{"id":3328,"date":"2024-07-12T10:03:38","date_gmt":"2024-07-12T08:03:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3328"},"modified":"2025-02-06T15:40:52","modified_gmt":"2025-02-06T13:40:52","slug":"matthias-schwartz-in-der-welt-der-wilden-kerle-eine-populaere-serie-im-zeichen-des-russisch-ukrainischen-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/07\/12\/matthias-schwartz-in-der-welt-der-wilden-kerle-eine-populaere-serie-im-zeichen-des-russisch-ukrainischen-krieges\/","title":{"rendered":"Matthias Schwartz: IN DER WELT DER WILDEN KERLE. Eine popul\u00e4re Serie im Zeichen des russisch-ukrainischen Krieges"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Zum Jahreswechsel 2023\/2024 gelang einer russischen Fernsehserie, was w\u00e4hrend Russlands Krieg gegen die Ukraine eigentlich unvorstellbar scheint: Innerhalb weniger Tage entwickelte sich <em>Ehrenwort eines Kerls. Blut auf dem Asphalt <\/em>(<em>Slowo pazana. Krow na asfalte, <\/em>2023) beiderseits der Sch\u00fctzengr\u00e4ben zur popul\u00e4rsten Serie des Jahres. Die Zuschauer- und Klickzahlen erreichten Rekordh\u00f6hen und der Titelsong <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tE_7HeBZgYE\"><em>Pyjala<\/em><\/a> (dt. <\/span>\u203a<span style=\"font-family: helvetica;\">Glas\u2039) der tatarischen Band Aigel schaffte es an die Spitze diverser Hitparaden in beiden L\u00e4ndern.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In der Russischen F\u00f6deration war die Serie zwar mit der Altersgrenze \u00bb18+\u00ab versehen und nur bei den privaten Streamingdiensten <em>Wink<\/em> und <em>START <\/em>zu sehen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Doch schon w\u00e4hrend der Ausstrahlung der acht Folgen der ersten Staffel vom 9. November bis 21. Dezember 2023 verbreitete die Serie sich blitzschnell \u00fcber Telegram und andere digitale Kan\u00e4le. S\u00e4tze wie \u00bbKerle entschuldigen sich nicht\u00ab oder \u00bbDenk dran, du bist jetzt ein Kerl, du bist jetzt auf der Stra\u00dfe, und ringsherum sind Feinde\u00ab wurden zu gefl\u00fcgelten Worten. P\u00e4dagogen und Politikerinnen schlugen Alarm, als in der Presse Berichte auftauchten, die von durch die Serie inspirierten Schl\u00e4gereien berichteten, und zwar sowohl in Russland als auch in der Ukraine.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Bevor die letzten Folgen \u00fcberhaupt ausgestrahlt worden waren, gab es auf <em>Ehrenwort eines Kerls <\/em>bereits in beiden L\u00e4ndern ein breites Medienecho,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> wobei die Kritiken kontrovers ausfielen und von enthusiastischer Begeisterung bis zu hellem Entsetzen und kategorischer Ablehnung reichten. In der Ukraine kreiste die Diskussion vor allem um die Frage, ob die Fernsehserie allein schon deshalb gef\u00e4hrliche Kriegspropaganda sei, weil sie aus dem Feindesland kommt. In Russland erregte die vermeintliche Romantisierung der Verbrecherwelt Ansto\u00df. Manche Kritiker deuteten die Serie aber auch als subversiven Zerrspiegel der milit\u00e4rischen Aggression. Was war das aber f\u00fcr ein popul\u00e4rkulturelles Werk, das f\u00fcr so viel Aufmerksamkeit und Aufregung sorgte?<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">1.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> spielt im Jahr 1989 in Kasan, der Hauptstadt der Autonomen Sowjetrepublik Tatarstan, fast 800 Kilometer \u00f6stlich von Moskau. Der erste sozialistische Staat der Welt befindet sich im Zusammenbruch, und w\u00e4hrend die staatlichen Beh\u00f6rden zunehmend an Autorit\u00e4t und Macht verlieren, \u00fcbernehmen Jugendgangs die Herrschaft \u00fcber die Stra\u00dfe. Die tatarische Hauptstadt gelangte damals unionsweit zu Ber\u00fchmtheit als einer der gef\u00e4hrlichsten Orte des Landes, wo kriminelle Gruppierungen mit gro\u00dfer Brutalit\u00e4t Schutzgeld erpressten und ihre Einflusssph\u00e4ren verteidigten, was immer wieder zu Todesf\u00e4llen f\u00fchrte. In dieser Umgebung zeichnet die Serie das tragische Schicksal zweier ca. 14-j\u00e4hriger Jungen nach, die sich in der Zeit von Glasnost und Perestroika einer dieser Gruppen anschlie\u00dfen. Marat und Andrej unterwerfen sich rigiden Ehrencodes, geraten immer tiefer in den Strudel der Gewalt und landen am Ende in einem Gef\u00e4ngnis f\u00fcr Jugendliche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Einhellig lobte die Kritik den Realismus der Darstellung des damals so genannten \u00bbKasaner Ph\u00e4nomens\u00ab und sah darin einen wesentlichen Schl\u00fcssel zum Erfolg der Produktion.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Die \u00bbdramatische Serie\u00ab sei ausgezeichnet gemacht, versuche die wahre Natur der Jugendbanden zu verstehen<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> und biete eine \u00bbglaubw\u00fcrdige Momentaufnahme einer brutalen Epoche\u00ab.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Dieser \u00bbSchwanengesang auf den sowjetischen Kollektivismus\u00ab,<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> der an Martin Scorseses <em>Gangs of New York <\/em>(2002) erinnere,<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> sei zugleich \u00bbdie (freudige und verh\u00e4ngnisvolle) Anerkennung der Macht und Autorit\u00e4t\u00ab des St\u00e4rkeren \u00fcber die Schw\u00e4cheren, weswegen die Serie \u00bbvon Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Ansichten\u00ab gemocht werde.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Doch gerade die offen dargestellte Gewaltt\u00e4tigkeit der Jungen gab auch Anlass f\u00fcr Bedenken: die J\u00fcngeren seien fasziniert von der \u00bbExotik\u00ab, w\u00e4hrend \u00c4ltere \u00bbNostalgie\u00ab \u00fcberkomme, was vor allem durch die \u00bbRomantisierung des Banditentums\u00ab hervorgerufen werde.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In Russland stie\u00df die Serie deswegen anfangs gerade von politischer Seite auf teils scharfe Ablehnung.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Die Ombudsperson f\u00fcr Kinder in Tatarstan forderte ein vollst\u00e4ndiges Verbot, da hier eine \u00bbfalsche Vorstellung der kriminellen Welt\u00ab vermittelt und die \u00bbpsychische und sittliche Gesundheit der Jugend\u00ab gef\u00e4hrdet werde.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Auch Duma-Abgeordnete warnten und riefen zur Zensur auf.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Aber nachdem Prominente wie der Kinoregisseur Nikita Michalkow und sogar Priester sich positiv \u00fcber <em>Ehrenwort eines Kerls <\/em>ge\u00e4u\u00dfert hatten,<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> erhielt das Werk in Russland inzwischen eine Vielzahl an Auszeichnungen, darunter einige der renommiertesten Preise f\u00fcr Fernsehserien.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auf ukrainischer Seite dagegen wurde die Verbotsforderung vor allem mit der Herkunft der Serie begr\u00fcndet und ein angeblicher fundamentaler zivilisatorischer Unterschied zwischen beiden L\u00e4ndern hervorgehoben. So argumentierte das Ministerium f\u00fcr Kultur und Informationspolitik, die Serie propagiere \u00bbGewalt, Verbrechen und die \u00c4sthetik des Aggressorlandes sowie feindselige Propaganda, was in der Ukraine w\u00e4hrend des Krieges inakzeptabel ist\u00ab.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Manche fanden die Serie gar gef\u00e4hrlicher als den russischen Angriffskrieg selbst, wecke sie doch unter den Teenagern Sympathien f\u00fcr ein Land, das \u00bbuns alle umbringt\u00ab.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Der ukrainische Schriftsteller und Drehbuchautor Andrij Kokotjucha kritisierte, dass darin der Ukraine unliebsame Werte vermittelt w\u00fcrden:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbRussische Vorstellungen unterscheiden sich von denen der zivilisierten Welt dadurch, dass sie Gewalt akzeptieren und sie direkt oder indirekt kultivieren [\u2026]: Nicht die Diebe sind schlecht, sondern das Leben, das ihnen keine Wahl lie\u00df. Deshalb sollten wir die Verbrecher bemitleiden. Westliche Krimis, vor allem f\u00fcr ein junges Publikum, warnen indes immer wieder davor, dass der Weg des Verbrechens ein Weg ins Nichts ist. Mitglieder von Jugendbanden enden b\u00f6se und verlieren alles. [\u2026] Die westliche Kultur bietet einen ganz anderen Ehrenkodex als die russische Kultur.\u00ab<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diese dem \u203azivilisierten\u2039 Westen entgegengestellte, angeblich spezifisch russische Gewaltkultur hebt auch die in New York lehrende Politikwissenschaftlerin Nina Khrushcheva, Urenkelin des sowjetischen Parteisekret\u00e4rs Nikita Chruschtschow, hervor. Sie sah in der Serie gar eine Vorbereitung zu einem \u00bbpermanenten Krieg\u00ab:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbIn dem russischen Kriminaldrama <\/span>[<span style=\"font-family: helvetica;\">f\u00fchrt] eine aggressive und chaotische Politik zu Aggression und Chaos auf den Stra\u00dfen. Wenn die F\u00fchrung erkl\u00e4rt, dass sich \u00fcberall Feinde verstecken, oder dass die beste Verteidigung darin besteht, zuerst zuzuschlagen, dann nehmen Paranoia, Intoleranz und Aggression zu. Und so ist es nicht verwunderlich, dass vor dem Hintergrund des von Putin angezettelten Krieges gegen die Ukraine russische Kinder ihre Klassenkameraden schikanieren, Jugendliche Passanten angreifen und dies auf Video festhalten und Erwachsene auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen Massenschl\u00e4gereien anzetteln.\u00ab<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Aber haben diejenigen, die so nachdr\u00fccklich die Sch\u00e4dlichkeit der Serie hervorhoben und teils vehement ihr Verbot forderten, die Serie wirklich gesehen?<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> M\u00fcsste man ihnen nicht vielmehr entgegnen, dass alles, was sie als gef\u00e4hrliche Folge der Popularit\u00e4t der Serie beschw\u00f6ren, in dieser bereits Gegenstand der Kritik und Reflexion ist?<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">2.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Serie ist ein Werk des Regisseurs Shora Kryshownikow, der zusammen mit Andrej Solotarjow auch das Drehbuch geschrieben hat. Kryshownikow hat als Theaterregisseur und Kurzfilmer begonnen, ehe er im letzten Jahrzehnt vor allem mit Kom\u00f6dien teils \u00e4u\u00dferst erfolgreich war, die weder Kitsch noch Exzentrik scheuen und meist unverhohlen die neue russische Mittelklasse und das Showbusiness ins Visier nehmen. Dabei steckt hinter dem satirisch-ironischen Zugriff oft ein ernstes sozialpolitisches Anliegen. Die mehrfach preisgekr\u00f6nte Fernsehserie <\/span><em style=\"font-family: helvetica;\">Rufen Sie DiCaprio an!<\/em><span style=\"font-family: helvetica;\"> (<\/span><em style=\"font-family: helvetica;\">Zwonite DiKaprio!<\/em>, <span style=\"font-family: helvetica;\">2018) beispielsweise stellt die ansonsten im Staatsfernsehen kaum thematisierte Verbreitung von HIV-Infektionen unter gut situierten heterosexuellen Erwachsenen ins Zentrum und nimmt zugleich die allgemeine Homophobie und das verlogene patriotische Pathos der russischen Medienbranche aufs Korn.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Satirische Elemente sind in der neuen Serie kaum vorhanden, stattdessen dominiert die von der Kritik so sehr gefeierte realistische Darstellung. Grundlage ist das Sachbuch <em>Ehrenwort eines Kerls. Das kriminelle Tatarstan der 1970er bis 2000er Jahre <\/em> (2021) des Journalisten Robert Garaev, der 1989 als 14-J\u00e4hriger selbst Mitglied einer Stra\u00dfengang in Kasan wurde und an der Serienproduktion als Berater beteiligt war. Sein Buch basiert auf umfangreichen Interviews mit ehemaligen Mitgliedern und Beteiligten und gliedert die gesammelten Aussagen systematisch nach Themenbereichen, denen kurze Einf\u00fchrungen vorangestellt sind. Das Buch habe, schreibt Garaev im Epilog, ein \u00bbpsychotherapeutisches\u00ab Ziel, es solle die unz\u00e4hligen traumatisierten \u00bbKerle und ihre Opfer\u00ab zum Sprechen bringen und so zum Verst\u00e4ndnis des \u00bbKasaner Ph\u00e4nomens\u00ab beitragen. Denn nur durch eine \u00bbDesakralisierung\u00ab des Banditentums lie\u00dfe sich verhindern, dass dessen falsche Ehrvorstellungen und der damalige \u00bbVerfall der moralischen Norm\u00ab noch in den heutigen Alltag eindringen.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Auch die gleichnamige Serie von Kryshownikow versteht sich als ein \u00bbSozial- und Bildungsprojekt, das Jugendlichen und ihren Eltern in akuten Situationen helfen soll\u00ab, wie es im Abspann jeder Folge hei\u00dft. Im Netz und in den sozialen Medien wird dazu begleitend ein umfangreiches Hilfs- und Beratungsangebot angeboten.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Entsprechend beginnt die Serie mit der Verf\u00fchrungskraft und Faszination, die die Stadtteilgangs damals auf Teenies ausge\u00fcbt haben. Erst wenn man Mitglied einer solchen Gruppierung wurde und ihren Regeln und Ritualen folgte, galt man als richtiger \u203aKerl\u2039 (russ. <em>pazan<\/em>) und konnte sich so aus den Zw\u00e4ngen famili\u00e4rer Enge, schulischer Disziplin und staatlicher Obrigkeit befreien. Die Mitgliedschaft versprach ein selbstbestimmtes Leben ohne R\u00fccksicht auf Gesetze und Konventionen. Dem sowjetischen Muff aus autorit\u00e4rer Erziehung und kommunistischen Phrasen, in dem jegliches abweichendes Verhalten als anst\u00f6\u00dfig gilt, wird in der Serie die sch\u00f6ne neue Welt amerikanischer Baseballcaps, Kung-Fu-Filme, Pornovideos und Popmusik gegen\u00fcberstellt. Hierbei sind es vor allem die eing\u00e4ngigen Disco-Hits jener Jahre, die den pubertierenden Jungs aus der Seele sprechen, wie der Song <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GjOvzWJbFdA\"><em>Musyka nas swjasala<\/em><\/a> (1989,<em> Die Musik hat uns verbunden<\/em>) der russischen Popband Mirage:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbWieder fliehe ich zu meinen Freunden.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Was mich hierher zieht, wei\u00df ich nicht<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Ohne Musik kann ich nicht lange sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">(Refrain:) Die Musik hat uns verbunden<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Dies ist unser Geheimnis.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Auf alles Zureden gebe ich die Antwort:<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">\u203aUns trennt man nicht, nein!\u2039\u00ab<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Von Anfang an macht die Serie deutlich, dass diese neue Welt ungemein brutal ist. Bereits in der ersten Szene versetzt der halbstarke \u00bbKerl\u00ab Marat in der Stra\u00dfenbahn dem \u00bbLoser\u00ab Andrej f\u00fcr eine Nichtigkeit einen Faustschlag. Andrej, ein junger Klavierspieler und begabter Sch\u00fcler, der mit seiner alleinerziehenden Mutter und einer j\u00fcngeren Schwester in eher \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen aufw\u00e4chst, versteht schnell, dass er sich gegen solche Schikanen alleine nicht behaupten kann. Als er ausgerechnet Marat, dessen Vater Vorsitzender eines gro\u00dfen R\u00fcstungskonzerns ist, Nachhilfe in Englisch geben soll, freunden die beiden sich an und Andrej beschlie\u00dft, ebenfalls Bandenmitglied zu werden. Damit ger\u00e4t er in eine raue Jungswelt, in der bedingungslose Unterordnung und gegenseitige Dem\u00fctigungen, P\u00f6beln und Pr\u00fcgeleien mit anderen Stadtteilgangs zum Alltag geh\u00f6ren. Bei einem Ausflug nach Moskau, bei dem Andrej einem von Marat fast totgetretenen Punk helfen will, ger\u00e4t er das erste Mal in Polizeigewahrsam. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die Sehnsucht, ein cooler Kerl zu sein, wird st\u00e4ndig durch die Konsequenzen des eigenen Handelns konterkariert. Versuchen die Freunde, etwas wiedergutzumachen, wird es nur noch schlimmer. So als Andrejs Mutter in ihrer Naivit\u00e4t beim H\u00fctchenspiel mit Mitgliedern der Gang alles Geld und ihre Pelzm\u00fctze verwettet und Marat erst im letzten Moment durch einen falschen Polizeialarm verhindern kann, dass sie auch noch ihren Mantel aufs Spiel setzt. Zwar bekommt er zun\u00e4chst \u00c4rger von den eigenen Bandenmitgliedern. Doch da der Ehrencode es verbietet, den Familien der \u00bbKerle\u00ab zu schaden, stiehlt Marat anschlie\u00dfend die Pelzm\u00fctze der Englischlehrerin, um sie im Beisein der ganzen Bande schlie\u00dflich Andrejs Mutter als Entsch\u00e4digung zu \u00fcberreichen. Als die Mutter jedoch sp\u00e4ter stolz mit der neuen Pelzm\u00fctze wegen Andrejs Fehlverhalten bei der Englischlehrerin in der Schule vorsprechen muss, erkennt diese ihr Eigentum, und jene steht als gemeine Diebin dar, wor\u00fcber sie den Verstand verliert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die entscheidende Eskalation setzt ein, als Marats \u00e4lterer Bruder, ein ehemaliger Boxchampion mit Spitznamen Adidas, aus dem Afghanistankrieg zur\u00fcckkehrt. Er st\u00fcrzt die korrupten und in Drogenhandel involvierten Bandenbosse, m\u00f6chte wieder Disziplin einf\u00fchren, versucht ein Alkohol- und Rauchverbot durchzusetzen, und statt undurchsichtiger Deals mit anderen Stadtteilgruppierungen will er wieder klare Machtverh\u00e4ltnisse etablieren. Das misslingt gr\u00fcndlich: Schutzgelderpressung und ein Videosalon sind nur begrenzt erfolgreich, die Schl\u00e4gereien werden immer blutiger. Als schlie\u00dflich eine andere Gang Marats Freundin entf\u00fchrt und vergewaltigt, Adidas furchtbar gedem\u00fctigt wird und letztlich die Peiniger eiskalt erschie\u00dft, bricht nicht nur die Welt der starken Kerle zusammen, sondern Andrej und Marat ziehen auch ihre eigenen Familien und Freundinnen mit sich in den Abgrund. Das verf\u00fchrerische Bandenleben erweist sich als Alptraum, der alle zwischenmenschlichen Beziehungen zerst\u00f6rt und sie selbst schwer sch\u00e4digt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">So geraten die Freunde wiederholt mit dem strengen Ehrenkodex der Kerle in Konflikt: Diese verlangen n\u00e4mlich nicht nur absolute Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der Gruppe und verbieten Entschuldigungen gegen\u00fcber allen anderen, sondern folgen auch patriarchalen Rollenbildern, wonach nur ein unschuldiges M\u00e4dchen \u203arein\u2039 ist und Umgang verdient, w\u00e4hrend alle anderen als \u203aSchlampen\u2039 und \u203aHuren\u2039 ohne Ehre gelten. Gibt man sich dennoch mit ihnen ab, ist man selber \u203abefleckt\u2039 und wird als \u203aDreckskerl\u2039 aus der Gang ausgeschlossen. Andrej und Marat versuchen anfangs noch mit teils \u00e4u\u00dferster R\u00fccksichtslosigkeit ihre erw\u00e4hlten Frauen \u203arein\u2039 zu halten, doch das misslingt. Denn Andrejs geliebte Irina arbeitet bei der Miliz, ist im kommunistischen Jugendverband Komsomol und am\u00fcsiert sich mit der subkulturellen Boheme, die dem \u203aHooligan\u2039 Andrej nur Verachtung entgegenbringt. Nicht Andrej sch\u00fctzt Irina, sondern umgekehrt muss die bereits vollj\u00e4hrige Irina wiederholt die Folgen seiner Straftaten und Grenz\u00fcberschreitungen ausb\u00fcgeln. Marat wiederum h\u00e4lt seiner Freundin Aigul zwar nach deren Vergewaltigung verzweifelt die Treue. Trotzdem wird sie von der Gang und deren M\u00e4dchen als Hure ge\u00e4chtet. Selbst ihre Eltern k\u00f6nnen die Schande nicht ertragen, bis sie keinen Ausweg mehr sieht und sich das Leben nimmt. In ihrer besinnungslosen Wut \u00fcber die eigene Hilflosigkeit werden Andrej und Marat beinahe selbst zu M\u00f6rdern der vermeintlich schuldigen rivalisierenden Bandenmitglieder.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das Einzige, was als Trost am Ende bleibt, ist die die Kerle in allen Lebenslagen begleitende Popmusik, und hier insbesondere die Hits der Boygroup Laskowy Mai (<\/span>\u203a<span style=\"font-family: helvetica;\">Z\u00e4rtlicher Mai\u2039). Deren S\u00e4nger Juri Schatunow \u2013 selber ein Waisenjunge aus einem Jugendheim, der bei der Bandgr\u00fcndung 1986 gerade einmal 13 Jahre alt war \u2013 wurde mit seinem androgynen Auftreten zum ersten Teeniestar der Sowjetunion. Seine Songtexte bringen auf den Punkt, was die wilden Kerle nicht in eigene Worte fassen k\u00f6nnen, wenn sie in der Schlussszene der Serie im Kulturklub des Gef\u00e4ngnisses unter dem roten Banner \u00bbWir preisen die Arbeit, unser Land und die Zeit\u00ab mit kahlgeschorenen K\u00f6pfen gemeinsam den Refrain von <em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BVnPZu4BVuw\">Sedaja notsch<\/a><\/em> (1987, <em>Graue Nacht<\/em>) gr\u00f6len:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbUnd wieder die graue Nacht, und nur ihr vertraue ich.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Du kennst, graue Nacht, all meine Geheimnisse.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Aber auch du kannst mir nicht helfen, und deine Dunkelheit<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">N\u00fctzt mir rein gar, rein gar nichts.\u00ab<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Das unheimlich-vertraute Geheimnis der ergrauten Nacht aber, das wei\u00df man am Ende der Serie, sind die traumatischen Gewalterfahrungen, \u00fcber die gemeinhin auch im Fernsehen nicht \u00f6ffentlich gesprochen wird.<\/span><\/p>\n<h4><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\">3.<\/span><\/h4>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Die enthusiastischen Filmkritiken hoben vor allem die detailgetreue Darstellung der Bandenkriminalit\u00e4t Ende der 1980er Jahre hervor, deren mediale Aufbereitung eine therapeutische Wirkung entfalten k\u00f6nne und die manche auch als ein spektakul\u00e4res Menetekel f\u00fcr die Gegenwart im Angesicht des Krieges deuteten. Doch die Serie ist mehr als das. Denn sie unternimmt zugleich eine Revision g\u00e4ngiger Bilder der Perestroika-Periode und folgt dabei dem aktuellen Zeitgeist innerhalb der Russischen F\u00f6deration. Am deutlichsten wird das bei Andrejs Onkel Ildar, der ein leitender Ermittler bei der Kriminalpolizei ist. Unter Einsatz von Bestechung, Gewalt und Erpressung versucht er, seinen Neffen zu Aussagen \u00fcber die Mitglieder seiner Bande zu bringen. Au\u00dferdem beginnt er eine Aff\u00e4re mit Andrejs Mutter. Doch als er eines Abends Andrejs Freund Marat aus ihrer Wohnung rausschmei\u00dfen m\u00f6chte, h\u00e4lt die Mutter zu ihrem Sohn und weist stattdessen Ildar die T\u00fcr. Erst als die an ihrem kriminellen Sohn zerbrechende Mutter psychisch erkrankt, wendet sich Andrej in seiner Verzweiflung erneut an seinen Onkel, um sie vor\u00fcbergehend aus der gef\u00fcrchteten Psychiatrie zu holen, wo sie aber letztlich doch besser aufgehoben ist als zu Hause. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Ildar zeigt sich im Laufe der Ermittlungen gegen die Jugendbande immer mehr als ein einf\u00fchlsamer und rechtschaffener Mensch, der mit aller Gewalt, aber im Namen der Menschlichkeit den Rechtsstaat und das Gesetz gegen die ausufernde Stra\u00dfenkriminalit\u00e4t durchsetzen m\u00f6chte. Hier bekommt die Serie deutlich kontrafaktische Z\u00fcge \u2013 waren in der sp\u00e4ten Sowjetunion doch die Korruption der staatlichen Beh\u00f6rden und der Missbrauch der Psychiatrie zur medikament\u00f6sen Ruhigstellung widerspenstiger Staatsb\u00fcrger sprichw\u00f6rtlich. Diese beabsichtigte Rehabilitierung staatlicher Instanzen zeigt sich noch in der Darstellung der Lehrerinnen, die anfangs klischeehaft aufgedonnert und verstockt wirken, im Laufe der Geschichte aber sympathischere Z\u00fcge bekommen, halten sie doch angesichts der umgreifenden Jugendkriminalit\u00e4t verzweifelt an zivilisierten Umgangsformen fest.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Am deutlichsten ist die ideologische Ausrichtung der Fernsehserie in der Darstellung des Afghanistankrieges zu erkennen, in den die Sowjetunion nach ihrem Einmarsch im Dezember 1979 ein Jahrzehnt lang bis Februar 1989 involviert war. Eine ganze Generation von zwangsweise in den Kampf geschickten jungen Wehrpflichtigen wurde durch den Guerillakrieg der Mudschahedin traumatisiert. Nach Kriegsende hatten sie massive Probleme, sich in die zusammenbrechende Gesellschaft zu reintegrieren, viele verfielen dem Alkohol und Drogen. All dies kommt in der Serie \u00fcberhaupt nicht vor, im Gegenteil: Adidas scheint im Krieg gest\u00e4hlt worden zu sein, hasst die US-Amerikaner aufgrund ihrer Waffenlieferungen an die afghanische Opposition, emp\u00f6rt sich, dass \u00bbwir\u00ab die \u00bbDemokratische Republik Afghanistan\u00ab verraten haben, ist Liebling aller \u00e4lteren und j\u00fcngeren Frauen und \u00fcbernimmt sofort die F\u00fchrung der Stadtteilbande.<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> Dass auch er schwer traumatisiert ist, zeigt die Serie nur mittelbar, etwa in der Szene, in der er eine romantische Nacht mit seiner Geliebten Natascha nicht im Bett, sondern mit Gitarre in der K\u00fcche verbringt und so lange Afghanistanlieder singt, bis sie weinend ausruft, sie wolle nichts mehr vom Tod h\u00f6ren. Seine R\u00fcckkehr in die Gesellschaft misslingt letztlich auf allen Ebenen: Statt milit\u00e4rische Ordnung und Disziplin zu schaffen, schaden alle seine Aktionen der Gruppierung nur; und sein Vater, der als Chef eines R\u00fcstungsbetriebs Karriere als Waffenlieferant f\u00fcr die sowjetische Invasionsarmee gemacht hat, ist am Ende als Vater eines Kriminellen und M\u00f6rders ein gesellschaftlich ge\u00e4chteter Mann.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Kriegshelden, so die implizite Botschaft, sind f\u00fcrs Zivilleben nicht zu gebrauchen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Eng verbunden mit dieser indirekten Kritik an den destruktiven Folgen des Krieges sind Fragen nach der Menschlichkeit. Deren Abwesenheit zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Serie, verbildlicht durch diskriminierende Rede, despektierliche Gesten und \u00fcbergriffiges Verhalten.<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> Vor allem aber entfaltet der omnipr\u00e4sente Sexismus innerhalb der Gruppierung seine toxische Wirkung. Auch sonst pr\u00e4sentiert die Serie kein idealisiertes Bild der Sowjetunion: Die M\u00fctter der beiden Jungen beispielsweise sind keineswegs emanzipierte Frauen, sondern folgen weitgehend traditionell-weiblichen Rollenmustern. Und der Vorsitzende des \u00f6rtlichen Komsomol ist ein typischer Karrierist der Wendezeit, der fr\u00fch die kapitalistischen Zeichen der neuen Zeit erkannt hat und in den Klubr\u00e4umen eine Produktionsst\u00e4tte f\u00fcr Bluejeans betreibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">So erweist sich <em>Ehrenwort eines Kerls. Blut auf dem Asphalt <\/em>einerseits als Versuch, im zunehmend repressiven und autorit\u00e4ren Russland der Gegenwart mit einem popul\u00e4rkulturellen Werk den staatlichen ideologischen und p\u00e4dagogischen Anforderungen zu gen\u00fcgen, l\u00e4sst aber andererseits auf subtile Weise auch andere Sichtweisen zu. Deutlich folgt die Serie dem offiziellen Narrativ, dass nur ein starker Staat f\u00fcr Recht und Ordnung sorgen k\u00f6nne und alle Formen von selbstorganisierter Autonomie oder alternative Gemeinschaftsformen nur zu Chaos und blutiger Gewalt f\u00fchren. Putins Diktum vom Zusammenbruch der Sowjetunion als \u00bbgr\u00f6\u00dfte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts\u00ab wird anhand des \u00bbKasaner Ph\u00e4nomens\u00ab anschaulich demonstriert. Zugleich zeigt die Serie am Beispiel der beiden jugendlichen Protagonisten Marat und Andrej die Faszination, die gegenkulturelle Jugendbewegungen entwickeln k\u00f6nnen, und die fatalen Konsequenzen, die extreme Gewalt f\u00fcr alle Beteiligten mit sich bringt. Die katastrophalen Folgen des sowjetischen Afghanistaneinsatzes f\u00fcr eine ganze Generation junger Soldaten werden hingegen nur indirekt anhand der Figur des Kriegsveteranen Adidas thematisiert, dem eine R\u00fcckkehr in den zivilen Alltag nicht gelingt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Es d\u00fcrfte diese gelungene Verkn\u00fcpfung einer spannenden und mitrei\u00dfenden Geschichte \u00fcber jugendliche Alternativkulturen mit einer vielschichtigen Thematisierung der Folgen von Gewalt und Krieg f\u00fcr die eigene Gesellschaft sein, die die enorme Popularit\u00e4t der Serie beiderseits der russisch-ukrainischen Front begr\u00fcndet. Denn, wie Robert Garaev im Nachwort zur Neuauflage seines Buches schreibt:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbLeider ist die Welt der Kerle nicht nur auf die Bildschirme gekommen, sondern auch in unsere Realit\u00e4t zur\u00fcckgekehrt \u2013 und zwar in einem viel gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df, als man sich vorstellen konnte. Die Sprache der Kerle wird inzwischen von russischen Politikern, Beamten und Talkshow-Moderatoren gesprochen. [\u2026] Angesichts der Situation im Jahr 2023, in der die Welt in Chaos und milit\u00e4rischen Konflikten versinkt, m\u00f6chte ich daran glauben, dass der Leser nach der Lekt\u00fcre dieses Buches die richtige Schlussfolgerung zieht: Kriege k\u00f6nnen Gr\u00fcnde und Voraussetzungen haben, aber manchmal ist der Gewinner nicht derjenige, der sich Hals \u00fcber Kopf in diesen Konflikt gest\u00fcrzt hat, wie die Helden aus <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em>, sondern derjenige, der sich abseits dieser K\u00e4mpfe befand, sich in die Materie vertiefte, sie verstand, sich weiterentwickelte und allem widerstand, ausgehend von seinem Weltverst\u00e4ndnis und seinen Ehrregeln.\u00ab<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Zu verstehen und zu widerstehen: ein solches Angebot enth\u00e4lt auch die Fernsehserie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica; color: #e63348;\"><em>Der Slawist <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/schwartz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Matthias Schwartz<\/a> ist stellvertretender Direktor des ZfL und leitet das Projekt <a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/anpassung-und-radikalisierung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anpassung und Radikalisierung. Dynamiken der Popul\u00e4rkultur(en) im \u00f6stlichen Europa vor dem Krieg<\/a>.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Da Aigel Gaisina, die S\u00e4ngerin der Band, nach kritischen \u00c4u\u00dferungen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine emigriert ist, sind sp\u00e4ter alle Angaben zum Song aus dem Abspann der Serie entfernt worden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>Pazan<\/em> bedeutet so viel wie \u203aKerl, Bursche, Junge\u2039. Das Substantiv hat im Russischen umgangssprachlich einen herablassenden Beiklang und kann auch die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer kriminellen Gruppierung markieren. Ein Trailer zur Serie mit englischen Untertiteln findet sich auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=CDYwliWsAa8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Youtube<\/a>. In Deutschland ist die Serie bislang nur mit englischen Untertiteln auf der Filmplattform <a href=\"https:\/\/sovietmoviesonline.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Soviet &amp; Russian Movies<\/a> zu sehen. Ich danke Franziska Thun-Hohenstein, Nina Weller, Roman Dubasevych und Dirk Naguschewski f\u00fcr ihre hilfreichen Hinweise.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. u.a. Anastasija Chochlova: \u00bbZusammenk\u00fcnfte, Schl\u00e4gereien und Einflusszonen: Was Jugendliche nach dem Ansehen der Fernsehserie <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> tun\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/radio1.ru\/news\/obschestvo\/shodki-draki-i-zoni-vliyaniya-na-chto-idut-podrostki-posle-prosmotra-filma-slovo-patsana\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Radio 1<\/em><\/a> (29.11.2023); [Anon.]: \u00bbRussische Propaganda: Ukrainische Schulen schlagen wegen der Serie <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> Alarm\u00ab (auf Ukrainisch), in: <a href=\"https:\/\/gazeta.ua\/articles\/celebrities\/_rosijska-propaganda-v-ukrayinskih-shkolah-zabili-na-spoloh-cherez-serial-slovo-pacana\/1164140\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Gazeta.Ua<\/em><\/a> (4.12.2023). Soweit nicht anders gekennzeichnet, stammen alle \u00dcbersetzungen von mir.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. u.a. Anastasija Gon\u010darenko:\u00bb<em>Ehrenwort eines Kerls<\/em>: Warum man diese Serie in der Ukraine hasste und warum Jugendliche \u203as\u00fcchtig\u2039 nach ihr wurden\u00ab (auf Ukrainisch), in: <a href=\"https:\/\/tsn.ua\/ukrayina\/slovo-pacana-chomu-cey-serial-znenavidili-v-ukrayini-ta-chomu-pidlitki-pidsili-na-nogo-2468176.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>TSN<\/em><\/a> (11.12.2023); Anna Kundirenko: \u00bb<em>Ehrenwort eines Kerls<\/em>. Warum die skandaltr\u00e4chtige russische Serie in der Ukraine popul\u00e4r wurde\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/russian\/articles\/c4n0n9n8wwro\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>BBC News (Russkaja slu\u017eba)<\/em><\/a> (9.12.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Varvara Ko\u0161e\u010dkina: \u00bbDie Serie <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> \u00fcber Jugendbanden zur Zeit des Zerfalls der UdSSR ist erschienen\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/lenta.ru\/articles\/2023\/11\/10\/slovop\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Lenta.ru<\/em><\/a> (10.11.2023); Svetlana Stephenson: \u00bbEin Gaunerehrenwort bewegt das Land\u00ab (\u00fcbersetzt von Ruth Altenhofer), in: <a href=\"https:\/\/www.dekoder.org\/de\/article\/slowo-pazana-gaunerehrenwort-serie-kryshownikow\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Dekoder<\/em><\/a> (2.1.2024).\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Anton Chitrov: \u00bb<em>Ehrenwort eines Kerls. Blut auf dem Asphalt<\/em> ist eine hervorragende Serie von Shora Kryshownikow \u00fcber das kriminelle Kasan der 1980er Jahre, in das sich das Russland der 2020er Jahre zu verwandeln droht\u00ab (auf Russisch), in: <em><a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2023\/11\/25\/slovo-patsana-krov-na-asfalte-otlichnyy-serial-zhory-kryzhovnikova-o-kriminalnoy-kazani-1980-h-v-kotoruyu-riskuet-prevratitsya-rossiya-2020-h\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Meduza<\/a> <\/em>(25.11.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Aleksandr Folin: \u00bb<em>Ehrenwort eines Kerls. Blut auf dem Asphalt<\/em>: Eine glaubw\u00fcrdige Momentaufnahme einer brutalen Epoche\u00ab (auf Russisch), in:<em><a href=\"https:\/\/kinoreporter.ru\/slovo-pacana-krov-na-asfalte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> KinoReporter<\/a> <\/em>(9.11.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Sergey Toymentsev: Review of \u00bbZhora Kryzhovnikov: The Boy\u2019s Word of Honor (TV)\u00ab, in: <a href=\"http:\/\/www.kinokultura.com\/2024\/83r-slovo-patsana.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>KinoKultura<\/em><\/a> 83 (2024).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vasilij Stepanov: \u00bbAngst haben zu fliehen\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/www.kommersant.ru\/doc\/6298062\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Kommersant\u2019<\/em><\/a>\u00a0(3.11.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Anton Dolin: \u00bb<em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> wurde zu einer echten Sensation\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/meduza.io\/feature\/2023\/12\/22\/slovo-patsana-stalo-nastoyaschey-sensatsiey-anton-dolin-osmyslyaet-sluchivsheesya\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Meduza<\/em><\/a> (22.12.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Kundirenko: <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> (Anm. 4).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Il\u2019ja Litov: \u00bb\u203aSie haben das Land aufgefressen\u2039: Ist die Serie <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> wirklich so sch\u00e4dlich f\u00fcr die Jugend?\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/www.mk.ru\/culture\/2023\/12\/05\/sozhrali-stranu-tak-li-vreden-serial-slovo-pacana-dlya-molodezhi.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Moskovskij Komzomolec<\/em><\/a> (5.12.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Alja Trynova: \u00bbDie Ombudsperson f\u00fcr Kinder von Tatarstan bittet Roskomnadzor die Serie <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> zu \u00fcberpr\u00fcfen\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/veved.ru\/events\/191582-detskij-ombudsmen-tatarstana-prosit-roskomnadzor-proverit-serial-slovo-pacana.htmlerny%20https:\/veved.ru\/events\/191582-detskij-ombudsmen-tatarstana-prosit-roskomnadzor-proverit-serial-slovo-pacana.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Ve<\/em><em>\u010dernie<\/em><em> vedomosti<\/em><\/a> (29.11.2023). Roskomnadzor ist die \u00bbF\u00f6derale Aufsicht f\u00fcr Informationstechnologie und Massenkommunikation\u00ab in Russland.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Sergej Aksenov: \u00bbDer Film <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> erinnert an die Perestroika-Probleme der 80er Jahre\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/svpressa.ru\/society\/article\/396957\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Svobodnaja Pressa<\/em><\/a> (6.12.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Tass: \u00bbMichalkow bezeichnete Forderungen nach einem Verbot der Serie <em>Ehrenwort<\/em><em> eines<\/em><em> Kerls<\/em> als eine gro\u00dfe Dummheit\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/tass.ru\/kultura\/19498945\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>TASS<\/em><\/a> (9.12.2023); Sergij Kruglov: \u00bbVerbieten, um sich selbst nicht zu erkennen\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/www.pravmir.ru\/slovo-paczana-zapretit-chtoby-ne-uznavat-samih-sebya\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Pravmir<\/em><\/a> (14.12.2023). Bereits Ende 2023 k\u00fcrten russische Kinokritiker die Serie zur besten des Jahres, vgl. [Anon.]: \u00bbKritiker haben die Serie <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> zur besten des Jahres 2023 erkl\u00e4rt\u00ab (auf Russisch), in: <em><a href=\"https:\/\/tass.ru\/kultura\/19623361\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">TASS<\/a> <\/em>(25.12.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> So erhielt die Serie im April 2024 die h\u00f6chsten Auszeichnungen des Nationalpreises f\u00fcr Webinhalte (National\u2019naja premija v oblasti veb-kontenta). Bei der Preisverleihung des Verbands der Film- und Fernsehproduzenten (Associacija prodjuserov kino i televedenija, Abk. APKiT) in Moskau \u2013 etwa vergleichbar den US-amerikanischen Emmy Awards \u2013 kam sie im Juni 2024 sogar auf neun Auszeichnungen. Vgl. Susanna Al\u2019perina: \u00bbBondar\u010duk und <em>Ehrenwort<\/em><em> eines<\/em><em> Kerls<\/em>. Die Gewinner des V. Nationalpreises f\u00fcr Webinhalte wurden bekanntgegeben\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/rg.ru\/2024\/04\/16\/bondarchuk-i-slovo-pacana-nazvany-pobediteli-v-nacionalnoj-premii-veb-kontenta.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Rossijskaja gazeta<\/em><\/a> (16.4.2024); \u00bb<em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> erhielt die Hauptauszeichnungen des National Web Content Award\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/dzen.ru\/a\/Zh2SBmFMFXq3ozDL\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>InterMedia<\/em><\/a> (15.4.2023); Vera Cvetkova: \u00bbDas magische <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em> \u2026\u00ab (auf Russisch), in: <a href=\"https:\/\/www.ng.ru\/tv\/2024-06-20\/7_9032_word.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Nezavisimaja gazeta<\/em><\/a> (20.6.2024).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Marija Kabacij:\u00bbOhne <em>Tscheburaschka<\/em> und <em>Ehrenwort<\/em><em> eines<\/em><em> Kerls<\/em> geht es nicht: Welche Filme die Ukrainer im Jahr 2023 gegoogelt haben\u00ab (auf Ukrainisch), in: <a href=\"https:\/\/life.pravda.com.ua\/culture\/2023\/12\/11\/258233\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Ukraijns<\/em><em>\u2019ka<\/em><em> pravda<\/em><\/a> (12.12.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Julija Ljub\u010denko: \u00bb\u203aSeid ihr noch bei Verstand?\u2039 Irma Vitovska wendet sich an die Zuschauer der russischen Serie <em>Ehrenwort eines Kerls<\/em>\u00ab (auf Ukrainisch), in: <a href=\"https:\/\/www.rbc.ua\/rus\/styler\/u-e-rozum-irma-vitovska-zvernulas-tih-hto-1701958598.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>RBK-Ukrajina<\/em><\/a> (7.12.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Andrij Kokotjucha: \u00bbDas Schweigen des ukrainischen Kerls\u00ab (auf Ukrainisch), in: <a href=\"https:\/\/nv.ua\/ukr\/opinion\/slovo-pacana-krov-na-asfalti-kokotyuha-rozpoviv-shcho-mozhe-zaminiti-rosiyskiy-kontent-50375507.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Novoe<\/em><em> vremja<\/em><\/a> (11.12.2023). Diese Extrapolation aller negativen Seiten der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit als ein genuin russisches, der ukrainischen Kultur fremdes Element, ist kein Sonderfall. Typisch f\u00fcr die filmische Darstellung der Stra\u00dfengewalt der sp\u00e4ten 1980er und der 1990er Jahre ist Oleh Senzows Film <em>Rhino <\/em>(<em>Nosorih, <\/em>2021), dessen Handlung vor allem in der Ostukraine spielt. Er stellt gewisserma\u00dfen einen Gegenentwurf zu dem russischen Kult-Film der 1990er Jahre <em>Bruder <\/em>(<em>Brat, <\/em>1997) von Alexei Balabanow dar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Nina Khrushchova: \u00bbRussland bereitet sich auf einen permanenten Krieg vor. Wie es dazu kommt\u00ab (auf Ukrainisch), in: <a href=\"https:\/\/nv.ua\/ukr\/opinion\/putin-gotuye-rosiyan-do-dovgoji-viyni-hrushchova-pro-nenavist-u-rf-i-pravdu-v-seriali-slovo-pacana-50386903.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Novoe vremja<\/em><\/a> (24.1.2024).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Die deutschsprachige Presse hat zwar \u00fcber den Erfolg und die \u00f6ffentliche Resonanz auf die Serie in Russland und der Ukraine berichtet, eine genauere Besprechung ihres Inhalts fand aber nur selten statt, vgl. beispielsweise Artur Weigandt: \u00bbWer um Gnade fleht, muss schie\u00dfen (Russische Serie \u00fcber Jugendbanden)\u00ab, in: <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung <\/em>(5.1.2024), S. 15; Ueli Bernays: \u00bbStammesdenken in Russland. Du geh\u00f6rst zu uns, alle anderen sind Feinde\u00ab, in: <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/slovo-patzana-russsiche-serie-ueber-jugendgangs-ld.1776441\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/em><\/a> (1.2.2024); Inna Hartwich: \u00bbGewalt, L\u00fcgen und Zynismus (Medien in Russland)\u00ab, in: <a href=\"https:\/\/taz.de\/Medien-in-Russland\/!5979068\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>tageszeitung<\/em><\/a> (12.12.2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Robert Garaev: <em>Slovo pacana, Kriminal\u2019nyj Tarastan 1970\u20132010-ch <\/em>[<sup>1<\/sup>2021], erweiterte Auflage, Moskau 2024, S. 613, 616\u2013617. Garaev hat sich in Interviews wiederholt positiv zu der Verfilmung ge\u00e4u\u00dfert, die dem Anliegen seines Buches entspreche, vgl. Polina Chabarova: \u00bbDie Gruppierungen waren staats\u00e4hnlich\u00ab, in: <em>Kommersant\u2019<\/em>\u00a0(4.2.2024).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Vgl. zum Beispiel die Webseite <a href=\"https:\/\/\u043f\u0430\u0446\u0430\u043d\u044b\u043c\u0435\u043d\u044f\u044e\u0442\u0441\u044f.\u0440\u0444\/#menuopen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Pacany menjajutsja<\/em><\/a> [Kerle ver\u00e4ndern sich].<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Mit Szenen aus der Fernsehserie unterlegt: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=CbbGV1JthRA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=CbbGV1JthRA<\/a>. Im Russischen gibt es zwei Worte f\u00fcr \u203agrau\u2039, zum einen <em>seryj<\/em> f\u00fcr die Farbe Grau, was aber auch \u203atrist\u2039 oder \u203alangweilig\u2039 bedeuten kann, zum anderen <em>sedoj<\/em>, was vor allem auf die Haarfarbe bezogen wird (\u203agrauhaarig, ergraut\u2039). Der Titel <em>Sedaja no\u010d\u2019<\/em>\u00a0(1988) konnotiert diese Bedeutung im Sinne von einer alt gewordenen Nacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Diese gesch\u00f6nte Darstellung des sowjetischen Afghanistaneinsatzes und seiner Folgen ist kein Novum. Nachdem in der Glasnostzeit und Anfang der 1990er Jahre eine schonungslose Auseinandersetzung stattfand \u2013 deren im Westen bekanntestes Zeugnis Swetlana Alexijewitschs Dokumentarroman <em>Die Zinkjungen <\/em>(<em>Cinkovye mal\u2019\u010diki<\/em>,1989) ist \u2013, \u00e4nderte sich das im neuen Jahrtausend langsam. Kameradschaft, Disziplin und Durchhaltewille als milit\u00e4rische Tugenden traten wieder in den Vordergrund, wof\u00fcr im Bereich der Popul\u00e4rkultur Fjodor Bondartschuks Blockbuster <em>Neunte Kompanie <\/em>(<em>9 rota<\/em>, 2005) wegweisend war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Auch die Flucht ans Meer mit der Geliebten im gestohlenen Auto \u2013 wie man sie aus dem Genre des Roadmovies kennt \u2013 vermasselt Adidas zum Schluss. Denn zuvor versucht er vergeblich, sich mit seinem Vater zu vers\u00f6hnen und wird bei einer Polizeiaktion niedergeschossen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Auff\u00e4llig ist dabei, dass nationalistische oder identit\u00e4re Diskurse keinerlei Rolle spielen, s\u00e4mtliche Helden sind diesbez\u00fcglich auff\u00e4llig farbenblind. Auch Christentum und Islam kommen nur am Rande vor. In der Tat, das zeigt auch Robert Garaevs Buch, ist der Alltagsrassismus zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen erst ein Ph\u00e4nomen der 1990er Jahre.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Robert Garaev: \u00bbPosleslovie k izdaniju 2024 goda\u00ab [Nachwort zur Ausgabe von 2024], in: ders.: <em>Slovo pacana<\/em> (Anm. 22), S. 634, 638.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Matthias Schwartz: In der Welt der wilden Kerle. Eine popul\u00e4re Serie im Zeichen des russisch-ukrainischen Krieges, in: ZfL Blog, 12.7.2024, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/07\/12\/matthias-schwartz-in-der-welt-der-wilden-kerle-eine-populaere-serie-im-zeichen-des-russisch-ukrainischen-krieges\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/07\/12\/matthias-schwartz-in-der-welt-der-wilden-kerle-eine-populaere-serie-im-zeichen-des-russisch-ukrainischen-krieges\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20240712-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20240712-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20240712-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/07\/12\/matthias-schwartz-in-der-welt-der-wilden-kerle-eine-populaere-serie-im-zeichen-des-russisch-ukrainischen-krieges\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"IN DER WELT DER WILDEN KERLE. 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Blut auf dem Asphalt (Slowo pazana. Krow na asfalte, 2023) beiderseits der Sch\u00fctzengr\u00e4ben zur popul\u00e4rsten Serie des Jahres. Die Zuschauer- und Klickzahlen erreichten Rekordh\u00f6hen und der Titelsong Pyjala (dt. \u203aGlas\u2039) <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/07\/12\/matthias-schwartz-in-der-welt-der-wilden-kerle-eine-populaere-serie-im-zeichen-des-russisch-ukrainischen-krieges\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,19],"tags":[815,811,810,812,813,799,816,635,572,814,48,415,767,71],"class_list":["post-3328","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ad-hoc","category-lektueren","tag-andrej-solotarjow","tag-ehrenwort-eines-kerls","tag-fernsehserie","tag-jugendkriminalitaet","tag-kasan","tag-kommunismus","tag-popmusik","tag-populaerkultur","tag-russland","tag-shora-kryshownikow","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-ukraine-krieg","tag-weltliteratur"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3328","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3328"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3328\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3502,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3328\/revisions\/3502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3328"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3328"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3328"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}