{"id":3065,"date":"2023-07-13T09:50:33","date_gmt":"2023-07-13T07:50:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3065"},"modified":"2025-02-11T15:40:59","modified_gmt":"2025-02-11T13:40:59","slug":"pola-gross-kinder-kriegen-kinder-haben-zu-zwei-neuerscheinungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/07\/13\/pola-gross-kinder-kriegen-kinder-haben-zu-zwei-neuerscheinungen\/","title":{"rendered":"Pola Gro\u00df: KINDER KRIEGEN. KINDER HABEN. Zu zwei Neuerscheinungen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Kinderbetreuung, Hausarbeit und Pflege \u00e4lterer Menschen geh\u00f6ren nicht zu den T\u00e4tigkeiten, die in der Literatur bislang viel Raum eingenommen haben.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Seit einiger Zeit \u00e4ndert sich das und es erscheinen zunehmend Texte, die Sorgearbeit ins Zentrum r\u00fccken. Einen Schwerpunkt bilden Ver\u00f6ffentlichungen, die von den Anstrengungen von Mutter- und Elternschaft erz\u00e4hlen. Internationale Bekanntheit erlangte 2001 Rachel Cusks autobiographischer Essay <em>A Life\u2019s Work: On Becoming a Mother<\/em>, der als einer der ersten Muttersein radikal und schonungslos schildert. Aber auch im deutschen Sprachraum sind Texte entstanden, die Mutter- und Elternschaft jenseits romantischer Verkl\u00e4rungen beschreiben: Essays, Romane und literarische Experimente beispielsweise von Antonia Baum (<em>Stillleben<\/em>, 2018), Mareice Kaiser (<em>Das Unwohlsein der modernen Mutter<\/em>, 2021), Julia Friese (<em>MTTR<\/em>, 2022), Maren Wurster (<em>Eine beil\u00e4ufige Entscheidung<\/em>, 2022) oder dem Kollektiv Writing with CARE\u00a0\/\u00a0RAGE (<em>Rhizom <\/em><em>&#8211; Offene Worte<\/em>, 2021). Sie problematisieren etwa die fehlende Anerkennung f\u00fcr die h\u00e4ufig von Frauen ausgef\u00fchrten und noch h\u00e4ufiger schlecht oder gar nicht bezahlten Sorget\u00e4tigkeiten oder reflektieren die enorme, vor allem an M\u00fctter gestellte gesellschaftliche Erwartungshaltung. Viele der Texte beschreiben die Diskrepanz, die zwischen selbstbestimmten weiblichen Lebensentw\u00fcrfen einerseits und traditionellen Rollenbildern und gesellschaftlichen Bedingungen andererseits besteht und umso deutlicher zutage tritt, sobald ein Kind da ist.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auffallend ist, dass autobiographische Auseinandersetzungen mit dem Thema \u00fcberwiegen. Das gilt auch f\u00fcr die beiden Ver\u00f6ffentlichungen, um die es im Folgenden gehen soll. Der 2020 von Barbara Peveling und Nikola Richter herausgegebene Sammelband <em>Kinderkriegen. Reproduktion reloaded<\/em> umfasst sechsundzwanzig pers\u00f6nliche Erfahrungsberichte zu Reproduktion und Elternschaft. Er ist in der von der Edition Nautilus herausgegebenen Reihe <em>Flugschriften<\/em> erschienen, die kritische Essayistik zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen und Ereignissen versammelt. Auch die Taschenbuchreihe <em>Fr\u00f6hliche Wissenschaft<\/em> von Matthes &amp; Seitz ver\u00f6ffentlicht Texte, die gesellschaftliche, politische und kulturelle Ph\u00e4nomene der Gegenwart reflektieren. Hier ist 2023 Heide Lutoschs Essay <em>Kinderhaben<\/em> erschienen, der in zweiunddrei\u00dfig kurzen Kapiteln beschreibt, was es bedeutet, heute Kinder zu bekommen und gro\u00dfzuziehen, insbesondere f\u00fcr Frauen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Thema, Aufbau, Titel und Anspruch beider B\u00fccher klingen \u00e4hnlich, sie funktionieren jedoch sehr unterschiedlich.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">***<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Kinderkriegen<\/em> ist in drei Teile gegliedert, dessen erster die Zeit des Kinderwunsches, der zweite die der Schwangerschaft und der dritte die nach der Geburt umfassen. In ihrem anstelle eines Vorworts abgedruckten Chat betonen die Herausgeberinnen Peveling und Richter, dass die Anthologie sich besonders durch die vielen individuellen biographischen Geschichten auszeichnet: \u00bbViele Texte lesen sich so, als ob ein guter Freund oder eine gute Freundin die intimsten Erfahrungen preisgibt\u00ab (<em>Kk<\/em>, 9). Dementsprechend kommen mit weiblichen, m\u00e4nnlichen, (post-)migrantischen, hetero- und homosexuellen Perspektiven auf Reproduktion und Elternschaft nicht nur viele unterschiedliche Positionen zu Wort, es wird auch eine riesige Bandbreite an Themen behandelt: aktiver wie zur\u00fcckgewiesener Kinderwunsch ebenso wie (bereute) Abtreibungen, ungewollte oder bewusst geplante Schwangerschaften, Eizellenspende, Leihmutterschaft, Fehlgeburt, Verlust des ungeborenen Kindes, Alleinerziehung, K\u00f6rperbilder sowie Betrachtungen zu ge- und missgl\u00fcckten Formen des Zusammenlebens. Daneben werden auch \u00dcberlegungen zur Gestaltung des \u00f6ffentlichen Raums, zu Klimaschutz, gendergerechter Sprache, Identit\u00e4t und Flucht im Kontext von Elternschaft angerissen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Aufschlussreich sind insbesondere Beitr\u00e4ge, die tradierte Vorstellungen von Mutter- und Vaterschaft hinterfragen. So beschreibt Judith Sombray, dass ihr jahrelanger Kinderwunsch vor allem der gesellschaftlichen Vorstellung von einem gelungenen Frauenleben entsprach und weniger ihrem eigenen Bed\u00fcrfnis. Claudia Klischat denkt \u00fcber die ethischen Aspekte einer Schwangerschaft im Alter von 48 Jahren nach: Sind Eizellenspenden in Deutschland aus guten Gr\u00fcnden verboten oder besteht ein Recht auf Fortpflanzung egal welchen Alters frau ist (bei M\u00e4nnern wird diese Frage bekanntlich mit weniger Emp\u00f6rung gestellt)? Und Antje Schrupp diskutiert das \u00bbSchwangerwerdenk\u00f6nnen\u00ab als reproduktive Differenz, die biologisch erst einmal auf Ungleichheit beruht: ein Teil der Menschheit kann schwanger werden, der andere nicht. Diese Einsicht m\u00fcsste ihr zufolge der Ausgangspunkt f\u00fcr die Frage sein, ob diese Ungleichheit durch politische Ma\u00dfnahmen verst\u00e4rkt oder gemildert wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der Band zeichnet sich auch durch Beitr\u00e4ge aus, die literarische oder formale Stilmittel nutzen, um vom Pers\u00f6nlichen zu erz\u00e4hlen. Nastasja Penzars lakonischer Text springt zwischen den \u00dcberzeugungen und W\u00fcnschen ihres gegenw\u00e4rtigen und ihres vergangenen Ichs hin und her und reflektiert so ihren Kinderwunsch. Egon Koch schildert parallel zu seinen eigenen Gef\u00fchlen zu einer knapp vierzig Jahre zur\u00fcckliegenden Abtreibung die Emotionen und \u00dcberlegungen seiner damaligen Partnerin, was der Text durch zwei unterschiedliche Schriftarten kenntlich macht. Das Bedauern \u00fcber die damals getroffene Entscheidung wird durch die Dialogizit\u00e4t bekr\u00e4ftigt, die Trauer gemildert. Auch Berit Glanz nutzt typographische Mittel, um zwischen der konkreten Geschichte vom Verlust eines Zwillingskindes w\u00e4hrend der Schwangerschaft und sp\u00e4teren Reflexionen \u00fcber die Gef\u00fchlszust\u00e4nde sowie allgemeineren \u00dcberlegungen zu medizinischen Vorg\u00e4ngen zu wechseln. Ihr Text erzeugt dadurch abwechselnd N\u00e4he und Distanz, was die Eindringlichkeit der Erz\u00e4hlung verst\u00e4rkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Obwohl viele der Beitr\u00e4ge f\u00fcr sich betrachtet zwar interessante Aspekte vorbringen oder ber\u00fchren, offenbart sich in ihrer Zusammenstellung doch ein Problem des gesamten Bandes. V\u00f6llig unterschiedliche Geschichten, Perspektiven und Darstellungsformen stehen unvermittelt nebeneinander. Fast jeder Beitrag formuliert eine eigene, entweder politische, ethische oder gesellschaftskritische Haltung. Diese \u00bbVielstimmigkeit\u00ab (<em>Kk<\/em>, 13) bleibt allerdings unkommentiert, die Herausgeberinnen betonen stattdessen, wie \u00bbwenig allgemeing\u00fcltig\u00ab die Texte sind, \u00bbweil eben jede Kinderkriegen-Situation eine andere ist\u00ab (<em>Kk<\/em>, 9). Dadurch suggeriert der Band, dass alle Perspektiven, alle Meinungen zum Thema irgendwie ihre Berechtigung haben. Problematisch an der fehlenden Einordnung bzw. sinnvollen Begrenzung des Themas ist zum einen, dass sofort auff\u00e4llt, welche Themen und Positionen fehlen \u2013 etwa die der Eizellenspenderin, der Leihmutter oder aber der Hausfrau und Mutter, die ein traditionelles Rollen- und Familienmodell lebt. Gerade am Fehlen letzterer wird zum anderen deutlich, dass der Band sehr wohl eine politische Pr\u00e4ferenz hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Umso mehr verwundert, wie wenig Raum der Aspekt der Arbeit einnimmt. Nicht nur w\u00e4re dieser im Kontext neuerer Reproduktionstechnologien und eines entstehenden \u203aReproduktionsmarktes\u2039 zu diskutieren. Kinderkriegen bedeutet bei aller Liebe und Zuneigung in der Regel auch Arbeit. Zudem ver\u00e4ndert sich damit das Verh\u00e4ltnis zur Erwerbsarbeit \u2013 und das statistisch betrachtet insbesondere f\u00fcr M\u00fctter in heterosexuellen Partnerschaften: Noch immer nehmen sie l\u00e4nger Elternzeit als V\u00e4ter und bleiben h\u00e4ufig l\u00e4nger oder dauerhaft in Teilzeit, was nicht nur ihre Karrierechancen, sondern auch ihren Verdienst und ihre Rentenanspr\u00fcche verringert.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Unabh\u00e4ngig davon stellt die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit f\u00fcr fast alle Eltern keine geringe Herausforderung dar. Bei einem so relevanten und kontrovers diskutierten Thema wie der Reproduktion w\u00e4re es daher aufschlussreicher gewesen, sich auf spezifische Aspekte, kritische Einsatzpunkte oder auch bestimmte Darstellungsformen zu konzentrieren, um zu einer \u00fcber pers\u00f6nliche Eins\u00e4tze hinausgehenden Betrachtung des Zusammenhangs von individueller Erfahrung und gesellschaftlichen Bedingungen zu gelangen.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">***<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Genau das zeichnet Heide Lutoschs Text <em>Kinderhaben <\/em>aus, der ein Essay im besten Sinne ist: Ausgehend von der subjektiven Erfahrung blickt Lutosch auf Mutter- und Elternschaft heute, analysiert deren gesellschaftliche Bedingungen, zugrundeliegende Geschlechterverh\u00e4ltnisse und damit verbundene kulturelle Imagines, die sie unter Einbeziehung kulturwissenschaftlicher, soziologischer und psychoanalytischer Forschungen historisiert und kontextualisiert. Aus diesen Analysen entwickelt sie politische Thesen. So weist sie etwa darauf hin, dass die Sch\u00f6nheit des Kindergro\u00dfziehens, das zuvor als anstrengend und schmutzig galt, eine Erfindung des 18. Jahrhundert ist. Der heutige Diskurs kn\u00fcpft da an und betont \u00bbpenetrant die Einzigartigkeit und Sch\u00f6nheit des Kinderkriegens und -habens\u00ab (<em>Kh<\/em>, 10). Sich dem zu entziehen, ist schwer:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Schwangerschaft wird zum neunmonatigen K\u00f6rpererlebnis, die Geburt zum kreativen Akt, das Stillen ein Erlebnis bisher ungekannter N\u00e4he. Und die bei allen Menschen weitgehend identisch ablaufende k\u00f6rperliche und kognitive Entwicklung vom Neugeborenen zum krabbelnden und brabbelnden Kleinkind wird zur gro\u00dfartigen Entfaltung eines einzigartigen Individuums verkl\u00e4rt \u2013 die nur mit absoluter Aufmerksamkeit der Mutter gelingen kann. Auf so einen Schei\u00df bin ich reingefallen? Ja, bin ich. (<em>Kh<\/em>, 10)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Lutosch spricht dem Kinderkriegen und -gro\u00dfziehen seine selbstverst\u00e4ndlich auch sch\u00f6nen Momente nicht ab, aber sie kritisiert, wie eine k\u00f6rperlich und emotional anstrengende Aufgabe gesellschaftlich als wahnsinnig erf\u00fcllend und f\u00fcr Frauen v\u00f6llig nat\u00fcrlich verkl\u00e4rt wird. Sie fragt, warum der Gro\u00dfteil reproduktiver T\u00e4tigkeiten \u2013 von Kinderpflege und -erziehung \u00fcber den Haushalt bis hin zu allen als Mental Load<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> bezeichneten Aufgaben \u2013 noch immer \u00fcberwiegend von Frauen erledigt wird und weshalb sich in so vielen heterosexuellen Paarbeziehungen die erreicht geglaubte Gleichberechtigung als Fiktion offenbart, sobald ein Kind da ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die ungleiche Aufteilung der Sorgearbeit ist nach Lutosch ein gesellschaftlich-politisches Problem, denn M\u00e4nner verdienen bei gleicher Qualifikation und T\u00e4tigkeit noch immer mehr, steuerrechtlich wird das Hauptverdiener-Zuverdiener-Modell beg\u00fcnstigt und Aufstiegschancen f\u00fcr Teilzeitkr\u00e4fte sind gering. Problematisch sei das aus zwei Gr\u00fcnden: Erstens \u00fcbernehmen Frauen einen Gro\u00dfteil der Sorgearbeit unter anderem deshalb, weil sie schlechter verdienen und auf ihr Gehalt besser verzichtet werden kann als auf das des Partners. Dadurch sind sie es, die lange oder dauerhaft in Teilzeit arbeiten, was nicht nur geringere Karrierechancen zur Folge hat, sondern auch geringere Rentenbez\u00fcge. Zweitens werden so kaum Anreize geschaffen, dass beide, Mann und Frau, in Teilzeit arbeiten, um sich die Sorgearbeit zu teilen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit habe zudem, und hier folgt Lutosch Studien der Soziologin Nancy Chodorow und der Psychoanalytikerin Jessica Benjamin, mit tiefsitzenden psychologischen Verhaltensmustern von M\u00e4nnern und Frauen zu tun. Ausgehend von pers\u00f6nlichen Erfahrungen hat Lutosch vor allem ihre eigene Generation, also die in den 1970er Jahren Geborenen im Blick. Viele der Frauen h\u00e4tten ihre eigene h\u00e4ufig nicht berufst\u00e4tige und vom Ehemann abh\u00e4ngige Mutter als negatives Rollenmodell vor Augen, von dem sie sich abzusetzen versuchten. Das habe dazu gef\u00fchrt, dass Frauen heute deutlich mehr arbeiten als fr\u00fcher, da sie neben der mittlerweile fast selbstverst\u00e4ndlichen Erwerbst\u00e4tigkeit weiterhin noch den gr\u00f6\u00dften Teil der Familienarbeit \u00fcbern\u00e4hmen &#8211; gerade auch, weil etwa der selbstgebackene Geburtstagskuchen f\u00fcr die Kleinen so sehr zum Bild der perfekten, alles unter einen Hut bekommenden modernen Mutter dazugeh\u00f6rt: \u00bbBlo\u00df keine Hausfrau sein, hei\u00dft also die Devise, aber alles so machen wie eine gute Hausfrau\u00ab (<em>Kh<\/em>, 30). Die V\u00e4ter der 1970er-Generation dienten M\u00e4nnern dagegen als Vorbilder, denn zumindest im Mittelstand der 1970er Jahre war es noch relativ problemlos m\u00f6glich, seine Familie mit <em>einer<\/em> 40-Stunden-Stelle komplett zu ern\u00e4hren und auch noch Zeit mit den Kindern zu verbringen. Aufgrund der deutlichen Reallohnsenkung k\u00f6nnten M\u00e4nner solchen Rollenidealen heute kaum mehr entsprechen und st\u00e4nden dementsprechend unter Druck (vgl. <em>Kh<\/em>, 60-62).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auch wenn man mit Lutoschs Analyse mitgeht und annimmt, dass der psychoanalytische Ansatz den Blick auf gesellschaftliche Strukturen freigibt, stellt sich die Frage, wie man das Geschlechterverh\u00e4ltnis der Eltern von Kleinkindern heute, also der in den 1980er und 1990er Jahren geborenen Millenials, erkl\u00e4ren kann. Denn an der ungleichen Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeitszeiten zwischen den Geschlechtern hat sich nur wenig ge\u00e4ndert,<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> die Ausgangslage ist jedoch eine andere: Viele M\u00fctter der Millennials waren berufst\u00e4tig, ihre V\u00e4ter nur noch selten Alleinverdiener.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">F\u00fcr die geschlechtsspezifische elterliche Rollenverteilung muss es also noch andere Erkl\u00e4rungen geben. Lutosch macht daf\u00fcr vor allem die Dominanz der b\u00fcrgerlichen Kleinfamilie verantwortlich. Diese passe zu gut zum kapitalistischen System und halte sich daher allen sonstigen gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen zum Trotz hartn\u00e4ckig (vgl. <em>Kh<\/em>, 96; 100). Aber warum ist das eigentlich so? Lutosch selbst nennt vor allem plausible Gr\u00fcnde, warum Kapitalismus und Kinder sich <em>nicht<\/em> gut vertragen: Ersterer verlangt Ortswechsel, Schnelligkeit, Produktivit\u00e4t, Disziplin und Ausgeschlafenheit, w\u00e4hrend Letztere langsam, irrational, sprunghaft, unproduktiv, vertr\u00e4umt und vieles mehr sind (vgl. <em>Kh<\/em>, 98).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dass der Kapitalismus unbezahlter Reproduktionsarbeit bedarf, ist eine These, die vor allem von feministischen Marxistinnen der 1970er Jahre formuliert wurde. Sie betonten, dass f\u00fcr die Reproduktion der Arbeitskraft die unbezahlte Familienarbeit der Frau genauso wichtig sei wie die Erwerbsarbeit des Mannes, f\u00fcr die er seinen Lohn erhalte. Das Lohnverh\u00e4ltnis des Mannes verberge die Arbeit der Frau, die, weil sie nicht entlohnt wird, nicht mehr als solche erscheine, dem Kapital aber in \u00e4hnlicher Weise zugutekomme.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Blickt man allerdings auf die Situation heute, k\u00f6nnte man auch fragen, ob der Kapitalismus nicht vielmehr davon profitieren w\u00fcrde, noch mehr Arbeitskraft in der Lohnarbeit zu binden und den Gro\u00dfteil der Familienarbeit zu kommodifizieren &#8211; wie es in der Altenpflege heute schon immer \u00fcblicher wird. Damit w\u00e4re die Reproduktion der Kleinfamilie mit ihren geschlechtsspezifischen Rollenverteilungen nicht mehr im Interesse des Kapitalismus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Lutosch f\u00fchrt das Argument zwar in einem anderen Zusammenhang an, eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das gegenseitige Bedingungsverh\u00e4ltnis und damit auch f\u00fcr das Fortbestehen der geschlechtsspezifischen elterlichen Rollenverteilung gibt es dann vielleicht aber doch. Gerade weil in kapitalistischen Gesellschaften Leben und Arbeiten immer prek\u00e4rer und herausfordernder werden, erscheinen Liebe, Familie und Tradition so w\u00fcnschens- und erstrebenswert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Was l\u00e4sst sich dem entgegensetzen? Nach Lutosch nicht viel. Man m\u00fcsse versuchen, sich zu \u00e4ndern, auch als Frau: Immer wieder die \u00bbtief ins eigene Ich eingebrannten Bilder, W\u00fcnsche und \u00c4ngste\u00ab bek\u00e4mpfen und die geschlechtsspezifische Rollenverteilung in Bezug auf die \u00bbemotionalen Aufgaben der Elternschaft\u00ab aufheben (<em>Kh<\/em>, 81); dazu z\u00e4hle auch die Umverteilung der An- und Abwesenheit zuhause. Das ist sicher richtig, allerdings zeigen Lutoschs eigene Erfahrung und Analyse ja, wie schwierig es ist, mit individuellen Handlungen gegen gesellschaftliche Strukturen anzuk\u00e4mpfen. Da sie das selbst wei\u00df, setzt sie vor allem auf genaue Beobachtung, konsequente Kritik und deutliche Formulierungen, um die Verh\u00e4ltnisse durchsichtig zu machen. In der Sch\u00e4rfe liegt zugleich der Witz des Textes. So endet der Essay mit einer Liste, die wirklich jeder und jedem die Illusion von der Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Kindergro\u00dfziehens nimmt. Verbittert ist der Text dabei keineswegs, denn vielleicht ist gerade die Einsicht in die Anstrengungen des Kinderhabens in unserer Gesellschaft die Voraussetzung daf\u00fcr, dass es auch sch\u00f6n sein und werden kann. Ansatzpunkte gibt es genug.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em><span style=\"color: #e63348;\">Die Literaturwissenschaftlerin <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/gross.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pola Gro\u00df<\/a> arbeitet am ZfL im Schwerpunktprojekt \u00bb<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/stil-geschichte-und-gegenwart.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stil. Geschichte und Gegenwart<\/a>\u00ab.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Literaturwissenschaft hat solche Themen bislang eher als randst\u00e4ndig behandelt. Mit <em>Literatur und Care<\/em> (hg. von Undercurrents, Berlin 2023) ist aber gerade ein Sammelband erschienen, der nach Genres, \u00e4sthetischen Formen und Verfahren der Literarisierung von Sorge-Verh\u00e4ltnissen in der Literatur fragt. Auch dieser Beitrag ist Teil von \u00dcberlegungen zu einem Projekt zum Stillen in der Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Im Folgenden sind mit \u203aFrau\u2039 all jene bezeichnet, die als M\u00e4dchen bzw. Frau sozialisiert wurden und\/oder die sich als solche identifizieren. Des Weiteren werden Unterschiede zwischen Frauen und M\u00e4nnern nicht als biologische Tatsachen verstanden, sondern auf sozial und gesellschaftlich verankerte Praktiken zur\u00fcckgef\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Barbara Peveling\/Nikola Richter (Hg.): <em>Kinderkriegen. Reproduktion reloaded<\/em>, Hamburg: Edition Nautilus 2020; im Folgenden zitiert im Text mit der Sigle <em>Kk<\/em>; Heide Lutosch: <em>Kinderhaben<\/em>, Berlin: Matthes &amp; Seitz 2023; im Folgenden zitiert im Text mit der Sigle <em>Kh.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. etwa die Studie von Werner Eichhorst\/Eric Thode: <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/publikationen\/publikation\/did\/vereinbarkeit-von-familie-und-beruf-2010\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Vereinbarkeit von Familie und Beruf 2010<\/em><\/a>, hg. von der Bertelsmann-Stiftung, G\u00fctersloh 2010; oder die im Auftrag des Bundesministeriums f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellte Expertise von J.M. Fegert u.a.: <a href=\"https:\/\/www.bmfsfj.de\/resource\/blob\/95458\/69321063c297ad853183dbeb64f72016\/vaterschaft-und-elternzeit-endbericht-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Vaterschaft und Elternzeit. Eine interdisziplin\u00e4re Literaturstudie zur Frage der Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung f\u00fcr eine gedeihliche Entwicklung der Kinder sowie den Zusammenhalt in der Familie<\/em><\/a>, Berlin 2011.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u203aMental Load\u2039 bezeichnet die Belastung, die durch unsichtbare Alltags- und Planungsaufgaben entsteht, die vor allem von Frauen \u00fcbernommen werden. Lutosch fasst sie folgenderma\u00dfen zusammen: \u00bbDenk- und F\u00fchlarbeit, Gestaltungswille, Initiative, Problembewusstsein, Koordinationskunst, Draufblick, Antizipationsverm\u00f6gen, Beziehungsf\u00e4higkeit\u00ab (<em>Kh<\/em>, 65).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Das im M\u00e4rz 2023 vom Bundesfamilienministerium herausgegebene <em>Familienbarometer<\/em> best\u00e4tigt, dass die Hauptlast bei der Kinderbetreuung und Hausarbeit bei den M\u00fcttern liegt: \u00bbDie Kluft zwischen realer und idealer Aufteilung der Familienarbeit hat sich in den vergangenen Jahren kaum ver\u00e4ndert. Oftmals erleben Elternpaare nach der Geburt eines Kindes \u2013 teils unbemerkt oder unfreiwillig \u2013 eine (Re-)Traditionalisierung und richten sich in einem ungleichen Sorgearbeitsarrangement ein\u00ab; <em>Familienbarometer<\/em>, hg. von Bundesministerium f\u00fcr Familie, Frauen, Senioren und Jugend, Berlin 2023. Auch eine vom <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2016\/04\/PD16_137_812.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Statistischen Bundesamt<\/a> durchgef\u00fchrte Zeitverwendungserhebung ergab, dass Frauen im Untersuchungszeitraum 2012\/13 mehr unbezahlte Arbeit geleistet haben als M\u00e4nner.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Zur Debatte vgl. Louise Toupin: <em>Lohn f\u00fcr Hausarbeit. Chronik eines internationalen Frauenkampfs (1972\u20131977)<\/em>, M\u00fcnster 2022.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Pola Gro\u00df: Kinder kriegen. Kinder haben. Zu zwei Neuerscheinungen, in: ZfL Blog, 13.7.2023 [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/07\/13\/pola-gross-kinder-kriegen-kinder-haben-zu-zwei-neuerscheinungen\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/07\/13\/pola-gross-kinder-kriegen-kinder-haben-zu-zwei-neuerscheinungen\/<\/a>]<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230713-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230713-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20230713-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/07\/13\/pola-gross-kinder-kriegen-kinder-haben-zu-zwei-neuerscheinungen\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"KINDER KRIEGEN. KINDER HABEN. 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Einen Schwerpunkt bilden Ver\u00f6ffentlichungen, die von den Anstrengungen von Mutter- und Elternschaft erz\u00e4hlen. Internationale Bekanntheit erlangte 2001 Rachel Cusks <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/07\/13\/pola-gross-kinder-kriegen-kinder-haben-zu-zwei-neuerscheinungen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[736,740,739,93,735,475,738,737],"class_list":["post-3065","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lektueren","tag-elternschaft","tag-geschlechterforschung","tag-geschlechterverhaeltnisse","tag-lebenswissen","tag-mutterschaft","tag-reproduktion","tag-sorgearbeit","tag-vaterschaft"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3065","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3065"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3065\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3525,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3065\/revisions\/3525"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3065"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}