{"id":2841,"date":"2023-02-22T10:20:37","date_gmt":"2023-02-22T08:20:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2841"},"modified":"2025-02-11T16:00:57","modified_gmt":"2025-02-11T14:00:57","slug":"dirk-naguschewski-diversitaet-philatelistisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/02\/22\/dirk-naguschewski-diversitaet-philatelistisch\/","title":{"rendered":"Dirk Naguschewski: DIVERSIT\u00c4T, PHILATELISTISCH"},"content":{"rendered":"<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">I.<\/span><\/h4>\n<figure id=\"attachment_2849\" aria-describedby=\"caption-attachment-2849\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2022_briefmarke_vielfalt-in-deutschland-e1674572070717.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2849\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2022_briefmarke_vielfalt-in-deutschland-e1674572070717.jpg\" alt=\"Briefmarke der Deutschen Post zu 85 Cent. Mittig ist eine aus bunten Symbolen geformte Deutschlandkarte zu sehen, links der Schriftzug \u00bbVielfalt in Deutschland\u00ab.\" width=\"300\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2022_briefmarke_vielfalt-in-deutschland-e1674572070717.jpg 492w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2022_briefmarke_vielfalt-in-deutschland-e1674572070717-300x210.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2849\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-family: helvetica;\">Abb. 1: Sondermarke \u00bbDiversit\u00e4t. Vielfalt in Deutschland\u00ab, Entwurf: Bettina Walter*<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Seit mehr als 40 Jahren erscheinen in Deutschland Briefmarken, die sich dem widmen, was wir heute gesellschaftliche Vielfalt oder Diversit\u00e4t nennen. Im November 2022 wurde unter dem Titel \u00bbVielfalt in Deutschland\u00ab eine neue Marke pr\u00e4sentiert. An deren Motiv, vor allem aber ihrer Pr\u00e4sentation durch die Deutsche Post DHL Group (wie die Deutsche Post heute offiziell hei\u00dft) wird deutlich, wie schwer es ist, zeitgem\u00e4\u00dfe Bilder f\u00fcr \u203aDiversit\u00e4t\u2039 zu finden. 1981 gab es zum ersten Mal eine Sondermarke mit dem Bild zweier Familien und der auch als Aufforderung zu verstehenden Aufschrift \u00bbIntegration ausl\u00e4ndischer Arbeitnehmerfamilien\u00ab. Dass Deutschland ein Einwanderungsland sein k\u00f6nnte, wurde seinerzeit noch hartn\u00e4ckig bestritten. In den Jahren nach der deutschen Einheit entwickelte sich dann der als Fremdenfeindlichkeit diskutierte Rassismus zu einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung. In Hoyerswerda und anderorts wurden mehr und mehr Menschen (vermeintlich) nichtdeutscher Herkunft angegriffen, woraufhin 1994 eine Marke mit unmissverst\u00e4ndlichem Appellcharakter erschien: Elf Menschen unterschiedlicher Haut- und Haarfarbe stehen nebeneinander und halten gemeinsam ein Banner vor sich, auf dem \u00bbMiteinander leben!\u00ab zu lesen ist. 2012 verausgabte die Deutsche Post eine Briefmarke, die das Motiv der gesellschaftlichen Diversit\u00e4t zum dritten Mal aufgriff. Auf dem Klingelschild einer Gegensprechanlage sind sechs Namen zu lesen, die von mutma\u00dflich unterschiedlichen Herk\u00fcnften und nachbarschaftlichem Zusammenleben erz\u00e4hlen: Yilmaz, Kaminski, Hanke, Peters, Kr\u00fcger und Tozzi. Als Aufschrift ein Claim, der von dem gemeinsam zur\u00fcckgelegten Weg k\u00fcndet: \u00bbVielfalt\u00ab und \u00bbin Deutschland zu Hause\u00ab.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_2897\" aria-describedby=\"caption-attachment-2897\" style=\"width: 275px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/1981_briefmarke_integration.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2897\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/1981_briefmarke_integration-300x182.jpg\" alt=\"Briefmarke zu 50 Pfennig. Links der Schriftzug \u00bbIntegration ausl\u00e4ndischer Arbeitnehmerfamilien\u00ab, in der Mitte sind sechs Personen an einer ge\u00f6ffneten T\u00fcr zu sehen. Drei von ihnen haben dunkle Haare und dunklere Haut, drei blonde bis wei\u00dfe Haare und hellere Haut. Die Person am rechten Bildrand h\u00e4lt einen Blumenstrau\u00df in der Hand.\" width=\"275\" height=\"167\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/1981_briefmarke_integration-300x182.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/1981_briefmarke_integration.jpg 499w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 85vw, 275px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2897\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-family: helvetica;\">Abb. 2: Sondermarke \u00bbIntegration ausl\u00e4ndischer Arbeitnehmerfamilien\u00ab, Entwurf: Albrecht Ade*<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2898\" aria-describedby=\"caption-attachment-2898\" style=\"width: 275px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/1994_briefmarke_miteinander-leben.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2898\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/1994_briefmarke_miteinander-leben.jpg\" alt=\"Briefmarke zu 100 Pfennig. 11 Personen vor einer Mauer halten ein gro\u00dfes wei\u00dfes Stoffbanner, auf dem in roter Schreibschrift \u00bbMiteinander leben!\u00ab steht.\" width=\"275\" height=\"167\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/1994_briefmarke_miteinander-leben.jpg 348w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/1994_briefmarke_miteinander-leben-300x182.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 85vw, 275px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2898\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-family: helvetica;\">Abb. 3: Sondermarke \u00bbMiteinander leben!\u00ab, Entwurf: Fritz Haase, Sibylle Haase*<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_2899\" aria-describedby=\"caption-attachment-2899\" style=\"width: 275px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/2012_briefmarke_in-deutschland-zuhause.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2899\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/2012_briefmarke_in-deutschland-zuhause.jpg\" alt=\"Briefmarke zu 55 Cent. Auf einem Klingelschild mit insgesamt 6 Klingeln stehen die Namen Yilmaz, Kaminski, Hanke, Peters, Kr\u00fcger und Tozzi. Darunter sind die Schriftz\u00fcge \u00bbIn Deutschland zu Hause\u00ab und \u00bbVielfalt\u00ab zu sehen.\" width=\"275\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/2012_briefmarke_in-deutschland-zuhause.jpg 600w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/2012_briefmarke_in-deutschland-zuhause-300x185.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 85vw, 275px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2899\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-family: helvetica;\">Abb. 4: Sondermarke \u00bbIn Deutschland zu Hause: Vielfalt\u00ab, Entwurf: Karen Adams, Jens M\u00fcller*<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das Massenmedium Briefmarke hat sich in den letzten Jahrzehnten ver\u00e4ndert. Die Digitalisierung hat dazu gef\u00fchrt, dass Menschen weniger Briefe und Postkarten schreiben und folglich immer weniger Marken verklebt werden. Seit der Privatisierung der Post in den 1990er Jahren hat die Briefmarke zudem als Teil der staatlichen Selbstdarstellung und damit der politischen Ikonographie an Bedeutung eingeb\u00fc\u00dft. So wird nur noch ein Teil der Marken vom Finanzministerium und dem Kunstbeirat f\u00fcr Postwertzeichen verantwortet, der andere wird von der Deutschen Post herausgegeben. In der Konsequenz bedeutet dies, dass manche Motive aus prim\u00e4r kommerziellen Gr\u00fcnden gew\u00e4hlt werden und nicht mehr, um spezifische gesellschaftliche Anliegen zu repr\u00e4sentieren, die der Staat sich zu eigen macht. Infolge dieser Kommerzialisierung haben sich neue Motivgruppen und Darstellungsstile etabliert, die offenbar als marktg\u00e4ngiger empfunden werden. Schlie\u00dflich hat die Einf\u00fchrung eines individuellen Matrixcodes, der seit 2021 in Deutschland auf allen neuen Briefmarken zu finden ist, dem Design der Marken ein neues Element hinzugef\u00fcgt. Dieses mag zwar der Nachverfolgung von Postsendungen dienen und F\u00e4lschungssicherheit garantieren, gestalterisch indessen bringt es dieses Kunstwerk in Miniaturformat, als das es Walter Benjamin einst ansah, in die Bredouille. Doch trotz des nicht zu leugnenden Prestigeverlusts: Die Briefmarke ist und bleibt ein Massenmedium, mit dessen Hilfe sich die Staaten dieser Welt nach innen wie nach au\u00dfen ein bestimmtes Image geben wollen. Was also sagen uns die Marken zur Diversit\u00e4t?<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">II.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die j\u00fcngste Sondermarke zur gesellschaftlichen Vielfalt stammt von der Bonner Gestalterin Bettina Walter.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ihr Entwurf schreibt den Prozess der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Individualit\u00e4t, der auf den bisherigen Diversit\u00e4tsmarken zu beobachten ist, fort: Waren 1981 noch zwei Familien zu sehen, deren einzelne Mitglieder mit prononcierten Merkmalen versehen wurden (Alter, Geschlecht, Hautfarbe), sind die Gesichtsz\u00fcge der Protestierenden 1994 schon nicht mehr zu erkennen; ob es sich um M\u00e4nner oder Frauen, Alte oder Junge handelt, l\u00e4sst sich bestenfalls anhand der Kleidung mutma\u00dfen. Die 2012er Marke verzeichnet schon nur noch die Namen der Bewohner*innen eines Mehrfamilienhauses. Die aktuelle Marke treibt die Tendenz zur Abstraktion noch weiter, indem sie sich nur noch farbenfroher Symbole bedient: der Regenbogen als Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung, eine blaue Friedenstaube (leicht zu verwechseln mit dem Twitter-Icon), das Zeichen f\u00fcr Intersexualit\u00e4t, ein auseinanderdriftendes Yin-Yang-Zeichen, das Gleichheitszeichen, ein Smiley, sich haltende H\u00e4nde. Aufgef\u00fcllt mit Puzzleteilen (m\u00f6glicherweise Sinnbild eines \u203aAlles greift ineinander\u2039), Kreisen, Sternen und anderen geometrischen Formen (die sich \u00fcbrigens auch im Logo der Deutschen Post wiederfinden) sind diese Symbole so angeordnet, dass sich eine Deutschlandkarte ergibt. Mittendrin drei geschlechtslose \u203amenschliche\u2039 Figuren in Lila, T\u00fcrkis und Orange. Die Farben sind zwar bunt, aber doch nicht grell. Es herrscht die \u00e4sthetische Anmutung eines Kindergeburtstags. Die Deutschland-Grafik sitzt mittig in der Briefmarke und die andern Gestaltungselemente geben Rahmung und Halt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Wo auf den vorangegangenen Marken Menschen und Mehrfamilienh\u00e4user zwischenmenschlichen Kontakt und Austausch suggerierten, wird jetzt ein vielfarbiges Sammelsurium von Konzepten und Ideen pr\u00e4sentiert, die sich in ihrem st\u00f6rungsfreien Nebeneinander gegenseitig bekr\u00e4ftigen sollen. Von konkreten Lebensrealit\u00e4ten ist die aktuelle Marke weit entfernt, f\u00fcr gelebte Nachbarschaft (wie 1981 oder 2012) hier kein Raum. Das k\u00f6nnte aber auch daran liegen, dass die auf dieser Briefmarke thematisierte Vielfalt gar nicht mehr auf ethnische Diversit\u00e4t abzielt, sondern eher auf die Vielfalt der Genderkonzeptionen. Ausl\u00e4ndische Herk\u00fcnfte, unterschiedliche Religionen bleiben jenseits von unspezifischen Gleichheitszeichen ausgespart. Der Eindruck, dass wir es hier \u2013 in Fortsetzung der Perspektive, die sich aus der Reihung der anderen drei Marken ergibt \u2013 eventuell mit einem idealistischen Gegenentwurf zu den demographischen Folgen der sogenannten Fl\u00fcchtlingskrise 2015 und des Kriegs in der Ukraine zu tun h\u00e4tten, best\u00e4tigt sich beim n\u00e4heren Hinschauen also nicht. Die Vielfalt, die 2012 in Deutschland zu Hause war und \u203akonkrete\u2039 Menschen meinte, bezieht sich 2022 also nur noch auf \u203aabstrakte\u2039 Konzepte.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">III.<\/span><\/h4>\n<figure id=\"attachment_2861\" aria-describedby=\"caption-attachment-2861\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/deutsche-post-dhl-diversitaet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2861\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/deutsche-post-dhl-diversitaet.jpg\" alt=\"Sechs Personen stehen vor einer Glaswand. Alle tragen gelbe T-Shirts mit verschiedenen Firmenprints der Deutsche Post DHL Group. Die dritte Person von rechts h\u00e4lt eine \u00fcberdimensionierte Briefmarke vor sich, auf der eine aus Symbolen zusammengef\u00fcgte Deutschlandkarte und der Schriftzug \u00bbVielfalt in Deutschland\u00ab zu sehen sind.\" width=\"600\" height=\"415\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/deutsche-post-dhl-diversitaet.jpg 766w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/deutsche-post-dhl-diversitaet-300x208.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 984px) 61vw, (max-width: 1362px) 45vw, 600px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2861\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-family: helvetica;\">Abb. 5: \u00bbDiversit\u00e4t bei Deutsche Post DHL mit Personalvorstand Thomas Ogilvie\u00ab, \u00a9\u00a0Deutsche Post DHL Group<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Gleichwohl sind die Menschen bei der Herausgabe dieser Briefmarke nicht v\u00f6llig abwesend. Sie sind offenbar nur ausgewandert in ein Foto, das im Rahmen der <a href=\"https:\/\/www.dpdhl.com\/de\/presse\/pressemitteilungen\/2022\/neue-briefmarke-thematisiert-die-bedeutung-von-diversitaet.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pressemitteilung<\/a> der Deutschen Post zur Einf\u00fchrung der Briefmarke unter dem Titel \u00bbDiversit\u00e4t bei Deutsche Post DHL mit Personalvorstand Thomas Ogilvie\u00ab zum Download angeboten wird. Darauf sind sechs Menschen zu sehen, \u00fcber deren Identit\u00e4t im aktuellen gesellschaftlichen Diskursklima keine substantialisierenden Aussagen zu treffen sind, die aber dennoch \u203azu lesen\u2039 gegeben werden. Drei von ihnen sollen vermutlich als m\u00e4nnlich, die anderen drei als weiblich gelesen werden. Sie alle tragen ein gelbes T-Shirt, auf vieren davon steht mittig gut lesbar \u00bbDiversity &amp; Inclusion\u00ab (selbstverst\u00e4ndlich auf Englisch, der Muttersprache des Diversit\u00e4tsdiskurses), dar\u00fcber \u00bbDeutsche Post DHL Group\u00ab. Zwar gibt es das T-Shirt auch auf Deutsch, die Frau am linken Bildrand tr\u00e4gt es, doch der Schriftzug \u00bbDiversit\u00e4t &amp; Inklusion\u00ab wird zur H\u00e4lfte von ihrem blauen Blazer verdeckt, sodass es kaum auff\u00e4llt. Das Post-Gelb vereint diese Menschen, aber es macht sie nicht gleich. Der j\u00fcnger wirkende Mann in der linken Bildmitte soll im Kontext dieser Darstellung wohl als \u203aMensch mit Behinderung\u2039 gelesen werden, ein anderer Mann (je nach identit\u00e4tspolitischer Haltung) als \u203aschwarz\u2039 oder \u203aSchwarz\u2039. Eine Frau tr\u00e4gt einen Hijab<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und wird somit als Muslima markiert. Sprache und Gesellschaft befinden sich im Wandel, das war schon immer so und wird sich auch niemals \u00e4ndern. Doch die Schwierigkeiten, ad\u00e4quat und f\u00fcr die gesamte Sprachgemeinschaft zu beschreiben, was wir auf einem so absichtsvoll inszenierten Foto wie diesem sehen, sind nicht von der Hand zu weisen. Die Sensibilit\u00e4ten aller zu ber\u00fccksichtigen ist ein aussichtsloses Unterfangen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der dritte Mann schlie\u00dflich h\u00e4lt ein vergr\u00f6\u00dfertes Bild der Briefmarke vor sich, wodurch das Foto (vermutlich unbeabsichtigterweise) mit der Briefmarke von 1994 korrespondiert, auf der die Protestierenden \u00bbMiteinander leben\u00ab einforderten; nur geht es hier konkreter um \u00bbMiteinander arbeiten\u00ab. Dieser Mann und die Frau ganz rechts tragen \u00fcbrigens ein T-Shirt mit dem Aufdruck \u00bbDelivered with pride\u00ab, der direkt unterhalb der Regenbogenfarben mit integriertem Schriftzug \u00bbDHL\u00ab bzw. \u00bbDeutsche Post\u00ab angebracht ist. \u00bbPride\u00ab hat hier eine bewusst doppelte Bedeutung, denn das Wort l\u00e4sst sich sowohl auf die Leistung der Post beziehen, die mit Stolz ihren Dienst erf\u00fcllt, wie auch als Chiffre f\u00fcr den Selbstbehauptungswillen der LGBTQI+-Community verstehen, der sich u.a. in Bezeichnungen wie <em>gay pride<\/em> ausdr\u00fcckt. Beanspruchen diese beiden Personen f\u00fcr sich eine Identit\u00e4t, die als schwul, lesbisch, bi, queer, wie auch immer bezeichnet werden k\u00f6nnte, und haben sie dieses T-Shirt deshalb ausgew\u00e4hlt? Oder handelt es sich hier um einen Fall von Pinkwashing? Der Mann, der das Bild von der vergr\u00f6\u00dferten Briefmarke h\u00e4lt, ist \u00fcbrigens Thomas Ogilvie, der Personalvorstand.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">IV.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Deutsche Post DHL wirbt also mit der Herausgabe dieser Marke f\u00fcr Vielfalt und f\u00fcr sich als Unternehmen, das Vielfalt unterst\u00fctzt. \u00bbDie Vereinnahmung des Begriffs\u00ab, so haben es Ernst M\u00fcller und Falko Schmieder in einer begriffsgeschichtlichen Skizze zur Diversit\u00e4t formuliert, \u00bbkommt in den Bem\u00fchungen vieler Unternehmen um ein neues \u203aDiversit\u00e4tsmanagement\u2039 zum Ausdruck, also um Ma\u00dfnahmen und Strategien einer neuen Unternehmenskultur, die Vielfalt als wertsteigernde Ressource entdeckt\u00ab.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Vielfalt mag eine Ressource sein. Wird sie jedoch als Doktrin oder Ideologie verstanden, ist schnell vergessen, dass gesellschaftliche Vielfalt immer auch eine Herausforderung ist und auf der Ebene des menschlichen Miteinanders enormes Konfliktpotential birgt. Davon zeugen die beiden ersten Sondermarken, auch wenn sie es nur andeutungsweise zeigen. Dies gilt auch f\u00fcr die aktuelle Marke, die ja ebenfalls auf eine gesellschaftliche Debatte reagiert. M\u00f6glicherweise t\u00e4ten aber nuanciertere Bildprogramme, die Raum f\u00fcr Ambivalenzen lassen, der Akzeptanz von Diversit\u00e4t einen besseren Dienst als das naive Feiern derart systematisch reduzierter Vielfalt, wie sie auf der neuesten Marke der Deutschen Post zu sehen ist. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Man kann nat\u00fcrlich einwenden, dass es gar nicht die Aufgabe der Post ist, ein Bild f\u00fcr die Diversit\u00e4t der deutschen Gesellschaft zu finden. Nur hat sie hier eben gleich zwei solche Bilder produziert, die beide auf ihre je eigene Art und Weise problematisch sind. Das eine ist ausschlie\u00dflich symbolhaft und kehrt die mit gesellschaftlicher und geschlechtlicher Vielfalt einhergehenden Konflikte unter einen bunten Teppich, das andere zeigt fotorealistisch auf Menschen, die etwas verk\u00f6rpern, was bei aller Feier von Vielfalt und Diversity doch immer noch als anders gesehen und deshalb zu lesen gegeben werden kann. Differenzen werden dadurch nicht abgebaut, sondern fortgeschrieben, Gleichheit wird \u2013 bei aller m\u00f6glicherweise guten Absicht \u2013 nicht hergestellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em>Der Sprach- und Kulturwissenschaftler <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/naguschewski.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dirk Naguschewski<\/a> ist am ZfL zust\u00e4ndig f\u00fcr Wissenstransfer und Kommunikation und der Redaktionsleiter des ZfL Blog.<\/em><\/span><\/p>\n<div>\n<div id=\"fussnoten\" class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\">\n<div class=\"fusion-builder-row fusion-row \">\n<div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion_builder_column_1_2 fusion-builder-column-6 fusion-one-half 1_2\">\n<div class=\"fusion-column-wrapper\" data-bg-url=\"\">\n<div class=\"fusion-text fussnoten_stil\">\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">*Abbildung mit Genehmigung des Bundesministeriums der Finanzen. Aus urheberrechtlichen Gr\u00fcnden ist bei einer Nutzung der Abbildung zwingend eine Abbildungserlaubnis einzuholen. Anfragen zur Nutzung der Bilder bitte an LC5@bmf.bund.de.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Briefmarke mit dem Klingelschild habe ich f\u00fcr die von Christina Ernst und Hanna Hamel herausgegebene Online-Anthologie <em>Nachbarschaften<\/em> einer eingehenderen Betrachtung unterzogen, vgl. Dirk Naguschewski: \u00bbDie Namen der Nachbarn\u00ab, in: <a href=\"http:\/\/zfl-nachbarschaften.org\/2020\/08\/31\/die-namen-der-nachbarn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nachbarschaften<\/a>, 31.8.2020.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Margret Baumann: \u00bbHauptsache Vielfalt! \u203aDiversity\u2039 als Briefmarkenmotiv\u00ab, in: <a href=\"https:\/\/dgpt.org\/hauptsache-vielfalt-diversity-als-briefmarkenmotiv\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blog der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Post- und Telekommunikationsgeschichte<\/a>, 6.12.2022. Baumann stellt dort auch einige Marken anderer L\u00e4nder vor, auf denen das Thema gesellschaftlicher Diversit\u00e4t pr\u00e4sentiert wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Wie schon bei der von Jens M\u00fcller und Karen Weiland gestalteten Marke von 2012 hat Bettina Walter f\u00fcr \u00bbin Deutschland\u00ab unterschiedliche Schriftschnitte gew\u00e4hlt, \u00bbin\u00ab in Normalschrift, \u00bbDeutschland\u00ab gefettet. Denn das Toponym ist nicht nur Landesname, sondern auf der Briefmarke die Bezeichnung des herausgebenden Staates.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Oder auch einen Hidschab \u2026 Der Duden listet beide Schreibweisen f\u00fcr ein Wort, das orthographisch offenbar noch nicht vollst\u00e4ndig in der deutschen Sprache eingeb\u00fcrgert ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ernst M\u00fcller\/Falko Schmieder: \u00bbDiversit\u00e4t, begriffsgeschichtlich\u00ab, in: <a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/04\/01\/ernst-muellerfalko-schmieder-diversitaet-begriffsgeschichtlich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZfL BLOG<\/a>, 1.4.2017.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Dirk Naguschewski: Diversit\u00e4t, philatelistisch, in: ZfL BLOG, 22.2.2023, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/02\/22\/dirk-naguschewski-diversitaet-philatelistisch\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/02\/22\/dirk-naguschewski-diversitaet-philatelistisch\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230222-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230222-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230222-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/02\/22\/dirk-naguschewski-diversitaet-philatelistisch\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"DIVERSIT\u00c4T, PHILATELISTISCH\",<span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span>\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Dirk Naguschewski\",\n    \"givenName\": \"Dirk\",\n    \"familyName\": \"Naguschewski\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-0685-9518\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2023-02-22\",\n  \"datePublished\": 2023,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. Seit mehr als 40 Jahren erscheinen in Deutschland Briefmarken, die sich dem widmen, was wir heute gesellschaftliche Vielfalt oder Diversit\u00e4t nennen. Im November 2022 wurde unter dem Titel \u00bbVielfalt in Deutschland\u00ab eine neue Marke pr\u00e4sentiert. An deren Motiv, vor allem aber ihrer Pr\u00e4sentation durch die Deutsche Post DHL Group (wie die Deutsche Post heute <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/02\/22\/dirk-naguschewski-diversitaet-philatelistisch\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,58],"tags":[699,701,702,60,709,710,711,700,178],"class_list":["post-2841","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ad-hoc","category-jahresthema-diversitaet","tag-briefmarke","tag-deutsche-post","tag-dhl","tag-diversitaet","tag-diversitaetsmanagement","tag-gestaltung","tag-integration","tag-philatelie","tag-vielfalt"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2841"}],"version-history":[{"count":58,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3534,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2841\/revisions\/3534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}