{"id":3262,"date":"2024-04-17T10:12:09","date_gmt":"2024-04-17T08:12:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3262"},"modified":"2025-02-06T15:55:19","modified_gmt":"2025-02-06T13:55:19","slug":"falko-schmieder-soziodizee-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/04\/17\/falko-schmieder-soziodizee-des-kapitalismus\/","title":{"rendered":"Falko Schmieder: SOZIODIZEE DES KAPITALISMUS"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/getimage.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3263 alignright\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/getimage-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/getimage-193x300.jpg 193w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/getimage-658x1024.jpg 658w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/getimage-768x1195.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/getimage-987x1536.jpg 987w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/getimage-1200x1868.jpg 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/getimage.jpg 1253w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 85vw, 193px\" \/><\/a>In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Glossare zu Leitvokabeln der Gegenwart entstanden, auff\u00e4llig oft konzipiert von Soziolog*innen. Mit diesem flexiblen Genre l\u00e4sst sich auf die rasanten gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen reagieren, die auch in der Sprache ihren Niederschlag finden. Die Transformationen der Semantik indizieren tiefgreifende Wandlungen kollektiver Wahrnehmungsweisen, Erwartungshaltungen sowie Zeitvorstellungen; ihre Analyse dient so einer historischen Selbstaufkl\u00e4rung der Gegenwart, die sich mit wachsender Geschwindigkeit selbst \u00fcberholt und ins Pr\u00e4zedenzlose vorst\u00f6\u00dft. Armin Nassehis Buch zu gesellschaftlichen Grundbegriffen setzt diese Reihe soziologischer Standortbestimmungen im Medium der Sprachreflexion fort (Armin Nassehi: <em>Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der \u00f6ffentlichen Rede<\/em>, M\u00fcnchen: Beck 2023).<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In seiner Einleitung nimmt der M\u00fcnchner Soziologe Bezug auf die gro\u00dfen, bereits in den 1960er Jahren konzipierten begriffsgeschichtlichen Lexika, die <em>Geschichtlichen Grundbegriffe<\/em> und das <em>Historische W\u00f6rterbuch der Philosophie<\/em>, die er als Dokumente \u00bbeiner historischen Situation\u00ab versteht, \u00bbin der wom\u00f6glich zum letzten Mal eine kanonisierbare Bestandsaufnahme gemacht werden konnte\u00ab (15). Die Gegenwart sieht er im Unterschied dazu durch eine wachsende Beliebigkeit und \u00bbgeradezu programmatische Fluidit\u00e4t und Freih\u00e4ndigkeit\u00ab (ebd.) charakterisiert, der er mit seinem Buch entgegenwirken m\u00f6chte. Zu diesem Zweck nimmt er sich in eigenst\u00e4ndigen Essays insgesamt 19 Begriffe vor, die in der \u00f6ffentlichen Kommunikation den Status von Grundbegriffen erlangt haben: Demokratie, Freiheit, Fremdheit\/der Fremde, Gesellschaft, Gleichheit\/Ungleichheit, Handeln, Identit\u00e4t, Kommunikation, Konflikt, Krise, Kritik, Kultur, Lebenswelt, Macht, Natur, \u00d6ffentlichkeit, Populismus, Technik, Wissen. Seine soziologische Begriffsarbeit verfolgt das Ziel, die gesellschaftlichen Debatten \u00fcber sich selbst aufzukl\u00e4ren und auf ein h\u00f6heres Niveau zu heben. Diesem Anspruch liegt die These zugrunde, dass die gesellschaftlichen Grundbegriffe theorie<em>haltig<\/em> und die \u00f6ffentlichen Debatten, in denen sie Verwendung finden, daher theorie<em>bed\u00fcrftig<\/em> sind. Theoriehaltig sind die Begriffe, weil sie Nassehi zufolge ihren Ursprung in der Soziologie haben und von hier in allgemeinere Diskurse eingewandert sind. Im Zuge dieser Diffusion seien die theoretischen Gehalte sukzessive in die Latenz abgedr\u00e4ngt worden oder ganz in Vergessenheit geraten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mittels einer soziologischen \u00bbR\u00fcckholaktion\u00ab (9), die er zugleich als \u00bbWiedereinf\u00fchrung von Selbsteinschr\u00e4nkungen\u00ab (15) oder auch als \u00bbbegriffshygienische Ma\u00dfnahme\u00ab (22) versteht, m\u00f6chte Nassehi nun pr\u00fcfen, ob die Begriffe noch angemessen funktionieren, bzw. sie durch eine Neubestimmung ihres jeweiligen theoretischen Gehalts sch\u00e4rfen. In einiger Spannung zu diesem normativen Anliegen steht Nassehis Behauptung, es solle keineswegs darum gehen, \u00bbirgendjemanden auf einen richtigen oder legitimen Begriffsgebrauch festzulegen\u00ab (9). Vielmehr gehe es um eine funktionalistische Analyse, die danach fragt, welche Funktion der jeweilige Begriff im \u00f6ffentlichen Gebrauch hat, f\u00fcr welches Problem er die L\u00f6sung ist und worin sich das wissenschaftliche vom au\u00dferwissenschaftlichen Bezugsproblem der Begriffe unterscheidet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Aus der Perspektive der historischen Semantik erscheinen einige Grundannahmen aus der Einleitung Nassehis problematisch. Zum einen ist es erstaunlich, dass Nassehi den Ursprung der von ihm behandelten Begriffe in der Soziologie verortet. Denn etliche von ihnen haben ihre Wurzeln bereits in der Antike, w\u00e4hrend die Soziologie doch, wie er selbst zeigt, erst um die Wende zum 20. Jahrhundert als eigenst\u00e4ndige akademische Disziplin entstanden ist. Statt von einer \u00bbR\u00fcckholaktion\u00ab der Begriffe zu sprechen, w\u00e4re es demnach wohl angemessener, nach den spezifischen soziologischen Perspektivierungen in der Geschichte der Begriffe und nach ihrer Relevanz f\u00fcr die Orientierungsversuche in der Gegenwart zu fragen. Damit verbunden erscheint es nicht unproblematisch, den wissenschaftlichen (soziologischen) Sprachgebrauch derart strikt vom \u00f6ffentlichen Sprachgebrauch abzusetzen. Diese Entgegensetzung ist auch insofern unplausibel, als Nassehi selbst nicht die Perspektive der Soziologie im Allgemeinen, sondern mit der Systemtheorie einen Ansatz unter vielen anderen vertritt. Nassehi versteht dann auch sein Buch \u00bbals eine (Selbst-)Kritik der Soziologie\u00ab (17), als Einsatz, \u00bb<em>der einen Unterschied machen<\/em>\u00ab soll, der sich \u00bb<em>aus einer bestimmten Art des soziologischen Argumentierens<\/em>\u00ab (18, Hervorhebungen im Original) ergibt \u2013 des systemtheoretischen n\u00e4mlich. Gerade hier, in der kritischen Auseinandersetzung mit konkurrierenden soziologischen Deutungen, besteht ein gro\u00dfer Reiz von Nassehis begrifflicher Aufkl\u00e4rungsarbeit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Jeder Begriffsessay folgt demselben Schema und ist an der Leitfrage orientiert, f\u00fcr welches Problem der jeweilige Begriff die L\u00f6sung ist. Wenn das Buch im Untertitel als Glossar der \u00f6ffentlichen Rede vorgestellt wird, dann ist das missverst\u00e4ndlich, denn Nassehi ist nicht am Facettenreichtum und den verschiedenen, je nach Sprechergruppen differierenden Bedeutungen, sondern eher an allgemeineren Argumentationsfiguren interessiert, ohne dass allerdings klar wird, f\u00fcr wen diese Argumentationen charakteristisch sein sollen. Idiosynkratisch erscheinen auch die R\u00fcckgriffe auf soziologische Theorietraditionen. Eine durchgehende Konstante ist der Rekurs auf eigene Arbeiten, deren Befunde zuweilen als Versatzst\u00fccke \u00fcbernommen werden. Der organisierende Zentralbegriff Nassehis, von dem her Licht auf viele andere Begriffsanalysen f\u00e4llt, ist der der Gesellschaft, dem ein eigener Essay gewidmet ist. Nassehi macht vielen soziologischen Ans\u00e4tzen, etwa dem Konstruktivismus oder der Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours, den Vorwurf, keinen Sinn f\u00fcr die Form des Gesellschaftlichen zu haben (vgl. 287). In der \u00f6ffentlichen Debatte setze sich dieses Defizit fort. Einen Tiefpunkt, der Nassehi schaudern l\u00e4sst, markiert die Wendung \u00bbWir als Gesellschaft\u00ab, die immer dann strapaziert wird, wenn ein gro\u00dfer Problemdruck konstatiert und ein entsprechender Ver\u00e4nderungsbedarf angemahnt wird (vgl. 94). An dieser Wendung deutet sich bereits an, zur Bew\u00e4ltigung welches Problems der Gesellschaftsbegriff verwendet wird \u2013 n\u00e4mlich des Problems, einem abstrakten, in verschiedene autonome Teilsysteme mit jeweils eigener Logik ausdifferenzierten System eine Adresse zu geben, die es erlaubt, strukturelle Probleme zurechenbar zu machen:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbGesellschaft dient zumeist als Imaginationsbegriff f\u00fcr eine soziale Einheit, der begrifflich mehr Einheit unterstellt wird, als tats\u00e4chlich vorzufinden ist.\u00ab (71)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mit dieser L\u00f6sung, die eine Scheinl\u00f6sung sei, werde verdeckt, dass es in der Gesellschaft kein Zentrum gibt und dass auf allgemeine Probleme keine Antwort aus einem Guss m\u00f6glich ist. Hier wie auch in etlichen anderen Begriffsessays f\u00fchrt Nassehi das Beispiel des Klimawandels an, der zwar als allgemeine Bedrohung der \u00dcberlebensbedingungen erscheint, aber dennoch nicht zentral und nach Ma\u00dfgabe der besten wissenschaftlichen Einsichten angegangen werden kann, weil es eben kein einheitliches, mit sich identisches Handlungssubjekt gibt. Die Reduktion der Gesellschaft auf ein kollektives Wir muss somit ein ums andere Mal die von der Systemtheorie exponierte Komplexit\u00e4t der Gesellschaft verfehlen und bleibt so im Wiederholungszwang von Forderungen fixiert, die sich nicht einl\u00f6sen lassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Der Vorwurf der Komplexit\u00e4tsreduktion zieht sich leitmotivisch durch das ganze Buch. In der Analyse des Begriffs Handeln wird als ein zentrales Problem herausgestellt, dass das Handeln von vorgelagerten Bedingungen abh\u00e4ngig ist, die durch den Handlungsakt selber nicht kontrolliert oder bestimmt werden k\u00f6nnen \u2013 ebenso wenig wie die Konsequenzen, die sich aus den Handlungen ergeben. Gerade die f\u00fcr aktivistische Bewegungen charakteristische emphatische Beschw\u00f6rung, endlich ins (transformative) Handeln zu kommen, t\u00e4uscht f\u00fcr Nassehi \u00fcber die Bedingtheit und die begrenzte Reichweite des Handelns hinweg. Im Pathos des Handelns sieht Nassehi eine <em>Soziodizee<\/em> par excellence. Er versteht darunter kognitive Formen,<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbdie dabei helfen, die Komplexit\u00e4t der Welt bzw. der Gesellschaft durch semantische Anker und Signale gewisserma\u00dfen unsichtbar zu machen. Solche begrifflichen Soziodizeen verdecken die Komplexit\u00e4t ihres Bezugsproblems und erzeugen [\u2026] illusorische Vorstellungen dar\u00fcber, wie die Dinge funktionieren.\u00ab (139)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00c4hnlich gelagert ist die Argumentation im Essay zum Begriff Konflikt. Der Konfliktbegriff hat f\u00fcr Nassehi in den \u00f6ffentlichen Debatten die Funktion, in komplexen Verh\u00e4ltnissen durch die Konzentration auf eine Konfliktlinie oder einen bin\u00e4ren Grundkonflikt eine Eindeutigkeit zu generieren und damit die wahren, vielfach \u00fcberdeterminierten Konfliktverh\u00e4ltnisse zu simplifizieren. Auch der Einsatz des Begriffs \u00d6ffentlichkeit evoziere mehr Einheit, als empirisch nachvollziehbar sei. Seine performative Funktion sieht Nassehi darin, die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft kommunikativ adressierbar zu machen und eine Sph\u00e4re zu simulieren, in der sich die Gesellschaft \u00fcber sich selbst verst\u00e4ndigen kann (vgl. 310). In Bezug auf seinen eigenen Ansatz muss sich Nassehi allerdings fragen lassen, ob er in seiner Gegen\u00fcberstellung von soziologischem und \u00f6ffentlichem Diskurs nicht selber eine krasse Simplifizierung vornimmt, wenn er die \u00f6ffentlichen Diskurse auf zentrale Argumentationsstr\u00e4nge reduziert und die Vielstimmigkeit der Semantiken in den diversen Begriffsstreitigkeiten einebnet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Spezifik des kritischen Einsatzes Nassehis tritt vielleicht am deutlichsten in seinem Essay zum Begriff der Kritik selbst hervor. Als eine Art argumentativer Leitfaden dient hier Reinhart Kosellecks Dissertationsschrift <em>Kritik und Krise<\/em>, an der Nassehi vor allem die Diagnose der fortschreitenden Abstraktion von den konkreten Anl\u00e4ssen und Verh\u00e4ltnissen und der daraus resultierenden Verselbst\u00e4ndigung der Kritik hervorhebt, ohne jedoch ein Wort \u00fcber die verschw\u00f6rungsmythischen und aufkl\u00e4rungsfeindlichen Dimensionen dieser Arbeit zu verlieren. Wenn Nassehi zustimmend Wendungen Kosellecks zitiert wie diejenige von der sich selbst Absolution erteilenden Kritik, die \u00bballes und jedes in den Strudel der \u00d6ffentlichkeit\u00ab ziehe mit der Konsequenz, dass die Kritik zu einer \u00bbgeheimnisvollen Herrschaft\u00ab anwachse, \u00bbdie alle Lebens\u00e4u\u00dferungen verfremdet\u00ab (214), dann schreibt er diesen Verschw\u00f6rungsmythos fort. Kosellecks Ausf\u00fchrungen dienen Nassehi als Blaupause f\u00fcr seine eigene Kritik an kapitalismuskritischen Protestbewegungen, denen er die Abstraktifizierung der Kritik zum Vorwurf macht. Der kritische Habitus habe sich hier verselbst\u00e4ndigt und gerate zur selbstgef\u00e4lligen Pose, bei der Kritik sich gegen alles richte und dabei jeden Bezug verliere. Die Protestierenden k\u00f6nnten sich darin umso bequemer einrichten, als sie keine Probleme l\u00f6sen m\u00fcssten. Sachlich begr\u00fcndet Nassehi die Verselbst\u00e4ndigung der Kritik mit dem Umstand, dass die aufs Ganze des Kapitalismus zielende Kritik keinen Angriffspunkt findet. Dies ergebe sich zwangsl\u00e4ufig, da der Kapitalismus, den er als \u00bbChiffre f\u00fcr die Struktur der modernen Gesellschaft\u00ab oder als \u00bbPlatzhalter f\u00fcr das Unbehagen an der Un\u00fcbersichtlichkeit der Moderne\u00ab (220) versteht, kein Gegenstand f\u00fcr emanzipatorisches Handeln sein kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Kritik, so Nassehi, m\u00fcsse konstruktiv sein und brauche stets eine konkrete Adresse, sonst laufe sie ins Leere. Der frei flottierenden Kritik, die sich von konkreten Gegenst\u00e4nden abl\u00f6se, h\u00e4lt Nassehi die im Zuge der Entwicklung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft breit ausdifferenzierten institutionalisierten Formen der Kritik und des Widerspruchs entgegen, die etwa in politischen und rechtlichen Verfahren, in der Bildung, in der Kultur und Kulturkritik etabliert sind und die sich um die Bew\u00e4ltigung konkreter Probleme bem\u00fchen. Nassehi weist aber auch darauf hin, dass die Protestbewegungen ihre radikalisierte Kritik nicht zuletzt damit begr\u00fcnden, dass die institutionalisierten Formen der Kritik angesichts der immer dr\u00e4ngender werdenden Probleme versagen (vgl. 217). Der Konflikt, der sich hier abzeichnet, ist ein politischer und kann auf dem Papier nicht gel\u00f6st werden. Mit Bezug auf die Klimakrise als wohl gr\u00f6\u00dfte Herausforderung r\u00e4umt Nassehi ein, dass es gerade die Erfolge der Moderne sind, die zur Gef\u00e4hrdung der \u00dcberlebensbedingungen gef\u00fchrt haben:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbDaraus aber abzuleiten, dass es sich um geradezu notwendige Entwicklungen handelt, w\u00e4re insofern naiv, als es die M\u00f6glichkeit von Selbstkorrekturen ausschl\u00f6sse. Die Entwicklung des Kapitalismus ist jedenfalls eindeutig ein Gegenbeispiel, weil er eben stets und immer wieder zu Selbstanpassungen in der Lage war, und f\u00fcr die \u00f6kologische Krise sollten wir dies zumindest hoffen.\u00ab (194)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mit Blick auf die ungebrochenen Trends der Gro\u00dfen Beschleunigung\u00a0erscheint Nassehis Position allerdings reichlich naiv. Sie l\u00e4dt dazu ein, seinen Kampfbegriff der Soziodizee auf seinen Ansatz selbst anzuwenden, als semantische Form der Naturalisierung und Sakralisierung der Gesellschaft. Eine sachliche Ursache liegt paradoxerweise in Nassehis Gesellschaftsbegriff, dessen Unzul\u00e4nglichkeit schon darin zum Ausdruck kommt, dass er \u203aKapitalismus\u2039 lediglich als <em>Chiffre<\/em> statt als ad\u00e4quaten wissenschaftlichen <em>Begriff<\/em> ansehen kann, der die spezifische Form der modernen Gesellschaft erfasst. Ein Grundcharakteristikum dieser Gesellschaft ist der mit dem Profitmotiv verbundene permanente Wachstumszwang. In den 1970er Jahren erschien es den Kritikern der politischen \u00d6kologie noch als Binsenweisheit, dass auf endlicher Grundlage kein unendliches Wachstum m\u00f6glich ist. Es wurde ein notwendiger Zusammenhang zwischen kapitalistischem Wachstum und Naturzerst\u00f6rung konstatiert. Hans Magnus Enzensberger, der Begr\u00fcnder des <em>Kursbuchs<\/em>, dessen heutiger Herausgeber Nassehi ist, war nur einer unter vielen, die daraus das existenzielle Erfordernis der \u00dcberschreitung der kapitalistischen Wirtschaftsweise abgeleitet haben. Selbst Niklas Luhmann hatte in den 1980er Jahren die M\u00f6glichkeit erwogen, dass das System so auf seine Umwelt einwirkt, dass es sp\u00e4ter in dieser Umwelt nicht mehr existieren kann. Nassehi h\u00e4lt unter deutlich versch\u00e4rften Gef\u00e4hrdungsbedingungen an der Illusion einer \u00f6kologischen Selbstkorrektur der Gesellschaft fest. Von vielen Aktivist*innen der Protestbewegungen wird diese Illusion eines gr\u00fcnen Kapitalismus nicht mehr geteilt. Nicht wenige scheinen resigniert und den Glauben an eine Ver\u00e4nderung der Gesellschaft verloren zu haben. In diesem Sinne l\u00e4sst sich vielleicht auch die allgemeinere Wende zur Identit\u00e4tspolitik und die Konzentration auf Identit\u00e4tsfragen deuten, die Nassehi einmal mehr als Kompensation f\u00fcr die \u00bbNicht-Erreichbarkeit\u00ab von strukturellen gesellschaftlichen Problemen ansieht (vgl. 157).<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/schmieder.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Falko Schmieder<\/a> leitet am ZfL das Schwerpunktprojekt \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/das-20-jahrhundert-in-grundbegriffen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland<\/a>\u00ab.<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Falko Schmieder: Soziodizee des Kapitalismus, in: ZfL Blog, 17.4.2024, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/04\/17\/falko-schmieder-soziodizee-des-kapitalismus\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/04\/17\/falko-schmieder-soziodizee-des-kapitalismus\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20240417-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20240417-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20240417-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/04\/17\/falko-schmieder-soziodizee-des-kapitalismus\/\",\n  \"additionalType\": \"Review\",\n  \"name\": \"SOZIODIZEE DES KAPITALISMUS\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Falko Schmieder\",\n    \"givenName\": \"Falko\",\n    \"familyName\": \"Schmieder\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"0000-0002-7977-8071\"\n  },\n  \"license\": \"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/legalcode\",\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2024-04-17\",\n  \"datePublished\": 2024,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"@id\": \"https:\/\/ror.org\/00bpta863\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung\"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Glossare zu Leitvokabeln der Gegenwart entstanden, auff\u00e4llig oft konzipiert von Soziolog*innen. 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