{"id":2772,"date":"2022-12-06T11:27:38","date_gmt":"2022-12-06T09:27:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2772"},"modified":"2025-02-11T16:11:01","modified_gmt":"2025-02-11T14:11:01","slug":"nebiha-guiga-soziale-lebenswelten-und-der-allgemeine-humanitarismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/06\/nebiha-guiga-soziale-lebenswelten-und-der-allgemeine-humanitarismus\/","title":{"rendered":"Nebiha Guiga: SOZIALE LEBENSWELTEN UND DER ALLGEMEINE HUMANITARISMUS"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2774\" aria-describedby=\"caption-attachment-2774\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1024px-Tronc_a_queter_des_Hospitaliers_sauveteurs_bretons.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2774 size-medium\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1024px-Tronc_a_queter_des_Hospitaliers_sauveteurs_bretons-300x215.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1024px-Tronc_a_queter_des_Hospitaliers_sauveteurs_bretons-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1024px-Tronc_a_queter_des_Hospitaliers_sauveteurs_bretons-768x551.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1024px-Tronc_a_queter_des_Hospitaliers_sauveteurs_bretons.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2774\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Farbige gusseiserne Spendenb\u00fcchse in Form eines \u00fcberdachten Rettungsbootes der Hospitaliers Sauveteurs Bretons, Rennes, Mus\u00e9e national de la Marine, Paris, CC BY-SA 4.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Frankreichs Seenotrettungsgesellschaft, die Soci\u00e9t\u00e9 Nationale de Sauvetage en Mer (SNSM), geht auf einen Zusammenschluss zweier Einrichtungen zur\u00fcck, die in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts mit urspr\u00fcnglich unterschiedlichen Zielsetzungen entstanden sind: Die Soci\u00e9t\u00e9 Centrale de Sauvetage des Naufrag\u00e9s (SCSN) wurde 1865 unter der Schirmherrschaft von Kaiserin Eug\u00e9nie speziell zur Rettung Schiffbr\u00fcchiger gegr\u00fcndet. Der 1873 im bretonischen Rennes gegr\u00fcndeten Soci\u00e9t\u00e9 des Hospitaliers Sauveteurs Bretons (SHSB) hingegen ging es allgemein um die Rettung von Menschen, die unverschuldet in Not geraten waren (Abb. 1, Spendenb\u00fcchse). <\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Seenotrettung war f\u00fcr diese Gesellschaft also nur Teil eines weit gr\u00f6\u00dferen Projekts. So sahen d<\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">ie umfangreichen Regularien der SHSB den Aufbau einer Verwaltung vor, zu der auch Priester und \u00c4rzte geh\u00f6rten, die sich um das Wohlergehen aller Beteiligten k\u00fcmmern sollten. Eine eigene Sektion zu Disziplinarma\u00dfnahmen legte sogar Strafen f\u00fcr Gewalt gegen Tiere oder Mangel an H\u00f6flichkeit fest. <\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">Doch schon nach wenigen Jahren konzentrierte sich die SHSB entgegen ihrer urspr\u00fcnglichen Zielsetzung fast ausschlie\u00dflich auf die Rettung schiffbr\u00fcchiger Seeleute. In dieser Entwicklung zeigt sich eine Spannung, ein erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftiges Missverh\u00e4ltnis zwischen dem urspr\u00fcnglichen, allgemeinen humanit\u00e4ren Anspruch und der praktischen Umsetzung konkreter Ma\u00dfnahmen.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dieses Missverh\u00e4ltnis ist von Bedeutung, weil es auf ein weit gr\u00f6\u00dferes Problem verweist, und zwar das Verh\u00e4ltnis zwischen der Universalit\u00e4t des Anspruchs und der Begrenzung des Einzelanliegens, das f\u00fcr humanit\u00e4re Bewegungen kennzeichnend ist. Um zu verstehen, wie solche Spannungsverh\u00e4ltnisse in einer robusten humanit\u00e4ren Praxis aufgefangen werden, ist es erforderlich, sowohl die an der Rettungsbootbewegung beteiligten Personengruppen, vornehmlich Unterst\u00fctzer und Rettungskr\u00e4fte, als auch die Netzwerke verschiedener Akteure, die daraus entstanden sind, zu untersuchen. Die Jahresberichte der SCSN sind hierf\u00fcr eine ergiebige Quelle, denn sie enthalten nicht nur namentliche Aufstellungen aller Spender, sondern auch Angaben zu deren Beruf und Wohnort und mitunter sogar zur H\u00f6he des gespendeten Betrags.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mithilfe einer im Rahmen des Teilprojekts eigens eingerichteten Datenbank, die \u00fcber 5000 Namen ab 1865 verzeichnet, ist es uns mittlerweile m\u00f6glich, ein genaueres Bild der SCSN in ihrer Anfangszeit zu erstellen: Die Spender wurden von der Gesellschaft selbst in zwei Gruppen eingeteilt, in <em>fondateurs<\/em> (Gr\u00fcndungsmitglieder), die mehr als 100 Francs gespendet haben bzw. einen Jahresbeitrag von 20 Francs leisteten, und in <em>donateurs<\/em> (Spender), die weniger spendeten. Zus\u00e4tzlich gab es ein Statut f\u00fcr M\u00e4zene, die noch gr\u00f6\u00dfere Summen stifteten, die sogenannten <em>bienfaiteurs<\/em> (Wohlt\u00e4ter). Unter allen Spendern gab es Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen, doch die meisten von ihnen waren in irgendeiner Form in der Seefahrt t\u00e4tig, etwa in der Fischerei, im Seehandel oder Versicherungswesen. Hinzu kamen zahlreiche Marineoffiziere und Matrosen, wobei letztere vor allem Sammelspenden entrichteten. Dabei gab es mindestens drei voneinander zu unterscheidende Spenderprofile: 1) wohlhabende Spender aus dem st\u00e4dtischen Raum, die in die politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen eingebunden waren, 2) Beamte und Milit\u00e4rangeh\u00f6rige (einschlie\u00dflich Diplomaten und Kolonialverwalter) und 3) Spender aus den K\u00fcstenorten. Obwohl diese vermutlich wohlhabender waren als die Rettungsleute selbst, die wahrscheinlich sogar ebenfalls spendeten (Spenden unter 5 Francs wurden nicht einzeln registriert), d\u00fcrften sich die beiden Gruppen nicht allzu sehr voneinander unterscheiden. Die SCSN zeichnete sich zudem durch enge Verbindungen zum franz\u00f6sischen Staat sowie durch ihre Einbindung in die Netzwerke des Seehandels aus. Diese Netzwerke scheinen sowohl auf lokaler, als auch auf globaler Ebene bestanden zu haben, da zahlreiche Spenden aus den Kolonien oder dem Ausland kamen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Was die Rettungsleute selbst anbelangt, so existieren f\u00fcr die Zeit bis in die 1950er Jahre kaum Personalverzeichnisse. Die f\u00fcr das 19. Jahrhundert verf\u00fcgbaren Informationen deuten jedoch darauf hin, dass die Besatzungsmitglieder der Rettungsboote aus K\u00fcstengemeinden stammten und meist in der kommerziellen Seefahrt t\u00e4tig waren, und zwar vor allem als Fischer. Um die Bedeutung des Humanitarismus im Allgemeinen f\u00fcr ihr Leben als Freiwillige besser einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, empfiehlt sich ein mikrohistorischer Ansatz. So l\u00e4sst sich besser nachvollziehen, wie die Rettungsstationen in die Gemeinschaften vor Ort integriert waren und wie sie mit Vertretern anderer humanit\u00e4rer Einrichtungen auf lokaler Ebene zusammenarbeiteten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Aufzeichnungen der Carro-Station bei Marseille zeigen beispielsweise, dass die Besatzung der Boote von den 1860er Jahren an bis zum Ende der Aufzeichnungen 1936 gr\u00f6\u00dftenteils aus Fischern bestand. Da das \u00f6rtliche, f\u00fcr die Rettungsstation verantwortliche Komitee in der Regel vom Pfarrer geleitet wurde und der Sekret\u00e4r h\u00e4ufig der \u00f6rtlichen K\u00fcstenwache angeh\u00f6rte, ist anzunehmen, dass eine zweifache Verbindung bestand, n\u00e4mlich zu anderen humanit\u00e4ren Akteuren genauso wie zu den staatlichen Beh\u00f6rden. Die Einsatzberichte, die mitunter von den Rettungsbootfahrern selbst verfasst wurden, vermitteln einen Eindruck der Gefahren, denen sie auf See ausgesetzt waren. Und sie verdeutlichen, dass sie nicht als einzige f\u00fcr die Rettungsaktionen verantwortlich waren. Die Fischer, die Hafenbeh\u00f6rden sowie die lokale Bev\u00f6lkerung spielten dabei ebenfalls eine bedeutende Rolle. W\u00e4hrend der Humanitarismus im Allgemeinen in diesen Berichten nur selten erw\u00e4hnt wird, spiegelt er sich dennoch in der W\u00fcrdigung der Lebensretter wider, und das auch au\u00dferhalb der Rettungsbootbewegung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #000000;\"><em><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00dcbersetzung: Dirk Naguschewski<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><em>Die Historikerin <\/em><a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/guiga.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Nebiha Guiga<\/em><\/a><em> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfL im Projekt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/schiffbruch-und-lebensrettung-in-europaeischen-gesellschaften-seit-1800.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Archipelagische Imperative. Schiffbruch und Lebensrettung in europ\u00e4ischen Gesellschaften seit 1800<\/a>\u00ab. Die englische Originalfassung ihres Beitrags erschien auf dem <\/em><a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/files\/zfl\/downloads\/projekte\/archipelagische_imperative\/ZfL_ERC_Seenotrettung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Faltplakat<\/em><\/a><em> \u00bbArchipelagic Imperatives. Shipwreck and Lifesaving in European Societies since 1800\u00ab (2022), wo alle Projektmitarbeiter*innen ihre aktuellen Forschungen vorstellen.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Nebiha Guiga: Soziale Lebenswelten und der allgemeine Humanitarismus, in: ZfL Blog, 6.12.2022, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/06\/nebiha-guiga-soziale-lebenswelten-und-der-allgemeine-humanitarismus\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/06\/nebiha-guiga-soziale-lebenswelten-und-der-allgemeine-humanitarismus\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221206-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221206-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221206-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/06\/nebiha-guiga-soziale-lebenswelten-und-der-allgemeine-humanitarismus\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"SOZIALE LEBENSWELTEN UND DER ALLGEMEINE HUMANITARISMUS\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Nebiha Guiga\",\n    \"givenName\": \"Nebiha\",\n    \"familyName\": \"Guiga\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0000-0003-1388-7627\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2022-12-06\",\n  \"datePublished\": 2022,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankreichs Seenotrettungsgesellschaft, die Soci\u00e9t\u00e9 Nationale de Sauvetage en Mer (SNSM), geht auf einen Zusammenschluss zweier Einrichtungen zur\u00fcck, die in der zweiten H\u00e4lfte des 19. 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