f6ffentlichten Manifeste, in denen unter anderem die Schaffung einer Neomenschheit (russ. <em>neo<\/em><em>\u010delove\u010destvo<\/em>) postuliert wird, erinnert dabei an jene Vertreter der russisch-sowjetischen Avantgarde, die den revolution\u00e4ren Aufbruch in eine Zukunftsgesellschaft unterst\u00fctzten, sprich: das allseitige Projekt einer Neuen Menschheit (russ. <em>novoe<\/em> <em>\u010delove\u010destvo<\/em>) mittels der Kunst der Proklamation und einer neuen Transformations\u00e4sthetik mitgestalteten.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Politische Relevanz erhielt Izkows Initiative zus\u00e4tzlich durch ein Spin-off: die 2012 gegr\u00fcndete Partei <em>Evolution 2045<\/em>. Voller Ehrgeiz und Ambition wurde der russischen Regierung angeboten, die Idee des evolution\u00e4ren Transhumanismus zur neuen Ideologie des postsowjetischen Staates zu machen. Damit w\u00fcrde Russland die sinnentleerte postsowjetische Konsumgesellschaft \u00fcberwinden und als herausragende wissenschaftliche und strategische Denkfabrik \u2013 nach dem Vorbild des US-amerikanischen Silicon Valley \u2013 die globalen Geschicke mitgestalten k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Um dieses Ziel zu erreichen, greift die russische Regierung gegenw\u00e4rtig offensichtlich zu anderen Mitteln. Doch was w\u00e4re m\u00f6glicherweise geschehen, wenn die sowjetischen Machthaber sich die in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts sukzessive erarbeiteten, (bio-)kybernetischen, KI- und digitalen L\u00f6sungen f\u00fcr das Unsterblichkeitsproblem angeeignet h\u00e4tten? Der russische Kultautor Wiktor Pelewin hat dazu in seinem j\u00fcngsten Roman mit dem englischen Titel <em>Transhumanism Inc.<\/em><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> ein dystopisches Zukunftsszenario entwickelt. Darin wird Russland, nun in \u00bbGuter Staat\u00ab umbenannt, bereits seit siebenhundert Jahren von der Partei der \u00bbSozialistischen Eurasischen Revolution\u00e4ren Demokratischen W\u00e4chter (Bolschewiki)\u00ab regiert. Das ist m\u00f6glich, weil die Gehirne der Bolschewiki in der Bank des titelgebenden Unternehmens, Transhumanism Inc., aufbewahrt und k\u00fcnstlich am Leben erhalten werden.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Au\u00dferdem lagern dort die K\u00f6pfe von Oligarchen, die es sich zu Lebzeiten leisten konnten, ihre Gehirne von den alternden K\u00f6rpern zu trennen und die Miete f\u00fcr ihr postkorporales Leben im unterirdischen Bankfach zu begleichen. Die Vorteile einer Teilhabe an der Technosph\u00e4re liegen auf der Hand. Die Vernetzung greift nicht nur innerhalb der virtuellen Sph\u00e4re unbegrenzter simulierter Identit\u00e4ten, sondern bezieht auch die Menschen der Biosph\u00e4re mit ein. Letzteres erm\u00f6glichen Gehirnchips mit individuellen Codes (an derartigen Schnittstellen arbeitet im wahren Leben etwa die Neuralink Corporation unter prominenter Beteiligung von Tesla-Chef Elon Musk). Ihr Implantat ist f\u00fcr alle verpflichtend und erlaubt eine umf\u00e4ngliche Steuerung und Manipulation der Bev\u00f6lkerung. In dem von Pelewin imaginierten primitiven, konsum-technologischen Kapitaloz\u00e4n der Zukunft ist die Bev\u00f6lkerung darauf konditioniert, bedingungslos und jederzeit f\u00fcr das Privileg der Unsterblichkeit zu sterben bereit zu sein, so paradox dies auch sein mag.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Die Slawistin Tatjana Petzer arbeitete bis 2021 als Dilthey-Fellow der VolkswagenStiftung mit dem von ihr geleiteten Projekt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/synergie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wissensgeschichte der Synergie<\/a>\u00ab am ZfL.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Aleksandr A. Bogdanov: \u00bbPrazdnik bessmertija\u00ab (Tag der Unsterblichkeit), in: <em>Letu\u010die al\u2019manachi<\/em> 14 (1914), S. 53\u201370 (Erstver\u00f6ffentlichung 1912 unter dem Titel \u00bbBessmertnyj Fride. Fantasti\u010deskij rasskaz\u00ab [Der Unsterbliche Fride. Eine phantastische Erz\u00e4hlung]). Vgl. dazu <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/publikationen-detail\/items\/unsterblichkeit.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Interjekte<\/em> 12 (2018) = Tatjana Petzer (Hg.): <em>Unsterblichkeit. Geschichte und Zukunft des Homo immortalis<\/em><\/a>, passim.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Boris Groys\/Michael Hagemeister (Hg.): <em>Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts<\/em>, Frankfurt am Main 2005.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Viktor Pelevin: <em>Transhumanism Inc.<\/em>, Moskau 2021.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Das ist eine Anspielung auf das Pantheon der konservierten und in Vitrinen ausgestellten Gehirne herausragender verstorbener Pers\u00f6nlichkeiten der UdSSR, das der Psychoneurologe Wladimir Bechterew 1927 vorschlug.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Tatjana Petzer: Paradoxien der Unsterblichkeit, in: ZfL Blog, 4.10.2022, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/10\/04\/tatjana-petzer-paradoxien-der-unsterblichkeit\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/10\/04\/tatjana-petzer-paradoxien-der-unsterblichkeit\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221004-01\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221004-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221004-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/10\/04\/tatjana-petzer-paradoxien-der-unsterblichkeit\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"PARADOXIEN DER UNSTERBLICHKEIT\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Tatjana Petzer\",\n    \"givenName\": \"Tatjana\",\n    \"familyName\": \"Petzer\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"Tatjana Petzer\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2022-10-04\",\n  \"datePublished\": 2022,\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im heutigen Russland kn\u00fcpfen gesellschaftliche Akteure wieder offen an die sowjetische Politik des unsterblichen Kollektivs an. So erinnern neuerdings regionale Gedenkm\u00e4rsche unter dem Banner des Unsterblichen Regiments (russ. Bessmertnyj polk) an Heldentum und Opfertod; Schlagworte, die im Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland kultiviert wurden, um das \u00dcberleben des Volkes gegen die nationalsozialistische Aggression zu sichern. <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/10\/04\/tatjana-petzer-paradoxien-der-unsterblichkeit\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21,19],"tags":[665,93,38,664,97,662,663],"class_list":["post-2703","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einblick","category-lektueren","tag-experiment","tag-lebenswissen","tag-literatur","tag-naturwissenschaft","tag-slawistik","tag-transhumanismus","tag-unsterblichkeit"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2703"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2703\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3551,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2703\/revisions\/3551"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}