{"id":349,"date":"2017-03-24T09:10:24","date_gmt":"2017-03-24T07:10:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=349"},"modified":"2025-03-04T15:46:02","modified_gmt":"2025-03-04T13:46:02","slug":"christina-pareigis-der-abwesende-gott-abraham-sutzkeveravrom-brudno-unter-dayne-vayse-shtern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/03\/24\/christina-pareigis-der-abwesende-gott-abraham-sutzkeveravrom-brudno-unter-dayne-vayse-shtern\/","title":{"rendered":"Christina Pareigis: DER ABWESENDE GOTT.  Abraham Sutzkever\/Avrom Brudno: \u00bbunter dayne vayse shtern\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Als der jiddische Dichter Abraham Sutzkever 1943 im Ghetto von Wilna sein Gedicht <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=AS5_rhQ9RQo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbunter dayne vayse shtern\u00ab<\/a> (\u00bbUnter deinen wei\u00dfen Sternen\u00ab) schrieb, hatte er bereits die Ermordung der H\u00e4lfte aller j\u00fcdischen Einwohner der litauischen Hauptstadt, darunter seine Mutter und sein neugeborenes Kind, erlebt. Er selbst \u00fcberlebte die Vernichtung zun\u00e4chst in der durch die Deutschen besetzten Stadt <em>\u2013 <\/em> bis dahin auch \u00bbYerushalyim de Lite\u00ab genannt <em>\u2013<\/em>, dann im Ghetto und sp\u00e4ter als Partisan in den Naroczer W\u00e4ldern, von wo aus er noch w\u00e4hrend des Krieges nach Moskau gelangte. Nachdem er bei den N\u00fcrnberger Prozessen als Zeuge ausgesagt hatte, emigrierte er schlie\u00dflich 1947 \u00fcber Polen und Frankreich nach Erez Israel, wo er bis zu seinem Tod 2010 lebte und schrieb. So wendungsreich sein Lebensweg war, so vielschichtig sind seine lyrischen Texte. Immer neu kreisen sie um das Gedenken an die Ermordeten und versuchen, dem drohenden Abbruch j\u00fcdischer Ged\u00e4chtnisgenealogie zu begegnen. <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Als er schon in Israel lebte, bemerkte Sutzkever einmal, er habe nie wieder so viel und so gut geschrieben wie im Ghetto. Die Gedichte aus jener Zeit entstanden unter extremen Umst\u00e4nden: Immer auf der Flucht vor dem allt\u00e4glichen Terror durch die Nazis, versteckte sich Sutzkever in wechselnden Malinen, so wurden die selbstgebauten Verstecke im Ghetto genannt: in Kellerverschl\u00e4gen, in den R\u00f6hren der Kanalisation, im Hohlraum eines Kupferdaches, einmal auch in einem Sarg. In dieser reglosen Enge entstanden Gedichte mit \u00dcberschriften wie \u00bbpenemer in zumpn\u00ab (\u00bbGesichter in S\u00fcmpfen\u00ab) oder \u00bbikh lig in an orn\u00ab (\u00bbIch liege in einem Sarg\u00ab). Darin erscheinen die unterirdischen Kanalg\u00e4nge als schimmernde Geheimstadt, gleicht der Sarg, der ihn umgibt, h\u00f6lzernen Kleidern, sind die Leiber der Ermordeten mit einer blau beleuchteten Marmorschicht \u00fcberzogen, verwandelt sich der letzte Atemzug vor einer Scheinerschie\u00dfung in die zeitlupenhaften Fl\u00fcgelschl\u00e4ge eines Vogelschwarms.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wo die Erfahrung \u00e4u\u00dferster Gewalt auf diese syn\u00e4sthetisch anmutende Sch\u00f6nheit prallt, entstehen lyrische Antworten auf die Frage, wie \u00fcber etwas zu sprechen ist, angesichts dessen jedes Sprechen vergeht; aber auch auf die Frage nach dem Fortbestand der j\u00fcdischen Gemeinschaft in einer Situation, in der die Zerst\u00f6rung nicht allein den Menschen, sondern auch ihren erz\u00e4hlenden Zeugnissen und aller Erinnerung an ihre Gegenwart droht. Dieses panische Bewusstsein f\u00fchrt in den Texten aus Ghetto und Fluchtorten in ein poetisches Wechselspiel zwischen Einblenden und Aktualisieren geschichtlicher und mythischer Erfahrungsmomente aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis und dem aktuell Erlebten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In Erinnerung an jene Jahre erz\u00e4hlt Sutzkever von den Orten, an denen j\u00fcdische Religiosit\u00e4t nunmehr im Verborgenen lebendig war: \u00bbVon den beiden Talmudschulen wusste die Ghettogemeinschaft so gut wie nichts. Nur w\u00e4hrend der Schlachtaktionen drang durch die Stra\u00dfen eine Psalmenmelodie <em>\u2013 <\/em> dann wurden die Stimmen der Jeschiwe-Leute lauter, damit Gott, der au\u00dferhalb des Ghettos wohnte, sie h\u00f6ren und sich erbarmen sollte.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auch Sutzkevers bekannteste Ghetto-Dichtung, vertont von Avrom Brudno und vermutlich uraufgef\u00fchrt in einer Revue des Ghetto-Theaters, thematisiert das R\u00e4tsel des verborgenen g\u00f6ttlichen Antlitzes:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">unter dayne vayse shtern<br \/>\nshtrek tsu mir dayn vayse hant.<br \/>\nmayne verter zenen trern<br \/>\nviln ruen in dayn hant.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">ze, es tunklt zeyer finkl<br \/>\nin mayn kelerdikn blik.<br \/>\nun ikh hob gornit keyn vinkl<br \/>\nzey tsu shenkn dir tsurik.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">un ikh vil dokh, got getrayer,<br \/>\ndir fartroyen mayn farmeg.<br \/>\nvayl es mont in mir a fayer<sup>.<br \/>\n<\/sup>un in fayer \u2011 mayne teg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">nor in kelern un lekher<br \/>\nveynt di merderishe ru.<br \/>\nloyf ikh hekher \u2011 iber dekher<br \/>\nun ikh zukh: vu bistu, vu?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">nemen yogn mikh meshune<br \/>\ntrep un hoyfn \u2011 mit gevoy.<br \/>\nheng ikh \u2011 a geplatste strune<br \/>\nun ikh zing tsu dir azoy:<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">unter dayne vayse shtern<br \/>\nshtrek tsu mir dayn vayse hant.<br \/>\nmayne verter zenen trern<br \/>\nviln ruen in dayn hant.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Beschworen wird ein Psalm Davids: \u00bbWie lange noch, Herr, vergi\u00dft du mich ganz? \/ Wie lange noch verbirgst du das Gesicht vor mir? \/ [\u2026] \/ Wie lange noch darf mein Feind \u00fcber mich triumphieren? \/ Blick doch her, erh\u00f6re mich, Herr, mein Gott, \/ erleuchte meine Augen, damit ich nicht entschlafe und sterbe\u00ab. Und ein paar Verse weiter: \u00bbIch aber baue auf deine Huld, \/ [\u2026] \/ Singen will ich dem Herrn, \/ weil er mir Gutes getan hat.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">\u00bbWie lange noch?\u00ab Die Stimme des Psalmens\u00e4ngers fragt aus der Erfahrung der Gleichg\u00fcltigkeit Gottes und nimmt im n\u00e4chsten Zug den Triumph der g\u00f6ttlichen G\u00fcte vorweg; im Gedicht aus dem Ghetto im Jahr 1943 wird sie \u00fcberblendet von der vergeblichen Hingabe des Dichters\u00e4ngers. Dabei wird die Allegorie des Gottsuchenden in ein nicht-allegorisches Bild verwandelt: Der spricht, ist buchst\u00e4blich auf der Suche. Er l\u00e4uft \u00bbh\u00f6her \u00fcber D\u00e4cher\u00bb, um seinen Gott zu finden; sein Gesang bleibt jedoch ohne Antwort, verliert sich unter den \u00bbSternen\u00bb, dem Abglanz g\u00f6ttlicher Sch\u00f6pfert\u00e4tigkeit in der Welt, dessen Licht die Augen <em>dieses<\/em> S\u00e4ngers nicht mehr zu spiegeln verm\u00f6gen: \u00bbSieh, ihr Funkeln wird tr\u00fcbe \/ In meinem kellernen Blick.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Der <em>Erinnerung<\/em> an die M\u00f6glichkeit einer vertrauensvollen Bindung an den pers\u00f6nlichen Gott entspringt die Melancholie dieses Textes, denn die Zuwendung gilt einem Gott, dessen Anwesenheit <em>jetzt<\/em> nur noch durch die Negation des Zweifels, der aussichtslosen Suche nach einem Verborgenen garantiert ist. \u00bbGott\u00ab ein Zeichen, das nur noch im Schweigen seinen Ort hat, aber dennoch die Vorstellung einer gemeinschaftlichen Vergangenheit erinnert, die das Fortbestehen der Gemeinschaft sichert?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Im Angesicht der Vernichtung vollzieht der Blick zur\u00fcck in die Geschichte, zur\u00fcck nach Jerusalem, die gegenl\u00e4ufige Bewegung dieses Fortbestehens und damit des Fortgangs der j\u00fcdischen Geschichte \u00fcberhaupt: von der G\u00fcte und Allmacht des Sch\u00f6pfergottes Israels zur nicht endenden Suche nach ihm durch sein vergessenes Volk, vom k\u00f6niglichen Lobpreis seiner Gegenwart zum Lied des namenlosen S\u00e4ngers \u00fcber seine irreversible Abwesenheit.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dieser Text erschien erstmals in: <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/publikationen-detail\/items\/trajekte-extra-2010-also-singen-wir.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Trajekte Extra, 2010. Also singen wir. 60 Beitr\u00e4ge zur Kulturgeschichte der Musik<\/em><\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Christina Pareigis: Der abwesende Gott. Abraham Sutzkever\/Avrom Brudno: \u00bbunter dayne vayse shtern\u00ab, in: ZfL BLOG, 24.3.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/03\/24\/christina-pareigis-der-abwesende-gott-abraham-sutzkeveravrom-brudno-unter-dayne-vayse-shtern\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/03\/24\/christina-pareigis-der-abwesende-gott-abraham-sutzkeveravrom-brudno-unter-dayne-vayse-shtern\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170324-01\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170324-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170324-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/03\/24\/christina-pareigis-der-abwesende-gott-abraham-sutzkeveravrom-brudno-unter-dayne-vayse-shtern\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"DER ABWESENDE GOTT. 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