{"id":3931,"date":"2026-05-04T10:10:33","date_gmt":"2026-05-04T08:10:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/?p=3931"},"modified":"2026-05-05T09:39:20","modified_gmt":"2026-05-05T07:39:20","slug":"eva-geulen-zaungast-bei-habermas-in-baltimore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2026\/05\/04\/eva-geulen-zaungast-bei-habermas-in-baltimore\/","title":{"rendered":"Eva Geulen: ZAUNGAST BEI HABERMAS IN BALTIMORE"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das l\u00e4nger erwartete und lange ausgebliebene Ableben des 96-j\u00e4hrigen J\u00fcrgen Habermas l\u00e4sst eher mehr als weniger Leute ratlos zur\u00fcck.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Er fehlt als Feind und als Freund. So oder so hat Habermas f\u00fcr Orientierung gesorgt. Er konnte es, weil er selbst immer zu wissen schien, wo er stand und wo es lang zu gehen hatte. In einer machtpolitisch enthemmten Welt ist er fehl am Platz. Und man kann auch bezweifeln, ob er dem j\u00fcngsten Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit gerecht geworden ist.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Aber wer wird es?<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">In den 1980er Jahren meiner US-amerikanischen akademischen Sozialisation war Habermas ein Orientierung stiftender Gegner. Kenntnis des 1962 erschienen <em>Strukturwandels der \u00d6ffentlichkeit<\/em> war obligatorisch, aber die Studie galt als idealisierend. Es geh\u00f6rte zum guten Ton, sich \u00fcber Habermas\u2019 Glauben an eine r\u00e4sonierende \u00d6ffentlichkeit und die vermeintliche Zwanglosigkeit des besseren Arguments zu mokieren. Gro\u00df war die Entr\u00fcstung, als 1985 <em>Der philosophische Diskurs der Moderne <\/em>erschien. Der Reihe nach wurden dort all die Autoren verworfen, die in meinen Augen damals das \u203abessere\u2039 Argument hatten: Benjamin, Adorno, Derrida und Foucault. Habermas\u2019 unnachgiebiger Umgang mit ihnen war herrisch \u2013 und ich wusste, wo ich stand. Erst sp\u00e4ter, vor allem nach 1989, haben mir seine zeitbezogenen und offensiv politischen Interventionen wegen ihrer Hellsichtigkeit und Pr\u00e4zision nicht immer, aber h\u00e4ufig Bewunderung abgerungen \u2013 nicht jedoch die gemeinsam mit anderen verfasste <a href=\"https:\/\/normativeorders.net\/news\/grundsaetze-der-solidaritaet-eine-stellungnahme\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stellungnahme zu Israel und Gaza<\/a>.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Und noch einmal sp\u00e4ter lernte ich seine fr\u00fchen Essays kennen und sch\u00e4tzen. Zum Freund wurde er durch die gl\u00e4nzenden Aufs\u00e4tze des Edition-Suhrkamp-Bandes <em>Technik und Wissenschaft als \u00bbIdeologie\u00ab<\/em> (1968).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die Feindjahre kamen zuerst, die Freundjahre danach. Sie \u00fcberlappten sich nicht. Mit einer Ausnahme. Im September 1988 fand im Vortragssaal der Milton S. Eisenhower Library der Johns Hopkins University ein Symposion mit dem Titel \u00bbThe Contemporary German Mind\u00ab statt. Derselbe Raum war 1966 Austragungsort der legend\u00e4ren Tagung \u00bbThe Languages of Criticism and the Sciences of Man\u00ab gewesen, an der u.a. Jacques Lacan und Jacques Derrida teilgenommen hatten und auf die \u00fcblicherweise der Beginn des Poststrukturalismus datiert wird.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Diesem Erbe war man in Baltimore treu geblieben. Neben der Yale School war dort seit den sp\u00e4ten 1970er Jahren ein akademisches Zentrum dessen entstanden, was man <em>deconstruction<\/em> zu nennen begann: Derrida war regelm\u00e4\u00dfig zu Gast, Carol Jacobs, Rodolphe Gasch\u00e9, auch Samuel Weber, der gemeinsam mit Neil Hertz jeden Herbst eine Einf\u00fchrung in die Psychoanalyse anbot. Werner Hamacher war 1984 ans German Department berufen worden. Im Sp\u00e4tsommer 1987 hatte der belgische Literaturwissenschaftler Ortwin de Graef zum Teil antisemitische Artikel entdeckt, die der 1983 verstorbene Paul de Man w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs f\u00fcr eine regimetreue belgische Zeitschrift verfasst hatte. Die Entdeckung dieser Texte l\u00f6ste sofort weltweit heftige Kontroversen aus, auch in Baltimore. Alle Texte de Mans aus der Kriegszeit wurden in den folgenden zwei Jahren von Kolleg:innen an Hopkins ediert und kommentiert.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Zu jener Tagung \u00fcber \u203aden deutschen Geist\u2039 ein Jahr sp\u00e4ter im September 1988, die unter der Schirmherrschaft des American Institute for Contemporary German Studies und der ZEIT stattfand, hatte Steven Muller, der deutschst\u00e4mmige Pr\u00e4sident der Johns Hopkins University, geladen. Wir nannten den stets gebr\u00e4unten Mann, der die Geschicke der JHU von 1972 bis 1990 so ambitioniert wie erfolgreich leitete, \u00bbThe Man with the Tan\u00ab. Seine G\u00e4ste waren Hans Magnus Enzensberger, Peter Sloterdijk, Wolf Lepenies, Hartmut von Hentig, Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff \u2013 und J\u00fcrgen Habermas. Von amerikanischer Seite war Fritz Stern dabei. Die deutschen Intellektuellen waren nicht zum freien R\u00e4sonieren gekommen, sondern hatten eine Frage zu beantworten, die der Pr\u00e4sident ihnen in seinem Einladungsschreiben gestellt hatte: \u00bbGemessen an der gro\u00dfen Wirkung deutschen Denkens in der Vergangenheit l\u00e4\u00dft sich heute eine gewisse Erosion des deutschen intellektuellen Einflusses beobachten. [\u2026] Gibt es heute in Deutschland \u00fcberhaupt intellektuelle Trends von Bedeutung? Wenn nicht, warum nicht?\u00ab<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Das Symposion fand auf Deutsch statt. Nicht geladen waren wir, die Promovierenden des German Departments. Es bedurfte einer Intervention des damaligen<em> Chair<\/em> Rainer N\u00e4gele, damit uns Zutritt zu der eigentlich geschlossenen Veranstaltung gew\u00e4hrt wurde. Habermas hielt die Keynote. Es war das erste und das letzte Mal, dass ich ihn pers\u00f6nlich erlebt habe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Die ganze Sache war ein starkes St\u00fcck: Der Universit\u00e4tspr\u00e4sident wollte von der Suhrkamp-Lobby (die damals noch nicht so hie\u00df, es aber war) und ihren Gegnern (denn Sloterdijk und Enzensberger standen in meinen Augen schon damals keineswegs da, wo Habermas, von Hentig oder D\u00f6nhoff standen) wissen, wo denn das intellektuelle deutsche Wirtschaftswunder geblieben sei. Dass es tats\u00e4chlich genau so gemeint war, belegt der einen Monat sp\u00e4ter in der mitorganisierenden ZEIT erschienene Tagungsbericht von D\u00f6nhoff. Unter dem Titel \u00bbOb unser Geist noch weht? So \u00fcbel f\u00e4llt die Antwort deutscher Intellektueller nicht aus\u00ab<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> beugte sie sich noch einmal Mullers urspr\u00fcnglicher Fragestellung, r\u00fcckte jedoch die Spannungen und Generationskonflikte innerhalb dieser Gruppe wieder ins Licht, die in der Situation vor Ort verblasst waren: Sloterdijk fand sie unverst\u00e4ndlich, Enzensbergers vergiftetes Lob der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit war ihr auch nicht geheuer. Aber in Baltimore hatten sie gemeinsam geradezustehen f\u00fcr die Frage nach der Erosion des deutschen Geistes nach 1945.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Uns als der ganz jungen Generation vor Ort stand glasklar vor Augen, dass die uns anachronistisch anmutende Frage nach den erbrachten oder nicht erbrachten Leistungen \u203ades deutschen Geistes nach 1945\u2039 einen sehr aktuellen Hintergrund hatte, der durch den sogenannten \u203ade Man-Skandal\u2039 im Vorjahr eine gewisse Brisanz gewonnen hatte, wor\u00fcber aber niemand der Anwesenden sprach, auch nicht \u00fcber den Historikerstreit 1986\/87. Muller wusste, dass seine Hopkins-Humanities-Leute lieber franz\u00f6sische Autoren lasen, <em>Nietzsche aus Frankreich<\/em><a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> bevorzugten, Hegel, Marx und Heidegger via Derrida in englischer \u00dcbersetzung rezipierten. Und er wollte wissen, warum.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Meiner Erinnerung nach hat sich Habermas Mullers Frage devot angenommen und sie apologetisch beantwortet. Pflichtschuldig versammelte sein Referat, was die Nachkriegskultur geleistet haben sollte, die ein Jahr sp\u00e4ter endg\u00fcltig zu Ende ging. Grass, Walser, Weiss, Johnson und Enzensberger, der neue deutsche Film, Internationalisierung der Geisteswissenschaften, Abschied vom deutschen Sonderweg, Normalisierung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Sowohl gegen diese Unterw\u00fcrfigkeit wie gegen diese \u203aErfolgsgeschichte\u2039 begehrte ein mit Rest-Teutonentum versetztes und sehr gemischtes Gef\u00fchl in mir auf: Ob Freund oder Feind, ein J\u00fcrgen Habermas hatte es nicht n\u00f6tig, dem befremdlichen Ansinnen dieses amerikanischen Pr\u00e4sidenten zu Willen zu sein, auch wenn Hopkins die erste nach deutschem Modell organisierte Forschungsuniversit\u00e4t in den Staaten war! Einerseits. Andererseits war Habermas\u2019 Geschichte vom Ankommen der Bundesrepublik im Westen auch nicht akzeptabel: Was ma\u00dfte er sich eigentlich an, f\u00fcr wen sprach er, und wie konnte er so viel weg- und auslassen? Dass es zwischen Mullers Fragestellung und Habermas\u2019 Antwort eine schr\u00e4ge Konvergenz zu geben schien, brachte meine im Verlauf des Vortrags etwas durcheinander geratene Welt der klaren Standpunkte vorl\u00e4ufig wieder ins Lot.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Aber dann ereignete sich mitten im Habermas-Vortrag eine Unterbrechung, die alles wieder verwirrte. Der Universit\u00e4tspr\u00e4sident Muller rollte einen Fernsehapparat in den Raum, auf dem jetzt, gleich, sofort, der Start der Raumf\u00e4hre Discovery zu sehen sein w\u00fcrde. Nach der Challenger-Katastrophe 1986 waren die Space-Shuttle-Fl\u00fcge der NASA vor\u00fcbergehend auf Eis gelegt worden. F\u00fcr Hopkins bedeutete das einen R\u00fcckschlag, denn dort wurde in einer Kooperation von Universit\u00e4t und Verteidigungsministerium das Hubble-Weltraumteleskop gebaut, das seine ersten Bilder 1990 sandte. Die Wiederaufnahme der Fl\u00fcge Ende September 1988 war das Zeichen daf\u00fcr, dass es endlich wieder weiterging.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Es war nicht viel zu sehen, und schon gar nicht von den hinteren Pl\u00e4tzen des Saals, aber der Enthusiasmus des Pr\u00e4sidenten war nicht zu bremsen. Habermas war bereits vom Pult zur\u00fcckgetreten, als Muller sich strahlend an ihn und das Publikum wandte: \u00bbI feel like applauding!\u00ab Und alle applaudierten, auch der mitten im Satz unterbrochene Habermas. Von wegen deutscher Geist! Da war sie, die Kehrseite der Verwestlichung, der milit\u00e4risch-akademische Komplex in Reinform! Wie konnte er nur applaudieren? Aber weil die Situation so grotesk war, blieb ihm nichts anderes \u00fcbrig. Mein gemischtes Gef\u00fchl ging \u00fcber in eine Welle von Solidarit\u00e4t mit diesem Habermas. \u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">So ist es in meiner Erinnerung. Aber so war es nicht. Die Fakten stimmen, aber mein Eindruck vom Vortrag stimmt nicht. 1990 erschienen vier der Beitr\u00e4ge des Symposions im Bonner Bouvier Verlag.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Wie D\u00f6nhoff nimmt auch Habermas kritisch Stellung zu einzelnen Referaten, aber die Binnenkritik ist sehr viel komplizierter und steht zun\u00e4chst auch nicht im Vordergrund. Stattdessen kann man nachlesen, wie sich Habermas auf Mullers Fragestellung einl\u00e4sst. Er zitiert sie eingangs w\u00f6rtlich und kommentiert trocken: \u00bbDieser Stachel sitzt \u2013 wenn schon nicht im satten Fleisch des \u203adeutschen Geistes\u2039, so doch in der d\u00fcnnen Haut eines Wissenschaftlers\u00ab (11). Die omin\u00f6se Formel vom deutschen Geist, Mullers Bezug auf 1945 als \u00bbSchlag der Niederlage und der Okkupation\u00ab<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> [sic!] spiegelt Habermas in dem ein Jahr vor seinem Vortrag erschienenen Buch der fr\u00fcheren NS-Propagandistin und sp\u00e4teren Allensbacher Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann, <em>Die verletzte Nation<\/em> (13):<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> \u00bbIn dunklen Farben malt sie das Bild einer verunsicherten Nation, die tief getroffen ist durch milit\u00e4rische Niederlage, Verlust der nationalen Einheit und Wechsel des politischen Systems. Der deutsche Geist \u2013 hier haben wir ihn \u2013 ist demnach charakterisiert durch ein vergleichsweise schwaches Nationalbewu\u00dftsein, mangelnde Arbeitsfreude, gelockerte religi\u00f6se Bindung, gebrochenen Selbstbehauptungswillen, pazifistische Neigung, antiautorit\u00e4re Einstellung und hadernde Selbstkritik\u00ab (ebd.). Dass dieses Buch 1987 erscheinen konnte, bezeugt, wie intakt NS-Kontinuit\u00e4ten im konservativen Lager damals noch waren. Habermas\u2019 \u00bbGegenrechnungen\u00ab (11) waren keine apologetische Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, sondern er wandte sich damit gegen \u00e4ltere Beharrungskr\u00e4fte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auch Mullers Wort von der \u00bbErosion des deutschen intellektuellen Einflusses\u00ab nimmt Habermas auf, um es aber auf das endlich gelungene \u00bb[Z]erbr\u00f6seln\u00ab (19) der verbliebenen Kontinuit\u00e4ten zu beziehen. Erst nach 1968, als die rigorose Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in die akademische Welt eindrang, \u00bbbeobachten wir das Ende dieses Erosionsprozesses\u00ab (ebd.). Deshalb wendet er gegen Enzensberger ein, \u00bbauch in der Verherrlichung der neuen Oberfl\u00e4chlichkeit steckt noch etwas von einer Reaktion auf den zerronnenen Traum vom Triumph der Tiefe\u00ab (15). Auch Habermas\u2019 Bemerkung \u00bbKluge und Schl\u00f6ndorff sind typischer als Syberberg und Herzog\u00ab (ebd.) muss man vor dem Hintergrund seiner Gegner sehen. Diese \u00e4ltere Front des 1927 Geborenen hatte ich damals nicht im Blick.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">F\u00fcr die Zeit \u00bbNach der Revolte\u00ab von 1968 identifiziert Habermas \u00bbZwei Reaktionen\u00ab (19), zum einen den konservativen \u00bbWiederbelebungsversuch\u00ab der Geisteswissenschaften (20), von der Einrichtung einer entsprechenden FAZ-Rubrik unter Joachim Fest bis zur Gruppe <em>Poetik und Hermeneutik<\/em>. Habermas verzichtet auf deren namentliche Nennung, aber man wei\u00df, was gemeint ist, wenn es hei\u00dft: \u00bbDiesem Trend verdankt sich beispielsweise die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit, die das bedeutende Werk von H. Blumenberg schon in den sechziger Jahren verdient h\u00e4tte\u00ab (ebd.). Immerhin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Und die zweite Reaktion, das waren wir vor Ort: \u00bbHierzulande treffen der franz\u00f6sisch verfremdete Nietzsche und der aus dem Westen reimportierte Heidegger auf vertraute Vorurteile gegen Technik und Massenzivilisation\u00ab (ebd.). Dass der Poststrukturalismus in den USA so popul\u00e4r war, wundert Habermas keineswegs, \u00bbdenn das Gesch\u00e4ft einer radikal selbstbez\u00fcglichen Vernunftkritik, das f\u00fcr Frankreich ebenso neu ist wie f\u00fcr die angels\u00e4chsische Welt, wird bei uns schon seit den Tagen Hegels betrieben\u00ab (21). Der deutsche Geist, hier haben wir ihn. Und es ist was dran. In Deutschland bl\u00fche derweil \u00bbauf dem Sockel einer relativ hohen akademischen Arbeitslosigkeit \u2013 ein intellektuelles Kleingewerbe, das es in dieser Vitalit\u00e4t seit den zwanziger Jahren nicht mehr gegeben haben d\u00fcrfte\u00ab (ebd.). Habermas sortiert, ordnet an und teilt aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Auch und gerade die Binnen-Feinde haben ihren Ort in seinem mit zahlreichen Namen und Texten gespickten Abriss von der Zwischenkriegszeit bis zur Gegenwart. F\u00fcr die 1920er Jahre nennt Habermas Ludwig Wittgensteins <em>Tractatus<\/em> (1921), Georg Luk\u00e1cs\u2019 <em>Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein<\/em> (1923) und Martin Heideggers <em>Sein und Zeit<\/em> (1927) (vgl. 12), und er f\u00fcgt hinzu: \u00bbEin zeitgen\u00f6ssischer Beobachter Anfang der drei\u00dfiger Jahre h\u00e4tte wohl eher Husserl, Scheler und Jaspers genannt. Wie dem auch sei, nach dem Niedergang des weltweit anerkannten Neukantianismus gab es jedenfalls glanzvolle Leistungen\u00ab (ebd.). Wie dem auch sei? Die ersten drei B\u00fccher werden zuerst angef\u00fchrt, weil sie sich in der Rezeption bis in die j\u00fcngste Gegenwart durchsetzen konnten. Daran zeigt sich, dass Habermas eben nicht nur von seinem Standpunkt aus oder f\u00fcr seine Generation spricht. Zwar gilt: \u00bbJeder Blick ist durch historische Erfahrungen impr\u00e4gniert. Das hei\u00dft noch nicht, da\u00df er getr\u00fcbt ist\u00ab (ebd.). Darin steckt auch der Sinn f\u00fcr die historischen Erfahrungen anderer. Der Satz enth\u00e4lt eine mir damals ebenfalls entgangene Konzession an Muller, den deutschen Emigranten, dessen j\u00fcdischer Vater 1938 verhaftet worden war und der dann mit der Familie in die USA floh. Auch deshalb macht Habermas, zwei Jahre j\u00fcnger als Muller, die Rolle der Emigranten stark, an die seine eigene Generation anschlie\u00dfen konnte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">Aber gleichberechtigt mit im Fokus stehen die nach 1945 bundesrepublikanisch Sozialisierten und damit das, was sich mit der \u00bbeinsetzenden D\u00e4mmerung der Adenauer-Zeit\u00ab (17) herauskristallisierte: u.a. Ernst Tugendhat, Michael Theunissen, Dieter Henrich in der Philosophie, Claus Offe in der Soziologie, Hans-Ulrich Wehler in der Geschichtswissenschaft und nat\u00fcrlich der Antipode Niklas Luhmann,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> dessen \u00bbingeni\u00f6se Umformung der Systemtheorie\u00ab hier einmal \u00bbauf Husserls Schultern\u00ab (ebd.) stehen darf. Aus der n\u00e4chsten Generation finden Renate Lachmann und Hans-Ulrich Gumbrecht lobende Erw\u00e4hnung. Der letzte Name, der f\u00e4llt, ist Christoph Menke, dessen Dissertation <em>Die Souver\u00e4nit\u00e4t der Kunst<\/em> im selben Jahr 1988 erschien. Fraglich ist, ob dieser mit Habermas\u2019 Charakterisierung einverstanden w\u00e4re, dass die Arbeit \u00bbDerridasche Argumente benutzt, um Adornos \u00c4sthetik eine Lesart zu geben, in deren Licht Derrida seinerseits als \u203aumgekehrter Romantiker\u2039 kritisiert werden kann\u00ab (22). Aber Habermas hatte die damals J\u00fcngsten auf dem Schirm. Er kannte sich aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">12 Abschnitte auf 12 Druckseiten. Was er zu sagen hatte, war weder devot noch apologetisch, sondern sehr kenntnisreich, \u00fcberraschend gro\u00dfz\u00fcgig und im R\u00fcckblick auch weitsichtig, w\u00e4hrend ich nur h\u00f6rte, was ich damals h\u00f6ren wollte. Polemischer Verk\u00fcrzungen ungeachtet hat seine damalige Bestandsaufnahme bis heute Bestand. Mein Respekt vor dem sich nicht verbiegenden Eigensinn, mit dem er Mullers Frage beantwortete, kommt sp\u00e4t, aus einer anderen Welt ohne Orientierung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif; color: #e63348;\"><em><span class=\"text\">Die Literaturwissenschaftlerin\u00a0<a style=\"color: #e63348;\" href=\"http:\/\/www.zfl-berlin.org\/person\/geulen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eva Geulen<\/a>\u00a0ist die Direktorin des ZfL.\u00a0<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eine Kurzfassung dieses Texts ist am 13. April 2026 in der Online-Ausgabe der Zeitschrift <a href=\"https:\/\/www.textezurkunst.de\/en\/articles\/juergen-habermas-nachruf-eva-geulen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Texte zur Kunst<\/em><\/a> erschienen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. J\u00fcrgen Habermas: <em>Ein neuer Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit und die deliberative Politik<\/em>, Berlin 2022.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. hierzu Philipp Felsch: \u00bbDer Teufelskreis des Partikularismus \u2013 Habermas und die deutsche Erinnerungskultur\u00ab, in: <em><a href=\"https:\/\/blnreview.de\/ausgaben\/2026-04\/felsch-habermas-erinnerungskultur-partikularismus\">Berlin Review<\/a><\/em> 18 (2026), 6.4.2026.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Richard Macksey\/Eugenio Donato (Hg.): <em>The Structuralist Controversy. The Languages of Criticism and the Sciences of Man<\/em>, Baltimore\/London 1972.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Paul de Man: <em>Wartime Journalism, 1939\u20131943<\/em>, hg. von Werner Hamacher, Neil Hertz und Thomas Keenan, Lincoln 1988; sowie dies. (Hg.): <em>Responses. On Paul de Man\u2019s Wartime Journalism,<\/em> Lincoln 1989.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Zit. nach J\u00fcrgen Habermas: \u00bbZur Stellung der Sozial- und Geisteswissenschaften. Ein Blick auf die Nachkriegsentwicklung\u00ab, in: <em>Der deutsche Geist der Gegenwart. Mit Beitr\u00e4gen von J\u00fcrgen Habermas, Peter Sloterdijk, Wolf Lepenies, Hartmut von Hentig<\/em>, hg. vom American Institute for Contemporary German Studies, Bonn 1990, S. 11\u201323, hier S. 11. Dieser Text wird im Folgenden in runden Klammern im Flie\u00dftext zitiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff: \u00bbOb unser Geist noch weht? So \u00fcbel f\u00e4llt die Antwort deutscher Intellektueller nicht aus\u00ab, in: <em>DIE ZEIT <\/em>42 (1988).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. Werner Hamacher (Hg.): <em>Nietzsche aus Frankreich<\/em>, Berlin 1986.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. <em>Der deutsche Geist der Gegenwart <\/em>(Anm. 6).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> So Steven Muller in seiner Einleitung zu <em>Der deutsche Geist der Gegenwart<\/em> (Anm. 6), S. 7\u201310, hier S. 9.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Habermas hat sich beim Titel vertan, er nennt das Buch \u00bb<em>Die verwundete Nation<\/em>\u00ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Vgl. J\u00fcrgen Habermas\/Niklas Luhmann: <em>Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie<\/em>, Frankfurt a.M. 1971.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">VORGESCHLAGENE ZITIERWEISE: Eva Geulen: Zaungast bei Habermas in Baltimore, in: ZfL Blog, 4.5.2026, [<a href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2026\/05\/04\/eva-geulen-zaungast-bei-habermas-in-baltimore\/\">https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2026\/05\/04\/eva-geulen-zaungast-bei-habermas-in-baltimore\/<\/a>].<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">DOI: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20260504-01\"><span style=\"font-family: 'Source Sans 3', sans-serif;\">https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20260504-01<\/span><\/a><\/p>\n<p><script type=\"application\/ld+json\">\n{\n  \"@context\": \"http:\/\/schema.org\",\n  \"@type\": \"ScholarlyArticle\",\n  \"@id\": \"https:\/\/doi.org\/10.13151\/zfl-blog\/20260504-01\",\n  \"url\": \"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2026\/05\/04\/eva-geulen-zaungast-bei-habermas-in-baltimore\/\",\n  \"additionalType\": \"Blogpost\",\n  \"name\": \"ZAUNGAST BEI HABERMAS IN BALTIMORE\",\n  \"author\": {\n    \"name\": \"Eva Geulen\",\n    \"givenName\": \"Eva\",\n    \"familyName\": \"Geulen\",\n    \"@type\": \"Person\",\n    \"@id\": \"https:\/\/orcid.org\/0009-0004-3700-1661\"\n  },\n  \"license\": \"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/legalcode\",\n  \"inLanguage\": \"de\",\n  \"dateCreated\": \"2026-05-04\",\n  \"datePublished\": 2026,\n  \"schemaVersion\": \"http:\/\/datacite.org\/schema\/kernel-4\",\n  \"publisher\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"@id\": \"https:\/\/ror.org\/00bpta863\",\n    \"name\": \"Leibniz-Zentrum f\u00fcr Literatur- und Kulturforschung\"\n  },\n  \"provider\": {\n    \"@type\": \"Organization\",\n    \"name\": \"datacite\"\n  }\n}\n<\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das l\u00e4nger erwartete und lange ausgebliebene Ableben des 96-j\u00e4hrigen J\u00fcrgen Habermas l\u00e4sst eher mehr als weniger Leute ratlos zur\u00fcck.[1] Er fehlt als Feind und als Freund. So oder so hat Habermas f\u00fcr Orientierung gesorgt. Er konnte es, weil er selbst immer zu wissen schien, wo er stand und wo es lang zu gehen hatte. In <a class=\"read-more-link\" href=\"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/2026\/05\/04\/eva-geulen-zaungast-bei-habermas-in-baltimore\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[627,957,240,955,759,958,567,15,956,103,346],"class_list":["post-3931","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ad-hoc","tag-bundesrepublik-deutschland","tag-dekonstruktion","tag-intellektuellengeschichte","tag-johns-hopkins-university","tag-juergen-habermas","tag-marion-graefin-doenhoff","tag-nachruf","tag-soziologie","tag-steven-muller","tag-theoriegeschichte","tag-wissenschaftsgeschichte"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3931","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3931"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3931\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3943,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3931\/revisions\/3943"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3931"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3931"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zflprojekte.de\/zfl-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3931"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}