{"id":3129,"date":"2023-11-06T12:55:06","date_gmt":"2023-11-06T10:55:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3129"},"modified":"2025-02-11T15:34:46","modified_gmt":"2025-02-11T13:34:46","slug":"lukas-laier-edieren-aus-dem-nachlass-zur-werkausgabe-hermann-borchardts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/06\/lukas-laier-edieren-aus-dem-nachlass-zur-werkausgabe-hermann-borchardts\/","title":{"rendered":"Lukas Laier: EDIEREN AUS DEM NACHLASS. Zur Werkausgabe Hermann Borchardts"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">So abenteuerlich die Wege von deutschen Exilschriftstellerinnen und -schriftstellern des letzten Jahrhunderts waren, so verworren sind meist auch die Wege ihrer Nachl\u00e4sse. Selten finden sich alle Manuskripte, Briefe und pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nde an einem Ort versammelt. H\u00e4ufig verteilen sich Nachl\u00e4sse auf verschiedene Orte und L\u00e4nder. Im schlimmsten Fall hat \u00fcberhaupt niemand etwas aufbewahrt. Der Nachlass des Schriftstellers und Philosophen Hermann Borchardt (1888\u20131951) findet sich an zwei Standorten: im Deutschen Exilarchiv 1933\u20131945 in Frankfurt am Main, wohin ihn der verdienstvolle Exilforscher <a href=\"https:\/\/www.dnb.de\/DE\/Ueber-uns\/DEA\/Nachrichten\/_content\/spalekNachruf.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">John M. Spalek<\/a> \u00fcberf\u00fchrte, und in der Rubenstein Rare Book &amp; Manuscript Library in Durham, North Carolina. Ein unerwarteter Fund, den mein Kollege Christoph Hesse und ich dort machten, veranlasste uns, Borchardt mit einer Werkedition als wichtigen Schriftsteller des Exils zu w\u00fcrdigen.<!--more--><\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><strong>Der Unbekannte<\/strong><\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Trotz einflussreicher F\u00fcrsprecher wie Bertolt Brecht, George Grosz, Thomas Mann, Max Reinhardt und Franz Werfel blieb Borchardt zeit seines Lebens weithin unbekannt. Seine Karriere als B\u00fchnenautor im Berlin der Weimarer Republik mag er aus Angst, wegen der satirischen Darstellung von Deutscht\u00fcmelei und Franzosenhass seine Stelle als Lehrer zu verlieren, selbst vereitelt haben.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Ein Romanprojekt musste Borchardt im sowjetischen Exil abbrechen, und als er sp\u00e4ter in den USA St\u00fccke und Essays \u00fcber den christlich-konservativen Widerstand gegen den Faschismus schrieb und seine eigenen Lagererfahrungen festhielt, traf er nicht den dortigen Publikumsgeschmack. So blieben die meisten seiner Texte zu Lebzeiten unver\u00f6ffentlicht. Im Januar 1951 starb Hermann Borchardt in New York.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ein erster Versuch, Borchardt posthum als Schriftsteller zu etablieren, wurde \u00fcber 50 Jahre nach seinem Tod unternommen. Im Auftrag des Exilforschers Hermann Haarmann und des Verlegers Stefan Weidle edierte Uta Beik\u00fcfner Borchardts monumentalen Roman <em>Die Verschw\u00f6rung der Zimmerleute <\/em>2005 erstmals in deutscher Sprache<em>.<\/em><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Hans Sahl, ein Freund Borchardts im New Yorker Exil, hatte Weidle gefragt, ob er nicht Lust h\u00e4tte, \u00bbzusammen finanziellen Selbstmord zu begehen\u00ab,<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> wohlwissend, dass nur wenige Leser bereit w\u00e4ren, einem unbekannten Schriftsteller 1000 Seiten eines Romans zu folgen, der dessen Entt\u00e4uschung \u00fcber die Linken in der Emigration und seine daraus folgende konservative Wende auf gro\u00dfartige Weise schildert: Nicht Revolution\u00e4re retten in diesem Roman die Republik vor den Faschisten, sondern eine konservative Partei im Verbund mit einem mittelalterlichen Zimmermannsorden. In der Tat blieb die satirische Auseinandersetzung mit dem Faschismus, figurenreich und \u00bbb\u00f6sartig\u00ab (Brecht), wie schon 1943 in der gek\u00fcrzten englischen Fassung, auch 2005 im deutschen Original ein Ladenh\u00fcter.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_3140\" aria-describedby=\"caption-attachment-3140\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Passseite-fuer-Blog.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3140 size-medium\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Passseite-fuer-Blog-197x300.jpg\" alt=\"Abb. 1: Portr\u00e4t Hermann Borchardts aus seinem Reisepass, mit dem er 1933 nach Frankreich fl\u00fcchtete. Nachlass Hermann Borchardt, Deutsches Exilarchiv 1933\u20131945, Frankfurt am Main\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Passseite-fuer-Blog-197x300.jpg 197w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Passseite-fuer-Blog.jpg 420w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 85vw, 197px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3140\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Seite aus Hermann Borchardts Reisepass, mit dem er 1933 nach Frankreich fl\u00fcchtete. Nachlass Hermann Borchardt, Deutsches Exilarchiv 1933\u20131945, Frankfurt am Main<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ein Zufall brachte den Autor einige Jahre sp\u00e4ter erneut ins Gespr\u00e4ch. Mitte der 1920er Jahre hatte Borchardt sich in Berlin mit Bertolt Brecht angefreundet und war dessen Mitarbeiter geworden (u.a. bei der <em>Heiligen Johanna der Schlachth\u00f6fe<\/em>). Bei der Arbeit an der 2014 erschienenen Edition der <em>Briefe an Bertolt Brecht im Exil 1933\u20131949<\/em><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> stie\u00dfen Hermann Haarmann und Christoph Hesse auf zw\u00f6lf Briefe Borchardts, die er aus dem Exil in Frankreich, der Sowjetunion und den USA an Brecht geschrieben hatte. Im April 1933 hatte Borchardt n\u00e4mlich wegen einer angeblich antideutschen Abituraufgabe, die er seinen Sch\u00fclern gestellt hatte, aus Berlin fl\u00fcchten m\u00fcssen. Zun\u00e4chst kam er in Beauchamp nahe Paris unter, entschloss sich dann aber Anfang 1934, eine Professur f\u00fcr Deutsch als Fremdsprache im sowjetischen Minsk anzunehmen, obwohl er schon ahnte, dass er sich in \u00bbpauvret\u00e9, K\u00e4lte, Verstellung und Maulhalten\u00ab begeben werde.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Die \u00bbVerstellung\u00ab machte Borchardt allerdings nur mit, bis er aufgefordert wurde, die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft gegen die sowjetische einzutauschen, was einen deutlich niedrigeren Lebensstandard und die Gefahr der Verhaftung nach sich gezogen h\u00e4tte. In der Not ging er mit Frau und Kindern im Januar 1936 zur\u00fcck nach Berlin, wo er ein halbes Jahr sp\u00e4ter als geb\u00fcrtiger Jude und Re-Emigrant verhaftet und in den Konzentrationslagern von Esterwegen, Sachsenhausen und Dachau interniert wurde. Ein Jahr lang k\u00e4mpfte Dorothea Borchardt f\u00fcr die Entlassung ihres Mannes und erhielt dabei finanzielle Hilfe von Brecht. Eva und George Grosz, die noch vor der Macht\u00fcbertragung an Hitler im Januar 1933 in die USA emigriert waren, besorgten schlie\u00dflich Schiffsfahrkarte und Affidavit, so dass Borchardt aus dem KZ Dachau freigelassen wurde und mit seiner Familie in New York ein neues Leben beginnen konnte.<\/span><\/p>\n<h4><strong><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">Mehr als Briefe<\/span><\/strong><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Erst im Zuge der Rechtekl\u00e4rung f\u00fcr die <em>Briefe an Brecht<\/em> stellte sich heraus, dass der Rettungsaktion eine schon lange w\u00e4hrende Freundschaft mit George Grosz vorausgegangen war. Borchardts damals noch lebender Sohn Hans (1930\u20132015) meldete sich aus Delaware mit der Nachricht, es existiere ein umfangreicher Briefwechsel seines Vaters mit dem ebenfalls aus Berlin stammenden K\u00fcnstler. Ob wir nicht Lust h\u00e4tten, ihn zu edieren? Hermann Haarmann und Christoph Hesse sagten prompt zu und ich stie\u00df im Sommer 2015 dazu, als es zun\u00e4chst darum ging, die in Kurrentschrift geschriebenen Briefe Borchardts zu entziffern. Zum Abschluss des Projekts reisten Christoph Hesse und ich nach Durham in North Carolina, um sicherzugehen, dass uns kein Brief von Grosz oder Borchardt entgangen war, denn schlie\u00dflich hielten wir mit dem Briefwechsel das Zeugnis einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Freundschaft in den H\u00e4nden, die auch die N\u00f6te des Exils \u00fcberstand.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wie aber war dieser Teil des Nachlasses nach Durham gelangt? An der dortigen Duke University war Borchardts j\u00fcngster Sohn Frank (1938\u20132007), der sich von den drei Kindern am meisten f\u00fcr das Werk des Vaters interessierte, bis zu seinem Tod Professor f\u00fcr Germanistik. In einem 1989 publizierten und bis heute wegweisenden Portr\u00e4t machte er den Schriftsteller Hermann Borchardt der Exilforschung erstmals n\u00e4her bekannt.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Demgegen\u00fcber hatte der \u00e4lteste Sohn Hans, der in Delaware als Chemiker arbeitete, mit dem Werk seines Vaters nichts zu schaffen, wie er in seiner <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B00XOJ0MU2\/ref=kinw_myk_ro_title\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Autobiographie<\/a> einr\u00e4umte. Doch nach dem Tod seines Bruders, so erz\u00e4hlt er in der <a href=\"https:\/\/vintagerods.com\/frankbo\/memorialservice\/service1.htm\">Trauerrede<\/a>, habe sich etwas Merkw\u00fcrdiges zugetragen: \u00dcber drei Monate hinweg habe jeden Tag ein Vogel wild an die Fensterscheiben seines Hauses gepickt. Das habe ihn und seine Lebensgef\u00e4hrtin dazu bewegt, im Haus seines Bruders doch noch einmal alles durchzusehen. W\u00e4re der Vogel nicht gewesen, so Hans Borchardt, w\u00e4ren zahlreiche Schriften seines Vaters vernichtet worden. Stattdessen werden sie nun \u2013 zu unserem Gl\u00fcck! \u2013 in der Rubenstein Rare Book &amp; Manuscript Library der Duke University verwahrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Tats\u00e4chlich fanden wir im dortigen Nachlass Briefe von Grosz und Borchardt, die in der uns vorliegenden Liste nicht verzeichnet waren, au\u00dferdem Fragmente aus Borchardts verschollenem \u00bbLagerbuch\u00ab und ein uns bis dahin nicht bekanntes Theaterst\u00fcck \u00fcber das Scheitern eines christlich-konservativen Aufstands gegen Hitler. Das war schon weit mehr als erwartet, doch der Inhalt der f\u00fcnften von insgesamt sechs Boxen \u00fcbertraf alles: Zwei schwarze Kladden mit zerknitterten Etiketten, darin 400 maschinenschriftliche Seiten, durchgehend paginiert und mit einem Inhaltsverzeichnis versehen, \u00fcber dem mit Bleistift notiert steht: \u00bbGeschichte einer Edelfrau. Liebesroman aus deutscher Vergangenheit\u00ab \u2013 Borchardts nie ver\u00f6ffentlichter zweiter Roman, in vollst\u00e4ndiger \u00dcberlieferung!<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><strong>Ein vergessener Roman<\/strong><\/span><\/h4>\n<figure id=\"attachment_3138\" aria-describedby=\"caption-attachment-3138\" style=\"width: 211px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Edelfrau-Inhalt-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3138 size-medium\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Edelfrau-Inhalt-1-211x300.jpg\" alt=\"Abb. 2: Titelverzeichnis des Typoskripts von Borchardts nachgelassenem Roman \u00bbGeschichte einer Edelfrau\u00ab. Hermann Borchardt Papers, David M. Rubenstein Rare Book &amp; Manuscript Library, Duke University, Durham (North Carolina)\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Edelfrau-Inhalt-1-211x300.jpg 211w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Edelfrau-Inhalt-1.jpg 717w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 85vw, 211px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3138\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Titelverzeichnis des Typoskripts von Borchardts nachgelassenem Roman \u00bbGeschichte einer Edelfrau\u00ab. Hermann Borchardt Papers, David M. Rubenstein Rare Book &amp; Manuscript Library, Duke University, Durham (North Carolina)<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Nur gelegentlich, in Briefen an Franz Werfel und dessen Frau Alma Mahler-Werfel sowie gegen\u00fcber seinem Literaturagenten Rudolf Kommer, hat Borchardt selbst von der <em>Geschichte einer Edelfrau<\/em> gesprochen. Sein Sohn Frank hingegen hat den Roman nie erw\u00e4hnt. Wir wissen mittlerweile, dass Borchardt die Arbeit daran im Mai 1942 begann, als er noch damit besch\u00e4ftigt war, <em>Die Verschw\u00f6rung der Zimmerleute<\/em> f\u00fcr die amerikanische Ausgabe zu k\u00fcrzen. Denn trotz geringer Verkaufszahlen von <em>The Conspiracy of the Carpenters<\/em> hatte der Verlagsvorschuss Borchardt einen Geldsegen beschert, weshalb er darauf bedacht war, gleich den n\u00e4chsten Roman fertigzustellen. \u00bbWenn Ihnen der Roman gef\u00e4llt, bitte helfen Sie nur noch einmal!\u00ab, bat Borchardt Franz Werfel, der f\u00fcr den ersten Roman ein Vorwort verfasst hatte <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Doch dieser starb kurz darauf, und so blieb der Roman, der eine Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts erz\u00e4hlt, bis heute unver\u00f6ffentlicht. Daran \u00e4nderte auch ein wohlwollendes Gutachten des \u00f6sterreichischen Schriftstellers Robert Neumann f\u00fcr die englische Literaturagentin Juliet O\u2019Hea nichts:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbEs ist ein fascinierendes, langes und reiches Buch. Viel leichter zug\u00e4nglich als Borchardt\u2019s anderer Roman: \u203aDie Verschw\u00f6rung der Zimmerleute\u2039, es ist h\u00f6chst unterhaltsam, randvoll mit pr\u00e4chtig gezeichneten Charakteren, mit phantastischer W\u00fcrze und Geschmack erz\u00e4hlt. Da ist mehr W\u00fcrze und Substanz in diesem Buch als in den Romanen eines gackernden H\u00fchnerhofes von kompetenten und mittelm\u00e4\u00dfig erfolgreichen Schriftstellern zusammen. Diese W\u00fcrze bringt beinahe Borchardt\u2019s ganzes Werk in Unordnung, er zersplittert sich leicht, es gibt keinen Charakter an der Peripherie, in dessen Hintergrund und Ver\u00e4stelung er nicht folgen m\u00f6chte. Die B\u00fchne ist dicht bev\u00f6lkert, \u00fcberflie\u00dfend an Leben und Lebensfreude. Ich sage mit aller Verantwortung, da\u00df Borchardt [\u2026] sehr nahe an einen gro\u00dfen Schriftsteller herankommt.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">\u00ab[8]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">M\u00f6glicherweise lag Neumann mit seiner Bef\u00fcrchtung richtig, dass deutsche Eliten 1945 nicht als liebenswerte Protagonisten, sondern nur als Schurken vorstellbar waren.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_3132\" aria-describedby=\"caption-attachment-3132\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Borchardt_Zfl-Blog_03-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3132 size-medium\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Borchardt_Zfl-Blog_03-300x225.jpg\" alt=\"Abb. 3: Lukas Laier sortiert das Manuskript des Romans im Deutschen Exilarchiv 1933\u20131945 in Frankfurt am Main. Bild: Deutsche Nationalbibliothek \/ Katrin Kokot\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Borchardt_Zfl-Blog_03-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Borchardt_Zfl-Blog_03-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Borchardt_Zfl-Blog_03-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Borchardt_Zfl-Blog_03-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Borchardt_Zfl-Blog_03-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Borchardt_Zfl-Blog_03-1200x900.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3132\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: Lukas Laier sortiert das Manuskript des Romans im Deutschen Exilarchiv 1933\u20131945 in Frankfurt am Main. Bild: Deutsche Nationalbibliothek \/ Katrin Kokot<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mit dem Roman-Fund war Hermann Haarmann, Christoph Hesse und mir klar, dass wir aufs Ganze gehen m\u00fcssen. Wir wollten Hermann Borchardts Werke edieren (mit Ausnahme der <em>Verschw\u00f6rung der Zimmerleute<\/em>, die ja bereits in einer exzellenten Ausgabe vorlag). F\u00f6rdermittel gab uns zun\u00e4chst die Fritz Thyssen Stiftung. Nachdem wir in den ersten Jahren unserer Arbeit an der Freien Universit\u00e4t Berlin aus den an unterschiedlichen Orten \u00fcberlieferten Fragmenten Borchardts sogenanntes Lagerbuch rekonstruiert (Band 1, 2021) und so manches verschollen geglaubte Theaterst\u00fcck doch noch ausfindig gemacht haben (Band 2, 2022),<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> steht im kommenden Jahr die Edition der <em>Geschichte einer<\/em> <em>Edelfrau<\/em> an. Dabei sollen auch die \u00bbGeheimen Querverbindungen\u00ab (so der Titel eines Kapitels von Borchardts ebenfalls in Band 1 ver\u00f6ffentlichter Autobiographie <em>Der Club der Harmlosen<\/em>) nachgezeichnet werden, die sich von diesem Roman weit in Borchardts Werk ebenso wie in sein Leben hinein erstrecken. Aufschluss dar\u00fcber versprechen wir uns von den in Durham zahlreich archivierten Vorarbeiten, deren Entstehung bis ins Jahr 1933 nach Berlin zur\u00fcckreicht, und von dem im Frankfurter Exilarchiv verwahrten Manuskript, das ich dort j\u00fcngst aus einer losen Blattsammlung zusammengesetzt habe. In den noch folgenden B\u00e4nden 4 und 5 werden wir Borchardts politische Schriften (u.a. zum Totalitarismus) sowie sein philosophisches Verm\u00e4chtnis, den <em>Traktat \u00fcber die Unsterblichkeit<\/em>, \u00fcber dem er selbst verstarb, ver\u00f6ffentlichen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><em>Der Kultur- und Kommunikationswissenschaftler <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/laier.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lukas Laier<\/a> arbeitet am ZfL gemeinsam mit Christoph Hesse an der von der Hamburger Stiftung zur F\u00f6rderung von Wissenschaft und Kultur gef\u00f6rderten \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/edition-der-werke-hermann-borchardts.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Edition der Werke Hermann Borchardts<\/a>\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hinweise darauf finden sich in Hermann Borchardt: \u00bbDer dicke Mann, der gro\u00dfe Sergeij und die materialistische Ehefrau\u00ab [ca. 1943], in: Hermann Borchardt Papers, Rubenstein Rare Book &amp; Manuscript Library, Duke University, Durham (North Carolina), und ders.: \u00bbCurriculum Vitae II\u00ab, in: Hermann Borchardt: <em>Werke<\/em>, Bd. 1,<em> Autobiographische Schriften<\/em>, hg. von Hermann Haarmann, Christoph Hesse und Lukas Laier, G\u00f6ttingen 2021, S. 237.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die dramatische Urfassung der <em>Verschw\u00f6rung der Zimmerleute<\/em> befindet sich heute im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt. Dort befinden sich u.a. ebenfalls die fragmentarische Autobiographie <em>Der Club der Harmlosen<\/em> und die im amerikanischen Exil entstandenen Theaterst\u00fccke <em>Die Br\u00fcder von Halberstadt, Der verlorene Haufe <\/em>und <em>Die Frau des Polizeikomissars<\/em> sowie das unvollendete St\u00fcck <em>Befreiung des Pfarrers M\u00fcller<\/em>, das Borchardt als Ghostwriter f\u00fcr Ernst Toller schrieb und von diesem zu <em>Pastor Hall<\/em> (1939) umgearbeitet wurde. Zum daraus entstandenen Streit siehe Lukas Laier: \u00bbDas klingt doch nicht nach Toller!\u00ab, in: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2022\/48\/das-klingt-doch-nicht-nach-toller\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Jungle World<\/em> <\/a>, 2.12.2022.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Stefan Weidle: \u00bbNotiz\u00ab, in: Hermann Borchardt: <em>Die Verschw\u00f6rung der Zimmerleute. Rechenschaftsbericht einer herrschenden Klasse<\/em>, hg. von Uta Beik\u00fcfner, Bonn 2005, Bd. 1, S. 8.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <em>Briefe an Bertolt Brecht im Exil 1933\u20131949<\/em>, hg. von Hermann Haarmann und Christoph Hesse, 3 Bde., Berlin 2014.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Brief an George Grosz vom 28. Januar 1934, in: Hermann Borchardt, George Grosz: <em>\u00bbLass uns das Kriegsbeil begraben!\u00ab Der Briefwechsel<\/em>, hg. von Hermann Haarmann und Christoph Hesse unter Mitwirkung von Lukas Laier, G\u00f6ttingen 2019, S. 92. Vgl. hierzu die Besprechung in der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/von-den-goldenen-zwanzigern-bis-ins-exil-freunde-im-zeitalter-der-extreme-1.4816403\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Frank L. Borchardt: \u00bbHermann Borchardt\u00ab, in: John M. Spalek\/Joseph Strelka (Hg.): <em>Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933<\/em>, Bd. 2: <em>New York<\/em>, Berlin 1989, S. 120\u2013131.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Brief von Hermann Borchardt an Franz Werfel, ohne Datum, vermutlich Februar oder M\u00e4rz 1945. Alma Mahler and Franz Werfel Papers, Annenberg Rare Book &amp; Manuscript Library, University of Pennsylvania, Philadelphia.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Robert Neumann an Juliet O\u2019Hea: Undatierter Brief, Nachlass Hermann Borchardt, Deutsches Exilarchiv 1933\u20131945, Deutsche Nationalbibliothek, Frankfurt am Main.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. hierzu Besprechungen in der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Werkausgabe-fuer-Hermann-Borchardt\/!5782023\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>taz<\/em><\/a>\u00a0und der <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/hermann-borchardts-stuecke-in-der-werkausgabe-18618108.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/em><\/a> (Bezahlschranke).<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Lukas Laier: Edieren aus dem Nachlass, in: ZfL Blog, 6.11.2023, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/06\/lukas-laier-edieren-aus-dem-nachlass-zur-werkausgabe-hermann-borchardts\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/06\/lukas-laier-edieren-aus-dem-nachlass-zur-werkausgabe-hermann-borchardts\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20231106-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20231106-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20231106-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/06\/lukas-laier-edieren-aus-dem-nachlass-zur-werkausgabe-hermann-borchardts\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"EDIEREN AUS DEM NACHLASS. 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Selten finden sich alle Manuskripte, Briefe und pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nde an einem Ort versammelt. H\u00e4ufig verteilen sich Nachl\u00e4sse auf verschiedene Orte und L\u00e4nder. Im schlimmsten Fall hat \u00fcberhaupt niemand etwas aufbewahrt. Der Nachlass des <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/06\/lukas-laier-edieren-aus-dem-nachlass-zur-werkausgabe-hermann-borchardts\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[79,568,645,82,754,221,442,762,756,761,755,71,760],"class_list":["post-3129","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einblick","tag-archiv","tag-archivforschung","tag-archivfund","tag-bertolt-brecht","tag-edition","tag-editionspraxis","tag-exilliteratur","tag-franz-werfel","tag-george-grosz","tag-hans-sahl","tag-hermann-borchardt","tag-weltliteratur","tag-werkausgabe"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3129"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3522,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3129\/revisions\/3522"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}