{"id":2979,"date":"2023-04-03T11:02:02","date_gmt":"2023-04-03T09:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=2979"},"modified":"2025-02-11T15:51:08","modified_gmt":"2025-02-11T13:51:08","slug":"kein-dienstbarer-geist-nachruf-auf-wolfgang-schivelbusch-1941-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/04\/03\/kein-dienstbarer-geist-nachruf-auf-wolfgang-schivelbusch-1941-2023\/","title":{"rendered":"Eva Geulen: KEIN DIENSTBARER GEIST: NACHRUF AUF WOLFGANG SCHIVELBUSCH (1941\u20132023)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das ZfL d\u00fcrfte die einzige Institution gewesen sein, der er je n\u00e4hergetreten ist. Als Senior Fellow sch\u00e4tzte er vor allem den Zugang zur Bibliothek des Hauses, wo man ihn h\u00e4ufig im Gespr\u00e4ch fand mit den Bibliothekarinnen oder anderen Besuchern, stets neugierig, mitteilungsfreudig, und meistens heiter. Manche J\u00fcngere haben erst im Laufe der Zeit erfahren, dass der muntere \u00e4ltere Herr so ber\u00fchmt war. Ansonsten pflegte er gewissenhaft Abstand zu allem Institutionellen. Die Position des nicht direkt involvierten Beobachters war ihm schon w\u00e4hrend des Studiums in Frankfurt a.M. und Berlin zur zweiten Natur geworden. Sie bef\u00e4higte ihn zeitlebens zu oft \u00fcberraschenden, h\u00e4ufig provozierenden Ansichten, die sich mit Eitelkeit nicht vertrugen. Wolfgang konnte sehr charmant sein, aber er war vollst\u00e4ndig uneitel.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Distanz (ohne Nietzsches Pathos) hat er in den vielen Jahren, die er halbj\u00e4hrlich zwischen New York und Berlin pendelte, auch geographisch beim Wort genommen und gelebt. Die Qualit\u00e4t des Beobachterpostens wurde in seinem autobiographisch gef\u00e4rbten, vor allem jedoch methodologisch aufschlussreichen Buch <em>Die andere Seite<\/em> (2021) als \u00bbmachtlose Souver\u00e4nit\u00e4t\u00ab charakterisiert. Die entsprechende Existenzform eines Privatgelehrten schwebte Walter Benjamin, den man neben Norbert Elias und Siegfried Kracauer getrost unter Wolfgangs geistige V\u00e4ter rechnen darf, noch vor, als deren gesellschaftliche und \u00f6konomische Bedingungen l\u00e4ngst verschwunden waren. Wolfgang war passioniert, aber pragmatisch. Abgesehen von gelegentlich \u00fcbernommenen Auftragsarbeiten wie den Studien zur Frankfurter Intelligenz in den 20er Jahren (1982) hat er seine Forschungen ausschlie\u00dflich und kontinuierlich \u00fcber solche Antr\u00e4ge finanziert, die heute aus der Perspektive der Universit\u00e4ten Drittmittel hei\u00dfen. Es hat ihn betr\u00fcbt, als in j\u00fcngerer Zeit ein solcher Antrag einmal abgelehnt wurde. Die Entscheidung sagt einiges \u00fcber die Entwicklung von Drittmittelbetrieb und Evaluierungswesen, aber nichts \u00fcber ihn. Und das Buch schrieb er selbstverst\u00e4ndlich trotzdem. So wenig wie die \u00fcbrigen ist es aus der intellektuellen Landschaft seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wegzudenken. Ein jedes ist heute ein vielfach wieder aufgelegter und \u00fcbersetzter Klassiker.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Als Ein-Mann-Forschungsinstitution hat Wolfgang ein denkbar breites Themenfeld bearbeitet. Es reicht von der Geschichte der Eisenbahnreise (1977) \u00fcber die Bedeutung der Genussmittel (1980) und die Elektrifizierung der Gro\u00dfst\u00e4dte (1983) bis zu Analysen \u00fcber die Kulturpolitik in Berlin in der kurzen Spanne nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und vor dem Fall des Eisernen Vorhangs (1995), die Kultur der Niederlage (2001) und das Verschwinden des geordneten R\u00fcckzugs aus der Geschichte der Kriege (2019). In Technik-, Mentalit\u00e4ts-, Intellektuellen- oder Milit\u00e4rgeschichte und auch im wohlfeilen Label der \u203aKulturgeschichte\u2039 geht keines auf \u2013 wenngleich die Frage nach Gewinnern und Verlierern der Geschichte eine Konstante im Werk darstellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Bei den Verlierern war er schon deshalb, weil ihn stets die Einzelf\u00e4lle interessierten, das Besondere \u2013 pathetisch und mit Adorno gesprochen: das Inkommensurable \u2013, dessen Anspruch auf Repr\u00e4sentation er zu seiner Sache machte. Seine Gabe zur plastischen Darstellung ist fraglos; der Verf\u00fchrung zum Panoramatischen widerstand er. Im Vorwort seines Buches \u00fcber die <em>Intellektuellend\u00e4mmerung<\/em> im Frankfurt der 20er Jahre (1982) hei\u00dft es lakonisch verk\u00fcrzt: \u00bbBegr\u00fcndungen, weshalb diese und nicht andere F\u00e4lle, werden nicht gegeben. Die einzige Linie, die systematisch verfolgt wurde, bestand darin, bereits Bekanntes nicht noch einmal zu erz\u00e4hlen, sondern das wenig Bekannte bzw. Unbekannte bekannter zu machen.\u00ab \u203aSchule gemacht\u2039 haben seine kanonischen B\u00fccher gleichwohl nicht; daran lag ihm erstens wenig und zweitens war es auch gar nicht m\u00f6glich, weil sein Gesp\u00fcr f\u00fcr das vernachl\u00e4ssigte Detail \u2013 etwa die grotesken Schicksale der Bibliothek von L\u00f6wen in den beiden Weltkriegen (1988) \u2013 einer individuellen Sensibilit\u00e4t f\u00fcrs Konkrete geschuldet war, aus der sich keine zu befolgenden Regeln abstrahieren lie\u00dfen. Seine Themen fanden ihn, nicht umgekehrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Gleichwohl und vielleicht eben deshalb war\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/schivelbusch.html\">Wolfgang Schivelbusch<\/a> der geheime K\u00f6nig der Kulturwissenschaften, lange bevor deren Institutionalisierung begann und abseits der vielen theoretischen Debatten seit 1968. Allerdings sollte man seine gleichsam vitalistische Rhetorik der Theorieabwehr zugunsten der materialen Dinge nicht \u00fcberbewerten. Wie sehr ihn theoretische Fragen betreffen konnten, ist seiner Studie <em>Das verzehrende Leben der Dinge. Versuch \u00fcber die Konsumtion<\/em> (2015) zu entnehmen, die sich einer sp\u00e4ten, aber z\u00fcndenden Lukrez-Rezeption verdankt. Da schien ihn einmal eine Theorie anzul\u00e4cheln. Aber er reagierte in der Tat allergisch auf gel\u00e4ufige Formen der Theoriebildung und besonders auf den meistens dazugeh\u00f6rigen Jargon. F\u00fcr beides besa\u00df er einen untr\u00fcglichen Instinkt und hielt mit seiner tiefen Abneigung auch nicht hinter dem Berg. So gesehen unbek\u00fcmmert ergriff und verfolgte er, was ihn jeweils in Bann geschlagen hatte. Die Intuition gab dann jedoch der akribischen Materialrecherche statt. Wie ihm die luzide und elegante Darstellung gelang, die pointierende Auswahl und Konstellation der Funde, das bleibt sein Geheimnis.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Physiognomischer Blick, morphologische Intuition und rastlose T\u00e4tigkeit am Material erinnern vielleicht nicht nur mich an Goethe. (Das Motto f\u00fcr <em>Intellektuellend\u00e4mmerung <\/em>stammt von Eckermann.) Das Verh\u00e4ltnis dieses Kulturhistorikers zur Literatur ist jedenfalls ein eigenes und nicht zu untersch\u00e4tzendes Kapitel. Wolfgang Schivelbusch hat als Literaturwissenschaftler begonnen, bei Szondi geh\u00f6rt (von dem er so fasziniert war wie viele andere in dessen Umfeld, deren hagiographische Tendenzen und Rivalit\u00e4ten ihn jedoch abstie\u00dfen) und wurde mit einer Arbeit zum sozialistischen Drama nach Brecht (1974) von Hans Mayer promoviert. Zu den Quellen, die er weniger anzapfte, als dass es ihm aus ihnen, wenn die W\u00fcnschelrute der Intuition einmal ausgeschlagen hatte, reich entgegensprudelte, geh\u00f6rte mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit auch die Literatur. Und darunter verstand er nicht blo\u00df literarische Texte, sondern auch eine latente Qualit\u00e4t historischer Wirklichkeiten. Eine Stelle aus <em>Die andere Seite <\/em>deutet in diese Richtung. Mit Bezug auf den Untertitel von Kracauers Filmbuch hei\u00dft es dort: \u00bbKracauer spricht von \u203aRettung der \u00e4u\u00dferen Wirklichkeit\u2039. Ich nenne es \u203apoetisch\u2039. Kracauer nicht. Das macht ihn so wunderbar, dass er f\u00fcr die Poesie spricht, ohne das Wort beim Namen zu nennen. Nicht von, sondern f\u00fcr.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Einen herausgehobenen Platz in Wolfgangs intellektuellem Universum behauptet allerdings auch die ikonographische Tradition, insbesondere Fotografien. Der \u00fcppig bebilderte und gro\u00dfformatige Band <em>Licht, Schein und Wahn<\/em> (1992) gibt einen Eindruck von ihrer Bedeutung f\u00fcr das Gesamtwerk. Im Dialog mit den Bildern und voller Hochachtung vor ihren vieldeutigen Details rekonstruiert er dort die Geschichte der Licht- und Belichtungsverh\u00e4ltnisse, von den fr\u00fchen Phantasmagorien der Weltausstellungen bis zur Lichtarchitektur seiner Gegenwart. In Fotos fand er h\u00e4ufig auch Sprengs\u00e4tze f\u00fcr zeitdiagnostische \u00dcberlegungen. F\u00fcr den ZfL-Blog hat er 2017 unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/01\/24\/wolfgang-schivelbusch-der-wichtigste-satz-der-mir-jemals-gestrichen-wurde\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbDer wichtigste Satz, der mir je gestrichen wurde\u00ab<\/a> von seiner Kommentierung einer Fotografie der siegreichen US-Gener\u00e4le kurz nach dem Irakkrieg erz\u00e4hlt. Das Bild erschien ihm bemerkenswert, weil die unterlegenen Gener\u00e4le der Gegenseite anders als in der langen Tradition der Kapitulationsvertr\u00e4ge \u00fcblich nicht mit den Siegern am Tisch sa\u00dfen: \u00bbDiese uralte Gemeinschaft der Sieger und Verlierer fehlte in diesem Bild.\u00ab Der Satz, den er damals nicht bringen durfte, ist heute eine Binsenwahrheit: \u00bbIt may well be that instead of the ever more elusive idea of a cache of weapons of mass destruction \u2013 on behalf of which the war was started \u2013 the real danger for America may turn out to be the army that presumably vanished into nowhere, but possibly into the underground.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Hinter und neben dem einen Bild oder dem einen Fall stehen immer zahlreiche andere, die man kennen muss, um die Besonderheit des einen zu begreifen. Beim Vergleichen als heuristischem Verfahren, das sich ohne ein vorausgesetztes <em>tertium comparationis<\/em> den Dingen n\u00e4hert, kommt alles auf die Gewichtung und Mischung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten an. Wolfgangs Forschungsinteresse an der Geschichte der Eisenbahnreise, das ihn urspr\u00fcnglich in die USA gef\u00fchrt hatte, begann mit der faszinierten Beobachtung, dass die amerikanischen Eisenbahnen bis heute eher die Anmutung eines Schiffes haben, w\u00e4hrend das Vorbild des europ\u00e4ischen Eisenbahnabteils die Kutsche war. Was man im Ausgang von dieser Beobachtung \u00fcber die Geschichte der Technik in Europa und Amerika lernen kann, f\u00fchrt das preisgekr\u00f6nte Buch des damals 36-J\u00e4hrigen glanzvoll vor Augen. Der Erschlie\u00dfungskraft des unbefangenen und piet\u00e4tlosen Vergleichens ist Wolfgang treu geblieben, auch und gerade in Gestalt der amerikanisch-europ\u00e4ischen Doppelperspektive. Sie spielt in <em>Entfernte Verwandtschaft<\/em>. <em>Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933\u20131939<\/em> (2005) eine ebenso entscheidende Rolle wie in <em>Die Kultur der Niederlage: Der amerikanische S\u00fcden 1865, Frankreich 1871, Deutschland 1918<\/em> (2001).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass der tiefere Grund f\u00fcr die jahrzehntelange Pendlerexistenz zwischen Amerika und Deutschland die <em>open stacks<\/em> der New Yorker Bibliotheken gewesen sind. Das freie St\u00f6bern und Bl\u00e4ttern in thematisch und chronologisch organisierten B\u00fccherbest\u00e4nden war ein wichtiger Teil der Arbeit an seinen sorgf\u00e4ltig recherchierten B\u00fcchern. Wirklich zu Hause bei sich und mit den Dingen war er in der Bobst Library der New York University. Deren universit\u00e4ren Betrieb hielt er sich auch dort vom Hals. Als wir uns gerade kennengelernt hatten, habe ich ihn einmal zu einem Besuch in eine Lehrveranstaltung an der NYU gebeten. Den Fehler habe ich kein zweites Mal gemacht. Er empfand die Situation als Zumutung und agierte entsprechend.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">So sehr Wolfgang Schivelbusch der akademische Betrieb in all seinen Formen suspekt war und ihn zu Zeiten regelrecht anwidern konnte, so sehr sch\u00e4tzte und pflegte er das kollegial-intime freundschaftliche Gespr\u00e4ch, am liebsten zu zweit. Unseres hat er 1997 in New York initiiert. Abgebrochen ist es erst mit seinem Tod. \u00dcber Jahre trafen wir uns ein- oder zweimal im Monat im winzigen Caf\u00e9 <em>Ceci Cela<\/em> in der Spring Street auf klapprigen St\u00fchlchen zu planloser Plauderei. So schien es mir jedenfalls, wenn wir einander mitteilten, was uns gerade besch\u00e4ftigte, und auch das politische Tagesgeschehen nicht zu kurz kam. Ich habe erst sehr viel sp\u00e4ter begriffen, wie wichtig ihm solche Gespr\u00e4che waren und welchen systematischen Stellenwert sie f\u00fcr seine Arbeit hatten. Immer ging es darum, neue Ideen an einem Gegen\u00fcber gleichsam auszutesten, gespr\u00e4chsweise einen Gedanken zu entwickeln und idealiter gemeinsam weiterzuspinnen. W\u00e4hrend meiner Jahre in Bonn ruhte das Gespr\u00e4ch. Allerdings meldete sich Wolfgang gelegentlich per E-Mail mit irgendeinem Fund. Ich erinnere mich an ein Zitat aus einer Erz\u00e4hlung von Stifter \u00fcber Menschen, die in den Stra\u00dfen \u00bbhin und wider gingen\u00ab. Er hatte hinzugef\u00fcgt: \u00bbDas fand ich bemerkenswert.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Begl\u00fcckt \u00fcber das Wiedersehen und als sei gar keine Zeit vergangen, haben wir das Gespr\u00e4ch 2015 in Berlin wieder aufgenommen. Der Sp\u00e4tsommer jenes Jahres war gepr\u00e4gt von Fl\u00fcchtenden. Wolfgang nahm angesichts der Bilder das alte und mir ganz fremd vorkommende Wort der \u203aV\u00f6lkerwanderung\u2039 in den Mund. F\u00fcr Merkels \u203aWir schaffen das\u2039 und die deutsche Willkommenskultur (die dann ja auch schnell verflogen war) hatte er nur Hohn \u00fcbrig. (Zu seinem vermeintlichen \u203aRechtsruck\u2039 und weiteren \u00dcberlegungen zur Politik der j\u00fcngeren Zeit lese man die Schlusskapitel der <em>Anderen Seite<\/em>.) Auch wir beide waren gerade in jenen Tagen keineswegs immer derselben Meinung. Aber unser Streiten ruhte auf festem Grund. In seinen oft spontanen politischen Urteilen und Stellungnahmen war Wolfgang verl\u00e4sslicher als der Weltenlauf, der ihm mehr als einmal Recht gegeben hat. Zu dieser Verl\u00e4sslichkeit geh\u00f6rten wesentlich zwei Dinge. Zum einen misstraute er dem Mainstream grunds\u00e4tzlich und so weitgehend, dass er sich trotzig und gewisserma\u00dfen f\u00fcr- und vorsorglich auf den Standpunkt und die Seite der Verlierer stellte. Seine Sympathien galten stets denen, die ihm in einer bestimmten Situation als die Abgeh\u00e4ngten und Underdogs erschienen. Zum anderen waren ihm auch zeitlich weit entlegene Gegenst\u00e4nde sozusagen leibhaft nah. Offenbar gab es f\u00fcr ihn in der Geschichte einen Bodensatz des nicht Historisierbaren. Das ist f\u00fcr einen ausgewiesenen Historiker gewiss ungew\u00f6hnlich, aber Wolfgang hatte so etwas wie einen sechsten Sinn f\u00fcr eine Dimension der Geschichte, die in der \u00fcblichen Historiographie eher nicht vorkommt. Auch deshalb wurde ihm 2005 der Aby-Warburg-Preis verliehen. Aufgrund seiner besonderen Disposition im Umgang mit historischem Material mussten Wolfgang bei den Bildern aus dem Sp\u00e4tsommer 2015 die V\u00f6lkerwanderungen zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert einfallen, neben und vielleicht sogar noch vor den Fl\u00fcchtlingstrecks nach den Weltkriegen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In derselben Weise m\u00f6gen ihn die Bilder vom Sturm auf das Kapitol in Washington vom 6. Januar 2021 bewegt haben, ein altes Buchprojekt wiedervorzunehmen. Die dem auf Englisch verfassten Expos\u00e9 beigef\u00fcgte Kapitel\u00fcbersicht historischer Palasteroberungen reicht von den revolution\u00e4ren St\u00fcrmen auf Versailles und die Tuilerien 1789 bzw. 1792 bis zum Auftritt der US-Armee in Husseins Bagdad 2003. H\u00e4tte er noch Zeit gehabt, diesen Plan auszuf\u00fchren, w\u00e4re der Mob im US-Kapitol gewiss hinzugekommen und in anderer Richtung vielleicht auch gespr\u00e4chsweise erw\u00e4hntes \u00c4lteres. Mit den Palastergreifungen ging es ihm nicht um den Nachweis, dass die Geschichte sich wiederholt, sei es als Trag\u00f6die oder als Farce. Das w\u00e4re ein grobes Missverst\u00e4ndnis dieses nicht realisierten Projektes sowie aller vorangegangenen. Unter historiographischen Gesichtspunkten ist die Palastergreifung keine signifikante historische Gr\u00f6\u00dfe, meistens blo\u00df ein Nachspiel und fast ohne Bedeutung f\u00fcr die Geschichte der Sieger. Aber gerade deshalb verdichtet sich in ihr das Drama der Geschichte. In Wolfgangs eigenen Worten:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbWhat distinguishes it from all the other actions involved in history-making, is its double-life in the real and in the symbolic world. Its fascination as drama may be explained by Aristotle\u2019s classic definition. Drama, according to Aristotle, is the unity of place, time and action. The conquest of the palace is drama in its purest and densest form. As a fixed image it conveys a sense of grandeur and the fatality of history, not unlike the Piranesi engravings of Roman ruins (such as Nero\u2019s Casa Aurea) that look like illustrations of\/to Gibbon\u2019s <em>Decline and Fall<\/em>. In this sense the conquered palace is the concentration of the Decline-and-Fall-Process into one moment and one spot.\u00ab<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auf diese S\u00e4tze folgt in harter F\u00fcgung die n\u00fcchterne Kapitelanlage des projektierten Buches. H\u00e4tte er es geschrieben, w\u00fcssten wir nicht nur mehr \u00fcber die Geschichte von Palastergreifungen mit ihren jeweiligen Kontexten und Spezifika, sondern auch etwas mehr \u00fcber die Rolle von Drama und Passion in der Geschichte und im Leben ihres quecksilbrigen und noch im Alter mit seinen M\u00fchen bis zuletzt quicklebendigen Anwalts.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Welt ist \u00e4rmer ohne Wolfgang Schivelbusch. Es ist sch\u00f6n, dass das ZfL ihm in seinem letzten Lebensjahrzehnt ein Ort der Arbeit und der Begegnung sein konnte und einige von uns ihn ein St\u00fcck weit begleiten durften.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\"><em>Die Literaturwissenschaftlerin\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/geulen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Eva Geulen<\/em><\/a><em>\u00a0ist die Direktorin des ZfL.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: Kein dienstbarer Geist: Nachruf auf Wolfgang Schivelbusch (1941\u20132023), in: ZfL Blog, 3.4.2023 [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/04\/03\/kein-dienstbarer-geist-nachruf-auf-wolfgang-schivelbusch-1941-2023\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/04\/03\/kein-dienstbarer-geist-nachruf-auf-wolfgang-schivelbusch-1941-2023\/<\/a>]<br \/>\nDOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230403-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230403-01<\/a><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230403-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/04\/03\/kein-dienstbarer-geist-nachruf-auf-wolfgang-schivelbusch-1941-2023\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"KEIN DIENSTBARER GEIST: NACHRUF AUF WOLFGANG SCHIVELBUSCH (1941\u20132023)\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Geulen\",\n    \"givenName\": \"Eva\",\n    \"familyName\": \"Geulen\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-3700-1661\"\n  },\n  \"license\": \"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/legalcode\",\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2023-04-03\",\n  \"datePublished\": 2023,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ZfL d\u00fcrfte die einzige Institution gewesen sein, der er je n\u00e4hergetreten ist. 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