{"id":2811,"date":"2022-12-19T13:55:17","date_gmt":"2022-12-19T11:55:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2811"},"modified":"2025-02-11T16:08:10","modified_gmt":"2025-02-11T14:08:10","slug":"henning-trueper-seenot-im-archipel-der-humanitarismen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/19\/henning-trueper-seenot-im-archipel-der-humanitarismen\/","title":{"rendered":"Henning Tr\u00fcper: SEENOT IM ARCHIPEL DER HUMANITARISMEN"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Als 2008 die Finanzkrise eskalierte, vollzog sich eine irritierende Ver\u00e4nderung in der Semantik von \u203aRettung\u2039. <\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">W\u00e4hrend n\u00e4mlich einerseits unbedingte Imperative der Rettung finanzieller und fiskalischer Institutionen aufkamen, <em>whatever it takes<\/em>, wurde andererseits der Rettungsimperativ f\u00fcr Menschen in Seenot immer problematischer. Insbesondere im Kontext von Flucht und Migration im Mittelmeerraum begannen Regierungen, humanit\u00e4re Rettungsbem\u00fchungen zu kriminalisieren, w\u00e4hrend sie doch zugleich unterlassene Hilfeleistungen ebenfalls strafrechtlich verfolgten. \u00dcber lange Zeit hatten Schiffbr\u00fcchige im \u00f6ffentlichen Diskurs die Stelle als privilegierte Zielobjekte unbedingter Rettungsimperative besetzt, die sogar das Risiko eines Selbstopfers in Kauf zu nehmen verlangten. Nun schien es, als sei diese Stelle umbesetzt worden. Dass eine solche Umbesetzung aber \u00fcberhaupt m\u00f6glich war, warf nicht zuletzt die Frage danach auf, wie es eigentlich um die Geschichtlichkeit derartiger Imperative insgesamt bestellt ist. Diesem Problemzusammenhang geht das Forschungsprojekt \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/schiffbruch-und-lebensrettung-in-europaeischen-gesellschaften-seit-1800.html\">Archipelagische Imperative. Schiffbruch und Lebensrettung in europ\u00e4ischen Gesellschaften seit 1800<\/a>\u00ab nach, indem es unter anderem untersucht, wie die Schiffbr\u00fcchigen \u00fcberhaupt dazu gekommen waren, die fragliche Stelle zu besetzen.<!--more--><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Universalismus Vs. Einzelanliegen<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Zun\u00e4chst ist zu bemerken, dass humanit\u00e4re Imperative wie derjenige der Seenotrettung stets von bestimmten, klar abgegrenzten Anliegen ausgehen. Sie sind keineswegs einfach von allgemeinen ethischen Prinzipien her konstituiert. Auch in der gegenw\u00e4rtigen Situation kann man leicht sehen, dass das Problematischwerden von Imperativen der Seenotrettung gar keinen Einfluss auf andere humanit\u00e4re Anliegen hat, zum Beispiel solche der Hilfeleistung bei Hungersn\u00f6ten. Ebenso wenig l\u00e4sst sich behaupten, dass mit dem Imperativ der Seenotrettung zugleich ein allgemeineres moralisches Prinzip der Lebensrettung in allen erdenklichen Umst\u00e4nden einer Wandlung unterworfen w\u00e4re. Stattdessen scheinen moralische Gebote wie dasjenige der Seenotrettung ganz f\u00fcr sich allein geschichtlich zu sein. Mithin w\u00e4re der Imperativ der Rettung Schiffbr\u00fcchiger im Gang seiner Entwicklung als Ph\u00e4nomen historisch dokumentierter moralischer Sprache und Praxis nicht an verwandte Lebensrettungsimperative gekoppelt, wie sie etwa die Notfallmedizin oder das Bergsteigen oder das Schwimmen in der Freizeit betreffen. Entscheidend scheint also die Bindung des Gebots an einen bestimmten Situationstyp zu sein; und das hei\u00dft auch die Bindung an bestimmte technologische, organisatorische, wirtschaftliche, politische Strukturen, die zur Differenzierung von Situationstypen beitragen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Auch stellt sich die Frage danach, auf welche Weise solche Bindungen jeweils nicht nur gekn\u00fcpft, sondern auch dauerhaft aufrechterhalten werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das Projekt zielt darauf ab, auf Grundlage dieser \u00dcberlegungen ein neues Verst\u00e4ndnis der Geschichte der humanit\u00e4ren Moral zu entwickeln. Dadurch sollen auch neue Zug\u00e4nge zur Geschichte der kulturellen Ordnungen des Moralischen im Allgemeinen erschlossen werden.\u00a0Zu diesem Zweck wird im Projekt die Geschichte der organisierten Seenotrettung im modernen Europa untersucht. Ab den 1820er Jahren entstand in verschiedenen L\u00e4ndern, allen voran in Gro\u00dfbritannien und den Niederlanden, eine Reihe allenfalls lose miteinander vernetzter, fast ausschlie\u00dflich s\u00e4kular ausgerichteter sozialer Bewegungen, aus denen heraus nationale Hilfsorganisationen zur Rettung der Opfer von Schiffskatastrophen gegr\u00fcndet wurden.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde die K\u00fcstenbev\u00f6lkerung von anderen gesellschaftlichen Gruppen zumeist b\u00fcrgerlicher Herkunft davon \u00fcberzeugt, dass die Rettung von Schiffbr\u00fcchigen ein universelles und bedingungsloses, au\u00dferdem aber ein spezifisch nationales Gebot sei, bei dem das bestehende existentielle Risiko f\u00fcr die Retter selbst hintanzustehen h\u00e4tte. Diese sozialen Bewegungen waren Teil eines weiter gespannten Ph\u00e4nomens der moralischen Kultur, das man sp\u00e4terhin als \u203aHumanitarismus\u2039 zu bezeichnen begann und das sich durch seine Zerstreuung \u00fcber zahlreiche Einzelanliegen auszeichnete.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Topographie des humanit\u00e4ren Archipels<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In der Geschichte des Humanitarismus wird gemeinhin angenommen, dass in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts ein neuartiges, universelles Prinzip zur Linderung \u00bbentfernten Leidens\u00ab entstanden sei.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Indem eine Vielzahl sozialer Bewegungen begonnen habe, diesem Prinzip in bestimmten Kontexten Geltung zu verschaffen, sei eine ungeordnete Gliederung in Einzelanliegen erfolgt. Jedoch tendiere diese seither expandierende Struktur zur Verallgemeinerung und Systematisierung. Sie zeichne sich durch einen starken Drang zur Schaffung neuartiger Rechtsformen aus, die diese Tendenz durch die Ersetzung moralischer durch rechtliche Normen in die Tat umsetzen sollten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dieser allgemeinen Lesart zufolge lassen sich mehrere Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die Umw\u00e4lzung in der Moralkultur anf\u00fchren: (1) eine zunehmende Kritik am moralischen Partikularismus (d.h. an der vorrangigen Relevanz moralischer Normen f\u00fcr begrenzte Gemeinschaften); (2) die Entstehung einer neuen Kultur der Inszenierung von Empathie, die insbesondere durch literarische Formen wie den Roman vorangetrieben wurde; (3) die rasche Weiterentwicklung des empirischen und technologischen Wissens \u00fcber die Ursachen und die Linderung von Leid; und (4) die Entstehung wirtschaftlicher und politischer Formen, die in der Lage waren, neue moralische Praktiken zu stabilisieren und zu f\u00f6rdern, und zwar in Form von Finanzierung, B\u00fcrokratisierung und Technisierung.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Demgegen\u00fcber ist die Landkarte humanit\u00e4rer Bewegungen weiterhin \u203aarchipelagisch\u2039 strukturiert, d.h. durch insulare Hilfsbem\u00fchungen f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Formen des Leids.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Auch sind die rechtlichen Vorgaben nach wie vor uneinheitlich. Die in der historischen Literatur vorherrschende Betrachtungsweise einer nachgerade teleologischen Tendenz zur Verallgemeinerung und Verrechtlichung spiegelt sich im Zustand des Archipels der Humanitarismen gerade <em>nicht<\/em> wider. Wenn etwa die britische Gesellschaft, die die Bereitschaft zum Selbstopfer f\u00fcr die Rettung Schiffbr\u00fcchiger zu verlangen bereit war, zugleich der gro\u00dfen irischen Hungersnot keine allgemeine und durchgreifende Hilfsbewegung entgegenzusetzen gewillt war, oder wenn dieselbe Gesellschaft nach jahrzehntelanger Debatte die Sklaverei formal abschaffte, sich danach aber kaum um das Wohlergehen der ehemaligen Sklaven k\u00fcmmerte und sie sogar weiterhin einer informellen Unfreiheit unterwarf, kann man dieses groteske, wenn auch in der Gegenwart in vielen anderen Zusammenh\u00e4ngen nur allzu vertraute moralische <em>non sequitur<\/em> durchaus verurteilen. Man kann aber auch bemerken, dass man einem historischen Befund gegen\u00fcbersteht, der auch nach einer historischen Erkl\u00e4rung verlangt und einer solchen auch und gerade im Hinblick auf die Kultur des Moralischen zug\u00e4nglich ist.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Bislang scheint in der geschichtlichen Forschung allerdings weder die Unf\u00e4higkeit des Humanitarismus, sich von seiner Abh\u00e4ngigkeit von einzelnen Anliegen zu l\u00f6sen, noch der Prozess der tats\u00e4chlichen Entstehung und Auswahl solcher Anliegen ausreichend in den Blick genommen worden zu sein. Dies zu tun, ist eine der Zielstellungen unseres Projekts.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Metapher des \u203aArchipels\u2039 dient dabei dazu, die Spannungen einer Gesamtheit aus isolierten Einzelnen fassbar zu machen. Wenn man den oberfl\u00e4chlich eng begrenzt und kleinteilig wirkenden Fall der humanit\u00e4ren Seenotrettung \u00fcber seine zweihundertj\u00e4hrige Dauer hinweg verfolgt, st\u00f6\u00dft man auf eine F\u00fclle von kontrastiven Positionsbestimmungen, die weit mehr \u00fcber die Topographie des humanit\u00e4ren Archipels insgesamt aussagen, als die Rede vom \u203aFall\u2039 vermuten l\u00e4sst. Unser Projekt basiert auf der \u203amikrohistorischen\u2039 Annahme, dass eine vernetzte Fallanalyse eine solidere Grundlage f\u00fcr ein umfassendes historisches Verst\u00e4ndnis der humanit\u00e4ren Moralkultur(en) bietet als eine Untersuchung, die von abstrakter Verallgemeinerung, Kategorisierung und vergleichender Klassifizierung ausgeht.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Der humanit\u00e4re Bruch<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mit Bezug auf spezifische Anliegen erforscht das Projekt daher die Geschichte der Bewegungen zur Rettung von Schiffbr\u00fcchigen und entwickelt eine theoretische Beschreibung der geschichtlichen Entstehung humanit\u00e4rer moralischer Normen. Die leitende Annahme ist, dass derartige Anliegen als Resultat eines Vorgangs entstehen, den man als humanit\u00e4ren Bruch bezeichnen kann (in Anlehnung an den epistemologischen Bruch bei Gaston Bachelard): Eine etablierte, allt\u00e4gliche Praxis moralischen Urteilens wird problematisiert, mindestens in Teilen negiert und revidiert. Wurde es beispielsweise zuvor umst\u00e4ndehalber als zul\u00e4ssig und sogar unvermeidlich angesehen, Schiffbr\u00fcchige ihrem Schicksal zu \u00fcberlassen, sofern ihre Rettung mehr als ein nur minimales Risiko f\u00fcr die Rettenden barg, so wurde es nun zur Pflicht, das eigene Leben f\u00fcr die Rettung anderer zu riskieren. Immanuel Kant hatte diese Vorstellung in der <em>Kritik der praktischen Vernunft<\/em> noch keineswegs eingeleuchtet: Im Fall der allseits f\u00fcr besonders moralisch hochwertig gehaltenen Rettung der Schiffbr\u00fcchigen w\u00fcrden tats\u00e4chlich die Pflichten \u00bbgegen sich selbst\u00ab vernachl\u00e4ssigt.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Eine Generation sp\u00e4ter war diese Argumentation im Zusammenhang mit dem Situationstyp des Schiffbruchs nicht mehr relevant. Der zu Kants Zeit bereits neu entstehende Imperativ der Inkaufnahme des Selbstopfers hatte sich durchgesetzt; zugleich hob er die Seenotrettungsbewegung von anderen humanit\u00e4ren Lebensrettungsbewegungen ab, mit denen er dennoch die \u203abiopolitische\u2039 Dimension, den Zugriff der Gemeinschaft auf das blo\u00dfe Leben in der Notstandssituation teilte.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wie ging dieser Wandel vonstatten? Die Gr\u00fcnder der Seenotrettungsbewegung hatten erkannt, dass eine finanzielle Einsatzentsch\u00e4digung als Anreiz f\u00fcr die freiwilligen Retter nicht ausreichte. Stattdessen musste man vorrangig die K\u00fcstenbev\u00f6lkerung des Risikos entledigen, ihre eigenen Boote und damit die Lebensgrundlage der gesamten Familie aufs Spiel zu setzen. Au\u00dferdem musste, obwohl durchaus bescheidene Pr\u00e4mien gezahlt wurden, jenseits solcher Zahlungen ein Gleichgewicht zwischen monet\u00e4ren und moralischen Werten hergestellt werden. Der Rettungseinsatz durfte nicht einfach zur bezahlten Arbeit werden, sondern musste als unbezahlbare, rein moralisch motivierte Leistung markiert bleiben. Um eine hinreichende Stabilit\u00e4t des Spendermilieus und ein hinreichendes Mobilisierungspotential f\u00fcr die Rettungsfreiwilligen zu gew\u00e4hrleisten, erwies sich ferner die nationale Dimensionierung der Rettungsgesellschaften als notwendig.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Diese Konstellation bietet auch einen Ausgangspunkt daf\u00fcr, einen neuen Ansatz f\u00fcr das Problem der \u203amoralischen \u00d6konomie\u2039 zu entwickeln, die sich durch besondere Interdependenzbeziehungen zwischen spezifischen moralischen und monet\u00e4ren Werten konstituiert.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Humanit\u00e4re Zeitlichkeit, humanit\u00e4res Geschehen<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Als Teil des humanit\u00e4ren Bruchs entwickelte die Seenotrettungsbewegung ferner ein spezifisches Zeitverst\u00e4ndnis. Daf\u00fcr war einerseits die \u00dcberwindung der Vergangenheit in Gestalt der vorherigen alltagsmoralischen \u00dcberzeugungen pr\u00e4gend, andererseits die Vorstellung einer emphatischen, ausgedehnten Gegenwart, die auf der Gleichzeitigkeit von Leid und Hilfsma\u00dfnahmen \u00fcber gro\u00dfe Distanzen gr\u00fcndete. Diese Synchronizit\u00e4t trug zur Vereinheitlichung der weltlichen Zeit bei \u2013 ein auch f\u00fcr das moderne Geschichtsverst\u00e4ndnis grundlegender Prozess. Die schriftlichen und visuellen Quellen der humanit\u00e4ren Seenotrettung liefern reichlich Material dar\u00fcber, wie die emphatische Gegenwart der Rettung dazu beitrug, g\u00e4ngige Muster der moralischen Sprache aufzubrechen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Solche Muster hatten stets entweder Personen (als Akteure oder Subjekte) als Tr\u00e4ger tugendhafter Dispositionen f\u00fcr moralisch gute und richtige Handlungsweisen privilegiert; oder sie hatten Einzelhandlungen als haupts\u00e4chliche Gegenst\u00e4nde moralischer Beurteilung bestimmt. Indem sie dem Situationstyp ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht beima\u00df, verlieh die humanit\u00e4re Praxis dem blo\u00dfen Geschehen, das nicht durch die Handlungen und Absichten von Subjekten allein konstituiert oder kontrolliert werden konnte, also letztlich einem gl\u00fcckhaften (oder ungl\u00fccklichen) Verlauf, als Ort der Moral eine neue und herausgehobene Bedeutung. Diese Bedeutung wird von der modernen Moralphilosophie nur selten anerkannt. So kann man in der Geschichte der humanit\u00e4ren Bewegungen auch einen bedeutenden Beitrag zur Innovation dessen sehen, was in der modernen europ\u00e4ischen Kultur \u00fcberhaupt unter Moralit\u00e4t verstanden wird \u2013 etwa im Zusammenhang mit dem philosophischen Stichwort vom \u00bbmoralischen Gl\u00fcck\u00ab, bei dem es um die Relevanz von schierem Dusel f\u00fcr die Beurteilung von Handlungen und Subjekten als Teilen eines weiteren Geschehenszusammenhangs geht.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Alle diese theoretischen Positionen und Positionsverschiebungen geh\u00f6ren zu jenem Prozess, in dem die Schiffbr\u00fcchigen zum Gegenstand eines unbedingten Rettungsimperativs werden.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><strong>Revisionspotentiale<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der Humanitarismus gilt seit Langem als ein Ph\u00e4nomen, das den Anspruch moderner Gesellschaften zur Autonomie in der Definition moralischer Normen und Werte verk\u00f6rpert. Anstatt sich daf\u00fcr auf religi\u00f6se und staatliche Autorit\u00e4ten zu verlassen, h\u00e4tten demnach soziale Bewegungen die Gesellschaften erm\u00e4chtigt, ihre eigenen normativen Ordnungen zu bestimmen. Der Humanitarismus wird in der Logik dieser Perspektive auch zu den unverzichtbaren, ko-konstitutiven Merkmalen der europ\u00e4ischen Moderne gez\u00e4hlt \u2013 und zwar sowohl in apologetischer als auch in kritischer Absicht. Die Hilfe f\u00fcr die notleidenden \u203aentfernten Fremden\u2039 in Absetzung von einer vorg\u00e4ngigen Vernachl\u00e4ssigung und unter der Voraussetzung einer s\u00e4kularen normativen Ordnung bildet ein grunds\u00e4tzliches Schema des \u203aEngagements\u2039. Dieses Schema pr\u00e4gt sogar erhebliche Teile der modernen geisteswissenschaftlichen Forschung, die oft einem Muster der Korrektur des Bestehenden folgt und nicht selten mit einem Pathos der \u203aRettung\u2039 \u2013 und sei es nur die Rettung des Vergangenen vor dem Vergessenwerden \u2013 einhergeht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Alle diese Denkmuster teilen aber die nur selten reflektierte, meist sogar blo\u00df implizite Annahme eines einheitlichen und prinzipienbasierten humanit\u00e4ren Schematismus. So ist die in die Einheit der Humanitarismen geleistete Investition, wenn auch nicht immer explizit, ein signifikanter Faktor im Kontext des Selbstverst\u00e4ndnisses der europ\u00e4ischen Moderne und der modernen Geisteswissenschaften zugleich. Eine Historisierung, die den Archipel der Humanitarismen anders, genauer und pluralistischer kartiert, birgt daher in mehrfacher Hinsicht weitreichende Revisionspotentiale. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"font-family: helvetica;\">Deutsche Bearbeitung: Dirk Naguschewski\/Henning Tr\u00fcper<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em>Der Historiker <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/trueper.html\">Henning Tr\u00fcper<\/a> leitet am ZfL das ERC-Projekt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/schiffbruch-und-lebensrettung-in-europaeischen-gesellschaften-seit-1800.html#:~:text=Archipelagische%20Imperative.-,Schiffbruch%20und%20Lebensrettung%20in%20europ%C3%A4ischen%20Gesellschaften%20seit%201800,Geschichte%20des%20Humanitarismus%20zu%20erarbeiten.\">Archipelagische Imperative. Schiffbruch und Lebensrettung in europ\u00e4ischen Gesellschaften seit 1800<\/a>\u00ab. Der Text geht zur\u00fcck auf seinen englischsprachigen Beitrag zum\u00a0 Faltplakat \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/project\/shipwreck-and-lifesaving-in-european-societies-since-1800.html\">Archipelagic Imperatives. Shipwreck and Lifesaving in European Societies since 1800<\/a>\u00ab (2022), in dem alle Projektmitarbeiter*innen ihre Forschungen vorstellen.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Aus meiner Sicht die differenzierteste Darstellung dieser Problemlage ist Maartje Janse: <em>De afschaffers: Publieke opinie, organisatie en politiek in Nederland<\/em>, 1840\u20131880, Amsterdam 2007, wo der Prozess der Entstehung moderner Formen politischer Partizipation aus den moralisch motivierten sozialen Bewegungen des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts herausgearbeitet wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Universalit\u00e4t des humanistischen Anspruchs und Begrenzung des Einzelanliegens geht <a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/06\/nebiha-guiga-soziale-lebenswelten-und-der-allgemeine-humanitarismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nebiha Guiga<\/a> in ihrem Teilprojekt am Beispiel franz\u00f6sischer Seenotrettungsgesellschaften nach.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Nach Luc Boltanski: <em>La souffrance \u00e0 distance: Morale humanitaire, m\u00e9dias et politique<\/em>, Paris 1993.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. besonders Thomas Haskell: \u00bbCapitalism and the Origins of the Humanitarian Sensibility\u00ab, Teil 1 und 2, in: <em>American Historical Review<\/em> 90.3\/4 (1985), S. 339\u2013361, 547\u2013566; Thomas Laqueur: \u00bbBodies, Details, and the Humanitarian Narrative\u00ab, in: Lynn Hunt (Hg.): <em>The New Cultural History<\/em>, Berkeley 1989, S. 176\u2013204; dies.: <em>Inventing Human Rights<\/em>, New York 2007; und zur Debatte \u00fcber die Menschenrechte besonders Samuel Moyn: <em>The Last Utopia: Human Rights in History<\/em>, Cambridge, Mass. 2010; Stefan-Ludwig Hoffmann: \u00bbHuman Rights and History\u00ab, in: <em>Past and Present<\/em> 232 (2016), S. 279\u2013310.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Wie etwa auch Abigail Green: \u00bbHumanitarianism in Nineteenth-Century Context: Religious, Gendered, National\u00ab, in: <em>The Historical Journal<\/em> 57.2 (2014), S. 1157\u20131175 herausstreicht. Vgl. au\u00dferdem f\u00fcr die Gegenwart Monika Krause: <em>The Good Project: Humanitarian Relief NGOs and the Fragmentation of Reason<\/em>, Chicago 2014.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> In diesem Impetus trifft sich das Projekt auch mit den \u00dcberlegungen von Habbo Knoch und Benjamin M\u00f6ckel: \u00bbMoral History: \u00dcberlegungen zur einer Geschichte des Moralischen im \u203alangen\u2039 19. Jahrhundert\u00ab, in: <em>Zeithistorische Forschungen<\/em> 14 (2017), S. 93\u2013111.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Immanuel Kant: <em>Kritik der praktischen Vernunft<\/em> [1788], in: <em>Kants Werke. Akademie-Textausgabe<\/em>, Bd. 5, Berlin 1968, S. 158.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Hierzu insb. Johannes F. Lehmann: \u00bbInfamie versus Leben: Zur Sozial- und Diskursgeschichte der Rettung im 18. Jahrhundert und zur Arch\u00e4ologie der Politik der Moderne\u00ab, in: ders.\/Hubert Th\u00fcring (Hg.): <em>Rettung und Erl\u00f6sung: Politisches und religi\u00f6ses Heil in der Moderne<\/em>, M\u00fcnchen 2015, S. 45\u201366.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Dem Zusammenhang von Souver\u00e4nit\u00e4t und Humanitarismus geht <a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/11\/24\/lukas-schemper-humanitarismus-und-souveraenitaet\/\">Lukas Schemper<\/a> in seinem Teilprojekt nach.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Die visuelle Kultur des Schiffbruchs untersucht <a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/11\/21\/jonathan-stafford-die-visuelle-kultur-des-schiffbruchs-und-der-moralische-betrachter\/\">Jonathan Stafford<\/a> in seinem Teilprojekt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Die Bezeichnung geht zur\u00fcck auf Bernard Williams: \u00bbMoral Luck\u00ab [1976], in: ders.: <em>Moral Luck: Philosophical Papers 1973\u20131980<\/em>, Cambridge 1981, S. 20\u201339.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Henning Tr\u00fcper: Seenot im Archipel der Humanitarismen, in: ZfL Blog, 19.12.2022, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/19\/henning-trueper-seenot-im-archipel-der-humanitarismen\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/19\/henning-trueper-seenot-im-archipel-der-humanitarismen\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221219-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221219-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20221219-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/19\/henning-trueper-seenot-im-archipel-der-humanitarismen\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"SEENOT IM ARCHIPEL DER HUMANITARISMEN\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Henning Tr\u00fcper\",\n    \"givenName\": \"Henning\",\n    \"familyName\": \"Tr\u00fcper\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0000-0003-0660-7957\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2022-12-19\",\n  \"datePublished\": 2022,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als 2008 die Finanzkrise eskalierte, vollzog sich eine irritierende Ver\u00e4nderung in der Semantik von \u203aRettung\u2039. W\u00e4hrend n\u00e4mlich einerseits unbedingte Imperative der Rettung finanzieller und fiskalischer Institutionen aufkamen, whatever it takes, wurde andererseits der Rettungsimperativ f\u00fcr Menschen in Seenot immer problematischer. Insbesondere im Kontext von Flucht und Migration im Mittelmeerraum begannen Regierungen, humanit\u00e4re Rettungsbem\u00fchungen zu kriminalisieren, <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2022\/12\/19\/henning-trueper-seenot-im-archipel-der-humanitarismen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[673,339,388,680,671,93,684,694,690,677,676,466,683,678],"class_list":["post-2811","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einblick","tag-biopolitik","tag-geschichte","tag-humanitarismus","tag-ikonographie-des-leidens","tag-lebensrettung","tag-lebenswissen","tag-mikrogeschichte","tag-moral","tag-moralgeschichte","tag-moralische-ordnung","tag-rettungsgesellschaft","tag-seenotrettung","tag-sozialgeschichte","tag-visuelle-kultur"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2811","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2811"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2811\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3538,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2811\/revisions\/3538"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2811"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2811"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2811"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}