{"id":3452,"date":"2024-11-25T13:27:59","date_gmt":"2024-11-25T11:27:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3452"},"modified":"2025-07-15T11:02:22","modified_gmt":"2025-07-15T09:02:22","slug":"pola-gross-schreiben-und-leben-clarice-lispectors-cronicas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/11\/25\/pola-gross-schreiben-und-leben-clarice-lispectors-cronicas\/","title":{"rendered":"Pola Gro\u00df: SCHREIBEN UND LEBEN &#8211; CLARICE LISPECTORS CR\u00d4NICAS"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Clarice Lispector (1920\u20131977) gilt als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. W\u00e4hrend ihr umfangreiches Werk im angels\u00e4chsischen, lateinamerikanischen und franz\u00f6sischsprachigen Raum mittlerweile im Kontext von Feminismus, Posthumanismus und postkolonialer Literatur diskutiert wird, ist die brasilianische Autorin im deutschsprachigen Raum nur Wenigen bekannt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Das mag vor allem an veralteten, vergriffenen, zuweilen schlicht mangelhaften \u00dcbersetzungen liegen. Doch auch die Literaturkritik hat dazu beigetragen: Eine vorrangig biographische Lekt\u00fcre hat Lispectors Romane und Erz\u00e4hlungen einerseits viel zu lange in Richtung \u203aFrauenliteratur\u2039 ger\u00fcckt, andererseits wurde sie vorschnell als zu komplex bzw. unverst\u00e4ndlich abgetan oder als \u203ahermetisch\u2039 verkl\u00e4rt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Lispectors literarische Ausdrucksformen und ihr spezifischer Zugriff auf Sprache und Welt lassen sich mit derartigen Etiketten nicht fassen.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Seit der \u00dcbersetzung der in den USA sehr erfolgreichen Biographie <em>Why This World: A Biography of Clarice Lispector<\/em> von Benjamin Moser ins Deutsche<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> \u00e4ndert sich das. Einige ihrer Werke wurden neu \u00fcbersetzt: 2016 erschien ihr Roman <em>Der gro\u00dfe Augenblick<\/em> bei Sch\u00f6ffling &amp; Co., 2019 und 2020 die beiden B\u00e4nde ihrer <em>S\u00e4mtlichen Erz\u00e4hlungen<\/em> bei Penguin und 2022 unter dem Titel <em>Ich und Jimmy<\/em> eine weitere Auswahl von Kurzgeschichten bei Manesse. Alle diese Neu\u00fcbersetzungen stammen von Luis Ruby, der auch f\u00fcr die \u00dcbersetzung und Herausgabe einer Sammlung ihrer <em>cr\u00f4nicas<\/em> verantwortlich ist, die nun erstmals auf Deutsch vorliegen und um die es im Folgenden gehen soll: Clarice Lispector: <em>Wof\u00fcr ich mein Leben gebe. Kolumnen 1946<\/em><em>-1977<\/em> (M\u00fcnchen: Penguin 2023).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die <em>cr\u00f4nica<\/em> ist eine typisch brasilianische Literaturgattung, die einen festen Platz in den Feuilletons der Zeitungen und Magazine des Landes einnimmt. Sie ist vergleichbar mit journalistischen Darstellungsformen wie Essay, Reportage, Glosse, Kommentar, Rezension oder Kolumne, ohne jedoch in einer dieser Formen aufzugehen. Die moderne <em>cr\u00f4nica<\/em> hat sich in den 1930er Jahren entwickelt<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und zeichnet sich vor allem durch K\u00fcrze, Einfachheit, Aktualit\u00e4tsbezug und eine Offenheit der Schreibweise aus. Diese kann dokumentarisch und journalistisch, aber auch subjektivistisch, autobiographisch, poetisch oder humorvoll sein. H\u00e4ufig erscheinen <em>cr\u00f4nicas<\/em> in regelm\u00e4\u00dfiger Folge, Thema sind pers\u00f6nliche Anekdoten, Erlebnisse und Erinnerungen ebenso wie die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen in Brasilien; nicht selten ist beides miteinander verkn\u00fcpft.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> \u00dcberhaupt ist der Bezug zur historischen Realit\u00e4t des Landes, sowohl zu seinen emanzipatorischen Projekten als auch zu seinen politischen und sozialen Konflikten, von Beginn an ma\u00dfgebend f\u00fcr das Genre.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Sammlung <em>Wof\u00fcr ich mein Leben gebe <\/em>basiert auf der Gesamtausgabe <em>Todas as cr\u00f4nicas<\/em> (2018), die alle von Lispector ver\u00f6ffentlichten <em>cr\u00f4nicas<\/em> enth\u00e4lt. W\u00e4hrend die englischsprachige Ausgabe von 2022 ebenfalls auf Vollst\u00e4ndigkeit bedacht ist, beschr\u00e4nkt sich Ruby auf eine repr\u00e4sentative Auswahl von etwa einem Drittel des Gesamtumfangs. Damit wolle er ber\u00fccksichtigen, \u00bbwas ein mit dem Brasilien der damaligen Zeit unvertrautes Publikum ohne allzu viele Erl\u00e4uterungen aufnehmen kann\u00ab.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> So enth\u00e4lt der Band vor allem jene Artikel, die Lispector zwischen 1967 und 1973 jeweils am Samstag in der traditionsreichen Tageszeitung <em>Journal do Brasil<\/em> ver\u00f6ffentlichte, bis ihr Vertrag aufgrund einer antisemitischen Kampagne pl\u00f6tzlich gek\u00fcndigt wurde.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In ihren c<em>r\u00f4nicas<\/em> erz\u00e4hlt sie bevorzugt von Begebenheiten aus ihrem Leben in Rio de Janeiro. Sie berichtet von Gespr\u00e4chen mit Taxifahrern, von skurrilen Geschenken, wie etwa einem Oktopus von einer fremden Frau, die zuvor einen ihrer Beitr\u00e4ge gelesen hatte, von Begegnungen mit Bekannten und anderen K\u00fcnstler:innen, von Konzert- und Kinobesuchen. Sie teilt Erinnerungen an ihre Kindheit, schildert Erlebnisse mit Freund:innen oder gibt Einblicke in ihren Schreiballtag. Immer wieder spricht sie ihr Publikum direkt an, greift Vorschl\u00e4ge aus Briefen von Leserinnen und Lesern auf oder nimmt Bezug auf positive wie negative Kommentare. Und sie korrespondiert mit anderen <em>cronistas <\/em>\u00fcber ihre Texte, z.B. mit dem bekannten Sportreporter Armando Nogueira, dem sie einen Text abringt, in dem er nicht \u00fcber Fu\u00dfball, sondern \u00fcber das Leben und sich selbst schreibt (90-97), oder mit einem der bekanntesten Vertreter des Genres, Rubem Braga, dem sie auf seine Kritik, sie sei keine gute <em>cronista<\/em>, mit einem Hinweis auf ihren Erfolg bei den Leser:innen antwortet (265).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auf den ersten Blick kommen Lispectors Texte leichtf\u00fc\u00dfig daher, plaudernd und humorvoll l\u00e4sst sie die Leser:innen an ihrem Alltag teilhaben. Die starke Ich-Perspektive und der teilweise assoziativ anmutende Aufbau ihrer Texte machen aus, was Lispector selbst ihren \u00bbnat\u00fcrlichen Stil\u00ab (163) nennt. Immer wieder betont sie ihren intuitiven Zugang zur Literatur, unterstreicht, wie eng ihr Leben und Schreiben verwoben seien und dass sie keine Anleitung zum Schreiben geben k\u00f6nne, da sich in ihr \u00bbder Prozess und die Ausarbeitung unbewusst\u00ab abspielten, \u00bbbis alles reift und an die Oberfl\u00e4che kommt\u00ab (ebd.). Zugleich demonstrieren \u00fcberraschende Perspektivwechsel, abrupte Wendungen oder Pointen sowie anekdotische, aphoristische und pointierte bis hin zu lyrischen und experimentellen Schreibweisen und Darstellungsformen, dass Lispector die ganze Bandbreite literarischen Schreibens beherrscht und keineswegs v\u00f6llig unbedarft drauflos schreibt. Zahlreiche <em>c<\/em><em>r\u00f4nicas<\/em>, in denen sie ihr eigenes Schreiben reflektiert, zeugen von einem ausgepr\u00e4gten Sprach- und Ausdrucksbewusstsein \u2013 womit sie, wie zahlreiche ihrer Zeitgenossen anerkennend feststellten, der portugiesischen Sprache ganz neue Dimensionen erschloss.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">W\u00e4hrend in einigen Texten Lispectors literarische Bildung deutlich wird &#8211; so empfiehlt sie ihren S\u00f6hnen etwa die Lekt\u00fcre von Anton Tschechow, berichtet, dass sie als junge Frau selbst gerne Hermann Hesse gelesen hat und weist den von der Literaturkritik h\u00e4ufig angestellten Vergleich mit Virginia Woolf zur\u00fcck -,<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> bezeichnet sie sich in anderen als unbelesen und lehnt die Bezeichnungen \u203aIntellektuelle\u2039 oder gar \u203aLiteratin\u2039 f\u00fcr sich ab. Das ist nur zu einem Teil Koketterie. Es geht ihr vor allem darum, etablierte sprachliche Formen und konventionelle literarische Muster, die mit solchen Bezeichnungen verbunden sind, zur\u00fcckzuweisen und f\u00fcr ein anderes Schreiben einzutreten:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbIch bin ein Mensch, der ein Herz hat, das gelegentlich wahrnimmt, ich bin ein Mensch, der sich in den Kopf gesetzt hat, eine Welt in Worte zu fassen, die sich nicht verstehen l\u00e4sst, eine Welt, die sich nicht greifen l\u00e4sst.\u00ab (140)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es ist gerade die Spannung zwischen intuitivem Schreiben und \u00e4sthetischer Reflexion, die Lispectors <em>cr\u00f4nicas<\/em> so interessant macht. Immer wieder hinterfragt sie zudem Zuschreibungen der Literaturkritik, die ihre Person oder ihre Literatur betreffen. So stellt sie klar, dass ihre Romane \u00bbnicht ann\u00e4hernd autobiografisch\u00ab (85) seien und macht sich \u00fcber den Widerspruch lustig, dass sie einen Preis f\u00fcr ein Kinderbuch gewonnen hat, zugleich aber als hermetische Schriftstellerin gelte (86f.).<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00dcber ihre Herkunft sprach Lispector in der \u00d6ffentlichkeit kaum. Eine Ausnahme stellt eine <em>cr\u00f4nica <\/em>vom 14. November 1970 mit dem Titel <em>Erkl\u00e4rung ein f\u00fcr alle Mal<\/em> dar, in der sie sich gegen kursierende Ger\u00fcchte \u00fcber ihre Biographie verwahrt: \u00bbDa ist kein R\u00e4tsel, das Anlass zu Mythen g\u00e4be, tut mir leid\u00ab (213). Anschlie\u00dfend beschreibt sie die Flucht ihrer Familie vor antisemitischen Pogromen aus der Ukraine und wie sie Anfang der 1920er Jahre nach Brasilien kam und sp\u00e4ter eingeb\u00fcrgert wurde. Sie versteht sich als Brasilianerin und betont immer wieder die Bedeutung der portugiesischen Sprache f\u00fcr ihr Leben und Schreiben. Dazu passt, dass Lispector bewusst unrichtige Angaben zu ihrem Alter bei der Einwanderung nach Brasilien macht. Sie sei kaum \u00e4lter als zwei Monate gewesen, als sie nach Brasilien kam, h\u00e4tte \u00bbum wenige Monate geborene Brasilianerin\u00ab (214) sein k\u00f6nnen. Durch eine Fu\u00dfnote des \u00dcbersetzers und Herausgebers erfahren wir jedoch, dass Lispector bei ihrer Einreise \u00fcber ein Jahr alt gewesen sein muss. Die falsche Angabe mag einerseits verdeutlichen, wie wichtig ihr die Zugeh\u00f6rigkeit zu Brasilien war und vor allem, wie sehr sie sich gen\u00f6tigt sah, ihr \u203aBrasilianischsein\u2039 zu beweisen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Sie l\u00e4sst sich aber auch als Strategie des eigenen Schreibens verstehen. Lispector betreibt Ent- und Re-Mystifizierung zugleich, um ihre Literatur von ihrer Biographie zu l\u00f6sen und gleichzeitig die enge Verbindung von Schreiben und Leben zu behaupten:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbMerken Sie, wie unbek\u00fcmmert ich schreibe? Ohne viel Sinn, aber unbek\u00fcmmert. Wen schert schon der Sinn? Der Sinn bin ich.\u00ab (173)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Solche halbernsten \u00c4u\u00dferungen sollten nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass es Lispector mit ihren literarischen Arbeiten um mehr ging als um sie selbst. Von einer Journalistin gefragt, was sie von \u203aengagierter Literatur\u2039 hielte, antwortet sie:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbTats\u00e4chlich f\u00fchle ich mich engagiert. Alles, was ich schreibe, ist, wenigstens in mir, mit der Wirklichkeit verbunden, in der wir leben.\u00ab (69)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ihre <em>cr\u00f4nicas<\/em> offenbaren daher vielleicht noch deutlicher als ihre Romane und Erz\u00e4hlungen, wie wenig das weit verbreitete Bild von Lispector als g\u00e4nzlich unpolitischer Schriftstellerin zutrifft.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Insbesondere in einigen ihrer fr\u00fchen, vor allem kurz vor den Protesten gegen die herrschende Milit\u00e4rdiktatur 1968 und w\u00e4hrenddessen geschriebenen Texten \u00e4u\u00dfert sie sich politisch, was angesichts des gewaltt\u00e4tigen Regimes nicht ohne Risiko war. Sie schreibt einen offenen Brief an den Bildungsminister und setzt sich darin f\u00fcr die Bildungschancen junger Brasilianerinnen und Brasilianer ein (81-84), sie kritisiert den Umgang mit der indigenen Bev\u00f6lkerung Brasiliens (102-104) und \u00e4u\u00dfert ihre Wut \u00fcber die Kinderarmut in ihrem Land (127). Wiederholt finden ihre Gerechtigkeits-, Menschen- und Tierliebe Ausdruck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In anderen Texten wiederum weist Lispector indirekt auf politische und soziale Missst\u00e4nde hin. W\u00e4hrend sie ihr Publikum an einem Schreibtag teilhaben l\u00e4sst, indem sie ihre Gedanken und Eindr\u00fccke teilt sowie kleine Unterbrechungen wie den Besuch von Handwerkern schildert, thematisiert sie beil\u00e4ufig die hohen Lebenshaltungskosten in Rio, die auch ihr zu schaffen machen (230). In einem anderen Artikel berichtet sie von der Suche nach einer Sekret\u00e4rin und erw\u00e4hnt wie nebenbei den \u00bbenorme[n] Stellenmangel\u00ab (147), der viele junge Brasilianer:innen betrifft. Nach dem ber\u00fcchtigten <em>Ato Institucional N\u00famero Cinco<\/em>, einem Dekret der Milit\u00e4rregierung, das dem Pr\u00e4sidenten nahezu unbegrenzte Befugnisse einr\u00e4umte, die Vorzensur legalisierte und Folter und andere Formen der Einsch\u00fcchterung institutionalisierte, formulierte Lispector ihre politischen Ansichten vorsichtiger:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbJeder Mensch ist verantwortlich f\u00fcr die ganze Welt.\u00ab (151)<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dass Lispectors <em>cr\u00f4nicas<\/em> nun endlich auf Deutsch vorliegen, ist ein doppelter Gl\u00fccksfall. Neuen Leser:innen bieten sie einen unmittelbaren Einstieg in ihr Denken und Schreiben. Mit ihrem Werk vertraute Leser:innen erhalten Einblicke in ihre Schreibpraktiken und Schreibreflexionen, zumal einige der Texte literarische Einf\u00e4lle Lispectors enthalten, die sie sp\u00e4ter in l\u00e4ngeren Prosatexten ausgearbeitet hat. Um \u00dcberschneidungen mit den bereits auf Deutsch ver\u00f6ffentlichten Erz\u00e4hlungen zu vermeiden, verzichtet Ruby jedoch darauf, zu viele dieser st\u00e4rker literarischen <em>cr\u00f4nicas<\/em> aufzunehmen. Das ist schade, denn gerade der Nachvollzug der Ver\u00e4nderung eines Textes oder von dessen Zirkulation in Lispectors Oeuvre h\u00e4tte weitere Einblicke in ihre Denk- und Arbeitsweise erlaubt. \u00dcberhaupt leuchtet nicht an jeder Stelle ein, weshalb bestimmte Texte aufgenommen wurden, andere hingegen nicht. So stehen zwei <em>cr\u00f4nicas<\/em> der Originalausgabe in engem Zusammenhang mit Lispectors Roman <em>Die belagerte Stadt<\/em>; ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde allerdings nur der am 14. Februar 1970 erschienene Text <em>Lembran\u00e7a de uma fonte, de uma cidade<\/em> (<em>Erinnerung an eine Br\u00fccke, an eine Stadt<\/em>). Der eine Woche sp\u00e4ter erschienene Beitrag <em>Carta atrasada<\/em>, in dem Lispector auf ihre besondere Schreibweise in <em>Die belagerte Stadt<\/em> eingeht, dagegen fehlt. Auch <em>A favor do medo <\/em>von 1967 hat es nicht in die deutsche Ausgabe geschafft. Dabei ist gerade dieser Text literarisch von besonderem Interesse, da die Reflexion \u00fcber eine unbestimmte Angst vor einem Spaziergang mit einem fremden Mann nicht nur eine sehr pers\u00f6nliche Ebene ber\u00fchrt, sondern auch den Blick f\u00fcr Formen struktureller Gewalt \u00f6ffnet, die sowohl zwischen den Geschlechtern herrscht als auch das Leben in einer Diktatur pr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Trotz dieser Auslassungen ist Ruby eine sehr ansprechende, gut lesbare Ausgabe gelungen, die dem deutschen Publikum endlich einen wesentlichen Teil von Lispectors literarischem Werk und Schaffen n\u00e4herbringt und dar\u00fcber hinaus einen Eindruck in das Brasilien ihrer Zeit gew\u00e4hrt.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Die Literaturwissenschaftlerin <\/em><a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/gross.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Pola Gro\u00df<\/em><\/a><em> arbeitet am ZfL im Schwerpunktprojekt \u00bb<\/em><a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/stil-geschichte-und-gegenwart.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Stil. Geschichte und Gegenwart<\/em><\/a><em>\u00ab. <\/em><em>Gemeinsam mit Oliver Precht (ZfL) und Hanna Sohns (LMU M\u00fcnchen) organisiert sie derzeit die erste Tagung zu Clarice Lispector im deutschsprachigen Raum, die voraussichtlich 2026 am ZfL stattfinden wird. <\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. ausf\u00fchrlich zur Rezeptionsgeschichte Leonie Meyer-Krentler: <em>Clarice Lispector \u2013 Weltliteratur? \u00dcbersetzungs- und Rezeptionsdynamiken im 20. und 21. Jahrhundert<\/em>, Berlin\/Boston 2021.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ein Beispiel daf\u00fcr ist die geradezu geh\u00e4ssige Besprechung im <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/play\/tv\/literaturclub\/video\/nahe-dem-wilden-herzen-von-clarice-lispector?urn=urn:srf:video:75a6272e-44fa-4fdc-ae9c-993b5f72429d\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SRF Literaturclub<\/a> vom 10.9.2013.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Benjamin Moser: <em>Clarice Lispector. Eine Biographie<\/em>, Frankfurt a.M. 2013. Da Moser teilweise fiktionale Texte Lispectors nutzt, um ihr Leben nachzuzeichnen, ist seine Biographie in der Forschung nicht unumstritten; vgl. Meyer-Krentler: <em>Clarice Lispector<\/em> (Anm. 1), S. 105.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ihre Vorgeschichte reicht zur\u00fcck bis ins Mittelalter; vgl. Thomas Str\u00e4ter: <em>Die brasilianische Chronik (1936<\/em>\u2013<em>1984). Untersuchungen zu moderner Kurzprosa<\/em>, K\u00f6ln 1992, S. 19. Zumal im 19. Jahrhundert sind bedeutende <em>cr\u00f4nicas <\/em>entstanden, etwa die von Machado de Assis, der in seinen Texten die Prozesse um die Abschaffung der Sklaverei und die Ausrufung der ersten Republik 1888\/89 begleitet; vgl. <em>Good Days! Bons Dias! Chronicles of Machado de Assis (1888\u20131889)<\/em>, hg. von Glenn Alan Cheney, London 2018.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Mar\u00edlia J\u00f6hnk: \u00bb<a href=\"http:\/\/www.kleine-formen.de\/enzyklopaedie-cronica\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">cr\u00f4nica<\/a>\u00ab, in: <em>Enzyklop\u00e4die der kleinen Formen<\/em><em>, <\/em>Berlin 2019. J\u00f6hnk bespricht hier <em>Caf\u00e9 Queimado<\/em> (1932) von M\u00e1rio de Andrade, der in dieser <em>cr\u00f4nica<\/em> pers\u00f6nliche Erinnerungen mit einem historischen Ereignis, der Kaffeeverbrennung in Rio de Janeiro, verkn\u00fcpft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Str\u00e4ter: <em>Die brasilianische Chronik<\/em> (Anm. 4).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Luis Ruby: \u00bbVerzeichnis der Kolumnen und Originaltitel\u00ab, in: Clarice Lispector: <em>Wof\u00fcr ich mein Leben gebe. Kolumnen 1946\u20131977<\/em>, M\u00fcnchen 2023, S. 305\u2013314, hier S. 305.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. Paulo Gurgel Valente: \u00bbMaking of\u00ab, in: Lispector: <em>Wof\u00fcr ich mein Leben gebe<\/em> (Anm. 7), S. 295\u2013303, hier S. 302.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Meyer-Krentler: <em>Clarice Lispector<\/em> (Anm. 1), S. 43, zeichnet ebenfalls Lispectors literarische und philosophische Lekt\u00fcren nach.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. dazu das legend\u00e4re <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xZ5I1GZvTj0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fernsehinterview<\/a> von Februar 1977, in dem sie sich wundert, wie sie zugleich eine popul\u00e4re und eine hermetische Schriftstellerin sein k\u00f6nne.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Lispector sah sich immer wieder damit konfrontiert, dass sie und ihre Sprache als fremd oder nicht brasilianisch wahrgenommen wurden. Bei aller Bewunderung verdeutlicht das auch der Kommentar des brasilianischen Dichters L\u00eado Ivo: \u00bbEine greifbare und annehmbare Erkl\u00e4rung fu\u0308r das Geheimnis von Lispectors Stil und Sprache wird es zweifellos nicht geben. Die Fremdheit ihrer Prosa ist eine der schlagendsten Erscheinungen in der Geschichte unserer Literatur, ja, in der Geschichte unserer Sprache. [&#8230;] Man ist geneigt zu sagen: Sie, die eingebu\u0308rgerte Brasilianerin, hat eine Sprache eingebu\u0308rgert.\u00ab Zit. nach Moser: <em>Clarice Lispector<\/em> (Anm. 3), S. 25.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> F\u00fcr eine grundlegende Revision dieses Bildes vgl. Oliver Precht: \u00bbClarice Lispector: The Revolution and the Chicken\u00ab, in: <em>Texte zur Kunst<\/em> 120 (2020), S. 122\u2013125 sowie dessen f\u00fcr Herbst 2025 angek\u00fcndigte Monografie <em>Clarice Lispector. Tropisches Schreiben im Klima der Diktatur<\/em>.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Pola Gro\u00df: Schreiben und Leben \u2013 Clarice Lispectors <em>cr\u00f4nicas<\/em>, in: ZfL Blog, 25.11.2024, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/11\/25\/pola-gross-schreiben-und-leben-clarice-lispectors-cronicas\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/11\/25\/pola-gross-schreiben-und-leben-clarice-lispectors-cronicas\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20241125-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20241125-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20241125-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/11\/25\/pola-gross-schreiben-und-leben-clarice-lispectors-cronicas\/\",\n  \"additionalType\": \"Review\",\n  \"name\": \"SCHREIBEN UND LEBEN \u2013 CLARICE LISPECTORS CR\u00d4NICAS\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Pola Gro\u00df\",\n    \"givenName\": \"Pola\",\n    \"familyName\": \"Gro\u00df\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0003-2572-7425\"\n  },\n  \"license\": \"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/3.0\/legalcode\",\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2024-11-25\",\n  \"datePublished\": 2024,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"@id\": \"https:\/\/ror.org\/00bpta863\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung\"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clarice Lispector (1920\u20131977) gilt als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. W\u00e4hrend ihr umfangreiches Werk im angels\u00e4chsischen, lateinamerikanischen und franz\u00f6sischsprachigen Raum mittlerweile im Kontext von Feminismus, Posthumanismus und postkolonialer Literatur diskutiert wird, ist die brasilianische Autorin im deutschsprachigen Raum nur Wenigen bekannt.[1] Das mag vor allem an veralteten, vergriffenen, zuweilen schlicht mangelhaften \u00dcbersetzungen liegen. <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/11\/25\/pola-gross-schreiben-und-leben-clarice-lispectors-cronicas\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[846,624,844,845,847,384,848,271,71],"class_list":["post-3452","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lektueren","tag-brasilianische-literatur","tag-brasilien","tag-clarice-lispector","tag-kolumnen","tag-luis-ruby","tag-schreibstil","tag-schreibweise","tag-stil","tag-weltliteratur"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3452","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3452"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3452\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3797,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3452\/revisions\/3797"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3452"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3452"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3452"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}