{"id":3710,"date":"2025-03-19T12:45:19","date_gmt":"2025-03-19T10:45:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3710"},"modified":"2025-03-19T12:45:19","modified_gmt":"2025-03-19T10:45:19","slug":"zwischen-uns-herrscht-nun-krieg-dirk-naguschewski-und-nina-weller-im-gespraech-mit-anna-melikova-ueber-ihren-roman-ich-ertrinke-in-einem-fliehenden-see","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2025\/03\/19\/zwischen-uns-herrscht-nun-krieg-dirk-naguschewski-und-nina-weller-im-gespraech-mit-anna-melikova-ueber-ihren-roman-ich-ertrinke-in-einem-fliehenden-see\/","title":{"rendered":"\u00bbZWISCHEN UNS HERRSCHT NUN KRIEG\u00ab. Dirk Naguschewski und Nina Weller im Gespr\u00e4ch mit Anna Melikova \u00fcber ihren Roman \u00bbIch ertrinke in einem fliehenden See\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3712\" aria-describedby=\"caption-attachment-3712\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1054-Kopie-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3712 size-medium\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1054-Kopie-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1054-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1054-Kopie-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1054-Kopie-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1054-Kopie-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1054-Kopie-2048x1363.jpg 2048w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1054-Kopie-1200x798.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3712\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Lesung im KVOST, 7.12.2022: Anna Melikova (li.), Matthias Schwartz (re.), Foto (c) Dirk Naguschewski<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ende 2024 erschien der Deb\u00fctroman der ukrainischen Schriftstellerin Anna Melikova (<em>Ich ertrinke in einem fliehenden See<\/em>, \u00fcbersetzt von Christiane P\u00f6hlmann, Matthes &amp; Seitz Berlin 2024). Zwei Jahre zuvor hatte sie auf Einladung des ZfL im Berliner <a href=\"https:\/\/kvost.de\/news\/2022\/talk\/\">KVOST<\/a> (Kunstverein Ost) einige Ausz\u00fcge auf Deutsch vorgestellt. Der Beginn des russischen Gro\u00dfangriffs auf die Ukraine lag damals gerade sechs Monate zur\u00fcck, der Krieg war allgegenw\u00e4rtig. Am 20. Januar 2025 trafen sich Dirk Naguschewski (DN) und Nina Weller (NW) mit Anna Melikova (AM) zu einem neuerlichen Gespr\u00e4ch \u00fcber die Entstehungsgeschichte dieses Romans, in dem die Geschichte einer obsessiven Beziehung zwischen zwei Frauen mit den politischen Entwicklungen in der Ukraine verkn\u00fcpft wird.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong><span style=\"color: #e63348;\">DN<\/span> <\/strong>Als du im Dezember 2022 im KVOST einige Ausschnitte aus deinem Roman gelesen hast, standen wir alle unter dem Schock des russischen Gro\u00dfangriffs auf die Ukraine. Das Buch war damals noch in Arbeit. Es war v\u00f6llig unklar, bei welchem Verlag es w\u00fcrde erscheinen k\u00f6nnen und in welcher Sprache. Wie wurde denn aus deinem Manuskript letztlich das vorliegende Buch?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong><span style=\"color: #e63348;\">AM<\/span>\u00a0<\/strong>Ich habe sehr lange an meinem Roman geschrieben. Angefangen hatte ich im Jahr 2007. 2021 dachte ich, dass der Roman fertig sei, und versuchte, einen russischsprachigen Verlag zu finden, weil der Roman auf Russisch geschrieben war. Dabei habe ich mich nat\u00fcrlich nur an progressive, feministische oder oppositionelle Verlage gewandt. Von all diesen Verlagen bekam ich jedoch dieselbe Antwort: Es sei ein wichtiger Roman, der unbedingt ver\u00f6ffentlicht werden m\u00fcsse, aber bitte nicht bei ihnen. Diese Ablehnungen empfand ich damals als Trag\u00f6die. Im Jahr 2022 war ich dann jedoch sehr froh dar\u00fcber. Mir wurde klar, dass ich mein Buch w\u00e4hrend des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine nicht auf Russisch ver\u00f6ffentlicht sehen will. Ich habe jegliche Zusammenarbeit mit Russland abgebrochen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong><span style=\"color: #e63348;\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3711 alignright\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832-180x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832-180x300.jpg 180w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832-614x1024.jpg 614w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832-768x1280.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832-921x1536.jpg 921w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832-1229x2048.jpg 1229w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832-1200x2000.jpg 1200w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/cover-9783751809832.jpg 1417w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 85vw, 180px\" \/><\/a><\/span><\/strong>Also beschloss ich damals, die ersten f\u00fcnfzig Seiten des Romans selbst ins Deutsche zu \u00fcbersetzen. Ich reichte sie beim Literarischen Colloquium Berlin ein und wurde als Stipendiatin angenommen. Der Philosoph Markus Steinweg h\u00f6rte mich bei einer Lesung und als Autor des Verlags Matthes &amp; Seitz empfahl er meinen Text Andreas R\u00f6tzer, dem Verleger. Zur gleichen Zeit gab es die Lesung mit euch und NW kontaktierte ebenfalls Andreas R\u00f6tzer, sodass er fast gleichzeitig von zwei verschiedenen Seiten auf meinen Text aufmerksam gemacht wurde. Bereits im Januar schrieb er mir, dass er meinen Roman gerne ver\u00f6ffentlichen w\u00fcrde. Daf\u00fcr bin ich ihm sehr dankbar, denn er ging ein Risiko ein \u2013 immerhin hatte er bisher nur f\u00fcnfzig Seiten gelesen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wir entschieden schlie\u00dflich, dass ich den Text nicht selbst \u00fcbersetze, weil ich damals etwas Abstand brauchte. Stattdessen \u00fcbernahm Christiane P\u00f6hlmann die \u00dcbersetzung. \u00a0Mit dieser Fassung habe ich dann weitergearbeitet, sprachlich und inhaltlich. Deshalb erw\u00e4hne ich im Vorwort, dass der Roman, w\u00fcrde er in seiner Originalsprache ver\u00f6ffentlicht, ein Gewebe aus Russisch, Deutsch und Ukrainisch w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong><span style=\"color: #e63348;\">DN<\/span> <\/strong>Im Buch geht es um die pers\u00f6nliche Entwicklung einer jungen, russisch sozialisierten Frau, die von der Krim stammt und im Kyjiw der 2000er Jahre Germanistik studiert. Dort beginnt sie eine Beziehung mit einer nur wenig \u00e4lteren Dozentin namens Vera, die man durchaus als national gesinnte Ukrainerin bezeichnen kann. Diese Beziehung ist anfangs stark obsessiv. Das Buch handelt von der Emanzipation der Erz\u00e4hlerin von ihr und von ihrem Weg zu einem neuen Selbstbewusstsein \u2013 ein Weg, der sie von Kyjiw \u00fcber Moskau nach Berlin f\u00fchrt. Zwei Zitate verdeutlichen diese beiden Aspekte besonders gut. So schreibt die Erz\u00e4hlerin am Anfang des Buches \u00fcber die Geliebte:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00bbSie sagte: Irgendwann w\u00fcrde ich einen Roman \u00fcber uns schreiben, denn sie sei mein einziges Buch. Deshalb w\u00fcrde ich mein ganzes Leben lang ausschlie\u00dflich \u00fcber sie schreiben.\u00ab<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00a0<\/em>Und am Ende:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00bbIch danke dir, Vera, dass du die gewesen bist, die du bist, und ich deswegen die bin, die ich bin.\u00ab<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Diese Beziehungsgeschichte wird sehr pr\u00e4zise beschrieben und ist zudem stark von den politischen Entwicklungen in der Ukraine beeinflusst \u2013 insbesondere durch die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014. Das Politische flie\u00dft st\u00e4ndig ins Private ein. Interessanterweise fehlt dem Buch aber eine klare Genrebezeichnung. Erst zum Schluss gibt die Erz\u00e4hlerin dazu einen Hinweis, als sie an ihre Exfreundin schreibt:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00bbSeit \u00fcber einem Jahr arbeite ich an einem autofiktionalen Roman, in den alle Texte eingehen, die ich \u00fcber unsere Geschichte geschrieben habe.\u00ab<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Hier f\u00e4llt also erstmals ein Begriff, der sich als Genrebezeichnung f\u00fcr das Buch eignet. Die Erz\u00e4hlerin, die sp\u00e4ter auch als Filmkritikerin arbeitet, ist sich der formalen Erwartungen an kreative Formate sehr bewusst. In einer ihrer Kritiken \u00fcber ein Filmfestival schreibt sie:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>\u00bbAn zwei Formate \u2013 Newsblogs und den Film \u2013 werden verst\u00e4ndliche Forderungen herangetragen. Von ersteren darf eine prompte Reaktion erwartet werden, von letzteren eine reflektierende Betrachtung aus geb\u00fchrendem Abstand.\u00ab<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wenn man diese Selbsteinsch\u00e4tzung der Erz\u00e4hlerin ber\u00fccksichtigt: Wie w\u00fcrdest du das Verh\u00e4ltnis von Fiktionalit\u00e4t, fiktiver Gestaltung und autobiografischer Darstellung definieren?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><strong><span style=\"color: #e63348;\">AM<\/span>\u00a0<\/strong>Wenn du fragst, welchem Genre mein Text zuzuordnen ist, ist f\u00fcr mich klar: Es handelt sich um einen autofiktionalen Roman. Die Natur der Autofiktion ist jedoch hybrid. Die Erz\u00e4hlerin bewegt sich in einem Zwischenraum zwischen verschiedenen Gattungen \u2013 zwischen Autobiografie und Roman, zwischen Dokumentarischem und Poetischem, zwischen Non-Fiction und Fiktion.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Als ich 2007 zu schreiben begann, kannte ich den Begriff der Autofiktion nicht. Ich habe einfach intuitiv so geschrieben, weil es meinem Bed\u00fcrfnis entsprach. Sp\u00e4ter habe ich mich dann mit Theorien der Autofiktion auseinandergesetzt. Ich erfuhr, dass dieser Begriff bereits seit den 1970er Jahren existiert und von Serge Doubrovsky gepr\u00e4gt wurde. Er definierte Autofiktion als Fiktion, die reale Ereignisse und Fakten einbezieht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In meinem Buch ist diese heterogene Eigenschaft vermutlich noch st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt als in vielen anderen autofiktionalen Romanen, weil ich so lange daran gearbeitet habe. Ich wollte in diesem Buch verschiedene autofiktionale Erz\u00e4hlstrategien ausprobieren, in die Tiefen der Autofiktion eintauchen. Eines der zentralen Themen des Buches ist die Transformation der Erz\u00e4hlerin und \u00fcberhaupt das Recht eines Menschen, sich zu ver\u00e4ndern. Diese Transformation wollte ich nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf formaler Ebene abbilden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Du hast erw\u00e4hnt, dass die Erz\u00e4hlerin den Begriff autofiktional nur einmal am Ende verwendet. Doch bereits am Anfang geht es in einem Seminar von Vera um Fragen der Autobiografie, denn Vera arbeitet an einer Dissertation \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit der Autobiografie in der postmodernen Welt. Daf\u00fcr bezieht sie sich unter anderem auf Judith Butler und vor allem Jacques Derrida. Dieses Seminar liefert meiner Meinung nach den Schl\u00fcssel zur Lekt\u00fcre des Romans.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ich wage zu behaupten, dass das Genre der Autofiktion als Antwort auf Roland Barthes\u2019 Essay <em>Der Tod des Autors <\/em>entstanden ist. Man k\u00f6nnte auch sagen: Der Autor oder die Autorin ist in der Autofiktion \u203awiederauferstanden\u2039 \u2013 jedoch in dem Bewusstsein, dass sie oder er f\u00fcr \u203atot\u2039 erkl\u00e4rt wurde. W\u00e4hrend die Autorin weiterschreibt, reflektiert sie gleichzeitig \u00fcber ihren eigenen metaphorischen Tod. Genau das ist typisch f\u00fcr autofiktionale Texte, dass sie stark auf Theorie Bezug nehmen und diese Bezugnahmen zugleich reflektieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>NW\u00a0<\/strong><\/span>Ich finde es ziemlich bemerkenswert, wie m\u00fchsam und stur sich die Emanzipation der Protagonistin gestaltet, weg von alten Gewissheiten und Abh\u00e4ngigkeiten. Sie ben\u00f6tigt die st\u00e4ndigen Ortswechsel, um \u00fcberhaupt \u00fcber ihr Leben und ihre Beziehungen reflektieren zu k\u00f6nnen. Und sie zwingt sich selbst fortw\u00e4hrend dazu, die Wahrnehmung der R\u00e4ume und der Zeit, die Perspektiven ihres So-Gewordenseins kritisch zu hinterfragen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>AM\u00a0<\/strong><\/span>Die Krim ist meine Kindheit und auch die 90er Jahre. Kyjiw ist die Zeit des Studiums und der ersten Liebe, steht aber auch f\u00fcr ein postmodernes Gef\u00fchl vom Ende der Geschichte. Moskau ist der Beginn der Emanzipation der Erz\u00e4hlerin von Vera, aber auch die Zeit, in der die russische Politik immer gewaltt\u00e4tiger wurde, und damit der Beginn der Entrussifizierung der Protagonistin. Berlin existiert nur im Prolog als der Ort, an dem ich diesen Roman ver\u00f6ffentliche, w\u00e4hrend ich den Krieg aus der Ferne erlebe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>NW\u00a0<\/strong><\/span>Sprache spielt eine zentrale Rolle im Roman: Russisch ist die Muttersprache der Ich-Erz\u00e4hlerin, Ukrainisch die Staatssprache der Ukraine. So lebt die Erz\u00e4hlerin mit beiden Sprachen und zugleich steht sie zwischen ihnen: Einerseits wird Sprache f\u00fcr sie zum Mittel, um sich auf die politischen Ver\u00e4nderungen einzulassen, z.B. wenn sie sich hin und wieder ganz bewusst entscheidet, Ukrainisch zu sprechen, wenn auch fehlerhaft. Russisch wiederum ist nicht nur ihre Muttersprache, sondern auch die Sprache ihrer gro\u00dfen Idole: der russischen Dichterin Marina Zwetajewa (1892\u20131941) und der russischen Pops\u00e4ngerin Zemfira (*1976).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Daneben kommt auch Deutsch ins Spiel \u2013 etwa, wenn sie sich im Streit mit Vera in die deutsche Syntax als Halt gebendes Ger\u00fcst zur\u00fcckzieht. Mir scheint, dass alle Situationen, in denen sie sich bewusst f\u00fcr eine Sprache entscheidet, wichtige Akte der Selbstvergewisserung in Momenten der Unsicherheit sind. Dem Roman sind drei Zitate vorangestellt, eines davon von Jorge Sempr\u00fan: \u00bbIm Grunde ist meine Heimat nicht die Sprache, sondern das, was gesprochen wird.\u00ab Auch wenn wir diese Haltung zur Sprache als ein Ideal der Erz\u00e4hlerin begreifen k\u00f6nnen, kann sie sich nat\u00fcrlich der emotionalen und politischen Aufgeladenheit, die mit den jeweiligen Sprachen verbunden ist, nicht entziehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>AM\u00a0<\/strong><\/span>Nachdem mir klar wurde, dass das Buch auf Deutsch ver\u00f6ffentlicht wird, hatte ich zun\u00e4chst die Sorge, dass in der \u00dcbersetzung vieles verloren gehen w\u00fcrde. Aber mir wurde klar, der Kern w\u00fcrde bleiben. Und ich kann das wahrscheinlich auch deshalb so sagen, weil ich hier in Deutschland bin und mich in verschiedenen Sprachen ausdr\u00fccken kann. Als der Krieg begann, konnte ich kaum Ukrainisch sprechen. Es f\u00fchlte sich an, als w\u00fcrde die Sprache sich r\u00e4chen, weil ich sie so lange vermieden hatte. Jetzt, wo ich sie brauchte, sagte mir die Sprache: \u00bbNein, nein, so einfach geht das nicht.\u00ab Ich habe das wirklich physisch gesp\u00fcrt. Es war, als k\u00f6nnte ich meine Zunge nicht bewegen. Trotzdem habe ich weiter versucht, mehr Ukrainisch zu sprechen, mit Ukrainer*innen, die ich hier getroffen habe, mit Freund*innen aus Kyjiw und Lwiw, die auf das Russische verzichtet haben. Mit ihnen habe ich mich auf diesen Sprachwechsel eingelassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ich erinnere mich, wie meine Freundin Olja, die im Roman oft erw\u00e4hnt wird, im Mai 2022 nach Kyjiw kam, nachdem sie die schwierige Situation in Irpin<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> durchlebt hatte. Zuerst haben wir Ukrainisch gesprochen, aber sp\u00e4ter in der Nacht fielen wir immer wieder ins Russische zur\u00fcck, weil es einfacher war. Mittlerweile spielt es keine Rolle mehr, ob wir Wein trinken oder wie lang der Abend wird \u2013 wir sprechen nur noch Ukrainisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In \u00f6ffentlichen R\u00e4umen und in meinen Texten benutze ich kein Russisch mehr. Aber nat\u00fcrlich spreche ich mit meinen Freund*innen, die Russland verlassen haben, immer noch Russisch. Welche Sprache sollten wir sonst verwenden? Ich merke allerdings, dass ich oft nach Worten suche und manchmal eher auf Deutsch oder Ukrainisch finde, was ich ausdr\u00fccken m\u00f6chte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wenn ich jetzt als Drehbuchautorin f\u00fcr Dreharbeiten in Kyjiw bin, spreche ich mit dem Filmteam nat\u00fcrlich nur Ukrainisch und \u00fcbersetze auch alles f\u00fcr meine Frau Isabelle Stever, die Regie f\u00fchrt. Der Film ist eine deutsch-ukrainische Koproduktion \u2013 auf deutscher Seite sind Tom Tykwer und Uwe Schott als Produzenten beteiligt. Er erz\u00e4hlt die Geschichte eines ukrainischen queeren Paares und ihrer Auseinandersetzung mit den Folgen des gro\u00dfen Krieges, unter anderem damit, wie der Krieg das Bild von M\u00e4nnlichkeit beeinflusst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Wenn ich mit meinem Vater per Zoom rede, mache ich manchmal Pausen, weil ich nach den richtigen Worten suche, und ich sehe, wie er nerv\u00f6s wird. Er hat nat\u00fcrlich Angst, dass ich die russische Sprache vergesse. Ich finde es bedeutsam, dass der Roman auf Deutsch erscheint, in einer dritten Sprache. Im Prolog beschreibe ich meine Dankbarkeit f\u00fcr diese Sprache, die mir gewisserma\u00dfen Schutz geboten hat. F\u00fcr mich ist es eine Erleichterung, dass mein Vater das Buch nicht lesen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>DN\u00a0<\/strong><\/span>Das f\u00fcr dich wichtige Prinzip der Dreisprachigkeit wird im fertigen Roman durch typografische Setzungen und Markierungen hervorgehoben. Wir haben also einen formal einsprachigen Text vor uns, dem seine mehrsprachige Entstehungsgeschichte sichtbar eingeschrieben ist. Wie stellst du dir deine weitere sprachliche Zukunft als Schriftstellerin vor? Wirst du auf Deutsch, also \u203aexophon\u2039,<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> weiterschreiben?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>AM\u00a0<\/strong><\/span>Ja, ich werde meinen zweiten Roman, f\u00fcr den ich das Stipendium des Berliner Senats und das Alfred-D\u00f6blin-Stipendium bekommen habe, auf Deutsch schreiben. Denn mit einer \u00dcbersetzung werde ich immer ungl\u00fccklich sein. Ich bin zu kritisch und w\u00fcrde damit st\u00e4ndig die \u00dcbersetzer*innen verr\u00fcckt machen \u2013 das habe ich verstanden. (Lacht.) Ich schreibe ja auch Drehb\u00fccher, und die schreibe ich schon l\u00e4nger auf Deutsch. Aber das ist nat\u00fcrlich eine ganz andere Art zu schreiben. Mein Prosastil wird sich ver\u00e4ndern, wenn ich in einer anderen als meiner Muttersprache schreibe. Ich bin gespannt, was daraus entsteht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>DN\u00a0<\/strong><\/span>Ein Thema, das im Roman auch immer wieder anklingt, ist die postmoderne Sprachskepsis, also die Frage, ob und wie man \u00fcberhaupt davon ausgehen kann, dass ein Wort exakt das bezeichnet, was man ausdr\u00fccken m\u00f6chte. Sp\u00e4ter wird dann die politische Seite der Sprache wichtiger, wenn die Erz\u00e4hlerin \u00fcber ihr Verh\u00e4ltnis zum Russischen und Ukrainischen reflektiert. Die eher philosophische Haltung einer postmodernen Sprachskepsis strahlt aber in die gesamte Romanhandlung hinein und wird von dir sogar auf die Struktur des Textes \u00fcbertragen: Die gleichen Ereignisse werden aus zwei Perspektiven erz\u00e4hlt, mit unterschiedlichem zeitlichem Abstand. Dabei wird die Unm\u00f6glichkeit, etwas eindeutig auszudr\u00fccken, nicht nur sprachlich, sondern auch literarisch und performativ vorgef\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>AM\u00a0<\/strong><\/span>Das Buch reflektiert diese postmoderne Sprachskepsis und verk\u00f6rpert sie gleichzeitig. Ich glaube, dass eine solche Sprachskepsis in der postmodernen Literatur immer aus traumatischen Erfahrungen in Krisen- und Kriegszeiten erw\u00e4chst: Das steht in meinem Roman nat\u00fcrlich in enger Verbindung zur Ich-Erz\u00e4hlerin, die mit ihren eigenen Traumata zu k\u00e4mpfen hat. Zuerst ist es das Liebes-Trauma, bei dem sie irgendwann versteht, dass die Sprache als solche sehr begrenzt ist. Sprache ist immer kontextabh\u00e4ngig und instabil. Sie und die andere Figur k\u00f6nnen dieselben W\u00f6rter benutzen, aber sie bedeuten v\u00f6llig unterschiedliche Dinge.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Dann gibt es das Trauma nach dem Verlust der Mutter. Das ist ein stark autobiografisches Moment: Ich kann mich erinnern, dass ich nach dem Tod meiner Mutter zwei oder drei Jahre lang \u00fcberhaupt nicht geschrieben habe. In dieser Zeit hatte ich das Gef\u00fchl, dass Sprache mit Metaphern \u203ainfiziert\u2039 sei, und das hat mich wahnsinnig gest\u00f6rt. Ich h\u00f6rte \u00fcberall, wie die Sprache nicht das ausdr\u00fcckt, was sie eigentlich ausdr\u00fccken soll, und dass sie immer \u00fcbertreibt. Im Alltag verwenden wir nat\u00fcrlich st\u00e4ndig Metaphern, oft, ohne es zu merken. Aber in dieser gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Trag\u00f6die konnte ich das nicht ertragen. Es ging nicht um Russisch, Ukrainisch oder Deutsch, sondern einfach um Sprache im Allgemeinen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In dem Kapitel \u00fcber den Maidan habe ich versucht, den Satzbau so zu gestalten, dass er das Gef\u00fchl von jemandem widerspiegelt, der sich in einem Textgewebe verliert und stottert. Selbstverst\u00e4ndlich bekommt Sprache auch eine politische Dimension. Wer Kontrolle \u00fcber die Sprache hat, kann auch die Wahrnehmung der Realit\u00e4t beeinflussen. Die Sprache ist f\u00fcr Russland zu einem Vorwand geworden, um den Krieg 2014 im Donbas zu beginnen. Wenn man mit den Menschen auf der Krim sprach, war immer das Erste, was sie sagten: Putin sch\u00fctzt unsere russische Sprache vor dem Ukrainischen. Dieses absurde Argument hat mich fertig gemacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ich empfinde meine Beziehung zur Sprache an sich als einen Kampf. Jetzt ist dieser Kampf noch offensichtlicher und zus\u00e4tzlich durch den politischen Kontext aufgeladen.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_3713\" aria-describedby=\"caption-attachment-3713\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1070-Kopie-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3713 size-medium\" src=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1070-Kopie-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1070-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1070-Kopie-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1070-Kopie-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1070-Kopie-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1070-Kopie-2048x1363.jpg 2048w, https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/DSC_1070-Kopie-1200x798.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3713\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Lesung im KVOST, 7.12.2022: Anna Melikova (li.), Nina Weller (re.), Foto (c) Dirk Naguschewski<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>NW\u00a0<\/strong><\/span>Ich w\u00fcrde gerne auf die Form des Romans zur\u00fcckkommen. Wir haben schon \u00fcber die typografischen Hervorhebungen ukrainischer W\u00f6rter im Text gesprochen. Dar\u00fcber hinaus bekommt der Roman durch die Montage unterschiedlicher Textsorten eine besondere Dynamik: tagebuchartige Sequenzen der Ich-Erz\u00e4hlerin, ein Vorwort und ein Epilog, die die Romanhandlung aus einer anderen Erz\u00e4hlzeit her r\u00fcckblickend rahmen. Au\u00dferdem hast du zahlreiche SMS- und Chatverl\u00e4ufe und E-Mail-Korrespondenzen zwischen der Ich-Erz\u00e4hlerin und Vera integriert, die sich ebenfalls typografisch abheben. Und es sind ungeheuer viele intertextuelle Verweise in den Roman eingeflochten: auf postmoderne Theorien und Autor*innen, auf Filme und literarische Texte und immer wieder Zitate von Marina Zwetajewa und Zemfira, die beide f\u00fcr die Erz\u00e4hlerin eine geradezu existenziell wichtige Bedeutung haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>AM\u00a0<\/strong><\/span>Mich hat vor allem Maggie Nelson inspiriert und das Genre der Autotheorie, in dem pers\u00f6nliche Erfahrungen mit theoretischen Diskursen verbunden werden und die Grenzen zwischen subjektiver Wahrnehmung und intellektueller Reflexion verwischen. Ich wollte den Kampf zwischen Vera und der Erz\u00e4hlerin auch auf der Zitatebene darstellen. Vera war Poststrukturalistin, besonders beeinflusst von Jacques Derrida, und ich hatte eine pathetische Liebe zu den Zitaten von Zwetajewa. Diese beiden Welten wollte ich auch im Text bewahren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Ein Wort noch zur Korrespondenz zwischen Vera und der Ich-Erz\u00e4hlerin: Als ich meine \u00fcber Jahre entstandenen Texte zusammengestellt habe, hatte ich das Gef\u00fchl, dass es ein bisschen zu sp\u00e4t und \u00fcberraschend k\u00e4me, wenn ich die politische Ebene erst im letzten Kapitel einbringe. Deshalb habe ich sie in der Korrespondenz untergebracht, in deren Hintergrund sich immer politische Ereignisse abspielen, wie zum Beispiel der f\u00fcnft\u00e4gige Kaukasuskrieg in Georgien 2008, Putins Aussage im selben Jahr, die Krim sei der Ukraine \u00bbungerecht geschenkt\u00ab worden, oder seine Behauptung 2010, Russland h\u00e4tte den Zweiten Weltkrieg auch ohne die Ukraine gewonnen. Damit wollte ich zeigen, wie die Protagonistin in ihrer Liebesgeschichte gefangen ist \u2013 als w\u00fcrde sie in einem abstrakt-poetischen Vakuum leben, in dem nur Gef\u00fchle z\u00e4hlen. Doch w\u00e4hrenddessen nimmt die Weltgeschichte ihren Lauf: Russland weigert sich, die Ukraine aus seinen Narrativen zu entlassen und bereitet Schritt f\u00fcr Schritt einen Krieg vor, um sie \u203azur\u00fcckzugewinnen\u2039.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>NW\u00a0<\/strong><\/span>Du hast sogar Ausz\u00fcge aus Zeitschriftenartikeln oder ganze Filmkritiken, die du selbst in fr\u00fcheren Jahren (zum Beispiel auf der unabh\u00e4ngigen Plattform <em>Colta.ru<\/em><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><strong>[4]<\/strong><\/a>) ver\u00f6ffentlicht hast, ohne Ver\u00e4nderung in den Roman integriert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>AM\u00a0<\/strong><\/span>Ja, das war f\u00fcr mich eine M\u00f6glichkeit, Dinge beim Namen zu nennen, die ich in den literarischen Texten selbst nicht direkt benenne. Ich fand es besonders f\u00fcr das deutschsprachige Publikum wichtig, bestimmte Konzepte deutlicher zu erkl\u00e4ren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>NW\u00a0<\/strong><\/span>L\u00e4sst sich diese komplizierte, man k\u00f6nnte auch sagen toxische oder obsessive Liebesgeschichte, die letztlich auf eine Befreiungsgeschichte der Ich-Erz\u00e4hlerin hinausl\u00e4uft, ohne zu einer wirklichen L\u00f6sung zu kommen, auch als eine gro\u00dfe Metapher f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen Russland und der Ukraine verstehen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><span style=\"color: #e63348;\"><strong>AM\u00a0<\/strong><\/span>\u203aObsessiv\u2039 trifft es tats\u00e4chlich viel besser als \u203atoxisch\u2039\u00a0\u2026 \u00a0Ja, ich habe die Erz\u00e4hlung bewusst in diese Richtung gelenkt und diesen Faden konsequent durch den ganzen Roman gezogen. Deshalb w\u00fcrde ich ihn letztendlich als eine Geschichte \u00fcber eine lesbische, coabh\u00e4ngige Beziehung und den langen, schmerzhaften Trennungsprozess beschreiben \u2013 vor dem Hintergrund der Separation der Krim von der Ukraine und Russlands Weigerung, die Ukraine als unabh\u00e4ngigen Staat anzuerkennen. Es geht um eine enge, oft erdr\u00fcckende, manipulative Verbundenheit, eine gemeinsam getragene, schwer aufgeladene Vergangenheit und den Wunsch nach Befreiung \u2013 sowohl auf der privaten als auch auf der politischen Ebene.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Der Sprach- und Kulturwissenschaftler <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/naguschewski.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dirk Naguschewski<\/a> ist Redaktionsleiter des ZfL Blog, zuletzt erschien von ihm dort \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2024\/08\/19\/dirk-naguschewski-das-leben-erinnern-die-berliner-buchhaendlerin-und-femme-de-lettres-francoise-frenkel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Leben erinnern. Die Berliner Buchh\u00e4ndlerin und Femme de lettres Fran\u00e7oise Frenkel<\/a>\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #e63348; font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><em>Die Slawistin und Komparatistin <a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/weller.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nina Weller<\/a> arbeitet im ZfL-Projekt \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zfl-berlin.org\/projekt\/anpassung-und-radikalisierung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anpassung und Radikalisierung. Dynamiken der Popul\u00e4rkultur(en) im \u00f6stlichen Europa vor dem Krieg<\/a>\u00ab. Auf dem ZfL Blog erschien von ihr zuletzt \u00bb<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2023\/11\/30\/nina-weller-wissenschaftsaktivismus-und-osteuropaforschung-in-zeiten-des-krieges\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wissenschaftsaktivismus und Osteuropaforschung in Zeiten des Krieges<\/a>\u00ab.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zemfira ist eine der erfolgreichsten S\u00e4ngerinnen der russischen Pop- und Rockmusik der 1990er Jahre und gilt als Ikone der Queer-Szene. Aufgrund ihrer \u00f6ffentlichen Positionierung gegen den Krieg hat sie Russland 2022 verlassen und wurde zur \u203aausl\u00e4ndischen Agentin\u2039 erkl\u00e4rt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Irpin ist neben Butscha, Mariupol, Jahidne und anderen Orten zum traurigen Symbol f\u00fcr die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine geworden. 2022 ver\u00fcbten russische Armeeangeh\u00f6rige dort Massaker an der Zivilbev\u00f6lkerung und richteten verheerende Zerst\u00f6rungen an.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Der Begriff Exophonie beschreibt das Ph\u00e4nomen, dass Autor*innen in einer Sprache schreiben, die nicht ihre Muttersprache ist, vgl. Susan Arndt, Dirk Naguschewski, Robert Stockhammer (Hg.): <em>Exophonie. Anders-Sprachigkeit in der Literatur<\/em>, Berlin 2007. In Deutschland wird oft Yoko Tawada als Beispiel genannt, die sowohl auf Japanisch als auch auf Deutsch schreibt \u2013 und in beiden Sprachen erfolgreich ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Die russische Plattform Colta.ru (Chefredakteurin: Maria Stepanova) ver\u00f6ffentlichte seit 2012 kritische Texte zu Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft. Im M\u00e4rz 2022 stellte sie ihre Arbeit bis auf Weiteres ein.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: \u00bbZwischen uns herrscht nun Krieg\u00ab. Dirk Naguschewski und Nina Weller im Gespr\u00e4ch mit Anna Melikova \u00fcber ihren Roman \u00bbIch ertrinke in einem fliehenden See\u00ab, in: ZfL Blog, 19.3.2025, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2025\/03\/19\/zwischen-uns-herrscht-nun-krieg-dirk-naguschewski-und-nina-weller-im-gespraech-mit-anna-melikova-ueber-ihren-roman-ich-ertrinke-in-einem-fliehenden-see\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2025\/03\/19\/zwischen-uns-herrscht-nun-krieg-dirk-naguschewski-und-nina-weller-im-gespraech-mit-anna-melikova-ueber-ihren-roman-ich-ertrinke-in-einem-fliehenden-see<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20250319-01\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20250319-01<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20250319-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2025\/03\/19\/zwischen-uns-herrscht-nun-krieg-dirk-naguschewski-und-nina-weller-im-gespraech-mit-anna-melikova-ueber-ihren-roman-ich-ertrinke-in-einem-fliehenden-see\",\n  \"additionalType\": \"Interview\",\n  \"name\": \"\u00bbZWISCHEN UNS HERRSCHT NUN KRIEG\u00ab. Dirk Naguschewski und Nina Weller im Gespr\u00e4ch mit Anna Melikova \u00fcber ihren Roman \u00bbIch ertrinke in einem fliehenden See\u00ab\",\n  \"author\": [\n    {\n      \"name\": \"Dirk Naguschewski\",\n      \"givenName\": \"Dirk\",\n      \"familyName\": \"Naguschewski\",\n      \"@type\": \"Person\",\n      \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-0685-9518\"\n    },\n    {\n      \"name\": \"Nina Weller\",\n      \"givenName\": \"Nina\",\n      \"familyName\": \"Weller\",\n      \"@type\": \"Person\",\n      \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0000-0002-8579-035X\"\n    },\n    {\n      \"name\": \"Anna Melikova\",\n      \"givenName\": \"Anna\",\n      \"familyName\": \"Melikova\",\n      \"@type\": \"Person\"\n    }\n  ],\n  \"license\": \"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/3.0\/legalcode\",\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2025-03-19\",\n  \"datePublished\": 2025,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"@id\": \"https:\/\/ror.org\/00bpta863\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung\"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende 2024 erschien der Deb\u00fctroman der ukrainischen Schriftstellerin Anna Melikova (Ich ertrinke in einem fliehenden See, \u00fcbersetzt von Christiane P\u00f6hlmann, Matthes &amp; Seitz Berlin 2024). 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