{"id":351,"date":"2017-04-11T16:00:04","date_gmt":"2017-04-11T14:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=351"},"modified":"2025-03-04T15:42:08","modified_gmt":"2025-03-04T13:42:08","slug":"mona-koerte-raoul-schrotts-erste-erde-epos-die-geburt-des-universums-in-einer-untoten-gattung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/04\/11\/mona-koerte-raoul-schrotts-erste-erde-epos-die-geburt-des-universums-in-einer-untoten-gattung\/","title":{"rendered":"Mona K\u00f6rte: RAOUL SCHROTTS \u00bbERSTE ERDE. EPOS\u00ab. Die Geburt des Universums in einer untoten Gattung"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Wer im 21. Jahrhundert von \u203aEpos\u2039 spricht, meint selten die Gattung im Sinne eines ausgreifenden Erz\u00e4hlentwurfs in Versform, als vielmehr das, was von ihr \u00fcbrigblieb: die \u203aepische Breite\u2039. Allerdings ist das einst gattungskonstitutive und heute meist alltagssprachlich gebrauchte Kriterium der epischen Breite l\u00e4ngst gegen die erz\u00e4hlende Gro\u00dfform im Einsatz: Allzu ausladend und weitschweifig, st\u00fcnden Anliegen und Thema \u2013 so der Vorwurf \u2013 in einem Missverh\u00e4ltnis zu Ausf\u00fchrung und Umfang.<br \/>\nEin solches Missverh\u00e4ltnis kann f\u00fcr Raoul Schrotts <a href=\"https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/erste-erde\/978-3-446-25282-0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Erste Erde. Epos<\/em><\/a> sicher nicht gelten, erz\u00e4hlt der Autor hier doch auf 846 Seiten und in sieben B\u00fcchern plus Anhang von nichts Geringerem als der Genesis des Universums auf der Grundlage moderner Naturerkenntnis, Astrophysik und Kosmologie. <!--more--> <span style=\"font-family: helvetica;\">Mit der Frage nach dem Anfang schlie\u00dft Schrott auf k\u00fchne Weise an das Epos als Weltgenre par excellence an, das laut Hegel nicht nur \u203adas Ganze der Welt\u2039, der Natur und des Kosmos darzustellen suchte, sondern diese Totalit\u00e4t zuallererst zu erschaffen beanspruchte, um den Einzelnen und das Pers\u00f6nliche in das gro\u00dfe Ganze einzuhegen. Das f\u00fcr die Exemplare dieser Gattung und ihrer Geschichte wesentliche Moment, das zwischen dem Epos als Abbild einer Totalit\u00e4t und dem Nachbild einer (nicht existenten) Totalit\u00e4t unterscheidet, wird jedoch oft verwischt. So auch bei Schrott, der sein Epos im Nachwort symptomatisch als ein Vorhaben beschreibt, \u00bbin dem sich die Welt vom Urknall bis zum Menschen erz\u00e4hlt\u00ab. Interessant ist hier die reflexive Form des Sich-Erz\u00e4hlens, indem sie suggeriert, dass hier ein Epos ohne Autor entsteht, es sich wie \u00bbdie Welt\u00ab gleichsam selbst bezeugt. Hier wie anderswo erweist sich Schrott als einer, der s\u00fcchtig nach dem Anfang ist, der sich die Teilhabe an ihm r\u00fcckwirkend ertrotzen will. Er w\u00e4re, so scheint es, selbst gern ein durch die eigenm\u00e4chtige und selbstt\u00e4tige Sch\u00f6pfung in unvordenklichen Zeiten entstandenes Elektron oder auch ein Atom\u00adkern oder eine Materiewolke, ein \u203aunpers\u00f6nlicher Protagonist\u2039 (24) der Erdgeschichte eben, vielleicht auch ein dichtendes Urgestein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Es ist also nicht verwunderlich, dass die Reihe seiner Arbeiten im Geist einer Reformulierung des Anfangs lang ist: Zu nennen ist seine Anthologie <em>Die Erfindung der Poesie <\/em>(1999), die aus toten Sprachen \u00fcbertragene Gedichte enth\u00e4lt, dazu die Neu\u00fcbersetzung des <em>Gilgamesh<\/em>-Epos (2001) und die der <em>Ilias <\/em>von Homer (2008), und schlie\u00dflich die Neu\u00fcbersetzung der <em>Theogonie<\/em> des Hesiod (2014), gekr\u00f6nt noch durch sein eigenes <em>Erste Erde. Epos <\/em>(2016). Ein Blick auf diese Reihe zeigt, dass Schrott gerne unsichere Textgrundlagen zum Ausgangspunkt nimmt, wohl weil sie ein \u00dcbertragen und Transformieren notwendig mit sich bringen, dort also philologische und poetische Arbeit zusammenfallen. Einige der genannten Epen machen den gattungsimmanenten Anspruch auf Totalit\u00e4t mit einem sch\u00f6nen Wort von Achim H\u00f6lter \u00bbauch physisch glaubhaft\u00ab<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, da sie ihres Gewichts wegen nur beidh\u00e4ndig aus dem Regal genommen werden k\u00f6nnen. Zu diesem rein physischen \u00dcberzeugungswillen des Buches gesellt sich die audiophile Anlage zumindest des <em>Erste Erde. Epos<\/em>, da die Finanzierung des Vorhabens an die Verpflichtung zu einer zeitgleich erscheinenden H\u00f6rspielfassung gekn\u00fcpft war. Erinnern wir uns daran, dass das epische Subjekt in der Sprechmaske des Rhapsoden auftrat, so finden hier Literaturverwertungsprozesse im Gewand einer \u203aReoralisierung\u2039 statt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Im Zuge einer Wiederkehr gro\u00dfer Erz\u00e4hlungen aktualisiert Schrott die Potentiale dieser totalisierenden Gro\u00dfform, die ihre Vorzugsstellung seit der Antike mehrfach eingeb\u00fc\u00dft und zuletzt im 19. Jahrhundert als Nationalepos wiedererlangt hatte. Allerdings muss, wer im 20. oder 21. Jahrhundert ein Epos schreibt und dieses Wort gar zu einem alliterierenden Titel f\u00fcgt, neben den Effekten auch die Fallh\u00f6he berechnen, die sich aus der Spannung zwischen dem Sujet der Entstehung der Erde und der poetischen Gro\u00dfform als einer (un-)toten Gattung ergibt. Wohl deshalb sind Relativierungen Bestandteil von Schrotts Unterfangen, die es jedoch \u2013 wo sie nicht kosmetisch ausfallen \u2013 nur umso st\u00e4rker gegen Kritik immunisieren: So steht am Anfang wie am Ende des <em>Erste Erde. Epos<\/em> nicht das gesetzte Wort, sondern das Bild einer zuf\u00e4lligen Struktur. Zu sehen ist das Bild von auf Seeb\u00f6den schichtweise abgelagertem, auch Landschafts- oder Ruinenmarmor genanntem Kalkmergel, der eine stark ornamentale Struktur aufweist und eine beliebte Projektionsfl\u00e4che darstellt. Was in dem kreisrunden Bildausschnitt wie ein Abbild der Erde aussieht, ist absolut zuf\u00e4llig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Zu den das Gro\u00dfprojekt in Wahrheit eher abdichtenden Einschr\u00e4nkungen geh\u00f6rt auch das jede Hierarchisierung von W\u00f6rtern einebnende Schriftbild: Mit dem Vorwort l\u00e4sst Schrott die Konvention der Gro\u00df- und Kleinschreibung hinter sich. Auch hier steht zu vermuten, dass der gew\u00fcnschte Effekt dieser (im \u00dcbrigen auch in Schrotts Neu\u00fcbersetzung der <em>Theogonie<\/em> Hesiods vollzogenen) Entscheidung zum Verzicht auf Versalien und Interpunktion etwas mit dem f\u00fcr das Epos im Allgemeinen geltenden, ausgezeichneten Verh\u00e4ltnis zur Welt zu tun hat: Ganz und gar sollen wir uns den Verskolonnen und dem Rhythmus des nach Art eines Panta rhei dahineilenden Prosagedichts \u00fcberlassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><strong>Teil und Ganzes: Prosaische Poesie und poetische Prosa<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Schrott nutzt die Konventionen der Gattung auch nach Art pr\u00e4zise gesetzter (R\u00fcckver-)Sicherungen, die das Vorhaben zugunsten der Vorstellung eines Mosaiks in kleine Einheiten spaltet \u2013 dies jedoch stets im Modus einer pr\u00e4supponierten Totalit\u00e4t. Im Vorwort beschreibt Schrott das Resultat der Gegenstellung von Universellem und Pers\u00f6nlichem als Mischform aus \u00bbdramatischen Monologen \u2013 erz\u00e4hlenden Langgedichten, St\u00fccken eines Epos\u00ab (25). Eine f\u00fcr das Epos als Gattung konstitutive Welthaltigkeit aber verspricht die polyphone Anlage des Buchs, dessen Autor hierf\u00fcr \u203avon sich absehen\u2039 und in Erweiterung der Blickwinkel \u203adurch Masken sprechen\u2039 m\u00f6chte (25): So melden sich eine holl\u00e4ndische Chemikerin, ein isl\u00e4ndischer Vulkanologe, neuseel\u00e4ndische, taiwanesische und deutsche Astronomen, eine Schriftstellerin, ein franz\u00f6sischer Augenarzt, eine in London arbeitende Mikrobiologin, ein Vorarlberger Botaniker, eine polnische Zoologin, eine deutsche Verhaltensforscherin, eine amerikanische Kunsthistorikerin und ein Arch\u00e4ologe zu Wort und erz\u00e4hlen an verschiedenen Orten der Welt von ihren Forschungen. Dabei betten die Sprechenden ihre Gegenst\u00e4nde und Ergebnisse in die jeweiligen Bedingungen ihres Daseins ein; hin und wieder entsteht der Eindruck, dass sich ihr Erkenntnisinteresse unter dem Einfluss einer pers\u00f6nlichen Todeserfahrung ver\u00e4ndert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Mit der Stimme gibt Schrott den f\u00fcr die Epostradition charakteristischen Ausgleich zwischen der Selbstst\u00e4ndigkeit der Teile und ihrer Integration in das Ganze an sein weit verstreutes Figurenarsenal weiter: Manch eine Figur nennt ihre eigenen Beobachtungen \u00bbkaleidoskopische fragmente splitter scherben\u00ab (73). Offensichtlich wird hier die eposkonstitutive Verschr\u00e4nkung des Universellen mit dem Partikularen zu einer elaborierten Erz\u00e4hltechnik: Privates und Kosmologisches schlie\u00dfen sich \u00fcber universelle Themen wie Geburt und Tod zusammen. Doch nicht immer gelingt das \u00bbfigurieren von welt durch den einzelnen\u00ab (658), woran die vielen Singul\u00e4res universalisierenden Alliterationen beteiligt sind: Schon das Vorwort versammelt diese in extenso (so etwa \u00bbTrotz und Trost\u00ab, \u00bbStehen und Sehen\u00ab), im Lauf des Gedichts greift das Verfahren einer poetischen Auff\u00e4cherung von Worten durch das Ausklappen einer eher affektiven Semantik (\u00bbprinzip\u00ab\/\u00bbpartizip\u00ab, \u00bbdicht\u00ab\/\u00bbdichterisch\u00ab) oder eines forcierten Reimeinsatzes (\u00bbsprache\u00ab\/\u00bbbrache\u00ab, \u00bbsehen\u00ab\/\u00bbverstehen\u00ab) sowie Variation (\u00bbpathos\u00ab\/\u00bbbathos\u00ab, \u00bbLaub\u00ab\/\u00bbLaut\u00ab) und Polysemie von K\u00fcrzeln (\u00bbabc\u00ab\/\u00bbdna\u00ab). Leider wirken sich manche dieser Allitera\u00adtionen st\u00f6rend auf gr\u00f6\u00dfere Erz\u00e4hleinheiten aus, wenn durch sie die Reflexionen und Positionen Einzelner brachial allegorisiert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">In einigen Passagen findet Schrott durchaus eine Form f\u00fcr dieses Figurieren von Welt durch den Einzelnen. Dies ist der Fall im 22. Kapitel des sechsten Buches, wo durch die Maske der emeritierten Zoologin Zofia Kalin-Halzska gesprochen wird (490\u2013513). Hier wird ihr \u00dcberleben im von den Nationalsozialisten besetzten Warschau mit der Genese ihrer Reptil- und S\u00e4ugetierforschung enggef\u00fchrt, wodurch Schrott den an sich opaken, komplexen und in der Regel nicht zu isolierenden gegenseitigen Einfluss von Erleben auf Erforschen, von Biografie auf Naturgeschichte in ein spannungsvolles Verh\u00e4ltnis setzt. Schrott konstelliert initiale Momente von Lebens-, Welt- und Naturgeschichte, indem er Kalin-Halzskas Schilderung ihrer Vergewaltigung nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands durch einen SS-Mann mit der genetischen Beschreibung der Entstehung des Sprungbeins der ersten Reptilien vor 320 Jahrmillionen (493) zusammenbringt. Der lichtlosen Haftzelle, in die die angehende Zoologin gesperrt wird, stellt er die Evolution erster S\u00e4ugetiere vor 220 Millionen Jahren gegen\u00fcber, die, nachtaktiv, zun\u00e4chst ein Trommelfell und dann Geruch- und Geh\u00f6rsinn zur besseren Orientierung im Dunkeln ausbildeten (495f.). Schriftbildlich wird diese biografische und naturgeschichtliche Perspektive durch Recte- und Kursivschreibung so arrangiert, dass sie sowohl unabh\u00e4ngig voneinander, als ein je Verschiedenes, als auch in sich zusammenh\u00e4ngend, als ein Gemeinsames gelesen werden k\u00f6nnen. Dies ist im \u00dcbrigen nur ein Beispiel f\u00fcr den visuellen Gestaltungswillen Schrotts, der durch die Kombination von Schrift, Bild und Buchstabe einen semiotischen Bezug zum Inhalt setzt: Hier und da formt er seine Sentenzen zu einem f\u00fcr Antike, Barock und Dadaismus typischen Figurengedicht, um im visuellen Umriss die Kompressionswellen des Urknalls nachzuahmen (47). Auch an anderer Stelle inaugurieren \u203aVersgef\u00e4\u00dfe\u2039 nach Art von Kelch, S\u00e4ule oder Pokal emblematische Zugriffsweisen auf Welt. Dabei stehen Ikonisierungen dieser Art in subtiler Referenz zu der im Buch mehrfach betonten Bedeutung des Auges f\u00fcr die Arbeit von Wissenschaft und Erkenntnis. Sinnliche Wahrnehmung ist die Kategorie, die Verstehen erm\u00f6glicht und Erkenntnis produziert: \u00bbaus dem lateinischen video\u00a0\u2013 \u203aich sehe\u2039 \u2013 \u00ab wurde, wie es bei Schrott hei\u00dft, \u00bbunser Wissen\u00ab (19). Zu Zeugen ebendieses Sehens werden die von Reisen mitgebrachten Fragmente, die im Vorwort die Gew\u00e4hr des Anfangs \u00fcbernehmen: Auf dem Regal des Autors lagern \u00bbMeteoritenbrocken, Splitter von erstem Gestein, der Querschnitt eines Stromatolithen als Absonderung ersten Lebens\u00ab. Auch wenn Schrott sie in scheinbarer Entwertung als ein \u00bbTheater der Dinge\u00ab bezeichnet, die, nicht mehr als \u00bbexemplarische Tokens\u00ab (23), den Schreibprozess in Gang setzen, sind sie materielle Tr\u00e4ger von Evidenz, die den Zusammenhang von Sehen und Wissen immer neu aktualisieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><strong>Anfang \u2013 Analogie \u2013 Allegorie<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Schrotts Epos saugt die leidenschaftliche Debatte um die \u203aEpop\u00f6e\u2039 gleichsam auf, deutlich bereits im ersten Buch, das metapoetisch nach Art eines Epos \u00fcber Epen mit der aus verschiedenen Quellen kollationierten letzten m\u00fcndlichen Weltsch\u00f6pfungsgeschichte der Maori beginnt und im Verlauf schriftlich \u00fcberlieferte antike chinesische Sch\u00f6pfungsmythen aufnimmt. Auch sp\u00e4ter f\u00e4delt er andere Epen wie Lukrez\u2019 Lehrgedicht <em>De rerum natura<\/em> mit ein, das als erstes Epos naturwissenschaftliches Wissen poetisierte. Dabei ist sein Erz\u00e4hlprinzip durch die l\u00e4ngst selbstverst\u00e4ndliche Gewissheit einer in der Rede vom Anfang zu reflektierenden Unverf\u00fcgbarkeit gepr\u00e4gt: Ein Anfang ist nur durch den Filter konkurrierender \u00dcberlieferungen und Apparaturen zu haben. Dennoch sind seine Anf\u00e4nge im emphatischen Sinne Anf\u00e4nge und weniger Signaturen einer Ordnungsleistung in der Zeit, die komplexe Verschr\u00e4nkungen von Nach\u00adtr\u00e4glichkeiten und Vorg\u00e4ngigkeiten zu gew\u00e4rtigen hat. Vom Epos der Maori wandert die Perspektive zu einem neuseel\u00e4ndischen Astronomen, der den Aufbau eines \u00bbDifferential Image Motion Monitors\u00ab in der europ\u00e4ischen S\u00fcdsternwarte der Atacama-W\u00fcste durch drei Astronomen schildert und dabei deren zwischenmenschliche Dynamik mitverhandelt. Der Aufbau dieser Versuchsanordnung soll \u00fcber die Eignung des Standorts zur Errichtung eines Observatoriums entscheiden, \u00bbum mit dem gr\u00f6ssten teleskop der erde zur\u00fcck in die zeit zu schauen [\u2026] ein k\u00fcnstliches auge f\u00fcr den blinden fleck des anfangs\u00ab (44f.). Diese M\u00e4nner wiederum bilden die Br\u00fccke zum n\u00e4chsten Abschnitt, und so stiften Figuren, Beziehungen, Instrumente oder schlicht Fragen den \u00dcbergang zu weiteren Kapiteln. Dem Dilemma von Anfangsnarrativen, das mit Albrecht Koschorke darin besteht, mit der Ent\u00e4u\u00dferung des Anfangs die Bedingung der M\u00f6glichkeit des Wissens vom eigenen Anfang mitber\u00fccksichtigen zu m\u00fcssen, begegnet Schrott in seiner Anlage also durch das Angebot mehrerer Anf\u00e4nge.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Verkompliziert wird dies, wo sich die Narrative des Anfangs wie hier auf die \u00bbErdgeschichte\u00ab beziehen, die nur \u00bbunpers\u00f6nliche\u00ab (24) Protagonisten kennt; Menschen gibt es bei Schrott erst ab Seite 557. Konsequent liegt hier der Fokus auf \u00dcberlieferung und Kompilation, auf Apparatur und Instrument als \u00bbwunderwerk um dem ursprung des universums n\u00e4her zu kommen\u00ab (45). Der Anfang spricht also ebenso sehr von den Versuch(ung)en zu seiner Habhaftwerdung und b\u00fcndelt die Dispositive; Schrott teilt diesen Anfang gleichsam unter seinen Figuren auf. Diese wiederum beziehen sich in der Reflexion auf den Anfang und die Erkenntnis vom Anfang auf kosmologische Theorien, antike und neue Wissensbest\u00e4nde wie Alchemie, Relativit\u00e4tstheorie, Creatio-ex-nihilo-Ideen und die Abl\u00f6sung von Modellvorstellungen durch formalisierte und mathematische Darstellungsprinzipien. So diskutieren sie den Big Bang als ein zun\u00e4chst theoriekonstitutives und dann im Wissenschaftsjargon popul\u00e4res Standardmodell der Kosmologie, das ebenso unerh\u00f6rt wie ger\u00e4uschlos den Status eines Ereignisses verfehlt. Ein gelungener Effekt des R\u00e4sonierens \u00fcber den Urknall durch die Figuren liegt darin, die Leserschaft f\u00fcr die Verwendung von Metaphern innerhalb der (popul\u00e4rwissenschaftlichen) Wissensorganisation zu sensibilisieren. Auch lassen sich auf diesem Weg Modelle als systematisierte und fortgesetzte Metaphern begreifen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">\u00c4hnlichkeit und Analogie sind Leitmotive des Schrott\u2019schen Epos, die die Matrix f\u00fcr die Beschreibbarkeit von Prozessen \u00bbim anbeginn des alls\u00ab (64) bilden. Zwar ist es per analogiam nur schwer m\u00f6glich, \u00bbextremes zu verstehen\u00ab (71), doch ist der Analogieschluss immerhin ein Vehi\u00adkel f\u00fcr das im Vorwort formulierte \u203aHeranschreiben an die Materie\u2039 (23). Was moniert wird (\u00bbals verk\u00f6rperten dieses universum und wir dasselbe prinzip\u00ab), ist gleichwohl das geltende Ver\u00adweisungsverh\u00e4ltnis: \u00bbwie \u00e4hnlich sich die denkarten sind \u2013 ob alchemie oder kosmologie\u00ab, hei\u00dft es \u00f6fter in Abwandlung und Variation. Notorisch versucht Schrotts Dichtung zwischen Wissenschaft und Theologie, physikalischer Kosmologie und Metaphysik im stabilisierenden Narrativ der Analogie zu vermitteln und nennt Wissenschaft eine Experimentaltheologie (21). Dabei verneigt sich der Autor vor dem Stand eines unanschaulich gewordenen Wissens, deren mythische Reste und naturwissenschaftliche \u00dcbereink\u00fcnfte es in Vermittlung und \u00dcbertragung durch Kollationierung und Bricolage in der Dichtung zu harmonisieren gilt. Schrott ist ein Gl\u00e4ubiger: Wissen ist bei ihm stets Wissen in einem starken und positiven Sinne, zeitgebunden zwar, aber nie unsicher und immer unidirektional auf \u00dcberbietung und Optimierung hin orientiert. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Dichtung hier im Dienst der Popularisierung eines derzeit geltenden Wissens von der Welt samt seiner Genese agiert, statt einen eigenen Modus von Weltgestaltung zu entwickeln.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Vielleicht ist es der Vorliebe f\u00fcr Analogien geschuldet, dass f\u00fcr den Autor \u00bbAll\u00ab, \u00bbErde\u00ab, \u00bbUniversum\u00ab und \u00bbWelt\u00ab alles eins ist, vielleicht ist die fehlende Differenzierung auch Symptom einer Obsession f\u00fcr Ganzheit. Zwar sortiert Schrott im Anhang das jeweils Bezeichnete nach der Reihenfolge seines Auftretens \u2013 Entstehung des Universums, der Erde, des Lebens, seiner unterschiedlichen Formen und des Menschen. Doch w\u00e4re gerade der distinkte Einsatz dieser keinesfalls deckungs\u00adgleichen und fachtraditionell unterschiedlich verwendeten W\u00f6rter in ihrem Anspruch auf das \u00bbGanze\u00ab \u2013 auch angesichts der ausgewiesenen \u203aanthropozentrischen\u2039 Perspektive und der dichterischen Nachstellung einer Entstehung von Welt als stetigem Zugewinn an Materie und Vielgestaltigkeit \u2013 ausgesprochen sinnvoll gewesen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Doch wer wie Schrott so bereitwillig und ohne Verstehensproblem \u00fcber ein Universum noch ohne Menschen Auskunft gibt, bekennt zwar seine anthropozentrische Perspektive, nicht aber seine megalomane Attit\u00fcde. Ganz offenbar sind nicht alle \u00bbMenschen an die Innenseite ihrer Kugelschale\u00ab (18) namens Welt gedr\u00fcckt, einzelne befinden sich recht erhaben in ihrer Mitte. Dementsprechend sind Schrotts eigentlich einschr\u00e4nkende Gesten und Versicherungen (\u00bbSt\u00fccke eines Epos\u00ab, Kleinschreibung und Polyphonie) als ihr Gegenteil, n\u00e4mlich als \u00dcberbietungsgesten einer der Totalit\u00e4t immer schon verd\u00e4chtigen Gattung zu lesen. W\u00e4re Schrott mit mehr Skrupeln gegen\u00fcber einem hier fast apodiktisch vertretenen \u00dcbersetzen und Verstehenmachen ausgestattet, so h\u00e4tten auch Chaos und Unerkl\u00e4rtes als ein sich dem Ordnungswillen (noch) Entziehendes ein selbstverst\u00e4ndliches Eigenrecht im Text und erschienen nicht als das so eloquent Verdr\u00e4ngte. F\u00fcr Schrott spielt Dichtung die Rolle der Vermittlerin, wodurch das Unverstandene nur in Demutsgesten angesichts einer sich so vielf\u00e4ltig wie unaufh\u00f6rlich fortzeugenden Welt aufscheint, selbst jedoch keinen epistemischen Ort hat. Schrotts Epos m\u00f6chte Teil einer Wissenspoetik sein, indem er die Rhetoriken innerhalb der Prozesse von Wissensbildung hervorhebt, diese jedoch nicht produktiv verunsichert, sondern verst\u00e4rkt, indem er ph\u00e4nomenologisch auf der Ebene der Analogie verharrt. Durch den alten Hut von der Objektivit\u00e4t der Wissenschaft und der radikal subjektiven Dichtung, die letztlich \u00bballes zu uns und auf uns zur\u00fcck[f\u00fchrt]\u00ab (20f.), erweisen sich diese Modi von Weltaneignung als komplement\u00e4re und aufeinander angewiesene Verb\u00fcndete.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">Am Ende hat man entschieden genug von dem Wort und Welt befestigenden Stabreim. Eine Kur verspricht der schmale Band <em>Schlechte W\u00f6rter <\/em>von Ilse Aichinger. Dort steht die sch\u00f6ne Wendung: \u00bbWult w\u00e4re besser als Welt. Weniger brauchbar, weniger geschickt. Arde w\u00e4re besser als Erde. Aber jetzt ist es so.\u00ab<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348;\"><em><span style=\"font-family: helvetica;\"> Die Germanistin und Komparatistin <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/koerte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mona K\u00f6rte<\/a> leitet am ZfL den Forschungsschwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/forschungsschwerpunkt-weltliteratur.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weltliteratur<\/a> und das Forschungsprojekt <a href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/dantes-hoellengesichter.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">H\u00f6llengesichter. Torsion und Defiguration in Dantes <em>Divina Commedia<\/em> und in ausgew\u00e4hlten Bildgattungen<\/a>.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Achim H\u00f6lter: Totalit\u00e4t, in: Christian Moser, Linda Simonis (Hg.): Figuren des Globalen. Weltbezug und Welterzeugung in Literatur, Kunst und Medien, G\u00f6ttingen 2014, S. 85\u2013104, hier S. 94.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Max Black: Mehr \u00fcber die Metapher (1977), in: Anselm Haverkamp (Hg.): Theorie der Metapher (1983), Darmstadt 1996, S. 379\u2013413.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ilse Aichinger: Dover, in: dies.: Schlechte W\u00f6rter (1976), Frankfurt a.M. 1991, S. 41.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: helvetica;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Mona K\u00f6rte: Raoul Schrotts \u00bbErste Erde. Epos\u00ab. Die Geburt des Universums in einer untoten Gattung, in: ZfL BLOG, 11.4.2017, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/04\/11\/mona-koerte-raoul-schrotts-erste-erde-epos-die-geburt-des-universums-in-einer-untoten-gattung\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/04\/11\/mona-koerte-raoul-schrotts-erste-erde-epos-die-geburt-des-universums-in-einer-untoten-gattung\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170411-01\"><span style=\"font-family: helvetica;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170411-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"CreativeWork\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20170411-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/04\/11\/mona-koerte-raoul-schrotts-erste-erde-epos-die-geburt-des-universums-in-einer-untoten-gattung\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"RAOUL SCHROTTS \u00bbERSTE ERDE. 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Allerdings ist das einst gattungskonstitutive und heute meist alltagssprachlich gebrauchte Kriterium der epischen Breite l\u00e4ngst gegen die erz\u00e4hlende Gro\u00dfform im Einsatz: Allzu ausladend und weitschweifig, st\u00fcnden Anliegen <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2017\/04\/11\/mona-koerte-raoul-schrotts-erste-erde-epos-die-geburt-des-universums-in-einer-untoten-gattung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[70,38,69,71],"class_list":["post-351","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lektueren","tag-epos","tag-literatur","tag-raoul-schrott","tag-weltliteratur"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=351"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3688,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351\/revisions\/3688"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}