{"id":3370,"date":"2024-08-19T11:26:30","date_gmt":"2024-08-19T09:26:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3370"},"modified":"2025-02-06T15:36:30","modified_gmt":"2025-02-06T13:36:30","slug":"dirk-naguschewski-das-leben-erinnern-die-berliner-buchhaendlerin-und-femme-de-lettres-francoise-frenkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/08\/19\/dirk-naguschewski-das-leben-erinnern-die-berliner-buchhaendlerin-und-femme-de-lettres-francoise-frenkel\/","title":{"rendered":"Dirk Naguschewski: Das Leben erinnern.\u00a0DIE BERLINER BUCHH\u00c4NDLERIN UND FEMME DE LETTRES FRAN\u00c7OISE FRENKEL"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3371 alignright\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252-221x300.jpg\" alt=\"\" width=\"221\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252-221x300.jpg 221w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252-755x1024.jpg 755w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252-768x1042.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252-1132x1536.jpg 1132w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252-1510x2048.jpg 1510w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252-1200x1628.jpg 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05252.jpg 1654w\" sizes=\"auto, (max-width: 221px) 85vw, 221px\" \/><\/a>Im September 1945 erschien im Z\u00fcricher Verlag J. H. Jeheber die auf Franz\u00f6sisch verfasste Autobiographie von Fran\u00e7oise Frenkel (1889\u20131975), einer polnischen J\u00fcdin, der es gelungen war, dem Nazi-Terror zu entkommen: <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate <\/em>(auf Deutsch: Nichts, um sein Haupt zu betten). Bis 1937 hatte Frenkel die einzige franz\u00f6sische Buchhandlung in Berlin gef\u00fchrt. 1943 war sie mit etwas Gl\u00fcck illegal von Frankreich aus in die Schweiz gelangt, wo ein Neffe f\u00fcr ihren Unterhalt sorgte. All das l\u00e4sst sich in ihrer schn\u00f6rkellosen Lebensgeschichte nachlesen. <\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">Doch die Nachkriegsjahre waren nicht die Zeit, in der die Erinnerungen einer \u00dcberlebenden, in denen es nicht nur um Flucht und Vertreibung, sondern auch um die franz\u00f6sische Kollaboration geht, gro\u00dfe Resonanz erwarten durften. Scham und Schrecken wurden verdr\u00e4ngt und <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate<\/em> geriet schnell in Vergessenheit. In deutschen Bibliotheken findet sich heute nicht ein einziges Exemplar der Erstausgabe. Doch das Buch und seine Autorin wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt und der j\u00fcngste Beleg daf\u00fcr ist eine in Frankreich erschienene Biographie jener eigenwilligen Frau, die mit vollem Namen Frymeta Fran\u00e7oise Rolande Idesa Raichinstein-Frenkel hie\u00df (Corine Defrance: <em>Fran\u00e7oise Frenkel, portrait d\u2019une inconnue<\/em>, Paris: L\u2019arbal\u00e8te\/Gallimard 2022).<!--more--><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">***<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Frenkels Wiederentdeckung begann 2015, als Gallimard, einer der gro\u00dfen franz\u00f6sischen Publikumsverlage, eine Neuausgabe von <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate<\/em> mit einem Vorwort des damals frisch gek\u00fcrten Nobelpreistr\u00e4gers Patrick Modiano ver\u00f6ffentlichte. In kurzer Zeit erschienen daraufhin \u00dcbersetzungen in mehr als 15 Sprachen. Der Hanser Verlag ver\u00f6ffentlichte 2016 eine deutsche Fassung der renommierten \u00dcbersetzerin Elisabeth Edl.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dass das Buch 60 Jahre nach seinem ersten Erscheinen diesseits und jenseits des Rheins ein solcher Erfolg wurde, d\u00fcrfte sich vor allem einem grundlegend gewandelten Zeitgeist verdanken. F\u00fcr Erz\u00e4hlungen von \u00dcberlebenden \u2013 seien sie fiktional oder autobiographisch gepr\u00e4gt \u2013 scheint es mit wachsendem Abstand zum Holocaust eine wachsende Leserschaft zu geben. Das Erinnern wird nicht mehr als l\u00e4stige Zumutung wahrgenommen, sondern geh\u00f6rt zu den Selbstverpflichtungen aufgekl\u00e4rter Gesellschaften, die davon \u00fcberzeugt sind, dass die Erinnerung auch an die dunklen Seiten ihrer Geschichte f\u00fcr ihr Selbstbild unabdingbar ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dass es sich bei Fran\u00e7oise Frenkel um eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Frau handelt, steht au\u00dfer Frage. Geboren in dem kleinen Ort Piotrk\u00f3w, der damals zum Russischen Kaiserreich geh\u00f6rte, entfloh sie dem Ostjudentum, mit dessen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit sie sich nicht identifizieren mochte, und ging 1908 erst nach Berlin, von dort nach Leipzig, wo sie die Hochschule f\u00fcr Frauen besuchte, schrieb sich dann in Paris an der Sorbonne ein und reichte dort 1921 eine Abschlussarbeit ein, <em>Le Juif dans la soci\u00e9t\u00e9 polonaise vu \u00e0 travers les annales historiques polonaises<\/em> (Das Judentum in der polnischen Gesellschaft im Spiegel historischer polnischer Annalen). W\u00e4hrenddessen ver\u00f6ffentlichte sie erste Erz\u00e4hlungen, die ebenfalls das Verh\u00e4ltnis von j\u00fcdischer und polnischer Identit\u00e4t beleuchteten. Danach zog es sie wieder nach Berlin, wo sie schlie\u00dflich in der Passauer Stra\u00dfe, direkt neben dem KaDeWe, ihre Buchhandlung La Maison du Livre er\u00f6ffnete, um in der deutschen Hauptstadt franz\u00f6sische B\u00fccher zu verkaufen. Ihre Klientel bestand \u00fcberwiegend aus osteurop\u00e4ischen Emigranten; im damals auch Charlottengrad genannten Charlottenburg lebten vor\u00fcbergehend allein hunderttausende Russen und Russinnen. F\u00fcr viele von ihnen besa\u00df das Franz\u00f6sische als Bildungssprache einen hohen Wert. Und sie konnten in Frenkels Buchhandlung teils hochdekorierte franz\u00f6sische Autoren wie Colette, Andr\u00e9 Gide oder Roger Martin du Gard treffen, die die Stadt besuchten und f\u00fcr eine Lesung oder ein Publikumsgespr\u00e4ch bei ihr auftraten. Mehr und mehr strahlte das Gesch\u00e4ft auch auf das frankophone B\u00fcrgertum der Hauptstadt aus.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Frenkel erz\u00e4hlt all dies in <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate<\/em> in chronologischer Ordnung, zumeist kurzen Abs\u00e4tzen und ohne gro\u00dfe Ausschm\u00fcckungen. Es dominiert ein Sinn f\u00fcr das Wesentliche. Nur hin und wieder streut sie launige Anekdoten ein, um die schwere Kost ein wenig leichter genie\u00dfbar zu machen, etwa, wenn es um ihre sp\u00e4tere Flucht aus Frankreich in die Schweiz geht. Zwar wird das Buch gemeinhin als Autobiographie gehandelt, doch Frenkel schildert die Geschichte ihres Lebens nicht ohne Entstellungen. Die Namen von Weggef\u00e4hrten \u2013 wenn es sich nicht gerade um die illustren G\u00e4ste ihrer Buchhandlung handelt \u2013 werden zumeist durch Initialen abgek\u00fcrzt. Von ihrem Ehemann Simon Raichinstein ist gar \u00fcberhaupt nicht die Rede. Dergleichen Leerstellen in Frenkels einzigem zu Lebzeiten ver\u00f6ffentlichten Buch und die Jahre bis zu ihrem Tod hat die Historikerin Corine Defrance in Archiven in Frankreich, Deutschland, Polen und der Schweiz und mit Unterst\u00fctzung noch lebender Nachfahren gr\u00fcndlich erforscht und dabei manche von Frenkels Eigenaussagen korrigieren k\u00f6nnen. Die daraus entstandene Biographie erlaubt ein umfassenderes Verst\u00e4ndnis dieser historischen Person, die zwar ihre verschiedenen Identit\u00e4ten bei Bedarf strategisch einzusetzen wusste, aber als Frau, J\u00fcdin und Ausl\u00e4nderin ihr Leben lang mit Ausgrenzungserfahrungen zu k\u00e4mpfen hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">***<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Patrick Modiano, versiert in der literarischen Formgebung von Geschichte, waren die Eckdaten von Frenkels Leben beim Verfassen seines Vorwortes zur Neuausgabe von <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate<\/em> aus der bis dahin vorliegenden Forschung bekannt; sie werden von ihm auch wiedergegeben. Doch erkl\u00e4rt er in seinem Vorwort \u00fcberraschenderweise die weitgehende Unbekanntheit Frenkels zu einer positiven Auszeichnung:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00bbMuss man wirklich mehr wissen? Ich glaube nicht. Was die Besonderheit von <em>Nichts, um sein Haupt zu betten ausmacht<\/em>, ist, dass man die Autorin nicht genau identifizieren kann.\u00ab<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Diese Strategie erlaubt es ihm, das Buch in die N\u00e4he eines anderen Bestsellers zu r\u00fccken, und zwar <em>Eine Frau in Berlin<\/em>. In diesem erstmals 1954 anonym auf Englisch ver\u00f6ffentlichten Bericht thematisiert eine namenlos bleibende Frau ihre Vergewaltigung durch Rotarmisten in den letzten Tagen des Krieges. Doch weder die Erstausgabe noch die f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter auf Deutsch erschienene \u00dcbersetzung waren auf nennenswerte Resonanz gesto\u00dfen. In Frankreich erschien der Titel erstmals 2006 in der Reihe <em>T\u00e9moins<\/em> (Zeugen) bei Gallimard \u2013 dem Verlag, bei dem sp\u00e4ter auch Frenkels Buch erscheinen sollte \u2013 und wurde dadurch zu einem kommerziellen Erfolg. Den mittlerweile bekannten Namen der Autorin, Marta Hillers, unterschl\u00e4gt Modiano und bezeichnet das Buch weiterhin als \u00bbZeugnis einer Anonyma\u00ab,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> als w\u00fcrde die Namenlosigkeit den Wert des Zeugnisses st\u00e4rken. Diesen Umgang \u00fcbertr\u00e4gt er auf Frenkel: \u00bbIch m\u00f6chte das Gesicht von Fran\u00e7oise Frenkel lieber nicht kennen, noch die Wechself\u00e4lle ihres Lebens nach dem Krieg oder ihr Sterbedatum.\u00ab<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Dieses dann doch leicht herablassend wirkende Nichtwissenwollen wird von Defrance erfolgreich gekontert: Ihr \u00bbportrait d\u2019une inconnue\u00ab (Portr\u00e4t einer Unbekannten) gibt Frenkel ein Gesicht und ihre Geschichte zur\u00fcck. Das Cover der Biographie zeigt die eindrucksvolle Portr\u00e4taufnahme einer \u00e4lteren Frau, deren halblanges Haar von einer Spange zur\u00fcckgehalten wird und deren enganliegenden Kragen eine Agraffe ziert. Sie wirkt dadurch etwas zugekn\u00f6pft, ihr Blick unnahbar, dabei aber keineswegs abweisend. Es ist nahezu unm\u00f6glich zu entscheiden, ob sie milde l\u00e4chelt oder doch eher skeptisch dreinblickt. Doch jenseits dieses Interpretationsspielraums ist dies das Bild einer Frau, die gelebt hat und sich selbst als Subjekt ihrer Geschichte verstand, deren einmalige Existenz auch ikonographisch zu belegen ist \u2013 und damit das Gegenteil von dem zu sehen gibt, was Modiano so an der Autorin hervorhebt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">***<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Defrance zufolge war es Frenkels Ziel, als <em>femme de lettres<\/em> zu re\u00fcssieren, die Buchhandlung war dabei eher Mittel zum Zweck. Nachdem die Gesch\u00e4fte schon seit Beginn der 1930er Jahre in dem sich ver\u00e4ndernden gesellschaftlichen Klima immer schlechter liefen, musste sie La Maison du Livre 1937 endg\u00fcltig aufgeben. Im letzten Moment gelang ihr 1939 die Ausreise nach Paris. Nachdem sie als ausl\u00e4ndische J\u00fcdin auch in Frankreich nicht mehr sicher war, gelang ihr schlie\u00dflich die Flucht in die sichere Schweiz. Dort schrieb sie <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate<\/em>; als Autorinnennamen w\u00e4hlte sie das franz\u00f6sisch klingende \u00bbFran\u00e7oise Frenkel\u00ab (ihre Erz\u00e4hlungen waren zuvor unter dem Namen \u00bbFanny Frenkel\u00ab erschienen). Nach dem Krieg lie\u00df sie sich in Nizza nieder, wo sie nach einigen vergeblichen Versuchen 1950 endlich die franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft erhielt. Ihre Karriere als Schriftstellerin nahm indessen keinen gl\u00fccklichen Verlauf. Ihr Autobiographie fand kaum mehr neue Leser oder Leserinnen, das Nachfolgeprojekt <em>Pour avoir surv\u00e9cu <\/em>(Daf\u00fcr, \u00fcberlebt zu haben) gleich gar keinen Verleger. Weitere Projekte blieben unvollendet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">En passant rekonstruiert Defrance das schriftstellerische \u0152uvre Frenkels, ihr ist es sogar gelungen, einige der verschollen geglaubten Schriften wie die Pariser Abschlussarbeit und eine bis dato unbekannte deutsche Fassung von <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate<\/em> wiederzufinden. Das einzige Vers\u00e4umnis dieser ansonsten \u00fcberzeugenden Biographie mag darin bestehen, keine Bibliographie von Frenkels Schriften zu enthalten. Eine solche h\u00e4tte dem Portr\u00e4t der <em>femme de lettres<\/em> noch mehr Kontur verliehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\">***<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3372 alignright\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251-221x300.jpg\" alt=\"\" width=\"221\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251-221x300.jpg 221w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251-755x1024.jpg 755w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251-768x1042.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251-1132x1536.jpg 1132w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251-1510x2048.jpg 1510w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251-1200x1628.jpg 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/G05251.jpg 1654w\" sizes=\"auto, (max-width: 221px) 85vw, 221px\" \/><\/a>Einige zuvor unver\u00f6ffentlichte und wiedergefundene Texte Frenkels sind parallel zur Biographie ebenfalls bei Gallimard erschienen, in einer allerdings etwas unentschlossen wirkenden Sammlung (Fran\u00e7oise Frenkel: <em>Zone de la douleur. In\u00e9dits et textes retrouv\u00e9s<\/em>, Paris: L\u2019arbal\u00e8te\/Gallimard 2022). Das beginnt damit, dass die Herausgeberschaft nicht namentlich ausgewiesen wird. Dass auf eine chronologische Anordnung verzichtet und nach Textgenre sortiert wurde, mag angesichts der Tatsache, dass die nachgelassenen Texte offenbar nicht datiert sind, verst\u00e4ndlich sein. Gleichwohl w\u00e4ren pr\u00e4zisere bibliographische Angaben m\u00f6glich gewesen. Einen Teil der hier versammelten Texte hat Frenkel \u00fcbrigens auf Deutsch verfasst (in ihren Berliner Jahren, wird man vermuten d\u00fcrfen). Aber dass wir es mit einer Autorin zu tun haben, die in gleich zwei Sprachen schrieb, die nicht ihre Muttersprachen waren, wird unverst\u00e4ndlicherweise nicht weiter kommentiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Von besonderem Interesse d\u00fcrften neben Frenkels Beobachtungen zum traditionellen Ostjudentum jene Texte sein (manche kaum mehr als kurze Skizzen), die sich autobiographisch lesen lassen. Defrance hat dies im Kontext ihrer Biographie mit aller gebotenen Vorsicht und deshalb mit Gewinn getan. Doch einige der st\u00e4rker literarischen Texte belegen auch Frenkels schriftstellerische Qualit\u00e4ten. <em>Le livre de Dosto\u00efevski<\/em>, der l\u00e4ngste des Bandes, erz\u00e4hlt im Stil einer M\u00e9rim\u00e9e\u2019schen Novelle die platonische Liebe einer \u00e4lteren Franz\u00f6sin zu einem jungen Russen, dessen Spur sich im Ersten Weltkrieg verliert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Es ist zu hoffen, dass eines Tages eine Gesamtausgabe erscheinen wird, die alle Schriften Fran\u00e7oise Frenkels \u2013 editionsphilologisch sauber aufbereitet \u2013 enth\u00e4lt. Eine \u203agro\u00dfe\u2039 Autorin wird dort nicht zu entdecken sein. Doch sie k\u00f6nnte die von Defrance nachgezeichnete transnationale Geschichte einer j\u00fcdischen Frau, die im Osten Polens geboren wurde, ihre intellektuelle Sozialisation durch die franz\u00f6sische Kultur und Literatur erfahren und die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe des 20. Jahrhunderts \u00fcberlebt hat, um eine entscheidende Dimension erg\u00e4nzen. Auch d\u00fcrfte es interessant sein zu sehen, wie sich die Selbst\u00fcbersetzung von <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate<\/em> darstellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Frenkels Lebensgeschichte mag nur eine von vielen sein, aber der biographische Zugriff auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts vermag es nicht nur, Geschichte anschaulich zu machen, sondern speziell die weibliche Perspektive einzuholen, die in der historischen Darstellung nach wie vor h\u00e4ufig zu kurz kommt. Es ist ein Gl\u00fccksfall, dass Corine Defrance sich Modianos Einsch\u00e4tzungen nicht zu eigen gemacht hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: helvetica;\"><em>Der Sprach- und Kulturwissenschaftler\u00a0<a style=\"color: #e63348;\" href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/naguschewski.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dirk Naguschewski<\/a>\u00a0ist am ZfL zust\u00e4ndig f\u00fcr Wissenstransfer und Kommunikation und der Redaktionsleiter des ZfL Blog.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Fran\u00e7oise Frenkel: <em>Nichts, um sein Haupt zu betten<\/em>, mit einem Vorwort von Patrick Modiano. Dossier von Fr\u00e9d\u00e9ric Maria, \u00fcbers. von Elisabeth Edl, M\u00fcnchen 2016.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Das Buch enth\u00e4lt eine sehenswerte Aufnahme der Buchhandlung, die Defrance in der Entsch\u00e4digungsakte im Berliner Landesamt f\u00fcr B\u00fcrger- und Ordnungsangelegenheiten gefunden hat und auf der sogar einzelne zum Verkauf angebotene Titel zu erkennen sind. 1953 beginnt Frenkel, Antr\u00e4ge auf Entsch\u00e4digung bei den deutschen Beh\u00f6rden einzureichen. Bis 1967 erh\u00e4lt sie Reparationszahlungen in H\u00f6he von insgesamt 15.386 DM.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Frenkel: <em>Nichts, um sein Haupt zu betten<\/em> (Anm. 1), S. 7.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ebd., S. 8.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Dirk Naguschewski: Das Leben erinnern. Die Berliner Buchh\u00e4ndlerin und femme de lettres Fran\u00e7oise Frenkel, in: ZfL Blog, 19.8.2024, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/08\/19\/dirk-naguschewski-das-leben-erinnern-die-berliner-buchhaendlerin-und-femme-de-lettres-francoise-frenkel\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/08\/19\/dirk-naguschewski-das-leben-erinnern-die-berliner-buchhaendlerin-und-femme-de-lettres-francoise-frenkel\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20240819-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/<\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">1<\/span><span style=\"font-family: helvetica;\">0.13151\/zfl-blog\/20240819-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20240819-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/08\/19\/dirk-naguschewski-das-leben-erinnern-die-berliner-buchhaendlerin-und-femme-de-lettres-francoise-frenkel\/\",\n  \"additionalType\": \"Review\",\n  \"name\": \"Das Leben erinnern. DIE BERLINER BUCHH\u00c4NDLERIN UND FEMME DE LETTRES FRAN\u00c7OISE FRENKEL\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Dirk Naguschewski\",\n    \"givenName\": \"Dirk\",\n    \"familyName\": \"Naguschewski\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-0685-9518\"\n  },\n  \"license\": \"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/3.0\/legalcode\",\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2024-08-19\",\n  \"datePublished\": 2024,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"@id\": \"https:\/\/ror.org\/00bpta863\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung\"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 1945 erschien im Z\u00fcricher Verlag J. H. Jeheber die auf Franz\u00f6sisch verfasste Autobiographie von Fran\u00e7oise Frenkel (1889\u20131975), einer polnischen J\u00fcdin, der es gelungen war, dem Nazi-Terror zu entkommen: Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate (auf Deutsch: Nichts, um sein Haupt zu betten). Bis 1937 hatte Frenkel die einzige franz\u00f6sische Buchhandlung in Berlin gef\u00fchrt. 1943 <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/08\/19\/dirk-naguschewski-das-leben-erinnern-die-berliner-buchhaendlerin-und-femme-de-lettres-francoise-frenkel\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[826,99,45,828,825,669,104,559,93,827],"class_list":["post-3370","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lektueren","tag-autobiographie","tag-berlin","tag-biographie","tag-erinnerungsliteratur","tag-francoise-frenkel","tag-franzoesische-literatur","tag-historiographie","tag-juedische-geschichte","tag-lebenswissen","tag-patrick-modiano"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3370"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3370\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3500,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3370\/revisions\/3500"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}