{"id":3126,"date":"2023-11-20T17:48:52","date_gmt":"2023-11-20T15:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3126"},"modified":"2025-02-11T15:32:39","modified_gmt":"2025-02-11T13:32:39","slug":"eva-geulen-jahresthema-2023-24-aktivismus-und-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/20\/eva-geulen-jahresthema-2023-24-aktivismus-und-wissenschaft\/","title":{"rendered":"Eva Geulen:  Jahresthema 2023\/24, AKTIVISMUS UND WISSENSCHAFT"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In den aktuellen Debatten um politischen Aktivismus und institutionalisierte Wissenschaft l\u00e4sst sich unschwer das alte Muster \u203aElfenbeinturm\u2039 vs. Engagement erkennen, das zahlreiche Auseinandersetzungen im 20. Jahrhundert gepr\u00e4gt hat. Angesichts dieser langen, wechselvollen und produktiven Geschichte k\u00f6nnte man mit dem Thema eigentlich gelassener umgehen, als der aufgeregte Ton heute nahelegt. In ihrem Beitrag zu den Osteuropawissenschaften in Zeiten des Krieges wundert sich auch Nina Weller, dass l\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubte Fronten sich neu formieren. Henning Tr\u00fcper erinnert daran, dass moderne Wissenschaft immer von politischen Instanzen wie dem Staat abh\u00e4ngt. Patrick Eiden-Offe stellt anhand der Frankfurter H\u00f6lderlin-Edition, deren politische Motive einen Paradigmenwechsel in der Editionswissenschaft herbeif\u00fchrten, die Vertr\u00e4glichkeit von Politik und Wissenschaft exemplarisch unter Beweis. Er zeigt aber auch, dass dem akademischen Erfolg des Projektes dessen politische Motive zum Opfer fielen; bei der Durchsetzung neuer Editionsprinzipien blieb der politisch-aktivistische Impuls auf der Strecke.<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">K\u00f6nnte es heute umgekehrt die Wissenschaft sein, die auf der Strecke bleibt? Und wenn es so w\u00e4re, k\u00f6nnte das damit zusam\u00admenh\u00e4ngen, dass einerseits die Politik (national und auf EU-Ebene) sowie viele F\u00f6rderorganisationen eine \u203atransformative Wissenschaft\u2039 einfordern? Und dass andererseits immer mehr junge Menschen ihre akademische Entwicklung in den Dienst dieses oder jenes Aktivismus stellen? Haben wir es mit einer bisher unbekannten Konvergenz eines Aktivismus \u203avon oben\u2039 und \u203avon unten\u2039 zu tun?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Man muss so vorsichtig fragen, um nicht in das herrschende Reiz-Reaktions-Schema zu fallen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die allseits beklagten Polarisierungen, so hei\u00dft es oft auf beiden Seiten, seien akuten Bedrohungen, N\u00f6ten und Krisen geschuldet, deren Bew\u00e4ltigung keinen Aufschub dulde. Aber ob der Klimawandel dadurch gestoppt wird, dass in den Geistes- oder Kulturwissenschaften immer neue Gegenstandsbereiche wie Ecocriticism, Animal- und Plant Studies entstehen, kann man fragen. Die bei Henning Tr\u00fcper angedeutete Dynamik proliferierender <em>single-issue<\/em>-Aktivismen hat jedenfalls l\u00e4ngst den akademischen F\u00e4cher- und Disziplinenkanon erreicht. Weil diese Vielfalt auf die Dauer auch Zerfallseffekte nicht nur in der Wissen\u00adschaft zeitigt, hat der Journalist Knut Cordsen j\u00fcngst gefragt: \u00bbWie viel Aktivismus vertr\u00e4gt unsere Gesellschaft?\u00ab<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Unter Umst\u00e4nden heute noch lehrreich ist die Kon\u00adtro\u00adverse zwischen Herbert Marcuse und J\u00fcrgen Habermas aus den sp\u00e4ten 1960er Jahren. Der Marxist Marcuse vertrat die radikale Ansicht, dass Wissenschaft unter kapitalistischen Bedingungen zwangsl\u00e4ufig zum ideologischen Erf\u00fcllungsgehilfen des Systems werde. Eine revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung der herrschenden Verh\u00e4ltnisse m\u00fcsse auch \u00bbdie Struktur der Wissenschaft selbst beeinflussen\u00ab. In einem postrevolution\u00e4r befriedeten Weltzustand w\u00fcrde die Wissenschaft \u00bbzu wesentlich anderen Begriffen der Natur gelangen und wesentlich andere Tatsachen feststellen\u00ab.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">J\u00fcrgen Habermas, f\u00fcr den interessenfreie Erkenntnis weder in der Wissenschaft noch sonst irgendwo m\u00f6glich war,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> hat Marcuses Utopie relativiert, indem er ihre historischen Voraussetzungen namhaft machte. Denn erst im \u00dcbergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, als sich versch\u00e4rfende Krisen den Staat und die moderne, wissenschaftlich unterst\u00fctzte Sozial- und Wissenschaftspolitik als Korrektiv auf den Plan riefen, bildete sich, was Habermas die \u00bbgl\u00e4serne Hintergrundideologie\u00ab nennt, \u00bbwelche die Wissenschaft zum Fetisch macht\u00ab.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Mit der zeitgleich einsetzenden Verwissenschaftlichung der Technik habe das zu jenem technokratischen Politikver\u00adst\u00e4ndnis und einer entsprechenden Konfliktvermeidungspraxis gef\u00fchrt, gegen das die 68er-Generation aufbegehrte. In den protestierenden Studierenden des Jahres 1967 erkannte Habermas \u00bbAktivisten\u00ab, die das Potential h\u00e4tten, \u00bbauf eine Repolitisierung der ausgetrockneten \u00d6ffentlichkeit\u00ab hinzuwirken.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Das besondere Protestpotential dieser Gruppe verdanke sich auch ihrer wissenschaftlichen Erfahrung. Weil ihre Vertreterinnen und Vertreter \u00bbrelativ oft aus sozialwissenschaftlichen und philologisch-hermeneutischen F\u00e4chern\u00ab k\u00e4men, erwiesen sie sich \u00bbgegen\u00fcber dem technokratischen Bewu\u00dftsein\u00ab als \u00bbimmun\u00ab, weil ihre \u00bbprim\u00e4ren Erfahrungen der eigenen wissenschaftlichen Arbeit mit den technokratischen Grundannahmen nicht zusammenstimmen\u00ab.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Offenbar ist (oder war) Wissenschaft aufgrund ihrer Eigenlogik zu Selbstimmunisierungsleistungen in der Lage, die sie in der Folge auch zu emanzipatorischen gesellschaftlichen Handlungen sowohl innerhalb wie au\u00dferhalb der institu\u00adtionalisierten Wissenschaft erm\u00e4chtigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Aber reichen solche Beobachtungen hin, die aktuellen Debatten um Aktivismus und Wissenschaft vor allem in den Geistes- und Kulturwissenschaften zu erkl\u00e4ren? Welche Rolle spielen die sogenannte Cancel Culture und die Diskussionen um kulturelle Aneignung in der Kunst? Das sind einige der Fragen, denen sich das ZfL in den kommenden drei Semestern widmen m\u00f6chte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em><span class=\"text\">Die Literaturwissenschaftlerin\u00a0<a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/geulen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eva Geulen<\/a>\u00a0ist die Direktorin des ZfL. Dieser Beitrag erschien erstmals als Editorial auf\u00a0<\/span><\/em><em><span class=\"text\">dem <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/files\/zfl\/downloads\/forschung\/ZfL_Jahresthema_Aktivismus-und-Wissenschaft.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Faltplakat<\/a> zum Jahresthema des ZfL 2023\/24, \u00bbAktivismus und Wissenschaft\u00ab.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Kaum hatte sich die Initiative Scientists for Future konstituiert, um den Forderungen der Klima\u00adaktivist*innen um Greta Thunberg wissenschaftlichen Nachdruck zu verleihen, sahen andere schon die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr und gr\u00fcndeten zu deren Rettung eine Vereinigung f\u00fcr Wissenschaftsfreiheit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Knut Cordsen: <em>Die Welt<\/em><em>verbesserer: Wie viel Aktivismus vertr\u00e4gt unsere <\/em><em>Gesellschaft?<\/em>, Berlin 2022.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Herbert Marcuse: <em>Der eindimensionale Mensch<\/em>, Neuwied 1967, S.\u00a0180.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. J\u00fcrgen Habermas: \u00bbErkenntnis und Interesse\u00ab, in ders.: <em>Technik und Wissenschaft <\/em><em>als \u203aIdeologie\u2039<\/em>, Frankfurt a.\u202fM. 1968, S. 146\u2212168.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> J\u00fcrgen Habermas: \u00bbTechnik und Wissenschaft als \u203aIdeologie\u2039\u00ab, in: ebd. (Anm. 4), S. 48\u2212103, hier S. 88f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ebd., S. 101, 100.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ebd., S. 101.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: Jahresthema 2023\/24, Aktivismus und Wissenschaft, in: ZfL Blog, 20.11.2023, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/20\/eva-geulen-jahresthema-2023-24-aktivismus-und-wissenschaft\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/20\/eva-geulen-jahresthema-2023-24-aktivismus-und-wissenschaft\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20231120-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20231120-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20231120-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/20\/eva-geulen-jahresthema-2023-24-aktivismus-und-wissenschaft\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"Jahresthema 2023\/24, AKTIVISMUS UND WISSENSCHAFT\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Geulen\",\n    \"givenName\": \"Eva\",<span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span>\n    \"familyName\": \"Geulen\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"Geulen, Eva\"\n  },\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2023-11-20\",\n  \"datePublished\": 2023,\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung \"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den aktuellen Debatten um politischen Aktivismus und institutionalisierte Wissenschaft l\u00e4sst sich unschwer das alte Muster \u203aElfenbeinturm\u2039 vs. Engagement erkennen, das zahlreiche Auseinandersetzungen im 20. 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